Gillian Welch and David Rawlings, Woodland Studios, 2024

Produzent/ David Rawlings

Label/ Acony Records

Zwar gelten Gillian Welch und ihr langjähriger Partner David Rawlings als essenzielle Player der Americana-Szene, dennoch gehen sie zu dieser stets auf Abstand. Die beiden gehen beharrlich ihren eigenen Weg, abseits jeglicher Trends. Wozu auch passt, dass ihr letztes Album „All the Good Times“ (2020) Traditionals und Covers artverwandter Künstler wie John Prine bot.

Mit „Woodlands“, ihrem aktuellen Album, veröffentlichen Welch und Rawlings nun erstmals seit 2011 auch wieder neue Songs. Aus rund hundert Stücken, die ursprünglich für zwei Alben geplant waren, wählten sie – unter dem Eindruck eines Tornados, der 2020 ihr Studio und ihr Dasein zu zerstören drohte – zehn Favoriten aus. Während sich „Hashtag“ mit dem Hinschied von Outlaw-Ikone Guy Clark auseinandersetzt, widmet sich „The Day The Mississippi Died“ den bröckelnden Politverhältnissen in den USA. Auffällig, dass sich die Lieder bisweilen erstmals etwas üppiger arrangiert zeigen. Trotz heimatlicher Tristesse, der die zwei mit Emphatie zu begegnen versuchen, planen sie dem abschliessenden und freundlichen „Howdy Howdy“ zufolge, einfach weiterzumachen – „We’ve been together since I don’t know when/ And the best part’s where one starts and the other ends.“

Tom Russell, Hotwalker, 2005

Produzent/ Tom Russell

Label/ Hightone Records

Nein, für einmal nicht. Keine knackigen Songs. Sondern viele Worte. „Hotwalker“ heisst das Album des kalifornisch-texanischen Songwriters Tom Russell. „Hotwalker“ ist eine musikalische Collage mit deutlicher politischer Message. Russell beklagt, in seiner Heimat gehe alles schief. Ob nun die Rechten oder Linken die Wahlen gewonnen haben – in Wirklichkeit regierten doch McDonalds, BurgerKing, Angst und falsche politische und religiöse Korrektheit.

Verpackt ist diese happige Aussage ins literarische und musikalische Umfeld der kalifornischen Fünfziger- und Sechzigerjahre, einer Zeit, zu der Amerika noch Schriftsteller hatte, die das Schreiben nicht in Kursen an der Uni gelernt hatten. Und Musiker, die sich nicht montags um zehn für Co-Writing-Sessions in den Büros der Plattenfirmen trafen. All diese Leute sind auf „Hotwalker“ zu hören, allen voran Charles Bukowski, mit dem Russell bis zu dessen Tod einen Briefwechsel pflegte, aus dem die Idee zum Album entstand. Aber auch Jack Kerouac, Lenny Bruce, die Musiker Dave Van Ronk und Ramblin’ Jack Elliot. Und natürlich der Protagonist Little Jack Horton, der mit Bukowski zu trinken pflegte, und dessen Erinnerungen und Anekdoten den roten Faden des Albums bilden. „My God’ s better than your God? That’s a bunch of bullshit!“, ruft Little Jack Horton. Kein Album also, das so nebenbei für gute Laune sorgt – sondern eines, dessen Anliegen, Nuancen und Pointen jedes Wiederhören zu einer Expedition ins „verlorene Amerika“ macht.

Bob Dylan, Oh Mercy, 1989

Produzent/ Daniel Lanois

Label/ Columbia

Dylans Kniff, zunehmender Vorhersehbarkeit zu entgehen, bestand darin, für das nächste Album einen Neuling in den Kreis zu nehmen, der sich woanders gerade bewährt hatte und dem dann zu ermöglichen, der neuen Platte von vorn bis hinten  seinen Stempel aufzudrücken. Erinnert sei an „Infidels“, das unverkennbar die Handschrift Mark Knopflers als Produzent und Gitarrist trug. Auf „Oh Mercy“ ist es Daniel Lanois, der produziert und fast auf jedem Stück mitspielt (Dobro, Lapsteel und Gitarre). 

Je sparsamer in Szene gesetzt, desto besser: Und mit dem „Man in the Long Black Coat“ erreicht Dylan hier einen der vielen einsamen Gipfel in seinem Gesamtwerk. Eine düstere Ballade, die die Geschichte der Frau, die mit dem geheimnisumwitterten Mann im schwarzen Mantel davonging, in poetischen Genrebildern erzählt. Man könnte sogar den Eindruck gewinnen, dass Dylan seine besten Songs geschrieben hat, wenn ihn die Frauen verliessen oder verlassen wollten. In diesem Song geht es allerdings ums ultimative Verlassen.

