Violent Femmes, Why Do Birds Sing?, 1991

Produzent/ Violent Femmes, Michael Beinhorn

Lapel/ Reprise Records

Anfang der neunziger Jahre gab es diese unglaublich naiv-tiefe, soulful Bekenntnis-Platte, ein kaum zu steigerndes, dennoch ziemlich unbeachtetes Meisterwerk. Das flotte Tempo, die fast akustische Dreierbesetzung, die Atmosphäre vom fahrenden Volk im weiten Land (das selbstverständlich „My Land“ ist), machen „Why Do Birds Sing?“ so bestrickend wie überrumpelnd, dass einem zunächst Gordon Ganos zänkisches, bitteres und zynisches Temperament überhaupt nicht auffällt.

Durch häufiges Hören korrigiert man dies aber schnell: die Violent Femmes sind ihrer Sache so selbstsicher, dass grosse Gesten und deutliche Hinweise auf die Differenz zwischen Tradition und eigenem Beitrag, Genre und Lebensgefühl nur linkisch wirken würden. Wenn sie da ihre umwerfende Version von „Do You Really Want To Hurt Me“ schmettern, begreift jeder, wie diese persönliche Inbrunst, die weder Verbeugung noch Parodie sein will, nur von einem allgemeinen Ort her möglich ist, der schon immer für Traditionen oder Gassenhauer stand. Das einer mit seinem Beitrag, einer individuellen Fiktion nichts mehr bewirken kann, aber mit einem inbrünstig, geschmetterten, klaren, wahren Pfadfindersound, der allen gehört, ist die amerikanische Wahrheit, die mal wieder aus dem amerikanischen Traditionssound gelöst zu haben ist Violent Femmes Verdienst.

The Replacements, Pleased to Meet Me, 1987

Produzent/ Jim Dickinson

Label/ Sire

Dünne, haarfeine Adern von Rock’n’Roll durchziehen die unaufdringlichen Songs, dort singt und schnarrt die Gitarre, ein Rascheln oder Säuseln kündigt vor fast allen Songs an, das sich die Musik uns gleich nähern wird. Man kann sagen, diese Gruppe hat den Namen Eklektizismus verdient. Hier sind echte Fans am Werk, aber Fans, die genug Vorlieben haben, um sich nicht entscheiden zu müssen: Unentschiedenheit als schöne Kunst, die berechtigte Liebe zu der zwischen der hübschen Melodie (Beat, England) und Rebel-Attitüden ( Amerika, der Süden, Outlaws) hin und hergerissenen Variante des 70er Rocks, um so in der Regel vergessene Gestalten wie Dwight Twilley, Speedy Keen, Todd Rundgren, The Stories und vor allem Alex Chilton, nach dem die Replacements gleich einen Song benannt haben. Zu dieser Traditionspflege addieren sich bei den Replacements tausend andere Ideen und Lieben und vorallem ein starker Wille zur Straffung, ein aus den Fehlern der anderen gelernt haben, eine Bremse gegen Verspieltheit. „Can’t Hardly Wait“ bohrt sich wundervoll ins Ohr und „Skyway“ ist ein reizender Song, der direkt aus einem Radioprogramm geboren wurde. Ein überzeugendes Album. Anspieltipps…

Mekons, Honky Tonkin’, 1987

Produzent/ The Mekons

Label/ Twin/Tone Records

Zunächst wäre da das Cover mit dem im Eis gescheiterten Schiff von Caspar David Friedrich. Dann wäre da eine Liste mit weiterführender Literatur zu jedem Song, die beweist, dass die Mekons nicht nur schöne Platten im Regal haben. Ausserdem kann nichts einen Song wie „Gin Palace“ besser beschreiben, als eine Empfehlung Jean Rhys zu lesen. Oder zu „Spit“ „Minima Moralia“ von Adorno, Balzac und Charlotte Bronte zu „Sleepless Nights“. Und ganz schön zu „Keep On Hoppin“ Norman Malcolms Erinnerungsbuch an seinen Freund Ludwig Wittgenstein. Und ganz besonders schön zu „Sympathy For The Mekons“ ein Aufsatz von Alison Allister aus der Zeitschrift „Radical Philosophy“ unter dem Titel: „Philosophical Materialism Or The Concept Of History“, ein Buch über vegetarische Ernährung, ein Gemälde des britischen Konzeptkünstlers Terry Atkinson und den Film „The Omen“.

