ZZ Top, Jesus Just Left Chicago, 1973

Text/Musik/ Billy Gibson, Dusty Hill, Frank Beard

Produzent/ Billy Ham

Label/ London Records

Die Stimme klingt, als habe man ihren Besitzer in aller Frühe aus dem Bett geholt: „Jesus just left Chicago/ And he’s bound for New Orleans./ Jesus just left Chicago/ And he’s bound for New Orleans.“ Gerade die Wiederholung lässt den Verdacht aufkommen, dass es die Aufgabe dieses Mannes war, Jesus nicht aus den Augen zu lassen und dafür zu sorgen, dass Jesus Chicago nicht verlassen konnte; aber er hat versagt. Es kam zu einem Wortwechsel, dann hat Jesus sich aus dem Staub gemacht und ist jetzt vermutlich unterwegs nach New Orleans.

Man erwartet nun eine Personenbeschreibung des Flüchtigen, aber was kommt ist ein kodierter Bericht: „Working from one end to the other/ And all points in between.“ Wenn es hier nicht um einen flüchtigen Erlöser ginge, sondern um einen von zu Hause weggelaufenen Teenager gleichen Namens, dann könnte man vielleicht noch davon ausgehen, dass dieser Satz triviale Bedeutung hat. Scheinbar trivial, denn dieses „Dazwischen“ wird nicht nur durch den Anfangs- und den Endpunkt bestimmt, sondern vorallem durch den Weg, denn jemand zurücklegt, um von A nach B zu kommen – und der kann über den ganzen Globus führen und ein ganzes Menschenleben lang dauern, oder – wie in diesem Fall – alle Menschenleben zusammen. Ausserdem wäre Jesus nicht der erste, der im Irrgarten des „Dazwischen“ verschwunden ist.

King Crimson, In the Court of the Crimson King, 1969

Produzent/ King Crimson

Label/ Island

Zum Dreikönigstag erinnern wir uns an das majestätische Debütalbum der britischen Band King Crimson. Wer diese Platte einmal in den Händen gehalten hat, wird sich zeit seines Lebens daran erinnern: Allein das Coverbild ist so ikonografisch wie Edvard Munchs „Der Schrei“. Sein Schöpfer, Barry Godberg, war Absolvent einer Londoner Kunstschule und mit jungen Musikern befreundet. Einer ihrer Liedtitel inspirierte ihn 1969 zu diesem Plattencover: „21th Century Schizoid Man“. Godberg, 24-jährig, starb kurz darauf an Herzversagen. Das Cover sollte sein einziges bekanntes Gemälde bleiben. Eines allerdings, das um die Welt ging. Denn hatten die Beatles mit ihren Experimenten ab 1965 stilistische Schranken aufgehoben, so kam dieses Album hier einer Explosion gleich. Unerhört gut und ungehört neu, was fünf Mittzwanziger unter dem Namen King Crimson festhielten: eine musikalische Grenzüberschreitung, die als „Progressive Rock“ populär wurde.

Allein der Anfang ist eine Wucht, angetrieben von einem schweren Gitarren-Riff, furiosen Schlagzeug-Fills und einer verzerrten Stimme, die den Wahnsinn in Worte fasst („21st Century Schizoid Man“). Nicht weniger beeindruckend das epische Ende mit der neunminütigen Ballade „The Court Of The Crimson King“, die dem Album den Titel gab. Dazwischen: Prächtige Hymnen und tröpfelnde Klangtupfer. Damit lieferten King Crimson eine Blaupause, Hunderte Bands wandten sich epischem, komplexem Rock zu: Pink Floyd, Genesis oder Queen, um nur einige zu nennen. Auch heute noch werkelt eine Inkarnation von King Crimson am eigenen Nachruhm, aber die selbstverständliche Richtigkeit ihrer frühen Jahre ist ihr abhanden gekommen.

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Simon and Garfunkel, Sounds Of Silence, 1966

Text/Musik/ Paul Simon

Produzent/ Tom Wilson

Label/ Columbia

Zu Beginn war da einfach nur die Stille. Doch deren Klang musste natürlich beschrieben und schliesslich besungen werden. Von einem singenden Songwriter und einem singenden Schlacks, die sich nur als Kombination ihrer Nachnamen zu erkennen geben wollten und auf dem Plattencover – so scheint es zumindest – den Versuch unternehmen, aus der Schusslinie der Kamera zu schlackern. Der grosse Kleine und der grosse Zweitplazierte: „Sounds Of Silence“ von Simon & Garfunkel wurde im Januar 1966 veröffentlicht.

