Bob Dylan, Love And Theft, 2001

Produzent/ Bob Dylan (unter dem Pseudonym Jack Frost)

Label/ Columbia

Nach vielen Jahren habe ich mir wieder mal „Love And Theft“ angehört, wo Dylan so schön berührend, innig und schön und auch dreckig singt, und einmal mehr weiss ich: Es geht um die Stimme. Es ist die Stimme, die den Sänger ausmacht. In Dylans Stimme höre ich sein langes Leben, seine Genialität, sein im Hier und Jetzt zu sein, überhaupt Mensch zu sein.

„Love And Theft“ ist ein grossartiges Album. Man kann auch sagen, dass sich Bob Dylan hier der amerikanischen Tradition versichern wollte. Und das tun er und seine agilen Begleiter auf „Love And Theft“ dermassen gründlich, dass das Album sich als einzige Abfolge von Zitaten, Verweisen, Anspielungen und Montagen erweist. Worauf Dylan, der Dieb der Traditionen, ja selber im Plattentitel verweist. Und wie so oft in seiner Karriere hat der Rückgriff auf die alten musikalischen Stile Amerikas zu einer Musik inspiriert, darunter Blues, Rockabilly, Country, Swing und Balladen nach der Manier von Tin Pan Alley. Der Mann mit der Maske spielt alte Lieder in neuen Texten, erzählt alte Stories in neuen Songstrukturen, was sich an manchen Stellen ziemlich verschroben anhört. Verschroben und ungemein sympathisch. Sympathisch vielleicht deshalb, weil das Dutzend Songs an vielen Stellen Humoresken beinhaltet. Kurzum: „Love And Theft“ ist für mich ein meisterliches Album des Meisters, eingespielt mit seiner besten Band seit The Band.

Wilko Johnson / Roger Daltrey, Going Back Home, 2014

Produzent/ Dave Eringa

Label/ Chess

Was für eine Paarung: Wilko Johnson, Ex-Gitarrist der britischen Pubrock-Institution Dr. Feelgood und Rocklegende Roger Daltrey (The Who). 2010 trafen sich beide an einer Preisverleihung. Sie kamen ins Gespäch und entdeckten gemeinsame musikalische Vorlieben. Wie The Who ein Jahrzehnt zuvor waren auch Dr. Feelgood vom Sound von Johnny Kidd & The Pirates („Shakin All Over“) beeinflusst. Deren Gitarrist Mick Green lieferte die Blaupause für Wilkos Stakkato-Stil.

Im Januar 2013 wurde bei Johnson Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert. Die Ärzte sagten ihm, dass er nur noch Monate zu leben hätte, und dass seine Situation hoffnungslos sei. Er entschied sich gegen eine Chemotherapie und ging auf Tournee. Und mit Daltrey ins Studio. Mit dabei Wilkos versierte Liveband (Blockheads-Bassist Norman Watt-Roy und Drummer Dylan Howe, dazu Keyboarder Mick Talbot ( Ex-Style-Council, Dexy’s.)

Das Album „Going Back Home“ enthält elf Songs, alle von Wilko Johnson, mit der Ausnahme von Bob Dylans „Can You Please Crawl Out Your Window“. Daltrey singt sich mit viel Herzblut durch diese Tour de Force. Es gibt Covers der Solid Senders-Tracks „Everybody Carrying A Gun“ und „Ice On The Motorway“, die Feelgood-Hämmer „All Through The City“ und „Keep It Out of Sight“. Wilko Johnson starb am 21. November 2022 im Alter von 75 Jahren.

Velvet Underground, Rock & Roll, 1970

Text/Musik/ Lou Reed

Produzent/ Geoff Haslam, Shel Kagan

Label/ Atlantic

In „Rock & Roll“ erzählt Lou Reed die Geschichte des Mädchens Jenny, das in New Jersey lebt und sich tödlich langweilt. Bis Jenny eines Tages im Radio einen New-York-Radiosender hört, der Rock’n’Roll spielt und sie davor bewahrt, sich umzubringen oder vor der Tristesse ihrer Kleinstadt zu kapitulieren. Doch nicht nur jener Jenny, sondern auch Lou Reed selbst hat Rock’n’Roll das Leben gerettet. Aus Angst, ihr Sohn könnte homosexuell sein, und weil seine Stimmung oft von einem Augenblick zum nächsten so sehr umschlug, dass sie sich Sorgen machten, schickten ihn die Eltern 1959 zu einem Psychiater, der ihm eine achtwöchige Behandlung mit Elektroschocks in einem Spital verschrieb. Seine Eltern fanden nichts dabei, ihn mit Stromstössen von jeglicher Abnormalität zu kurieren, denn schliesslich war so eine Therapie damals in Amerika ziemlich verbreitet.

