AC/DC, If You Want Blood You’ve Got it, 1978

Produzent/ Harry Vanda, George Young

Label/ Atlantic

Das erste Live-Album von AC/DC präsentiert die Band zu einer Zeit, bevor sie zur Marke wurde. Malcom Youngs Riffs waren noch frisch, Angus’ Griffbrettfingerei verspielt. Und vor allem fangen die Aufnahmen Bon Scotts Qualitäten als Sänger ein wie auch seinen Strizzi-Charme, der seinem Nachfolger stets fehlte.

Von „Bad Boy Boogie“ über „The Jack“ bis „Whole Lotta Rosie“ und „Let There Be Rock“ ist die Setlist gespickt mit Songs, die heute Klassikerstatus haben. „If You Want Blood You’ve Got It“ erschien im selben Jahr wie das oft übersehene „Powerage“ und war die vorläufig letzte AC/DC-Produktion von Harry Vanda und dem älteren, 2017 verstorbenen, Young-Bruder George. Ein Act für die grossen Massen waren die Australier zu dieser Zeit noch nicht. Das kam erst mit „Highway to Hell“. Bon Scott starb nach „Highway to Hell“, AC/DC machten weiter mit einem neuen Sänger und „Back in Black“. Sie wurden berühmter, die Hallen grösser und schliesslich zu Stadien. Zwischenzeitlich traten sie mit Axl Rose als Sänger auf und hatten dabei ein halbes Dutzend Songs auf der Setlist, die schon auf diesem Live-Album waren. Das geriet durchaus goutierbar. Die Essenz dieser Band findet man aber für immer auf “f You Want Blood You’ve Got It“.

The Rolling Stones, Street Fighting Man, 1968

Text/Musik/ Jagger, Richards

Produzent/ Jimmy Miller

Label/ London

1968 hatte Mick Jagger in London eine eher friedliche Demonstration gegen den Vietnamkrieg mit seiner eher kurzen Anwesenheit beehrt und sich ziemlich im Hintergrund gehalten. Vielleicht war er nur deshalb dabei gewesen, um hinterher einen Song darüber schreiben zu können. Der fiel dann jedenfalls entsprechend desillusioniert aus. Es sei zwar genau der richtige Zeitpunkt für eine Palastrevolution, aber da, wo er lebe, in dieser verschlafenen Stadt London, würden dummerweise nur Kompromisse gemacht, das sei einfach kein Platz für Strassenkämpfer. Insofern habe er gar keine Wahl: „Well, what can a poor boy do/Except to sing for a rock ’n‘ roll band.“

Das Cover der Single sprach eine andere Sprache. Drei Cops in Kampfmontur stehen vor einem niedergestreckten Demonstranten, einer hebt den Fuss, offenbar um noch einmal nachzutreten. Und so kann man hier einmal mehr beobachten, wie sehr der Kontext die Rezeption steuert. „Street Fighting Man“ wurde nun als forcierte Kampfansage aufgefasst – und eben nicht als faule Ausrede, warum man mit Jagger et alii nicht unbedingt rechnen müsse.

Jimi Hendrix, All Along the Watchtower, 1968

Text/Musik/ Bob Dylan

Produzent/ Jimi Hendrix

Label/ Polydor

Jimi Hendrix nahm sich volle sieben Monate, in denen er immer wieder an seiner Coverversion dieses Bob-Dylan-Songs feilte. Als er mit dem Ergebnis endlich zufrieden war, erschien der Song einerseits auf der LP „Electric Ladyland“, anderseits als Single, und zwar als erste Stereo-Single in England überhaupt – was vielleicht das (aus heutiger Sicht etwas übertriebene) Changieren des Hauptsolos zwischen den Kanälen erklärt. Die Originalversion von Bob Dylan, die 1967 auf der LP „John Wesley Harding“ erschien, wirkt dagegen geradezu belanglos. Und was sagte der Komponist zum Hendrix-Cover?