Mindestens ebenso eindringlich ist „Most Of The Time“, ein Liebeslied allererster Güte, mit dem Dylan all seine zuvorigen Liebeslieder nicht nur übertrifft, sondern ein Zeichen setzt, wie man Liebe, Abschied und – zum Beispiel – Seelenschmerz auf eine musikalisch tragende, hingegen niemals schnulzige Art und Weise behandeln kann.

Auch sonst beweist Dylan hier, dass er derjenige welcher unter den Songwritern ist. „Oh Mercy“ gehört zu den Dylan-Alben, bei denen von Anfang bis Ende so ziemlich alles stimmt, hinzu kommt diese dichte Atmosphäre, die gekonnte Instrumentierung, die musikalischen Anleihen bei den unwahrscheinlichsten Genres: „Where Teardrops Fall“ zum Beispiel, eine edle Tanznummer mit melancholischem Saxophon am Ende.

AC/DC, Dirty Deeds Done Dirt Cheap, 1976

Produzent/ Harry Vanda, George Young

Label/ Atlantic

AC/DC das sind auf diesem Album: Angus Young, Leadgitarre; Malcolm Young, Rhythmusgitarre: Bon Scott, Gesang; Phil Rudd, Schlagzeug und Mark Evans, Bass. Produziert wurde „Dirty Deeds Done Dirt Cheap“ von Harry Vanda und George Young. Vanda und Young waren die Gitarristen der Aussie-Beat-Band The Easybeats, die 1966 mit „Friday On My Mind“ einen grossen Hit hatte. Dieser George Young war der ältere Bruder von Angus und Malcolm; eine richtige Rock’n’Roll-Familie also, diese Youngs. Nun, Bruder George hat Angus und Malcolm alle Tricks aus dem Rock-Lehrbüchlein gezeigt, und die beiden nebst den drei anderen waren, wie man hören kann, gelehrige Schüler.

Ergebnis: Die neun Titel dieser Platte sind so, wie Rock-Nummern eben sein sollen: laut, schnell, aggressiv und elektrisierend. OK., der musikalische Horizont der rockenden Kängeruhs ist keinen Deut breiter als sagen wir mal Status Quo, aber AC/DC sorgen dennoch für unverfälscht geilen Rock’n’Roll-Spass. Darum nimmt man Sänger Bon Scott auch seine räudigen, dreckigen Lyrics ab, dass er „Big Balls“ hat, ein „Rocker“ ist und dass er keinen Bock hat „Waiting Round To Be A Millionare“. Sehr gute AC/DC Scheibe. Und jetzt mal den Regler ein wenig nach rechts schieben und in jener Welt stehen. Bis in die übernächste Steinzeit!

The Jayhawks, Tomorrow the Green Grass, 1995

Produzent/ George Drakoulias

Label/ American

Dieses Album hat das sentimentalische Potential der alten Filme aus den Sechzigern und frühen Siebzigern, die wir erst später gesehen haben und die vielleicht gerade deshalb so eine rätselhafte Melancholie verströmten, auch wenn sie gar nicht melancholisch waren. Die leicht verblassten Farben gaben wohl einen ersten Anschein davon, dass unser Leben siebenzig Jahre währet, und wenn es hoch kommt, so sind es achtzig Jahr, und wenn es köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen; denn es fähret schnell dahin, als flögen wir davon…

Die Jayhawks sammeln vor allem Stoff, um den Beweis anzutreten, dass die siebzig, achtzig Jahre meistens eben doch nicht so köstlich gewesen sind. Ihre Worte deuten nur an, bleiben im Ungefähren, aquarellieren eine menschliche Tragik, die erst von der Musik endgültig beglaubigt wird. „Where have all my friends gone?/ They′ve all disappeared/ Turned around maybe one day/ You’re all that was there/ Stood by unbelieving/ Stood by on my own/ Always thought I was someone/ Turned out I was wrong…“ heisst es in dem schon überirdisch schönen „Blue“. Und eine alte, einfache, bekannte Musik, eine Mischung aus Folk, Country, sanftem Rock und Westcoast bildet den empathischen Klangkörper. Das wird alles ohne grosse Geste, verständnissinnig, fast schicksalshaft vorgetragen, als rechne man gar nicht unbedingt mit einem Publikum. Das ist natürlich Quatsch, aber es klingt so.

