Billie Holiday, The Best Of Billie Holiday, 2015

Produzent/ John Hammond, Bernie Hanighen

Label/ Halidon Music

Die ideale Zusammenstellung mit Liedern von Billie Holiday gibt es nicht. Zwischen 1936 und 1959 hat sie rund 350 Titel mit unterschiedlichen Besetzungen eingespielt, wobei man den umstrittenen späten Aufnahmen schon deutlich das brüchige Timbre des gelebten Lebens anhört.  In den späten Dreissigern jedoch bis zum Höhepunkt ihrer Karriere in den Vierzigern hatte ihre Stimme ebenjene Mischung aus Seele und Swing, Musikalität und Verletzlichkeit, die sie neben Ella Fitzgerald und Sarah Vaughan zur wichtigsten Sängerin des Jazz heranreifen liess.

Aus armseligen Verhältnissen in Baltimore nach New York gezogen, hatte sie ihre ersten Engagements noch als Minderjährige in zweifelhaften Bars und Nightclubs, bis John Hammond sie entdeckte und 1933 an Benny Goodman vermittelte. Von da an ging es schrittweise bergauf, mit Engagements bei Count Basie, Artie Shaw und vorallem aber Teddy Wilson, mit dem in den späten Dreissigern berühmte Aufnahmeserien entstanden („My Man“, „Love Me Or Leave“). Es gelang ihr ausserdem, unter eigenem Namen ein prominent besetztes Orchester zusammenzuhalten, das neben der Basie-Rhythmusgruppe auch ihr frühes Alter ego am Tenorsaxophon, Lester Young, beschäftigte. Besonders beeindruckend wurde ein Song, den sie 1939 mit dem Orchester von Eddie Heywood aufnahm: „Strange Fruit“ war eine bittere Anklage an die Lynchjustiz, von Holiday mit einer Mischung aus Wut und Lakonik gesungen, die den Menschen Gänsehaut auf den Rücken trieb.

Diese Best-Of ist eine gute, wenn auch nicht ultimative Zusammenstellung mit Liedern von Lady Day. Denn die kann eigentlich nur in einer Gesamtausgabe ihrer Aufnahmen bestehen.

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Billie Holiday, God Bless The Child, 1941

Text/Musik/ Billie Holiday, Arthur Herzog

Produzent/ Unbekannt

Label/ Okeh

Billie Holiday interpretierte die Songs anderer Leute; eigenes Material schrieb sie selten. „God Bless The Child“ ist also eine Ausnahme. In ihrer Autobiografie „Lady Sings The Blues“ erinnert sich Holiday an eine der vielen heftigen Auseinandersetzungen mit ihrer Mutter Sadie, es ging ums Geld. Im Verlauf des Streits stiess sie das Sprichwort „God bless the child that’s got his own“ hervor. Diese Worte dienten ihr später als Startpunkt für ein Lied.

„God Bless The Child“ wurde am 9. Mai 1941 in New York aufgenommen. Die Band bestand aus Eddie Heywoods Orchester, mit drei Mann am Saxophon und Roy Eldrige an der Trompete. Heywood selbst sass am Klavier, Gitarre, Bass und Schlagzeug bildeten die Rhythmusgruppe.

Holiday beginnt den Song mit ihrer Interpretation einer Bibelstelle (Matthäus 25:29):  „Them that’s got shall get/ Them that’s not shall lose“ (Wer hat, dem wird gegeben, wer nichts hat, verliert alles). Geld lockt Freunde an, Armut vertreibt sie wieder. Das Kind jedoch, das auf den eigenen Beinen steht, ist immun gegen die Launen des Schicksals und kann sich glücklich schätzen. Holidays Bekenntnis zur Autarkie, gesungen mit wissender, aber verletzlich klingender Stimme und mit verhaltener Orchesterbegleitung, verfehlte seine Wirkung nicht. „Billie Holiday“, sagte Joni Mitchell 1998, „lässt dich den Gehalt und die Intention jedes Wortes verstehen, das sie singt, ob sie den Ton trifft oder nicht.“

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Billie Holiday, Summertime, 1936

Text/Musik/ George Gershwin

Produzent/ John Hammond

Label/ Columbia

„Summertime“ ist zunächst einmal die wichtigste, die zentrale Arie von „Porgy And Bess“. Die Komposition kommt in allen drei Akten vor, insgesamt vier Mal. Die späteren Jazz- und Popversionen beziehen sich speziell auf die erste Szene des ersten Akts der Oper – da singt Bess das hoffnungsfrohe Lied vom leichten Leben an einem Sommertag.

Die Stücke, die George Gerswhin für „Porgy And Bess“ komponierte, sind voller Hinweise auf Gospel und Blues, beziehen sich auf volkstümliche Musik speziell des US-amerikanischen Südens – und auf Dixieland und frühen Jazz. Die Ausnahme ist „Summertime“, das Gershwin auch als erste Komposition beendete. Die Idee für dieses Lied kam ihm bereits 1926, als er das ukrainische Wiegenlied „Ein Traum geht am Fenster vorbei“ hörte. Den melancholischen, eigentlich im Kontrast zum Text stehenden Grundton der osteuropäischen Komposition behält Gershwin bei. Er setzt das Stück jedes Mal kurz vor einem Todesfall ein, im ersten Akt fungiert es aber tatsächlich als Wiegenlied.

„Summertime“ wird bis heute immer wieder neu aufgenommen. Ein erstes Mal landete das Wiegenlied bereits 1936 in der Hitparade: Billie Holiday schaffte es mit ihrer Version auf Platz zwölf. Die Menge der hervorragenden, hörenswerten Varianten ist unüberschaubar, erwähnt seien hier die Versionen von Sam Cooke, Al Martino und Ricky Nelson. Kommerziell besonders erfolgreich und besonders ungewöhnlich ist die Aufnahme des Soulsängers Billy Stewart von 1965, der den Song als imposante Scat-Nummer zelebriert.

Hörenswert ist auch die raue Version von Janis Joplin aus dem Jahr 1969, an die man sich vielleicht zuerst einmal gewöhnen muss. Aber gerade diese eigenwillige, aggressive und fast bis an die Schmerzgrenze reichende Stimme hat für mich etwas faszinierendes. Zudem ist ihre Interpretation dieser Gershwin-Komposition ein Zeitdokument, das die damalige Stimmung bestens trifft.