Soll ich Euch jetzt sagen, dass die Musik der Mekons genau so schön ist wie diese Liste? Ja, das soll ich. Ich kann sogar darauf hinweisen, dass auf dem Inner Sleeve „The Devil Riding On A Nun“ zu lesen ist, während sie deutlich „The Devil Riding On A Pig“ singen. Aber ich sag auch, dass das alles ein bisschen für Mekons-Fans ist. Und eine Chance für diejenigen, die die Band bislang noch nicht gekannt haben.

Roy Orbison And Friends, Black & White Night, 1988

Produzent/ Tony Mitchell

Label/ Virgin

Schmelz. Und hier hätten wir einen Leckerbissen für alle Fans des „King of Falsetto“. Mr. Roy Orbison liess für sein Comeback auf die grosse Bühne ein Star-Ensemble auflaufen, das sogar die Traveling Wilburys, mit denen er dann ein Jahr später an die Öffentlichkeit trat, in den Schatten stellte.

Das Rückgrat bildete Elvis Presleys TCB-Band. Dazu Koryphäen wie Bruce Springsteen, Tom Waits, Elvis Costello und T-Bone Burnett. Als Background Singers Jackson Browne, Bonnie Raitt, Jennifer Warnes und K.D. Lang. Obendrauf Streicher mit Sonnenbrillen. Eine solche trug selbstverständlich auch Roy Orbison zu seiner Fransenjacke, und er sang wie eh und je in seiner eigenen Liga. Die jüngeren Kollegen wuselten wie Schulbuben mit heissen Ohren um den Meister; selbst Springsteen verzichtete darauf den Boss raushängen zu lassen, und liess dafür lieber Roy in barocker Pracht schluchzen.

The Pretenders, Learning to Crawl, 1984

Produzent/ Chris Thomas

Label/ Sire

Seit den Hits „Brass In Pocket“ und „Stop Your Sobbing“ waren Jahre vergangen. Nach den Erfolgen kamen Stagnation, Todesfälle (Honeyman-Scott und Fardon) und Mutterfreuden – die Pretenders schienen am Ende. Umso erfreulicher, dass die Songschreiberin/ Sängerin Chrissie Hynde und Drummer Martin Chambers 1984 eine Neuauflage der Band starteten.

„Learning to Crawl“ ist die erste LP der Gruppe mit einem Titel. Das Album wurde in neuer Besetzung – mit Robbie McIntosh (Gitarre) und Malcolm Foster (Bass) eingespielt und gilt als überzeugendes Comeback. Musikalisch hat sich nicht viel verändert: gitarrenorientierter, rockiger Pop, pathetisch bis mitreissend/frisch. Gleich beim ersten Titel „Middle of the Road“ klingt Chrissie Hynde’s mit ihrer kühlen Erotik in der Stimme sehr erfreulich; ausserdem ist das ein herrlich rollender Rocksong, der gegen Ende immer besser wird. Zu den weiteren Lichtblicken gehören die Neuaufnahme von „ Back on the Chain Gang“, die Ballade „Show Me“, sowie die einfühlsame Cover-Interpretation des Presuaders-Song „It’s A Thin Line Between Love And Hate“. Die Single „2000 Miles“ darf natürlich nicht fehlen, doch diese bemühte Weihnachtsstimmung mag ich weniger…

Bruce Springsteen, Nebraska ’82, 2025

Produzent/ John Landau

Label/ Columbia Records

„Electric Nebraska“ war über 40 Jahre ein Gerücht, nicht einmal Co-Produzent und Gitarrist Steven Van Zandt konnte sich, bevor Springsteen in diesem Jahr sein Archiv öffnete, erinnern, wie das Album geklungen hatte. Springsteen spielte „Nebraska“ am 3. Januar 1982 allein zu Hause ein, im April folgten die Bandaufnahmen, doch er war nicht überzeugt und veröffentlichte im Herbst 82 die Solo-Aufnahmen. Die E-Street Band spielte dann 1983 das Album „Born in the USA“ ein, dessen Titelsong Springsteen seit Ende der 70er Jahre herumwälzte und auch während den „Nebraska“-Sessions in zwei Versionen aufnahm.