Mickey Baker, The Wildest Guitar, 1959

Produzent/ Mickey Baker

Label/ Atlantic

Vielleicht hätte er auch anfangen sollen, Gitarren zu entwickeln – dann wäre sein Name womöglich gleichermassen geläufig wie der des Kollegen Les Paul, was Bakers Bedeutung als Gitarrenpionier der ersten elektrischen Generation angemessen wäre. Viele eigene Alben nahm er im Laufe seiner langen Karriere nicht auf man kann ihn aber auf Alben von The Drifters, Ray Charles oder Ruth Brown ebenso hören wie auf solchen von Big Joe Turner oder Coleman Hawkins. Als Teil des Pop-Duos Mickey & Sylvia veröffentlichte er 1956 die Hit-Single „Love Is Strange“.

„Wilder“ im Sinne von roher wurde anno 1959 andernorts (in Chicago etwa) durchaus gespielt, der Titel stimmt aber trotzdem: Denn was Baker hier mit der Gitarre, vor allem mit den Möglichkeiten ihrer Elektrifizierung anstellt, ist definitiv wild und vor allem wegbereitend. Stilistisch befinden wir uns bei diesen zwölf Instrumentals von „Third Man Theme“ über „Autumn Leaves“ und „Old Devil Moon“ bis „Gloomy Sunday“ zwischen den Polen Rock’n’Roll, Blues, Pop/Easy Listening und Jazz, aber unter einem gitarristischen Aspekt ist das absolute Avantgarde!

Shocking Blue, Venus, 1969

Text/Musik/ Robbie van Leeuwen

Produzent/ Robbie van Leeuwen

Label/ Pink Elephant

Shocking Blue mit „Venus“ waren Ende der 60er berühmt. Eigentlich entsprach der Song nicht ganz meinem Geschmack, aber die Platte lief überall und ich habe sie so oft gehört, dass ich den Text auswendig konnte. Es gibt da mehrere Pausen. Gleich nach der ersten Zeile:“ A goddness on a mountain top. Top nur kurz (singend) ausgesprochen und dann Stopp. Mit der Pause entsteht eine kleine Verzögerung vor der nächsten Zeile: „Was burning like a silver flame“. In die gegenseitigen winzigen Pausen hinein, spielen dann auch die beiden Gitarristen, unterstützt vom Schlagzeuger.

In dem Video sind drei braun gelockte, junge Männer mit langen, dichten Haaren zu sehen und neben ihnen steht die Sängerin Mariska. Sie braucht keine grossen Gebärden, sie singt einfach und schwingt manchmal ein wenig die Hüften. Mehr als 124 Millionen Aufrufe hat das alte Video heute; und jeden Tag klettert die Zahl um weitere zwölfhundert. Shocking Blue spielen unaufgetakelt, gelassen freundlich, sogar eine Spur gelangweilt, was ihnen sehr gut steht. Und wieder singt die dunkeläugige Südschönheit „Her weapon were her crystal eyes, wobei mir bei diesem „weapon“ von Anfang an nicht nur die Waffen eingefallen sind, sondern auch das Wappen. Ihre Augen waren ein Wappen, sagte ich mir, als ich nur die Platte kannte und nichts vom Video wusste. Die Wörter hängen ja zusammen, sie sind gewappnet beziehungsweise sind sie ( jene Augen, das Lied und die Band) auch in ihrem Video gefeit, wogegen auch immer.

Lynyrd Skynyrd, (Pronounced ‚Lĕh-’nérd ‚Skin-’nérd) , 1973

Produzent/ Al Kooper

Label/ MCA

 Jaja, man ist in die Jahre gekommen, aber wenn wir das erste Album von Lynyrd Skynyrd auflegen, dann haben solche schnöden Begriffe wie Alter und Zeit eine andere Qualität. Natürlich sind es immer die simplen Southern-Rock-Songstrukturen (Gesangsteil, Chorus, Solo – und dann wieder von vorn, und wieder und wieder), auf diesem etwas störrisch-behäbigen, manchmal leicht boogietemperierten Schlagzeugrhythmus. Natürlich kennen wir jede amphibien-flinke Telecaster-Phrase von Gary Rossington in- und auswendig und es macht immer noch Freude Ronnie Van Zants sumpfiges Gegurgel zu hören.

Auf ihrem Debütalbum haben Lynyrd Skynyrd das alte Swamprock-Muster neu belebt und sind dennoch stets in Reichweite des grossen Stromes geblieben. Mit dem umwerfend schönen „Simple Man“ und „Free Bird“ enthält die Scheibe zwei Jahrhundertklassiker, die sich auch nach mittlerweile über fünf Jahrzehnten nicht totgespielt haben. Es ist so wie es ist.