Obwohl Lou Reed seinen Eltern nie verzieh, dass sie ihn mit Elektroschocks behandeln liessen, begab er sich 1970 nachdem er Velvet Underground verliess, erneut in ihre Obhut. Ein Jahr lang arbeitete er als Aushilfe im Büro seines Vaters, eines Steuerberaters. Dann kehrte er seinem Elternhaus definitiv den Rücken. Die Geschichte von Jenny, der Rock’n’Roll das Leben gerettet hat, ist auf dem vierten und letzten Studioalbum von Velvet Underground.

Rainer, Worried Spirits, 1992

Produzent/ Rainer Ptacek

Label/ Glitterhouse Records

Es müssen nicht immer junge, drogenabhängige Musiker sein, die für tragische Momente in der Musikgeschichte sorgen, sondern auch andere widrige Umstände können zum Tode führen, wenngleich das im Falle von Rainer Ptacek wohl im Gegensatz zu allen „Helden“ auf nicht allzu viel Widerhall stiess. Der im Juni 1951 in Ostberlin geborene Musiker, wanderte mit seinen Eltern im Alter von fünf Jahre nach Chicago aus. Am 12. November 1997 starb er an einem Hirntumor, das erstmalig 1996 diagnostiziert wurde. Monate zuvor verhiess eine erfolgreiche Therapie noch eine gute Prognose.

Die Zeit in Chicago hinterliess bei Rainer Ptacek bestimmt einige Blues-Spuren, doch vielmehr war der Umzug nach Tucson, Arizona in den frühen Siebzigern bestimmend für das, was sich musikalisch entwickelte. Rainer spielte in mehreren Bands bzw. mit Freunden wie Giant Sand und Howe Gelb. Diese Leute sind so ziemlich bewandert in allen amerikanischen Populärmusiken, ohne dass dafür eine grossartige an die Glocke hängbare Archäologen- und/ oder Archivar-Tätigkeit nötig gewesen wäre. Diese konservierte Tradition, die keine pathetischen Namen braucht, ist in Rainers Musik stark präsent.

Mit „Worried Spirits“ hat Rainer sein vielleicht bestes Album eingespielt, fast 72 Minuten mit instrumentalen Improvisationen und Solosongs. Sein Spiel auf der National Steel ist begeisternd, sein Songwriting mitreissend und die Stimme ein bis auf die Knochen schneidendes, intensives Instrument. Das ist Musik mit dem Feeling eines Ry Cooder in scheinbar intimer Atmosphäre eingespielt. Der Gesang klingt etwas unbeholfen nach Bob Dylan, aber beileibe nicht schlecht, sondern ausdrucksstark. Hier passt einfach alles zusammen – sehr schöne Musik, ohne Anspruch auf das Erreichen von Charts-Notierungen.

Tom Petty And The Heartbreakers, Damn The Torpedos, 1979

Produzent/ Jimmy Iovine, Tom Petty

Label/ Geffen

Das dritte Album von Tom Petty. Eigentlich gibt es über seine Musik nicht viel zu sagen, was nicht schon gesagt worden wäre: Es sind Liebeslieder, mal glücklich „Here Comes My Girl“, mal traurig „Don’t Do Me Like That“, mal zornig „What Are You Doing In My Life?“, und die Musik und Stimme von Tom Petty klingt wie die Byrds. Er spielt seine Gitarre hart phrasierend und im puren Rock’n’Roll-Feeling, in dem etwa bei „Century Girl“ durchaus ein Chuck Berry hätte Pate stehen können.