„Es überwältigte mich, wirklich. Er hatte solch ein Talent, er konnte in einem Song Dinge finden und sie mit grosser Energie entwickeln. Er verbesserte den Song wahrscheinlich durch Pausen, die er machte. Ich habe dann eigentlich seine Version des Songs übernommen.“ Übrigens hat Dylan hier treffend analysiert, was ein gutes Cover ausmacht: Nämlich in einem Song musikalische Potentiale aufzuspüren und diese auszuarbeiten. Und Jimi Hendrix, der überhaupt keinen Grund hatte, seine eigenen Kompositionern zu verstecken, war ein Meister dieser Disziplin.

The Kinks, Sunny Afternoon, 1966

Text/Musik / Ray Davies

Produzent/ Shel Talmy

Label/ Pye

Wie so viele Songs aus der Zeit zwischen 1966 und 1968 schien „Sunny Afternoon“ den Geist des Wandels zu verkörpern, der damals die USA und Europa durchströmte. „Tune in, turn on, and drop out“, lautete das Motto der Gegenkultur, und immer mehr Menschen begriffen, dass man nicht zum Mainstream gehören musste. Auch die Beatles rieten ihren Fans 1966, sich zu entspannen, die Gedanken auszuschalten und sich flussabwärts treiben zu lassen. Die Kinks jedoch waren vor ihnen da.

Musikalisch und textlich war der Song eine Offenbarung. Der Schritt zurück, den Songwriter Ray Davies damit wagte (zurück in die verrückte Music-Hall-Zeit seiner Jugend), statt die progressive Richtung weiterzuverfolgen, in die die früheren Hits der Band zu weisen schienen, erwies sich im nachhinein als genial. Hinter der warmen, lakonischen Weichheit der Aufnahme verbergen sich kluge Köpfe – eine Beobachtung, die, mal wieder auch auf die Beatles zutrifft, die im Jahr darauf ihre eigene Music-Hall-Hommage, „Being for the Benefit of Mr. Kite“, aufnahmen.

John Lee Hooker, Boom Boom, 1961

Text/Musik/ John Lee Hooker

Produzent/ Calvin Carter

Label/ Vee-Jay

John Lee Hooker starb am 21. Juni 2001 im Alter von 83 Jahren. Er war das letzte lebende Fossil des archaischen Blues. Er war der Meister der Einakkord-Gitarre, des rhythmisch stampfenden Begleitfusses und der unglaublich seltsamer Verstimmungen. Zudem war er einer der Prototypen des individualisierten modernen Blues, der einzige, der den Spagat zwischen Tradition und Moderne wirklich schaffte, einer, der sogar in eine Klamotte wie „Blues Brothers“ für ein paar Sekunden Bluesrealität brachte, zu Zeiten ein dämonischer Genius, oft aber auch der Heiler für die Boogie-Kinder.

Bluespuristen hassten Hooker für das, was er ihrer Musik antat. „Das ist keine Musik. Das sind nur einzelne Noten“, meinte etwa Hayes McMullen. Und Paul Oliver hat in seinem Standardwerk „The Story of Blues“ kaum zehn Zeilen für Hooker übrig. Richtig: John Lee Hooker kümmerte sich niemals um das berühmte Bluesschema. Aber es klingt immer nach Blues. Seine Texte reimen sich selten. Aber sie klingen immer wie gut gereimt. Seine Begleitbands verzweifelten regelmässig, wenn sie mit Hooker spielen mussten, weil er weder Tonart noch Taktschema beachtete. Aber mit einzelnen Musikern wie Eddie Kirkland, Eddie Burns oder Eddie Taylor gibt es Live-Aufnahmen und Studiosessions, die von traumwandlerischem Verständnis zeugen. Wer sich das Vergnügen leisten will, den gleichen Song in verschiedenen Aufnahmen zu hören, wird nie eine identische, immer eine veränderte, eine neuerfundene Version finden. Und um die kurze Analyse von John Lee Hookers Besonderheiten abzurunden, ein Zitat aus Charles Shaar Murrays Biographie „Boogie Man – The Adventures of John Lee Hooker in the American Twentieth Century“: „Er hämmert diese dissonanten Klänge auf seiner Gitarre, dass einem die Nervenenden entzünden, und dann macht er Pausen, Pausen zwischen einzelnen Noten, die so lang und so unberechenbar sind, dass noch jeder Möchtegern-Imitator darüber die Nerven verloren hat.“

