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Nick Lowe, The Impossible Bird, 1994

Produzent/ Nick Lowe, Neil Brockbank

Label/ Upstart Records

Rückblickend erkennt man leichter, dass Nick Lowe im Grunde immer schon einen gewissen Hang zur Rolle des fidelen Elder Statesman of Pop hatte. In den Siebzigerjahren stemmte er sich mit der Pubrock-Band Brinsley Schwarz tapfer gegen den damaligen Zeitgeist in Gestalt des immens populären Glitter-Rock. In silberne Overalls und Plateauschuhe wollte sich der 1949 im englischen Walton-On-Thames geborene Bassist, Sänger und Komponist nicht einmal in seinen frühen Zwanzigern pressen lassen. Lieber spielte er mit der damals vor allem bei der Kritik beliebten, leicht reaktionären Band Brinsley Schwarz. Trotz dieser prinzipiell defensiven Grundhaltung wurde Lowe in den Jahren 1976 und 1977 plötzlich selbst berühmt.

Erstens als Produzent, der das erste Punkmanifest von The Damned genauso mühelos produzierte wie die Debütalben von Graham Parker und Elvis Costello. Zweitens als einer der Chefstrategen des Plattenlabels Stiff, das heisse Ware von damals schwer modernen Kombos wie Devo, The Plasmatics, Madness und Ian Dury & The Blockheads veröffentlichte. Fast unfreiwillig hatte Lowe damals auch selbst einige Hits wie „So It Goes“, „Cruel To Be Kind“ und „I Love The Sound Of Breaking Glass“. Er drehte Videos, lugte ein wenig scheu in die „Top Of The Pops“. Nach seinem famosen Album „Jesus Of Cool“ heiratete er 1979 Carlene Carter und verschwand mehr oder weniger im Dunstkreis von Johnny Cash. Seine Karriere als Popstar hatte ganze drei Jahre gedauert.

Seine damalige Seelenruhe förderte, dass US-Sänger Curtis Stigers sein Lied „What’s So Funny ’Bout Peace Love And Understanding“ für den Soundtrack des Films „Bodyguard“ coverte. Er ging satte 15 Millionen Mal über den Ladentisch und verschaffte Lowe viel Zeit zum Nachdenken. Neben ehrenvollen Sideman-Jobs bei Ry Cooder und John Hiatt konnte er es sich bereits ab Mitte 30 leisten, an seinem musikalischen Spätwerk zu tüfteln.

Auf dem Album „The Impossible Bird“ von 1994 verbindet Lowe Gospel, Soul und Country & Western mit unglaublicher Leichtigkeit und würzt die Songs mit obligatorisch skurrilem Humor. „The Beast in Me“, „12-Step Program (To Quit You, Babe)“ oder „Man That I’ve Become“. Sogar an den von Elvis Presley einst glorios interpretierten Tränenzieher „True Love Travels On A Gravel Road“ wagt sich Lowe heran, ohne zu scheitern. Nichts auf diesem Album klingt aufgesetzt oder bemüht, das ist unter anderem ein Verdienst der grossartigen Band. Allein das lässig-akzentuierte Orgelspiel von Geraint Watkins macht glücklich und bereichert auch schwächere Lowe-Songs.

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Nick Lowe, Jesus Of Cool, 1978

Produzent/ Nick Lowe

Label/ Radar

Auf dem Cover seines Solodebüts zeigt sich Nick Lowe, damals schon 29, in sechs Rock- und Popoutfits, das erste Stück „Music For Money“ zerlegt die Funktionsweise des Business in seine Einzelteile. Man merkte Lowe an, dass er bereits ein paar wenig erfolgreiche Jahre hinter sich hatte. Doch nichts an „Jesus Of Cool“ klingt verbittert. „I Love The Sound Of Breaking Glass“ ist ein enorm smarter Hit, danach singt Lowe eine Schubidu-Ballade für „Little Hitler“. Fantastisch: Das Proto-Wave-Stück „So It Goes“, damals bereits zwei Jahre alt und die erste Single überhaupt auf Stiff Records.

Mit dieser Single ging vieles los 1976. Stiff Records, Nick Lowes Solo- und Produzentenkarriere. Und die schöne Ahnung, dass Pop doch noch pur geht, ohne blöd zu sein (und dabei nicht mal wie Punk tun muss). Ein 45-Pfund-Budget und Rumour-Drummer Steve Goulding reichten Nick Lowe für zweieinhalb Minuten Magie. Mit einem bei Kurt Vonnegut („Slaughterhouse-Five“) geborgten Refrain und knackigem Solo-Lick treibt „So It Goes“ Backstage- wie Polit-Zirkus amüsant auf die schulterzuckende Spitze. Lieblingszeile: „Now up jumped the U.S. representative, he’s the one with the tired eyes.“

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Nick Lowe, The Old Magic, 2011

Produzent/ Neil Brockbank, Nick Lowe, Robert Treherne

Label/ Yep Roc Records

Nick Lowe hatte in den Anfängen seiner Karriere viel mit Punk Rock zu tun hatte. Er war in der Band von Brinsley Schwarz, produzierte für Stiff Records Platten von den Pretenders, The Damned oder Elvis Costello. Lowe war auch der erste Künstler auf dem Label. Neben eigenen Bands (Nick Lowe & The Impossible Birds, Nick Lowe & The Chaps, Nick Lowe & His Cowboy Outfit) hat er für viele Künstler/Gruppen produziert, komponiert oder gespielt: Dave Edmunds, Frankie Miller, Graham Parker, Dr. Feelgood, Johnny Cash, The Fabulous Thunderbirds, John Lee Hooker und John Hiatt. Mit letzterem war er bei Little Village. Lowes eigene Alben aus den siebziger Jahre „Jesus Of Cool“, „Pure Pop For Now People“ sowie „Labour Of Lust“ sind inzwischen wahre Klassiker.

Mit „The Old Magic“ hat Lowe eine Scheibe eingespielt, die einem zunächst in Erstaunen versetzt. Zu einem kompletten ersten Hördurchgang ist es bei mir zuerst nicht gekommen. Erst an diesem herrlich sonnigen, spätsommerlichen Sonntagmorgen zeigten die elf Lieder Wirkung. Das Genre Rock passt hier gar nicht, aber dennoch sollte man sich Zeit nehmen, der Platte eine Chance zu geben. Unmerklich schleicht sich das Werk unter die Haut, denn Lowe setzt einem in eine Zeitmaschine und man landet irgendwo in den Fünfzigerjahren.

Das Covergirl und der Plattentitel passen zu der Musik. Sanft, feinnervig, mit dem Blick auf Details kommt Nick Lowe daher und schafft eine Atmosphäre der Entspanntheit . Die drei Coversongs von Elvis Costello („Poisened Rose“), Tom T. Hall („Shame On The Rain“) und Jeff West („You Don’t Know Me At All“) passen perfekt in das musikalische „The Old Magic“-Statement und Lowe gibt den Fremdkompositionen seinen individuellen Touch.

Die Scheibe hat, wie bereits gesagt, nichts mit den frühen Jahren von Lowes Karriere zu tun hat. Andersherum sind die Songs auch nicht fürs Senioren-Camp gemacht. Die Tracks verfügen über gehörige Substanz, die sich allerdings erst später offenbart. Drin steckt viel Country, Jazz und gut gemachter Pop.