„Electric Nebraska“ fehlt der Bombast der E-Street Band und die 80er-Jahre-Überproduktion von „Born in the USA“. Die Songs haben keine Refrains, was bei der Originalversion mit Gitarre und Harmonika nicht auffällt, weil Springsteen alles in seine Performance gelegt hat, weshalb „Nebraska“ heute so bedeutend ist. Original, Outtakes und Bandalbum sind mit einer Liveaufnahme von 2025 im Boxset „Nebraska ’82“ enthalten. Es war wohl richtig, die ursprüngliche Version zu veröffentlichen und das elektrische Album heuer nachzuschieben. Trotz ihres Erfolgs ist aber fraglich, ob die Hitversion von „Born in the USA“ wirklich die definitive ist.

The Beach Boys, Pet Sounds, 1966

Produzent/ Brian Wilson

Label/ Capitol Records

Als Autor, Musiker, Produzent  – als Gehirn der Beach Boys stand Brian Wilson in den Sechzigern enorm unter Druck. Praktisch im Alleingang musste er bis zu drei LPs pro Jahr vorlegen. Erste Konsequenz: der Rückzug aus dem Tourgeschäft. Brian Wilson flüchtete sich ins Studio, wie er sich später in sein Zimmer flüchtete – und in Drogen aller Art. Es gehört zur Ironie des kalifornischen Albtraums, dass einige der besten Songs der Beach Boys als Zeugnisse einer schweren psychischen und physischen Krise verstanden werden müssen.

Einen seiner Geniestreichs pflegte Wilson später auf Tour so anzukündigen: „God Only Knows“. Paul McCartney hat mal gesagt, das sei sein Lieblingssong.“ Nun muss man weder an den Beatle noch an Gott glauben, um „God Only Knows“ schön zu finden. Der Song eröffnet die zweite Seite des Albums „Pet Sounds“. Es erschien im Mai 1966 und war ein Quantensprung in der Popmusik, wie fünf Monate davor „Rubber Soul“ von den Beatles, wie drei Monate danach „Revolver“ wieder von den Beatles. Nie zuvor passierte im Pop in kürzester Zeit mehr Bahnbrechendes als zwischen Ende 65 und Mitte 67. Die Beatles wie die Beach Boys befanden sich in ihrer grössten Phase.

Aber Brian Wilson entfernte sich immer mehr von der Welt. Seine Experimente und Exzesse waren nicht das Resultat einer wie auch immer gearteten Emanzipation. Wilson mutierte zum eskapistischen, kontextlosen Irren und stopfte alles in sich hinein, was er kriegen konnte. Erst in den Neunzigern kam er wieder auf die Beine, blieb aber nachhaltig beschädigt. In seinen Memoiren „ I Am Brian Wilson“ schrieb er später: „Der Teil von mir, der sich mit Musik beschäftigte, war sehr viel reifer, als es meinem Alter entsprach.“ Er vergass aber hinzuzufügen, dass für den Rest seines Lebens der Teil von ihm, der sich nicht mit Musik beschäftigte, weitaus unreifer blieb, als es seinem Alter entsprach.

J. J. Cale, Devil in Disguise, 1982

Text/Musik/ J. J. Cale

Produzent/ Audie Ashworth, J. J. Cale

Label/ Mercury

J. J. Cale ( 5. Dezember 1938 – 26. Juli 2013)  war ein schweigsamer Typ aus dem Bauernstaat Oklahoma, unrasiert unter dem abgewetzten Hut und in allem schwer zu beeindrucken. Er lebte in einem Wohnwagen, den er in der Nähe von San Diego parkiert hatte. Und er hatte sich mit den Tantiemen von Claptons Version von „After Midnight“ ein Motorrad geleistet, mit dem er tagelang in der Gegend herumfuhr. In seinen späteren Platten gibt es auch eine Frau mit dem evokativen Namen Christine Lakeland in seinem Leben. Sie ist schön wie ihr Name, und abgesehen davon spielt die Lady eine swingende Gitarre und komponiert eigene Songs, ganz im Geist von Jay Jay.

 J. J. Cale steht für eine aussergewöhnliche Musik, die sich vordergründig etwas simpel anhört, aber beim wiederholten Hören immer mehr Feinheiten zeigt. Es braucht Demut, um diesen Sound hinzubekommen. Und auch das ist eine eher seltene Qualität im Musik-Business.