Die Arrangements sind dicht, aber vordergründig, klar, mit wenigen, meist als Auftakt oder Schluss, verspielten Akzenten, mal ist man langsam balladesk „You Tell Me“ und mal wieder ausgelassen Boogieorientiert, einmal noch „What Are You Doing In My Life?“, das auch ein auf Speed geratener J.J. Cale hatte schreiben können. Mit „Lousiana Rain“ klingt das Album dann stilgerecht Folk-Rock-mässig aus. Ich lege die Scheibe gerne auf, es lässt sich dabei so ungemein wohlig ausspannen. Sonst hätte ich eigentlich nichts mehr zu sagen.

Gov’t Mule, Revolution Come… Revolution Go, 2017

Produzent/ Warren Haynes, Gordie Johnson, Don Was

Label/ Fantasy Records

Oft wird Warren Haynes, Gitarrist, Sänger, Songschreiber von Gov’t Mule als „hardest working man in roots rock“ bezeichnet. Nach mehr als 30 Jahren und Tausenden von Konzerten muss die Band keinem mehr was beweisen. Souverän kombiniert sie auf „Revolution Come… Revolution Go“ Blues, Soul, Latin-Funk und Jazz mit Southern-Rock und bleibt stets innovativ. Besonders überzeugt hier – neben der stilistischen Breite- das starke Songwriting. „I’m here today because there’s somethings I wanna get off my chest“, singt Haynes in der Ballade „The Man I Want to Be“. Die Zeile ist nicht bloss das Statement eines Liebenden, sondern lässt sich auch auf die politisch gemünzten Aussagen im Titelstück und anderen Songs anwenden: „Stone Cold Rage“ („People talking about a revolution / People talking ‘bout taking it to the streets“) oder „Burning Points“ („All this rampant stupidity seems to be spreading like fire“).

Das sind keine klaren Statements, eher Ausdruck grossen Unbehagens. Musikalisch halten sich harter Bluesrock und Besinnlich-Autobiografisches wie „Dreams & Songs“ in etwa die Waage. „Revolution Come…Revolution Go“ ist für mich in seiner Vielseitigkeit eines meiner Lieblingsalben von Gov’t Mule.

Living Colour, Vivid, 1988

Produzent/ Ed Stasium, Mick Jagger

Label/ Epic

Die jungen, rauen Living Colour waren wie eine Band von einem anderen Stern. Kaum eine andere Band der späten Achtziger setzte den Begriff „Crossover“ so konsequent in die Tat um, verfügte über so viel Talent und konnte auf der Bühne so trefflich improvisieren. Das Debütalbum enthält den Kracher „Cult Of Personality“, der bei MTV im Tagesprogramm landete. Aber auch ein paar weitere Songs wie „Memories Can’t Wait“ und „Desperate People“ können überzeugen.

Phänomenal ist vorallem das Intensive Zusammenspiel des Quartetts. Will Calhoun und Muzz Skillings demonstrieren, welch unglaubliche agile Rock/Soul-Rhythmusgruppe sie sind und Sänger Corey Glovers Stimmumfang beeindruckt. Was auch immer er sich mal bei Prince abgeguckt hat, schreit er hier so druckvoll raus, dass sich das Nackenhaar sträubt. Und Gitarrist Vernon Reid ist ein begnadeter, origineller Vertreter seiner Zunft. Auf „Vivid“ gelangen Living Colour ein paar ausgefeilten Klanglandschaften und feurige Rhythmusattacken. Leider kamen alle späteren Werke nicht mehr an dieses phänomenale Debüt heran.

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Ray Wylie Hubbard, Dangerous Spirits, 1997

Produzent/ Lloyd Maines

Label/ Philo Rounder

Sähe er nicht aus wie der intellektuelle Bruder des Yeti, hätte er in den Siebzigern glatt als Reaktionär durchgehen könne. Der Song „Up Against The Wall, Redneck Mother“ machte den Okie Ray Wylie Hubbard quasi über Nacht berühmt. Die Mutter, die ihren Sohn dazu erzieht, in den Honky-Tonks Hippies zu verprügeln, das schrammte knapp an Merle Haggards „Okie From Muskogee“ vorbei. Doch der Text steckt voller Ironie – wie natürlich auch der von Haggard. Danach war lange nichts los bei Ray Wylie Hubbard ausser Alkohol und Drogen. Irgendwann schaffte es Hubbard von den Anonymen Alkoholikern, wo er seine zukünftige Frau kennenlernte, zu den bekanntesten Wahltexanern.

