Mekons, Honky Tonkin’, 1987

Produzent/ The Mekons

Label/ Twin/Tone Records

Zunächst wäre da das Cover mit dem im Eis gescheiterten Schiff von Caspar David Friedrich. Dann wäre da eine Liste mit weiterführender Literatur zu jedem Song, die beweist, dass die Mekons nicht nur schöne Platten im Regal haben. Ausserdem kann nichts einen Song wie „Gin Palace“ besser beschreiben, als eine Empfehlung Jean Rhys zu lesen. Oder zu „Spit“ „Minima Moralia“ von Adorno, Balzac und Charlotte Bronte zu „Sleepless Nights“. Und ganz schön zu „Keep On Hoppin“ Norman Malcolms Erinnerungsbuch an seinen Freund Ludwig Wittgenstein. Und ganz besonders schön zu „Sympathy For The Mekons“ ein Aufsatz von Alison Allister aus der Zeitschrift „Radical Philosophy“ unter dem Titel: „Philosophical Materialism Or The Concept Of History“, ein Buch über vegetarische Ernährung, ein Gemälde des britischen Konzeptkünstlers Terry Atkinson und den Film „The Omen“.

Soll ich Euch jetzt sagen, dass die Musik der Mekons genau so schön ist wie diese Liste? Ja, das soll ich. Ich kann sogar darauf hinweisen, dass auf dem Inner Sleeve „The Devil Riding On A Nun“ zu lesen ist, während sie deutlich „The Devil Riding On A Pig“ singen. Aber ich sag auch, dass das alles ein bisschen für Mekons-Fans ist. Und eine Chance für diejenigen, die die Band bislang noch nicht gekannt haben.

The Mekons, Horror, 2025

Produzent/ The Mekons

Label/ Fire Records

Die Mekons waren, glaubt man den Geschichten, die erste wirklich konsequente Punkband der Welt. 1977 veröffentlichten sie mit „Never Been in a Riot“ die Antwort auf The Clashs „White Riot“. Die Single „Where Were You“  (1978) brachte den ersten Plattenvertrag bei Virgin. 1981 trennten sich die Mekons für einige Jahre. 1984 traten sie wieder gemeinsam auf, um den Streik der britischen Bergarbeiter zu unterstützen. Seit Mitte der 80er-Jahre entwickelte sich der Mekons-Punk mehr und mehr Richtung amerikanischen Alternative Country, den sie mit ihren eigenen Arrangements, Reggae, Dub und elektronischen Sounds vermengen.

Dieses Resultat hört man auch auf ihrer neuen Platte. „Horror“ ist wieder ein Füllhorn kleiner Mekons-Hymnen geworden. Die Songs, so war zu lesen, wurden bereits 2022 geschrieben, kommen aber erst jetzt raus. Thema des Albums sind Geschichte und Erbe des britischen Imperialismus. Aktueller denn je. Wie immer geht es bei Langford & Co musikalisch eklektizistisch zu. Und wie immer singen mehrere in der Band,  mal übernimmt Sally Timms mit ihrer leichten Stimme, mal intonieren Greenhalgh oder Langford. Bei „The Western Design“ geht es um Olivier Chromwell. „Mudcrawlers“ ist einer dieser unverschämt gut ins Ohr gehenden typischen Mekon-Songs, und „War Economy“ hat für meine Ohren etwas Clashhaftes.

The Mekons, I Heart Mekons, 1993

Produzent/ Jon Langford, Tom Greenhalgh

Label/ Quarterstick Records

Die Mekons waren irgendwann mal eine archaische Punkband aus Leeds, bevor sie sich in den frühen Achtziger trennten. 1984 gab es eine Reunion, um die streikenden britischen Bergarbeiter zu unterstützen.  Die Hinwendung zur Country-Musik führte dazu, dass fast alle Bandmitglieder in die USA übersiedelten und sich dort teilweise stark mit der alternativen Country-Szene verbunden haben. Trotz aller Hinwendung zu Folk und Country lassen zwei Dinge die Mekons nicht los, diese alles aufzulösend scheinende Punk-Arroganz, die einen bei den frühen Alben der Band noch so nett in Erinnerung ist (das Singsangmässige an Punk, nicht das gröhlmässig, sondern badewannenmässig, Anarchistische) und der verquere Reggae-Einfluss. Wenn in einer dieser lakonisch-stimmungsvollen Balladen plötzlich ein unglaublich deplatzierter, aufregender Hall-Effekt auf die Stimme gelegt wird. Oder wenn da so ein bekifftes Reggae-Schlagzeug alleingelassen wird.

Bei „I Heart Mekons“ hat man den Eindruck, dass jedes Stück von jemand anders gesungen wird (Sprechgesang, Hymnisches, Rezitative, Sandy Denny, ergriffen-gelangweilt, Männer, Frauen, Kinder). Aber alles ist richtig und realistisch und darum automatisch begeisternd, diese Gruppe schmeichelt sich an keine Schönheitsidee und an überhaupt keine kultmässige Stilidentität an. Keine Beziehung zur Kunst des anderen, nur zum eigenen Leben. Dies und die Chronik der Ereignisse, die als Ereignisse überhaupt niemandem mehr auffallen, Folk-Lieder brechen ab, Punk-Stücke rollen ein, brechen ab. Alles bricht zusammen. Und die Mekons bleiben gelassen. Seit vielen Jahren und vielen Alben eine der besten Bands.