And All Because The Lady Loves, …Anything But A Soft Centre, 1988

Produzent/ John Sylvester

Label/ Paint It Red

Da liegt ein grosses graues Meer, kaum abzusehen mit dem Auge, bis zum Horizont, doch die Frauen, die davor sitzen und reden, die imaginieren sich all die Farben und Abstufungen rein. Mal Treffen und Reden kann so grausam oder so wundersam sein. Die beiden Frauen reden von allem „was sonst noch geschieht“, Gefühlsdiagnosen, Lieben, Lügen, Beziehungskram, Traurigkeit, Probleme. Die beiden Mädchen heissen Rachel Collins und Nicky Rushton und sie kommen aus irgendeiner Randgegend von Newcastle. Ihr Album „…Anything But A Soft Centre“ ist ganz sanft, ganz Nicht-Pop, aber auch nicht eine beliebige Folknummer; der doppelte Gesang ist eher von verwegener Trägheit, ihre Texte Frauen-Junk, Fem-Trash, von der sehr englischen Art, untertrieben, mit dieser gewissen Fadheit, vom Feinsten… Leider ist das Album kaum mehr greifbar.

Tom Waits, Heartattack and Vine, 1980

Produzent/ Bones Howe

Label/ Asylum

Tom Waits schreibt keine Musik, die einfach ist oder vordergründig oder leicht verständlich. Mit 30 Jahren hatte er genug Dreck und Abscheulichkeiten gesehen, um einen Song oder ein ganzes Album darüber zu schreiben, aber nicht so viel, dass er sich davon ferngehalten hätte.

Der Titelsong von „Heartattack and Vine“ ist eine karge, unbehagliche Komposition mit warmen, übersteuerten Gitarrentönen und Waits‘ heiserem Gesang. „Es gibt keinen Teufel“, mahnt er, „das ist Gott, wenn er betrunken ist.“ In Anspielung auf die Niederungen des Lebens in L.A. porträtiert Waits Menschen, die fehlerbehaftet sind, aber nicht ohne Aussicht auf Erlösung. „Wenn du wissen willst, wie Wahnsinn schmeckt, musst du dich hinten anstellen“, spottet er. „Wahrscheinlich siehst du jemanden, den du kennst.“

Es ist ein Drogensong, aber auch ein Song über Menschen, ein trostloses, aber irgendwie feierliches Bild eines Lebens in fröhlicher Verzweiflung. Waits klagte gegen Levi’s, die Screamin‘ Jay Hawkins‘ Version in einer Werbung verwenden wollten; die bittere Ironie ist ihm sicher nicht entgangen.

Syd Straw, War And Peace, 1996

Produzent/ Syd Straw

Label/ Capricorn Records

Die Karriere von Syd Straw verlief auf ziemlich krummen Wegen. Sehr begabt, von Grossen umschmeichelt, als Backingstimme auf deren Aufnahmen genutzt, in unzähligen Booklets dankend erwähnt – nur sie selbst bekam es irgendwie nicht so richtig auf die Strasse! Ihre Stimme ist spröde, seltsam uncharmant, ihre Kompositionen im Kleinen schräg, obwohl es doch nur Rockmusik ist, eigentlich gar nichts ambitioniertes, es klingt nur oft so ungeniessbar. Dabei hatte sich ihre alte Firma Virgin sogar Mühe mit Syd Straw gegeben und sie durfte für ihr erstes Album „Surprise“ alles einladen was Rang und Namen hat, von Michael Stipe bis Richard Thompson, von Greg Leisz bis Marc Ribot usw. Trotzdem wurde „Surprise“ ein Flop. Spröde Songs, spröde Stimme – unverkaufbar.

Dann ein neues Label, immer noch ein grosses, aber offensichtlich kleines Budget. Für die Stars reichte es diesmal nicht mehr. Also einfach eine Rockband ins Studio eingeladen. Und das ist genau das Reizvolle an diesem Album – Die Skeletons die hier den musikalischen Background abgeben sind ganz Abgehangene, uralte Füchse, die zeitlosen Rock’n’Roll spielen – und das bekommt „War And Peace“ gut! Die Platte ist aus einem Guss; Syd Straw hat auch alle Texte selbst geschrieben und die Songs produziert.