Rory Gallagher, A Million Miles Away, 1973

Text/Musik/ Rory Gallagher

Produzent/ Rory Gallagher

Label/ RCA


Schon mit sechs Jahren suchte Rory Gallagher im Radio nach Bluessongs. Als Neunjähriger kaufte er sich seine erste Gitarre, die Lehrjahre absolvierte er in der Fontana Showband, einer Tanzkapelle, mit der er Songs aus der englischen Hitparade nachspielte. Mit 16 begann er, mit seinem Trio Taste Rock und Blues zusammenzubringen. Rory Gallagher galt nicht nur als exzellenter Gitarrist, sondern wurde auch als Rockstar gefeiert – das hatte es in Irland noch nicht gegeben. 1970 kam auch der Erfolg in England: Gallagher hatte mit seiner Band ein zweites Album aufgenommen, auf dem er sich, angeregt durch Ornette Coleman, auch auf dem Saxophon versuchte. „On The Boards“ schaffte es bis in die englischen Charts. Doch nach einem Auftritt beim Festival auf der Insel Wight löste Gallagher seine Band auf.

Als Solokünstler blieb er nicht nur seinen musikalischen Vorlieben treu, sondern machte auch in derselben Bandkonstellation weiter: Gitarre, Bass, Schlagzeug. In den Siebziger nahm Rory Gallagher unermüdlich Platte um Platte auf. Zu den besseren gehört „Tattoo“. Da gibt es ein bisschen Blues, ein bisschen Country, saftigen Rock und mit „A Million Miles Away“ auch einen berührenden Song über das Gefühl der Isolation, während man von Menschen umgeben ist.

In der Rockszene war Rory Gallagher bekannt dafür, jeden unter den Tisch trinken zu können – der Alkohol war dann in den Neunzigern auch für seinen Abstieg verantwortlich und für seinen Tod. Rory Gallagher starb am 14. Juni 1995 in Alter von 47 Jahren.

The Yardbirds, Over Under Sideways Down, 1966

Text/Musik/ Jeff Beck, Keith Relf u.a.

Produzent/ Simon Napier-Bell

Label/ Epic

1966 waren die Yardbirds eine der hipsten britischen Bands: Ihre Bluesjahre hatten sie hinter sich gelassen, ihr früherer Gitarrist Eric Clapton spielte nun bei John Mayalls Bluesbreakers. Claptons Nachfolger Jeff Beck lebte seine Experimentierfreude aus: Verzerrung, Rückkoppleungen, Halleffekte. Im Frühjahr 1966 kam Jimmy Page in die Band, erst E-Bass, dann E-Gitarre. So wurden die Yardbirds zu einer Gruppe mit zwei Leadgitarristen und entwickelten ein neues, einflussreiches Bandformat.

„Over Under Sideways Down“ ist ein typischer Song über die Ruhelosigkeit in „Swinging London“: schnelle Autos, bereitwillige Mädchen, coole Drinks. Das Paradies der moralfreien Hedonisten – „it’s all for free“, alles gratis. Mit schneidenden Gitarrenlicks und extrem präsentem Schlagzeug drängt der Song nach vorn, verstärkt durch Keith Relfs schrille Mundharmonika-Phrasen. „“Over Under Sideways“ wirkt wie eine amphetamingetriebene Geisterfahrt durch eine Nacht der Gefühlsverwirrung. Und die schien sich auch innerhalb der Band ausgebreitet zu haben. Zu gross waren die Qualitätsschwankungen, zu gross der Abstand zwischen ihren Hitsingles. Im Herbst 1966 verliess Jeff Beck die Band und wenig später gingen auch Keith Relf und Jim McCarty. 1968 baute Jimmy Page die Band unter dem Namen The New Yardbirds neu auf und änderte später den Namen in Led Zeppelin.