1997 erschien sein insgesamt achtes Album, das erste für Philo Rounder, und bis heute bestes. Hubbard selber zitierte Bob Dylan und Gram Parsons als wichtige Einflüsse. Die Kratzer in der Stimme, ein feiner Sinn für Ironie, Blues-Riffs, ein bisschen Bibel, eine dicke Scheibe Weltliteratur, dazu viel Autobiografisches und Erfundenes, das ebenso gut wahr sein könnte. Keine fade Songwriter-Introspektive, sondern Riff und Soli für alle. Und das alles aus einem Guss. Das muss man erst mal auf die Reihe kriegen.

Reverend Gary Davis, Harlem Street Singer, 1960

Produzent/ Kenneth S. Goldstein

Label/ Bluesville

Der legendäre blinde Ragtime-Gitarrist Gary Davis ( 1896 – 1972 ) beherrschte die Gitarre in mitreissender Perfektion. Sein differenziertes Können reicht von einfachen Fingerpicking-Methoden bis zu komplexen Linear- und rhythmischen Kontrapunkt-Techniken und weitschweifigen Variationen. Es ist ein Erlebnis, ihm zuzuhören! Seine Stücke baut er von einfachen Picks bis zu kompliziertesten Instrumentalstilen auf. Das Repertoire dieser Platte ist ebenso farbig wie ihre Interpretation: Ragtime-Piano-Imitationen, Kompositionen von Blind Blake sowie Blues und Rags aus den zwanziger- und dreissiger Jahren werden auf der Gitarre interpretiert.

Dieses – im Studio von Rudy Van Gelder produzierte – Album zeigt sorgfältig reflektiert die grossartigsten Momente eines hervorragenden Gitarristen mit unendlichem Reichtum an Improvisationsideen. Man muss diesen Könner gehört haben, um glauben zu können, dass es sowas wirklich gibt. Das Spiel auf sechs Saiten hat bei ihm den Klang eines ganzen Orchesters!

Willy DeVille, Miracle, 1987

Produzent/ Mark Knopfler

Label/ A & M

Das ist die Platte eines Mannes mit Dreitagebart und Unterhemd, die den Titel „Miracle“ trägt und obendrein von Mark Knopfler produziert und gitarrenmässig geprägt ist. Ein interessante Liason, die sich da im Schein einer zitronenfarbigen Glühbirne aufgetan hat, und sich leicht verwelkt charmant in dem abgenutzten Glauben von Willy DeVille an sich selbst verkörpert. Der getriebene Wahnsinnige, auf Spanisch kokettierende und schmachtende Kitschbruder hat hier in den Armen des Laid-Back-Spezialisten Mark Knopfler ein Heim gefunden.

Da gibt es diesen Traum von Hochzeit in „Heart And Soul“ mit einem Ave Maria, die Geschichte von „Spanish Jack“, der Gentleman, der Jim erschoss, weil er falsch pokerte und selbst eine Ballade vom „Southern Politican“, dem feisten faschistoiden Grossgrundbesitzer, der an Blumen schnüffelt und Kinder küsst, während gelynchte Neger im Kanal treiben. Und auch bei den rührenden Liebesballaden, kennt sich Knopfler aus in der Raffinesse der Stilistik. Willy brodelt und ächzt und schmiert sich nochmal Öl ins Haar und singt Van Morrisons „Could You Would You?“ als wäre es für ihn gemacht, und schraubt dann wieder korrekt rauchig-kratzig einen Gesang à la Lou Reed zusammen („Spanish Jack“), und immer hält Knopfler die Linie. Er hat sich viel Zeit genommen, um Willy DeVille das grosse weiche Kissen zu bieten, dass alle Übertriebenheiten, Romantizismen, die Anklagen an die Frau mit dem steinernen Herzen und die Feststellungen über die angebliche Herstellung von Sicherheit durch Waffenkontrolle in den USA „(Due To) Gun Control“ gleichermassen gleichklingend aufnimmt.