Hätte Tom Wilson nicht zufälligerweise „Like A Rolling Stone“ von Dylan gehört, wäre er nie auf die Idee gekommen, diese etwas dröge Ballade mit E-Gitarre, E-Bass und Drums zu unterlegen. Und wäre die leicht verstimmte Gitarre nicht mehr leicht verstimmt, wäre die Aufnahme nur halb so gut. Hätte Paul Simon die erste Stimme statt die zweite gesungen, wäre diese viel zu penetrant gewesen, und das magische Moment, in dem man nicht rafft, wer jetzt was singt und wo eigentlich die Hauptmelodie hinführt, wäre verloren.

Das ist nun mehr als ein halbes Jahrhundert her, und es mutet seltsam an, dass das Jahr 1966 mit einem derart besinnlichen, geradezu unschuldigen Song eingeleitet wurde. Denn zu jener Zeit wütete in Vietnam ein konventioneller Krieg, den schon damals niemand mehr begreifen mochte, der jedoch nur ein Teilaspekt eines wesentlich grösseren Konflikts der Systeme war, die nicht nur im Weltall zu einem Wettlauf angetreten waren, sondern auch in beiden irdischen Hemisphären um die Vorherrschaft rangen.

Motörhead, Ace of Spades, 1980

Produzent/ Vic Maile

Label/ Bronze

Lemmy Kilmister, legendärer Gründer, Sänger und Bassist von Motörhead, hat am 24.12.1945 das Licht der Welt erblickt, um sich am 28.12.2015 wieder von diesem abzuwenden. In Andenken an jenes Ereignis legen wir heute „Ace Of Spades“ auf den Plattenteller.

Natürlich ist das kein Punk, aber es ist affengeil, Motörhead prügeln die abgedroschenen Bluesklischees aus dem Rock ’n’ Roll heraus; ihre Musik ist ungeheuer schnell, ungeheuerlich laut, dreckig und primitiv. Und dieser Bass! Und kaum Gitarrensoli! Und dieses als Gesang getarnte Röcheln! Hardrock mit der Energie und der Wut des Punks. Und: Motörhead waren pothässlich, unglamourös und hatten nichts am Hut mit der frisch geföhnten Gockelhaftigkeit der damaligen Hardrockmacker. Motörhead wurden zu einer Konsensband – sie waren lange die einzigen Schwermetaller, die sich auch in der Punk- und Indieszene grosser Beliebtheit erfreuten. Wer Rock ’n’ Roll mag, kann „Ace of Spades“ unmöglich nicht lieben!

Sinéad O’Connor, All Apologies, 1995

Text/Musik/ Kurt Cobain

Produzent/ John Reynolds

Label/ Chrysalis

Bei dieser Version von Nirvanas „All Apologies“ wird wieder klar, was für eine Sängerin uns in diesem Sommer verlassen hat. Sinéad O’Connor war eine radikale Musikerin. Sie hat gegen die Missbrauchskultur in der katholischen Kirche gekämpft, gegen die Dämonen ihrer Familie, gegen alle kommerziellen Erwartungen der Musikindustrie, für ihre mentale Gesundheit und ihren Platz in der Gesellschaft.

Klar, da war „Nothing Compares 2 U“, mit dem MTV-Video in Dauerrotation, bis der Schmerz und die Trauer ihrer Version des Prince-Songs beinahe verschwunden war. Ich habe Sinéad O’Connor später ignoriert, weil Rock’n’Roll für mich wichtiger war. Aber jetzt in diesen dunklen Tagen zum Jahresende habe ich mir „All Apologies“ angehört, das sich Sinhéad O’Connor so kompromisslos angeeignet hat. Und alles wird während diesen zweieinhalb Minuten zweitrangig. Mindestens.

