Alexis Korner, Musically Rich and Famous: Anthology 1967 – 1982, 1998

Produzent/ Alexis Korner, Jack Good, Mickie Most u.a.

Label/ Castle Music

Ohne ihn wäre sicherlich einiges anders verlaufen in der Londoner Blues-Szene. Alexis Korner sei zwar kein grossartiger Musiker gewesen, sagte Keith Richards, aber ein grosszügiger Mann und Talentförderer. Seine 1961 gegründete Blues Incorporated, ein loses Ensemble mit wechselnden Musikern und Gästen, war ein Durchlauferhitzer für spätere Stars der britischen Rock-Szene: Charlie Watts, Ginger Baker, Mick Jagger, Brian Jones, Keith Richards, Erich Clapton u.v.m.

Der Blues hatte den 1928 geborenen Korner in einem Londoner Luftschutzkeller erwischt, als er während eines deutschen Luftangriffs im Radio den Pianisten Jimmy Yancey hörte. Auch als DJ beim Soldatensender BFN und später als Gitarrist einer Jazzband liess ihn die in Europa noch recht unbekannte afroamerikanische Ur-Musik nicht los.

1955 gründete Korner mit Cyril Davis den London Blues and Barrelhouse Club, der bald vielen jungen Bluesfans eine Heimat bot. Während viele seiner Zöglinge eine Karriere machten, blieb Alexis Korner der Status des „Elder Stateman of British Blues“ vorbehalten. Sein grösster kommerzieller Erfolg waren einige Hit-Singles Anfang der Siebziger, darunter ein Cover von „Get Off My Cloud“. Auch in seinem zweiten Beruf als Journalist gab er meist den Erklärbär in Sachen Blues. Wirklich alt wurde der Elder Statesman aber nicht: Jahrelanges Kettenrauchen in den Blueskellern Englands forderte seinen Tribut – der Lungenkrebs riss Alexis Korner 55-jährig aus dem Leben.

Bruce Springsteen, Nebraska, 1982

Produzent/ Bruce Springsteen, Mike Batlan

Label/ Columbia Records

„Nebraska“ wurde am 3. Januar 1982 von Springsteen alleine in seinem Schlafzimmer aufgenommen und erschien im September des gleichen Jahres. Sparsam arrangiert, mit Gitarre, Mundharmonika und einer ebenso warmen wie spröden Springsteen-Stimme, war es unplugged, bevor unplugged cool war. Die Szenarios jedes einzelnen Songs, die auf „Nebraska“ zu hören sind, würden einen Film abgeben. Keinen „neuen“, sondern einen, jener traditionellen Hollywood-Melodramen von Elend und Hoffnung, Verbrechen und Strafe, Scheitern und Heimkehr. Geschichten, die heute noch Sinn machen, deren Proto-Plot aber schon in den 30er und 40er Jahren geschrieben wurde.

Der amerikanische Traum von Freiheit, Selbstverwirklichung und Erfolg hat seine Faszination bewahrt. Auch für die kleinen Leute – und das ist Bruce Springsteens Thema – die notwendig daran scheitern. Sie bleiben auf der Strecke, in Gefängnissen, oder kehren zurück in den Schoss der Familie, wo sich ihr Traum auf Glaube, Geborgenheit und Zufriedenheit reduziert. Doch: „lch fand das ziemlich seltsam, es ist seltsam / Nach jedem harten Tag finden Leute immer noch einen Grund zu hoffen’“. („Reason To Believe“). Und wenn allein das Auto bleibt als Vehikel aus der Trostlosigkeit („Open All Night“ in Chuck Berry Manier).

In der Tradition der grossen amerikanischen Sänger und Geschichtenenerzähler Robert Johnson, Hank Williams, Chuck Berry, kommt Bruce Springsteen ohne ausdrückliche „Message“ aus: wer braucht Botschaften, wenn Erfahrungen zählen.