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Steve Earle, I Feel Alright, 1996

Produzent/ Ray Kennedy, Richard Bennett, Richard Dodd

Label/ Warner Bros.

Steve Earle kam gerade aus dem Gefängnis nach einer längeren Drogenphase und hatte einiges auf dem Herzen, was er unbedingt musikalisch sagen wollte. Dieser satte, abgezockte Gitarren-Sound, die teils grimmigen, teils sentimentalen Texte vermitteln eine unmittelbare Kraft – besser geht’s kaum. Man glaubt dem Ex-Junkie alles, sogar wenn er „I Feel Alright“ singt. Sein Countryrock ist wie ausgemergelt: kein Hall, kein Schnörkel. Kunst und Künstler sind eins, denn Earle hat viel durchgemacht. Nach dem Akustikalbum „Train A-Comin“ von 1995, das zum Bewegendsten seit Neil Youngs „Tonight’s The Night“ gehörte, hat er die Strassenseite gewechselt. Hier scheint die Sonne, doch Earle erinnert sich natürlich nur an den Schatten.

„Cocaine Cannot Kill My Pain“ heisst ein Lied, und eines nennt sich „The Unrepentant“, nach dem, der nichts bereut, und schliesslich taucht der Teufel zum Showdown persönlich auf: „You Got Your Pitchfork And I Got My Gun“. Einer wie Steve Earle muss die Drecksarbeit machen. „Wenn die Welt untergeht“, sagt Earle, „werden drei Dinge übrigbleiben: die Kakerlaken, Keith Richards und ich.“ Nicht die schlechteste Gesellschaft.

Steppenwolf, Born To Be Wild, 1968

Text/Musik/ Mars Bonfire

Produzent/ Gabriel Mekler

Label/ Dunhill

Kürzlich habe ich mir „Easy Rider“ wieder angesehen, die Geschichte dieser zwei Hippies, die sich 1969 auf ihren Harley-Davidsons auf der Suche nach Amerika machen. Henry Fonda, der schweigsam ist wie ein Cowboy und dessen Benzintank die amerikanische Flagge ziert, scheint den Traum nach dem mythischen Amerika zu haben. Der Film endet bekanntlich schlecht: Der Cowboy und der Indianer (Dennis Hopper) werden von Rednecks von ihren Eisenrössern geholt. Die beiden Amerikas entpuppen sich als unvereinbar.

Ein grosser Part im Film hat auch der Song „Born To Be Wild“ aus dem ersten Album von Steppenwolf und irgendwie sind Steppenwolf auch eine One-Hit-Wonder-Band, aber das nicht, weil sie schlechte Musiker sind oder weil das Material schlecht ist, sondern weil ein „Born To Be Wild“ als Vergleich einfach alles andere schlecht aussehen lässt und in den Schatten stellt. Dabei hat das Debütalbum von Steppenwolf auch, wie zum Beispiel mit „The Pusher“, andere grosse Songs. Steppenwolf und „Born To Wild“ sind ein Klassiker, ob man sie nun mag oder nicht.

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Bob Dylan, Blind Willie McTell, 1991

Text/Musik/ Bob Dylan

Produzenten/ Bob Dylan, Mark Knopfler

Label/ Columbia

Bob Dylan erwies Blind Willie McTell – dem Blues-Sänger und -Gitarristen aus dem frühen 20. Jahrhundert, der mit „Statesboro Blues“ bekannt wurde – mehrfach die Ehre. Er coverte „Broken Down Engine“ und „Delia“ und erwähnte ihn in „Highway 61 Revisited“ und „Po’Boy“. Sein grösstes Hommage „Blind Willie McTell“ schrieb Dylan 1983, veröffentlichte sie aber erst viel später. Eigentlich wollte Dylan den Song auf „Infidels“ herausbringen. Dass „Blind Willie McTell“ dann doch nicht aufs Album kam, ist schwer nachzuvollziehen. Dylan erklärte das später so: “Er war nie richtig fertig. Ich schaffte es nie, den Song zu vollenden. Welchen Grund hätte es sonst geben können, ihn nicht auf die Platte zu tun?“