The Pogues featuring Kirsty MacColl, Fairytale of New York, 1987

Text/Musik/ Jem Finer, Shane MacGowan

Produzent/ Steve Lillywhite

Label/ Pogue Mahone

Der ursprüngliche Impuls ist umstritten: Pogues-Sänger Shane MacGowan, berichtete, er sei mit Elvis Costello eine Wette eingegangen. Dieser habe behauptet, er, nämlich MacGowan, würde nie ein anständiges Weihnachtslied zustande bringen. Der damalige Pogues-Manager Frank Murray gab dagegen an, es sei seine Idee gewesen. Jedenfalls stammte der nächste Pass von Jem Finer, dem Banjospieler der Pogues: Er hatte zwei Lieder geschrieben, eins mit gutem Text und lausiger Melodie, eins mit lausigem Text und guter Melodie. MacGowan nahm den Ball geschickt mit links ab, beförderte ihn auf den rechten Fuss und kombinierte guten Text mit guter Melodie. Dann kam Kirsty: Produzent Steve Lillywhite, nahm die Aufnahme nach Hause mit, die tragischerweise, verstorbene, aber unsterbliche Kirsty MacColl, seine damalige Ehefrau, sang ihren Part, und voilà: Das lustigste, traurigste und auf jeden Fall schönste Weihnachtslied der Popgeschichte war entstanden.

Noch heute muss ich jedes Mal ein bisschen schlucken, wenn das Lied am Radio kommt. Die Mischung aus Trotz, Wut, Resignation, Lebenslust, Liebe, Festlichkeit und Humor, welche das von MacColl und MacGowan inszenierte Paar an den gesanglichen Tag legt, ist einmalig. Wie eigentlich fast alles, was MacColl jemals gesungen hat.

Joe Strummer & The Mescaleros, Streetcore, 2003

Produzent/ Rick Rubin, Martin Slattery, Scott Shields

Label/ Hellcat Records

Am 22. Dezember 2002 schied Joe Strummer während der Vorbereitungen zu „Streetcore“ aus dem Leben. Die beiden Mescaleros Scott Shields and Martin Slattery stellten das Album nach vorliegenden Arbeitsnotizen fertig. Immerhin ergaben ihre Recherchen und Nachbearbeitungen eine Spielzeit von knapp 42 Minuten. Weder das wacklige, eigentlich für Johnny Cash geschriebene, aber nicht von ihm gesungene „Long Shadow“, noch die rührend ruppige Coverversion von „Redemption Song“ waren ursprünglich für „Streetcore“ vorgesehen. Die Interpretation von Bob Marleys berühmten Protestsong hätte allerdings seinen Platz auf dem Album verdient, hatte Strummer die Gott- und Trostlosigkeit der westlichen Welt doch schon oft selbst beklagt.

Im Gegensatz zu dem Vorgängeralbum „Global A Go-Go“ (2001) profitiert „Streetcore“ von der Direktheit und Einfachheit der Stücke. Obwohl die Arrangements mit Effekten und Verfremdungen gespickt sind, steht das dichte Zusammenspiel der Mescaleros im Mittelpunkt der Aufnahmen, und ihre krachende Finesse täuscht über die schwindende Kraft in Strummers leidenschaftlichem, aber nicht ganz tonsicheren Bauarbeitergesang hinweg.

Mich erinnert „Streetcore“ an das Clash-Album „Combat Rock“, was als Kompliment zu verstehen ist. Die vielen Gemeinsamkeiten unterstreichen nämlich die musikalische und textliche Kontinuität in Strummers Werk. Neu in „Streetcore“ ist hingegen die Ruhe in Strummers Gangart – als hätte der störrische Polemiker erst in den letzten Jahren seines kurzen Lebens richtig Schritt gefasst. Besser spät als nie.

Keith Richards, Talk Is Cheap, 1988

Produzent/ Keith Richards, Esteban Jordan

Label/ Virgin Records

Er hat als Gitarrist der Rolling Stones und als Songsschreiber mit Mick Jagger über 60 Jahre lang gezeigt, warum es keinen gibt wie ihn. Keith Richards, der am 18. Dezember 2023 achtzig Jahre alt wird, hat musikalisch den Status des Klassikers und biografisch die Altersphase des Verknitterns erreicht, hat also nichts mehr zu beweisen und macht deshalb, was er will.