The Ramones, I Wanna Be Sedated, 1978

Text/Musik/ The Ramones

Produzent/ Tommy Ramone, Ed Stasium

Label/ Sire Records

Drei Akkorde, wahnwitziges Tempo, eingängige Refrains. Dazu Texte, die von Klebstoff, Gehirnwäsche und imaginären Nazi-Schatzis handelten – und davon, wie langweilig es ist, ein Teenager zu sein. Die Ramones haben den Punkrock vielleicht nicht erfunden, aber sie haben ihn geprägt und populär gemacht wie keine zweite Band. Uniformiert mit schwarzen Lederjacken, zerrissenen Röhrenjeans, ausgelatschten Billigturnschuhen und helmartigen Frisuren spielten sie regelmässig im CBGB’s an der Lower East Side, dem Zentrum der New Yorker Punkszene. Musikalisch und inhaltlich bedienten sie sich beim Bubblegum-Pop der 60er – nur verzichteten sie auf jegliches Ornament und verdoppelten die Geschwindigkeit. Besonders in England hatte dieser Sound eine nachhaltige Wirkung, wo sich viele frühen Punkbands an das kompromisslose Geholze der Ramones anlehnten.

„I Wanna Be Sedated“ stammt aus dem vierten Album „Road To Ruin“. Leicht humoristisch verbrämt, erzählt der Song vom immensen Tourstress der Band. Um die Plattenverkäufe anzukurbeln, wurden sie von ihrem Label verdonnert, so viele Konzerte wie möglich zu spielen, ohne Rücksicht auf Verlust: „Just put me in a wheelchair, get me to the show.“

Auch wenn die Ramones nie so etwas wie einen Hit hatten und einander spätestens nach 1978 persönlich nicht mehr ausstehen konnten, hielten sie zwanzig Jahre lang stur an ihrem Stil fest. Als sie sich im Herbst 1996 auflösten, konnten sie auf 14 Studioalben und unglaubliche 2263 Konzerte zurückblicken. Jeder dieser Auftritte begann mit einem krude ins Mikro gebrüllten: „One – two – three – four“.

Dave Alvin, Eleven Eleven, 2011

Produzent/ Dave Alvin

Label/ Yep Roc

Unaufgeregter aber dennoch emotionaler Roots Rock, mit Gänsehautmomenten und trockenem Humor. Dave Alvin gelingt es mit jedem Song, ein Szenario im Kopf des Hörers entstehen zu lassen: Die einsame Landstrasse bei „Harlan County Line“, die verrauchte Atmosphäre im Backstage-Bereich eines Blues Clubs in „Johnny Ace Is Dead“, der Boxring in „Run Conejo Run“, die Farm in Kalifornien und die gesattelten Pferde in „Murietta’s Head“ usw. Keine billige Effekthascherei oder Geklimper auf der Gitarre, jeder einzelne Ton da wo er hingehört, und nicht mehr als für den jeweiligen Song gebraucht wird.

Meine Anspieltipps ausser „Harlan County Line“: „Run Conejo Run“, „Black Rose of Texas“ und „Johnny Ace is Dead“. Im letzten Song erzählt er die wahre Geschichte des Rhythm & Blues Sängers Johnny Ace, der im Alter von nur 25 Jahren auf Tour die glorreiche Idee hatte Russisches Roulette zu spielen, und somit seinem Leben ein rasches Ende setzte. Wie Alvin daraus einen Song schafft, zeigt seine ganze Klasse.

Bob Dylan, Every Grain of Sand, 1981

Text/Musik/ Bob Dylan

Produzent/ Chuck Plotkin, Bob Dylan

Label/ Columbia

Das ist eine Art Schlusspunkt von Dylans Gospelphase. In poetischer, von der Bibel beeinflusster Sprache beschreibt „Every Grain of Sand“ die Gedanken eines verzweifelten Menschen, der moralisch sauber und guten Mutes durchs Leben schreiten will, dabei jedoch immer wieder Gewalt, Kälte, Einsamkeit und verschiedenen Verlockungen begegnet – und schicksalhaft aus der Bahn geworfen wird. Trost findet er einzig in der Erkenntnis, dass auch er ein Teil von Gottes unergründlichem Plan ist, in dem jedes Sandkorn seinen Platz und jedes Ereignis seinen Sinn hat.

