Blondie, Rapture, 1980

Text/Musik/ Debbie Harry, Chris Stein

Produzent/ Mike Chapman

Label/ Chrysalis Records

Im Video ist ein weissgekleideter Schwarzer zu sehen, der in einer Seitengasse tanzt. Mit goldenem Zylinder und schwarzer, blinkender Sonnenbrille nähert er sich einem vergitterten Fenster und blickt in einen Raum. Die Kamera schwenkt auf Debbie Harry, die einer Statue gleich dasteht. Sie bedeckt ihr Gesicht halb mit dem Kragen ihrer Chiffon-Weste und setzt sich langsam in Bewegung. Sie zieht die Weste aus, beginnt zu singen und läuft vorbei an erstarrten Personen. Debbie Harry lässt die Leblosen aufwachen. Musik und Stimme beleben die Situation und versetzen die Menschen in Verzückung: Rapture.

Die Personen im Raum tanzen linkisch zum Disco-Beat, den ein schwarzer DJ vorgibt. Der weissgekleidete Schwarze, der Eingangs in den Raum blickt, sowie der DJ, sind die eigentlichen Protagonisten des Songs. Sie liefern den Weissen den Sound, die ihn aufgreifen ohne ihn zu begreifen. Als die Kamera wieder nach draussen führt, wird klar, dass Blondie hier die Geschichte der Ausbeutung der schwarzen Kultur zeigt. Neben schwarze Graffiti-Künstler und Tänzer gesellen sich Uncle Sam, eine kleine Ballerina sowie ein Nervenarzt, die dem Geschehen kaum folgen können. Und der weissgekleidete Schwarze zieht mit den Weissen weiter, vermutlich in den nächsten Club. Dies ist die Geschichte einer anfänglich schwarzen Clubkultur, die vom weissen Markt verschluckt und ihrer eigentlichen Identität beraubt wurde.

Blondie, Eat To The Beat, 1979

Produzent/ Mike Chapman

Label/ Chrysalis

Blondie war wohl die einzige Gruppe im Umfeld der New Yorker-Punkszene, die sich einen Seitensprung ins Disco-Lager erlauben konnte. Das lag vorallem an Debbie Harry – eine Punk-Marilyn, eine Superblondine des Pop. Ihr Image war der Schlüssel für den Aufstieg der Gruppe. Letztlich war die Kunstfigur Blondie Teil einer bewussten Strategie, mit der sie die stereotypen Erwartungen an ihre Weiblichkeit scheinbar bereitwillig bediente, sie letztlich aber unterlief, sie ironisierte und dazu benutzte, ihren persönlichen Aufstieg zu Ruhm und Reichtum zu bewerkstelligen.

Spätestens zeigte sich das in in ihrem vierten Album „Eat To The Beat“ von 1979, wo Debbie Harry innerhalb einer einzigen Schallplatte soviele Rollenspiele gesammelt hatte, dass sie sich durch die Bandbreite einer Madonna-Gesamtretrospektive schlängeln konnte. Keine Blondie-Album klingt ungeduldiger und launischer. Der Schlagzeuger Clement Burke spielt viel zu viel: In „Accidents Never Happen“ versechzehnfacht er den Rhythmus, Debbie Harry maunzt erst „Now you love me“ (lockend), keift dann „I, yeah, I can tell“ (wegstossend). Blondie hatten zwei Gitarristen, aber keiner von ihnen spielt Rhythmus-Gitarre – beide nibbeln, das kann New Wave sein oder sehr alter Rock’n’Roll.

Genau, eigentlich braucht es gar nicht viele Worte, um die Musik zu beschreiben. Blondie waren halt eine ausserordentlich seichte Gruppe, und je länger es sie gab, desto mehr wurden sie – während Debbie Harry ihre Methoden ausdifferenzierte – zu Katalysatoren für das ganze Zeug, das im Supermarkt als Hintergrundmusik aus dem Radio kommt. Aber letzlich geht es mir bei diesem Album eher um Erinnerungen und Ausdruck einer vitalen spät-70er-Jahre Energie.

Blondie, 1976

Produzent/ Richard Gottehrer, Craig Leon

Label/ Private Stock

Here Comes The Fun! Das Stück „In The Sun“ auflegen, laut drehen, hüftwackeln und vielleicht sogar einen Fuss heben: Die erste Lp von Blondie ist Tanzmusik im besten Sinn des Wortes. Sie mag sehr gut zu vermitteln, wie sich die Gruppe eine breite musikalische Basis geschaffen hat, ohne das Gesicht zu verlieren. Die Musik ist eine eigenartige Mischung aus frühem und neuem Rock. Die Anleihen aus den Sechzigern (z.B. „In The Flesh“) sind aber keine Nostalgie, sondern direkt und neu empfunden.

Blondie waren ein Teil der New Yorker Punkbewegung, deren Zentrum der legendäre Club CBGB’s in der Bowery war. Die Gruppe trat dort neben den Ramones, Television, Patti Smith, Richard Hell und den Dictators auf, waren Teil der Szene und doch danz anders. Weit entfernt vom eins-zwei-drei-vier-Punkrock, aber auch weniger verkopft als Television oder die Talking Heads. Vorallem aber hatten Blondie Debbie Harry. Ihr spektakuläres Aussehen und ihr charakteristisch-unterkühlter Gesangsstil sorgten dafür, dass Blondie rasch über East Manhattans Strassen hinaus bekannt wurden. Die Musik von Blondie ist New Wave, mit musikalisch-technischer Kompetenz gebracht. Man höre sich nur mal den Rhythmus-Apparat im schon erwähnten „In The Sun“ an.