Bereits bei seinem ersten Soloalbum von 1988 sieht man, dass Richards auch alleine gute Sachen macht. Damals hing der Haussegen im Lager der Glimmer Twins mächtig schief: Mick Jagger war auf Solotournee und hatte das Interesse an den Rolling Stones vorübergehend verloren, Keith Richards reagierte sauer und stellte seinerseits eine eigene Band zusammen. Mit exzellenten Musiker wie Drummer Steve Jordan, Gitarrist Waddy Wachtel und Bassist Charley Drayton spielte er dann „Talk Is Cheap“ ein – eine ruppige Reise durch den musikalischen Kosmos des legendären Gitarristen, die deutlich zeigte, wer das musikalische Herz der Stones ist. Knorriger Rock („Take It So Hard“) wechselt hier ab mit rustikalem Funk („Big Enough“) und vitalem Rockabily („I Could Have Stood You Up“) und herzlichem Memphis Soul („Make No Mistake“. Das vielleicht beste Soloalbum eines Rolling Stone, dem man auch heute nicht anhört, dass es mehr als dreissig Jahre auf dem Buckel hat.

Dire Straits, On Every Street, 1991

Produzent/ Mark Knopfler

Label/ Vertigo

Alles, was nach den superben ersten vier Alben kam, trug zum Gigantismus des Dire-Straits-Phänomen bei und drohte zwangsläufig den integren Knopfler-Purismus der Gründerzeit gehörig zu verwässern. Der wurde dafür weitergepflegt auf Marks Soloprojekten, während die Band als massentaugliche Brothers-in-Arms ihren Sturmangriff durchzogen auf die CD-Einstellfächer der schmucken Yuppie-Schrankwände und die Portemonnaies der Gelegenheitskäufer.

Das letzte Dire Straits Album „On Every Street“ kommt zweigleisig daher: Da ist eine deutliche Verbeugung vor jedwedem zahlungskräftigen Musikhörer mit einer Vorliebe für gefällige Weisen, wogegen die meisten Titel dieses Albums sich spürbar um Rückkehr zur leisen Reinheit der Anfänge bemühen („Fade To Black“ oder der Titelsong bis zum Crescendo). „Ticket To Heaven, „You And Your Friend“ und auch die brilliante Single „Calling Elvis“ mit der in bester Dylan-Manier dahingenuschelten Collage von Presley-Songtiteln wurzeln tief im Boden der J. J. Cale- und Ry Cooder-Tradition. Die Songs erweitern darüber hinaus die musikalische und textliche Enge des Country-Blues durch kluge und penible Bearbeitung in der Stille der Meisterwerkstatt des uneitlen Mark Knopfler zu einer überzeugenden Form moderner Weltmusik, deren Qualität den Ohren auch heute noch Freude macht.

Bob Dylan, Love And Theft, 2001

Produzent/ Bob Dylan (unter dem Pseudonym Jack Frost)

Label/ Columbia

Nach vielen Jahren habe ich mir wieder mal „Love And Theft“ angehört, wo Dylan so schön berührend, innig und schön und auch dreckig singt, und einmal mehr weiss ich: Es geht um die Stimme. Es ist die Stimme, die den Sänger ausmacht. In Dylans Stimme höre ich sein langes Leben, seine Genialität, sein im Hier und Jetzt zu sein, überhaupt Mensch zu sein.

„Love And Theft“ ist ein grossartiges Album. Man kann auch sagen, dass sich Bob Dylan hier der amerikanischen Tradition versichern wollte. Und das tun er und seine agilen Begleiter auf „Love And Theft“ dermassen gründlich, dass das Album sich als einzige Abfolge von Zitaten, Verweisen, Anspielungen und Montagen erweist. Worauf Dylan, der Dieb der Traditionen, ja selber im Plattentitel verweist. Und wie so oft in seiner Karriere hat der Rückgriff auf die alten musikalischen Stile Amerikas zu einer Musik inspiriert, darunter Blues, Rockabilly, Country, Swing und Balladen nach der Manier von Tin Pan Alley. Der Mann mit der Maske spielt alte Lieder in neuen Texten, erzählt alte Stories in neuen Songstrukturen, was sich an manchen Stellen ziemlich verschroben anhört. Verschroben und ungemein sympathisch. Sympathisch vielleicht deshalb, weil das Dutzend Songs an vielen Stellen Humoresken beinhaltet. Kurzum: „Love And Theft“ ist für mich ein meisterliches Album des Meisters, eingespielt mit seiner besten Band seit The Band.