Jede Zeile des Songs ist von Gedanken durchwirkt, über die man lange meditieren könnte, und der erhabene Text findet seine Entsprechung in Dylans musikalischer Umsetzung: Er singt den Text wahrhaftig und die beiden Mundharmonikasoli gehören zu den inspiriertesten Instrumentalpassagen, die er je aufgenommen hat.

The Walker Brothers, The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore, 1966

Text/Musik/ Bob Crewe, Bob Gaudio

Produzent/ Johnny Franz

Label/ Philips

Die Sonne scheint nicht, und sie wird auch niemals mehr scheinen, da kann die Musik noch so sorglos klingen und dank Streicherarrangements glorios glänzen. Denn die „loneliness“, diese schwer zu greifende Einsamkeit, die der Sänger besingt, ist der Mantel der das Lied umhüllt.

„The Sun Ain´t Gonna Shine Anymore“ war der Nummer-1-Hit der Walker Brothers. Sie waren weder Brüder noch hiessen sie Walker, aber sie sahen aus wie Geschwister, verdammt gutaussehende obendrein. Noel Scott Engel ( alias Scott Walker) war der Teenage-Schwarm, Gary Leeds und John Maus assistierten. Die Schwermut in Scotts klarer wohlklingender Stimme sprach die Romantik-Sehnsucht der Teenies an. Der Song, von Frankie Valli & The Four Seasons 1965 zum erstenmal aufgenommen, war der kommerzielle Höhepunkt der Walker Brothers Band und in gewissem Sinne die amerikanische Antwort auf die Beatlemania – mit einem orchestralen Pop, der selbst Lebensmüdes in grosse Gesten packte.

Billie Holiday, The Lady Lives, 1999

Produzent/ ESP Disk

Label/ ESP Disk

Dieses Album enthält Rundfunkaufnahmen von Billie Holiday aus den Jahren 1949 bis 1952. In den Linernotes erfährt man, dass die sterbenskranke Sängerin noch wenige Tage vor ihrem Tod im Hospitalbett offiziell unter Arrest gestellt wurde, nachdem ihre Aufnahme zuvor von einem anderen Krankenhaus überhaupt verweigert worden war. Die hier veröffentlichten Rundfunkmitschnitte von Live-Auftritten Billie Holiday’s sind beinahe mehr geeignet, das Phänomen „Lady Day“ zu dokumentieren, als es ihre Autobiografie, ihre grossartigen Aufnahmen und die grossenteils erschreckenden späten Platten sind. Die Sängerin wird plötzlich greifbar, wenn man ihre Antwort auf das banal-arrogante Gewäsch der US-Night-Club-Conferenciers, etwa dem New Yorker „Apollo“ oder dem Bostoner „Storyville“ hört, das den Stücken jeweils vorangeht.

Erstaunlich ist auch der hörbare Wandel der Sängerin in den vorliegenden Aufnahmen. Am intensivsten sind die Titel „My Man“ und „Tenderly“. Das Album kann man nicht zum blossen Vergnügen anhören, aber man sollte es jedem, der heute Showbiz betreibt, einflössen.

