
Tonio K. , Life In The Foodchain, 1979
Produzent/ Rob Fraboni
Label/ Full Moon
Der Sänger klang nicht nur wütender als Johnny Rotten und Elvis Costello, sondern er hatte auch sein Pseudonym im Fundus der klassischen deutschen Literatur gefunden, sich mit dadaistischen Federn geschmückt und seine Texte mit französischen, deutschen, italienischen und griechischen Sätzen durchwirkt. Solche Musiker waren damals in den USA selten, und Tonio K. (frei nach Thomas Manns „Tonio Krüger“ und Franz Kafkas Alter Ego „K.“) hatte alles, um einen jugendlichen Rebellen zu faszinieren…
Auf „Life in the Foodchain“ entfesselte Tonio K. eine geballte Ladung sarkastischer Gesellschaftskritik, die am amerikanischen Traum keine guten Federn liess. Das servierte er mit einem so eiskalten Humor, dass man nie so recht wusste, ob er ein Moralist war oder ein Terrorist – vermutlich war er beides. Die Musik: Energetisch und kraftvoll; „Funky Western Civilisation“ ist ein Punksong, der eigentlich kein Punksong ist, und Tonio K.s Wut verlieh jedem Stück eine hysterische Intensität, nicht nur Rock-Songs wie dem knapp 9 Minuten langen „The Ballad of the Night the Clocks All Quit“ und „H-A-T-R-E-D“, sondern auch Balladen, Country-Songs und seinen Ausflügen in Rhythm’n’Blues.
Tonio K. nahm nach „Life In The Foodchain“ weitere Platten auf, doch keine war annähernd so stark wie sein Debüt. Irgendwann verschwand er, wie man in internetlosen Zeiten noch verschwinden konnte. Heute könnte ich mit einem Klick herausfinden, was Tonio K. die letzten Jahrzehnte getrieben hat. Aber will ich das wissen, oder will ich mir die Bedeutung, die Tonio K. für mich als Jugendlicher hatte, bewahren? Wie auch immer. Hört Euch das (wieder mal) an!