Booker T. & the M.G.’s, Green Onions, 1962

Musik/ Booker T. Jones, Steve Crooper u.a.

Produzent/ Jim Stewart, Booker T. Jones, u.a.

Label/ Stax

Eigentlich sollten Booker T. und seine Gruppe an diesem Nachmittag im Juni 1962 den Rockabillysänger Billy Lee Riley im Stax Studio im Memphis begleiten, doch der tauchte nicht auf. Als jammten sie ein wenig herum, spielten einen improvisierten Blues. Stax-Chef Jim Stewart sass derweil im Kontrollraum und schnitt spasseshalber mit. Am Abend präsentierte er den Musikern die nach seinem Geschmack beste Version des Blues und fragte Booker T.: „Wenn ich das herausbringen wollte, wie würdet ihr es nennen?“. Nach kurzem Zögern antwortete Booker T.: „Green Onions – denn grüne Zwiebeln sind das Ekligste, was mir gerade einfällt. Etwas, das man wegwirft, so wie du das mit dieser Aufnahme machen solltest.

Doch Stewart warf nichts weg. Und damit dürfte er alles richtig gemacht haben, denn die Platte verkaufte sich rund eine Million Mal und erreichte Platz drei der Singlecharts. Booker T. Jones war zu diesem Zeitpunkt gerade mal 17 Jahre alt und Leader der Hausband bei Stax mit dem Namen M.G.’s, kurz für The Memphis Group. Die Gruppe ist auf den meisten entscheidenden Stax-Platten zu hören, also bei Aufnahmen von Otis Redding, Eddie Floyd, Rufus Thomas, Carla Thomas und vielen anderen.

Bobbie Gentry, Ode To Billie Joe, 1967

Text/Musik/ Bobbie Gentry

Produzent/ Kelly Gordon

Label/ Capitol Records

Es ist einer dieser schläfrigen, dunstigen Tage im Mississippidelta. Am 3. Juni springt Billie Joe McAllister von der Tallahatchie-Brücke in den Tod. Das erzählt Bobbie Gentry in einem der grössten Hits des Jahres 1967: „Ode to Billie Joe“ – mit jener heiseren Blue-Eyed-Soul-Stimme, die zu ihrem Markenzeichen werden sollte.

Bis heute bleibt ein Geheimnis um Billie Joe ungeklärt: Kurz vor seinem Sprung sei er mit einer jungen Frau auf der Brücke gesehen worden, sie hätten einen Gegenstand in den Fluss geworfen – aber was für einen? Einen Strauss Blumen? Einen Verlobungsring? Einen Einberufungsbefehl? LSD-Trips? Oder war es ein abgetriebener Fötus? Keine Frage wird Bobbie Gentry häufiger gestellt. Sie hat sie nie beantwortet.

„Ode To Billie Joe“ geht im August 1967 an die Spitze der US-Charts und bleibt dort vier Wochen. Das schaffen 1967 nicht viele Songs, die um Selbstmord und Abtreibung kreisen, 2024 übrigens auch nicht. Knapp drei Jahre später, 1970, landet Bobbie Gentry ihren letzten Hit, „Fancy“, die Geschichte eines 17-jährigen Mädchens, das von seiner verzweifelten, vom Vater verlassenen Mutter, mit dem Rat „be nice to gentlemen“ und einem fancy dress ausgestattet in die Stadt geschickt wird, um Geld zu verdienen. Auch kein gängiges Pop-Thema, nicht 1970, nicht 2024.

Ihre letztes Album nimmt Bobbie Gentry 1970 auf, wo sie heute ist, das fragen sich viele, auch Kolleginnen, die sie bewundern, von Beth Orton bis Jill Sobule. Letztes Wort von Bobbie Gentry: „Fancy“ is my strongest statement for women’s lib, if you really listen to it. I agree wholeheartedly with that movement and all the serious issues that they stand for – equality, equal pay, day care centers, and abortion rights.“