Freddie King, The Best Of Freddie King, 2000

Produzenten/ Denny Cordell, Don Nix, Leon Russell

Label/ Shelter Records

Freddie King war ein schwergewichtiger Bluessänger und Gitarrist aus Chicago. Seine ausgeprägte „Bending“-Technik hatte einen Einfluss auf viele Blues/Rockgitarristen (nicht zuletzt auf Clapton). Freddie King’s Musik ist ein gutes Beispiel für den Blues der späten sechziger Jahre, an dem natürlich die Soul/Rock-Musik nicht spurlos vorübergegangen ist. So ist ein guter Schuss Funk und Soul in fast allen Aufnahmen enthalten, das nimmt dem Blues jedoch nichts von seiner Aussagekraft, den an seinem Inhalt hat sich nicht geändert. Nur die Musik ist heisser als noch Anfang der sechziger Jahre, wo z.B. die Verwendung des elektrischen Klaviers im Chicago-Blues undenkbar war, während man es einige Jahre später auf Aufnahmen von Muddy Waters ebenso wie bei Howlin Wolf findet. Das schien vor allen Dingen eine gute Möglichkeit sein, den Blues auch für die jungen schwarzen Leuten wieder interessant zu machen und damit letzten Endes sein Überleben zu sichern.

John Lennon, Rock’n’Roll, 1975

Produzent/ Phil Spector, John Lennon

Label/ Apple Records

Das Album ist meiner Meinung nach nur als ordentlich zu bezeichnen. John Lennon singt die meisten Songs zwar recht gut, aber auch mit angezogener Handbremse. Herausragend ist nur seine eigenwillige und fast magisch anmutende Version von Ben E. King’s-Klassiker „Stand By Me“. Sehr gut sind auch Gene Vincent’s „Be-Bop-A-Lula“, das die Beatles auch schon zu Hamburger Zeiten im Repertoire hatten, und Fats Domino’s „Ain’t That A Shame“. Durchschnittlich ist Bobby Freeman’s „Do You Wanna Dance?“, das man auch schon besser gehört hat und richtig dürftig ist Lloyd Price’s „Just Because“, das schon im Original nicht der grosse Brüller ist.

Eine Wiederentdeckung wert ist das etwas rumpelige „Rock’n’Roll“-Album aber alleweil, auch wenn sich Lennon und Spector während den Aufnahme-Sessions nicht gerade auf der Höhe ihres Lebens und ihres Schaffens befanden. Die Beiden sollen sich in den A&M Records Studios in Hollywood, aufgrund von exessivem Alkohol- und Drogenkonsum so schlecht benommen haben, dass sie hinausgeworfen wurden, unter anderen auch weil der grössenwahnsinnige Spector mit einer Knarre im Studio hantierte und sogar einmal schoss. Die weiteren Aufnahmen fanden dann in den Record-Plant West Studios in New York statt.

Steve Earle and The Del McCoury Band, The Mountain, 1999

Produzent/ Steve Earle, Ray Kennedy, Ronnie McCoury

Label/ E-Squared

Wer sich stilistisch nicht festlegt, stösst auch mal an Rändern auf Überraschungen. So ist es mir beispielsweise entgangen, dass Steve Earle mit „The Mountain“ eines der schönsten, intensivsten Alben auf dem Terrain der Country-Musik veröffentlicht hat, das ich seit langem gehört habe. Ich schreibe dies in aller Bescheidenheit, weil ich nicht sehr viele Country/Bluegrass-Veröffentlichungen kenne.

Um Steve Earle gibt es viele Geschichten und Legenden, etwa, dass der Mann jahrelang dem Heroin und Alkohol verfallen war und wegen illegalem Waffen- und Drogenbesitz im Knast landete. Doch all das ist nicht nötig, um diese rauh gegerbte Version von Country einfach als Musik geniessen zu können. Vieles, was von Seiten des Pop und Punk versucht wurde, Country und Bluegrass hoffähig zu machen, beispielsweise von den Pogues und den Violent Femmes erübrigt sich anhand von dieser Platte, die bereits als Country-Platte (also: als Country-Platte von älteren Herren in Anzug und mit Krawatte, Herren mit Country-Sozialisation) so gebrochen und ruppig daherkommt, wie wir es uns von diesem Genre stets gewünscht haben. Für mich eine späte Entdeckung aus Nashville, die zeigt, dass es auch noch Leute in diesem Genre gibt, die etwas anderes als Trucker-Romantik liefern.