Taj Mahal, Giant Step, 1969

Produzent/ David Rubinson

Label/ Columbia

Es mag für die heutige Generation unvorstellbar sein, aber es gab früher tatsächlich Musiker, die sich in ihrer Musik wohlfühlten „wie ein Schwein, das sich im Schlamm wälzt“. Um diesen interessanten Typus näher zu durchleuchten, müssen wir Taj Mahal (d.i. Henry Saint Clair Fredericks) aus seiner wohlverdienten Halbvergessenhewit ziehen.

Nach zwei modernen spätsechziger Blues-Revival-Platten erfolgte der „Giant Step“, und Taj Mahal machte sich auf, um „The Real Thing“ zu finden, forschte nach dem „De Ole Folks At Home“. Das klang jedenfalls auf befremdliche Weise vertraut genug, um den musikalischen Irritationen gerecht zu werden, die er mit seiner Mischung aus wiederbelebtem Countryblues und verhaltenen Rockanklängen hervorrief. Das 1969 erschienene Doppelalbum „Giant Step/De Ole Folks At Home“ wurde die erfolgreichste  Taj-Mahal-Platte aller Zeiten. Das Doppelpack hat zwei völlig unterschiedliche Platten, einmal elektrischer Blues-Rock, mit Jesse Ed Davis an der Gitarre und ausgehend von Songs, die im Original eigentlich nicht so bluesig sind („Giant Step“ von den Monkees oder Dave Dudleys „Six Days On The Road“), zum anderen Küchengesänge seiner Grossmutter, Banjo- und Mundharmonika-Instrumentals, Klatschnummern, A-capella-Zeugs, alles sehr urig und dabei dennoch funky und konsumierbar (eigentlich Grundvoraussetzung für solcherlei Versuche, schafft aber fast niemand). Der Titel „Giant Step“ spielt auf John Coltranes Jazzklassiker „Giant Steps“ an, verfolgt aber die Spuren des Blues in die Popmusik hinein. Hier muss es eben nicht heissen, dass ein Musiker „gut spielt“: es geht um den richtigen Akkord zur richtigen Zeit, den groovenden Schlagzeuger, das technisch wie ideell atemberaubende Gitarrensolo; aber auch um das unkontrollierte In-die-Saiten-Dreschen, das Hemmungslos-Losbrüllen zur richtigen Zeit. Nicht dass ich damit etwas gegen einen „toll gespielten“ oder „toll komponierten“ von heute Popsong sagen will. Aber ich hätte auch gerne ein paar neue Taj Mahals.

Julie Driscoll, Brian Auger & The Trinity, 1970

Produzent/ Giorgio Gomelsky

Label/ Polydor

Julie Driscoll aus London brachte es Ende der 60er Jahre gemeinsam mit Brian Auger und der Trinity zu einigem Weltruhm als extravagante Allroundsängerin mit auffälligen modischen Marotten. Scharen von Fotografen begehrten die Engländerin für Musik- wie Modejournale in ganz Europa abzulichten, und auf der Bühne – gleich, ob im United Kingdom, in den Vereinigten Staaten, Frankreich oder Deutschland – verausgabte sie sich bei intensiven Darbietungen. Lange hielt Driscoll den Rummel um ihre Person nicht aus. Bereits 1971 sagte sie der kommerziellen Pop-Szene Lebewohl. Danach widmete sie sich, als Julie Tippett mit ihrem Mann Keith Tippett, dem Ensemblegeist verpflichtet, sowohl avantgardistischen als auch pädagogischen Musik-Projekten.

Dieses Album vereint eine Auswahl von Liedern ihrer Singles sowie ihrer beiden LP’s „Streetnoise“ und „Open“, die sie zusammen mit Brian Auger aufgenommen hat (1967-1968). Alle Nummern sind grossartig und dokumentieren den Übergang der puren Lebenslust der Hippiezeit zur artifiziellen Selbstinszinierung. Alle Hits von Julie Driscoll und Brian Auger sind hier zu finden, ebenso kongeniale LP-Tracks.

Die etwas zickige Hammond-Orgel von Brian Auger mag einem heute gelegentlich auf die Nerven gehen. Aber Julies Stimme ist geschmeidig, stilistisch elegant, nuanciert und eindringlich; intim und verletzlich pendelt sie zwischen Soul, Blues und Jazz. Schon allein die Coverversionen von „Wheels Of Fire“ und „Season Of The Witch“ bewiesen damals, dass sie wohl die einzige britische, weisse Sängerin war, die die Fähigkeit besass, Soul und Blues zu singen, wie er eben auch klingen muss. Höchst authentisch!