„Blind Willie McTell“ erschien schliesslich 1991. Der Song ist von ungewöhnlicher Schönheit. Er basiert auf der bekannten Klaviermelodie aus „St. James Infirmary Blues“ und glänzt mit erlesener Sprache in Form von fünf kurzen Vignetten über McTell, die Dylan mit inniger Überzeugung vorträgt. Dylans grösster Verdienst ist es jedoch, die Hörer mit diesem Song zu animieren, sich McTells eigene Musik anzuhören.

Otis Taylor, Hey Joe Opus – Red Meat, 2015

Produzent/ Otis Taylor

Label/ in-akustik

The Gun Club, später Jon Spencer Blues Explosion und The White Stripes haben den Blues durch die Brille der modernen, post-punkigen USA frisch aufbereitet. Otis Taylor hingegen ist ein Blues-Mann der älteren Garde – seine Erneuerungsversuche wachsen gleichermassen aus dem Stamm heraus. Taylor ist Jahrgang 1948, wurde in Chicago geboren, wuchs in Denver auf und spielte vorerst Banjo. 1977 hing er Gitarre und Banjo an den Nagel und betätigte sich als Antiquitätenhändler, ehe er in den 90er Jahren zur Musik zurückfand.

Der Blues von Otis Taylor wird gekennzeichnet durch die fruchtige Stimme und durch eine aufregende Bereitschaft, in den Arrangementen kühne Wege zu gehen: So tauchen hier auch Theremin, Pedal Steel, swingende Hammond-Orgel, Geige und allerhand ausgelassene Bläsereien auf. Zudem ist Taylor in stillen Banjo-Liedern ebenso zuhause wie in unglaublich groovigen Ensemble-Stücken, wo der Blues über weite Strecken von drei Akkorden auf einen reduziert worden ist. Neben dem „Hey Joe Opus“ empfehle ich auch weitere Alben wie „White African“ und „Pentatonic Wars and Love Songs“ – alle sehr toll!

The Gun Club, Fire of Love, 1981

Produzent/ Chris D., Tito Larriva

Label/ Ruby

Der Gun Club. Das Debütalbum „Fire of Love“ schürfte 1981 tief in der Musikgeschichte: Der Blues der 1930er klingt immer wieder durch, in den Akkordfolgen und auch im Gestus der Musik. Aber zusammengeschmissen mit dem zeitgenössischen Postpunk der frühen Achtziger. Natürlich ist alles zentriert um das Jaulen des egomanen, früh verfetteten, früh verstorbenen Jeffrey Lee Pierce. Der Sänger liebt Rituale. Die Grossstadt hat ihn aufgenommen, ein echter Sohn des heissen Pflasters, aber in seiner Seele wüten Aberglauben, puritanisch religiöser Wahn und der halsstarrig amerikanische Traum gegen alles Wissen um Tatsachen und aufgeklärte Vernunft. Die Wüste ruft in die Einsamkeit und Verlorenheit, auf endlose Highways und immer auf der Flucht vor den Blechdosen am eigenen Schwanz. Wenn man „Fire of Love“ hört, schluckt man soviel Staub, dass die Lungen platzen.

Was ist ein Amerikaner, der sein Land hasst? Wenn auch das letzte Ideal nackt und frierend, würdelos im Regen steht, hetzt er ruhelos und verzweifelt die Gespenster, die ihn jagen. Sie wollen ihm sein Land miesmachen. Gun Club sind wie Jerry Lee Lewis der angesichts von „Great Balls Of Fire“ plötzlich vor dem göttlichen Gericht zittert. Und dann trotzdem singt. „Got my mojo working, but it just don’t work on you…“. Wie gesagt, die Platte ist gut, vorallen nachts, wenn man nicht einschlafen kann. Manchmal zählt eben nicht die richtige Tonart, sondern die richtige Tönung.