Ike & Tina Turner, Nutbush City Limits, 1973

Text/Musik/ Tina Turner

Produzent/ Ike Turner

Label/ United Artists

Nutbush, Tennessee, ist kein Sehnsuchtsort. Dennoch weiss die Welt, wie es in diesem Ort am Highway 19 ausgesehen hat, als Anna Mae Bullock am 26. November 1939 geboren wurde, Jahrzehnte, bevor sie als Tina Turner zum Popstar wurde. Dort gab es eine Schnapsfabrik, ein Schulhaus, ein Gefängnis, Toilettenhäuschen und eine Kirche, in der dann alle – die Baumwollfeldarbeiter wie die Knastbrüder – am Sonntag zur Predigt erschienen.

Tina Turner sang ihre Erinnerung an den Geburtsort und Ort ihrer Kindheit nicht als Ballade, nicht als Blues, denn mit ihrer unverletzlich wirkenden Stimme musste sie „Nutbush City Limits“ als minimalen, scharfen Rock-’n’-Roll-Song performen und die Nutbush-Raumkoordinaten – „a church house gin house / a school house out house“ – beinahe rausschreien. Der Song ist eine Erinnerung daran, woher Tina Turner stammt. Denn sie, die bis zu ihrem Tod am 24. Mai 2023 in Küsnacht am Zürichsee mit ihrem Ehemann Erwin Bach wohnte, hatte ein „furchtbares Leben gehabt“, wie sie in ihrer Autobiographie schrieb. Dieses furchtbare Leben hing vor allem mit ihrem Mann Ike Turner zusammen, mit dem sie „Nutbush City Limits“ 1973 aufgenommen hatte
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„Er nannte mich „meine Million Dollar“. Er war davon abhängig, dass ich das Geld nach Hause brachte, mit dem er die Rechnungen bezahlte, und deshalb würde er mich nie gehen lassen“, schrieb Tina Turner in ihren Memoiren „I, Tina“, die 1986 veröffentlicht wurden. 1976, drei Jahre nach „Nutbush City Limits“, das zu ihrem letzten gemeinsamen Hit wurde, flüchtete sie vor ihrem Drangsalierer. Denn Ike prügelte und erniedrigte sie, schleppte sie selbst in der Hochzeitsnacht in ein Puff und führte sie bis an den Rand des Suizids. Aber zerstören konnte er den Lebenswillen der Tina Turner nicht.

Jimmy Cliff, Reggae Greats, 1985

Produzent/ Larry Fallon, Leslie Kong, Jimmy Cliff

Label/ Island Records

Bob Dylan bezeichnete „Vietnam“ als einen der besten Protestsongs seiner Zeit. Anstelle von „Vietnam“ liessen sich heute etwa die Wörter Ukraine, Naher Osten oder Sudan einsetzen. Wie alle guten Beispiele dieses widerständigen Genres erzählt auch „Vietnam“ eine exemplarische Geschichte zwischen Hoffnung und Desillusionierung, Ohnmacht und Aufbegehren, allerdings unterlegt mit einem Reggae-Rhythmus, der 1969 noch ziemlich neu in den Ohren klingt.

Seine besten Zeiten hatte Jimmy Cliff in den frühen siebziger Jahren; mit eingängigen und eindrücklichen Aufnahmen wie „Many River To Cross“ und „You Can Get It If You Really Want“ aus seiner Heimat Jamaika eroberte er die britischen Charts und war so (neben Desmond Dekker) der eigentliche Auslöser der ersten Reggae-Welle. Nach dem Erfolg des Reggae-Films „The Harder They Come“ mit Cliff in der Hauptrolle schien alles auf eine Starkarriere hinzulaufen. Aber die nächste Platte brachte nicht den erhofften Durchbruch. Die Plattenfirma Island liess ihn überraschend zugunsten des Rastafari Bob Marley fallen, der gegenüber Cliff den Vorteil besass, den Rhythmus marihuana-kompatibel herunterzufahren und den Typus des selbstbewussten schwarzen Outlaws verkörperte, was das Marketingpotenzial seiner Musik entscheidend erhöhte. Marleys Erfolg überschattete zwar Jimmy Cliffs Werk, dennoch bewies dieser Durchhaltevermögen und er konnte sich über die Jahre hinweg als afrokaribischer Sänger behaupten. Schatten ist auch angenehm, wenn dir die Sonne in Jamaika aufs Hirn brennt.