Lucinda Williams, Happy Woman Blues, 1980

Produzent/ Mickey White, Lucinda Williams

Label/ Smithsonian Folkways

Back to the Roots führt uns dieses Album. Zurück zu den Wurzeln von Lucinda Williams. „Happy Woman Blues“ ist 1980 bei Folkway Records erschienen. Das Schallplattenlabel, 1947 von Moses Asch gegründet, war in den fünfziger bis siebziger Jahren eine der grössten unabhängigen Plattenfirmen in den USA. Der Katalog der Firma umfasste 2200 Titel. Dabei ist eine grosse Auswahl amerikanischer Folkmusik, anderer traditioneller Musikformen, Kinderlieder, World Musik, Literatur, Dichtung etc. Das Smithsonian Institut in Washington ist ein grosses staatliches Museum, das sich um die Erhaltung amerikanischer Kultur kümmert. Es hat den gesamten Katalog von Folkways übernommen und sorgt mit dem eigenen Label Smithsonian Folkways dafür, dass alle Titel weiterhin erhältlich bleiben.

„Happy Woman Blues“ ist das zweite Album von Lucinda Williams. Aufgenommen wurde es in den Sugar Hill Studios mit den Musikern Mickey White, Rex Bell, Andre Matthews, Ira Wilkes, Mickey Moody und Malcolm Smith. Es ist eine Sammlung von elf folkigen Eigenkompositionen. Alle sehr einfühlsam und zurückhaltend arrangiert, ganz nach Art amerikanischer Folktradition, In den Texten sieht man, wie Williams aus traditionellen Vorgaben heraus agiert, aber mit sicherem Gespür die alten Sujets mit ihren gegenwärtigen Belangen füllt. Zum Teil wirkt Lucinda hier noch etwas unbeholfen, staksig und trotzdem spürt man schon überall das warme, leidenschaftliche Temperament einer selbstbewussten Frau.

Bob Dylan, Masters of War, 1963

Text/Musik/ Bob Dylan

Produzent/ John Hammond

Label/ Columbia

Das ist wohl eines der bittersten Protestlieder, das ich kenne. Darin wird die Waffenindustrie für die Kriege verantwortlich gemacht. Der historische Hintergrund für den Song hat mit der Abschiedsrede von US-Präsident Dwight D. Eisenhower im Januar 1961 zu tun. Seine Präsidentschaft war vom Kalten Krieg und von massiver Aufrüstung auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs geprägt: 1957 bauten die Sowjets die erste Interkontinentalrakete, 1958 drohten sie, Westberlin der DDR einzuverleiben. Eisenhower warnte vor einem „militärisch-industriellen Komplex“. Er sah in den Verflechtungen der Rüstungsindustrie und der Politik eine Gefahr für die demokratischen Institutionen und fürchtete, dass ein so aufgerüstetes Land vorschnell bereit ist, Konflikte militärisch auszutragen, statt diplomatische Lösungen zu suchen.

Auch der Generationenkonflikt wird in dem Lied direkt angesprochen: Die kritische Jugend der 60er Jahre will sich nicht mehr länger als naiv abstempeln lassen, sondern beansprucht eine moralische Überlegenheit gegenüber der Generation ihrer Eltern und Grosseltern, deren Scheinheiligkeit angeprangert wird. Die Waffenhersteller werden das schlimmste aller Schicksale zu erwarten haben, nämlich, dass ihre Seelen in der Hölle landen.  „And I hope that you die, and your death will come soon…“ , und der Sänger entwirft ein makabres Bild, wie er sich an ihrem Grab vergewissert, dass sie nicht wiederkehren.

„Masters of War“ zeigt, wie aktuell Bob Dylans Gedanken noch sind und es ist wichtig, sich dieser zu erinnern, damit man unsere Welt versteht in diesen Tagen. Es ist nicht ein Land, das Verderben bringt in die Welt, es ist ein korruptes und perverses System der Macht- und Geldgeilheit, vor allem aber der eiskalten Ignoranz und Menschenverachtung und es sind eigentlich nur ein paar gestörte Superreiche, die all das zu verantworten haben.