PJ Harvey, Let England Shake, 2011

Produzent/ Flood, Mick Harvey, John Parish, PJ Harvey

Label/ Island Records

Kein PJ-Harvey-Album tönt wie das letzte, das war schon immer so. Man nehme nur schon die letzten Alben. Zuerst „White Chalk“, wo sie ihre Stimme erstmals in einem höheren Register erzwitschern liess und dazu neue post-folkige Saiten aufzog. Darauf folgte das beefheartig-speerige und laute „A Woman A Man Walked By“ an der Seite des alten Mitstreiters John Parish.

Parish ist auch auf „Let England Shake“ dabei, mit Mick Harvey, Jean-Marc Butty und Co-Produzent Flood. Und nie zuvor hat PJ Harvey einen mutigeren Seiten-, Quer- oder Weitsprung gewagt. Denn zum ersten Mal drehen sich ihre Texte nicht primär um ihre Innenwelt. Inspiriert von den englischen War Poets des ersten Weltkriegs, nimmt sie diesen als Ausgangspunkt für eine Reihe von vagen und doch emotional treffenden Beobachtungen über die Seele der heutigen Nation. Die Stimme hat sich in den hohen Lagen nun erst richtig eingenistet, kein Harvey-Album hat zudem mit so vielen so herrlichen Melodien aufgewartet („All And Everyone“!). Dabei ist die begleitende Musik durchwegs „versöhnlich“ eingestimmt. Aber irgendwie versteht es das Ensemble, den folkig-rockigen Grundton mittels Autoharp, Posaunen, Mellotron und Rhodes so weit von den ausgetreten Pfaden abschweifen zu lassen, dass man sich ständig wieder beim staunenden Gedanken ertappt, so etwas wirklich noch nie gehört zu haben. Sublim.

PJ Harvey, Inside the Old Year Dying, 2023

Produzent/ Flood, John Parish, PJ Harvey

Label/ Partisan

Polly Jean hat immer gern Theater gespielt. Auch als Kind schon, als sie sich von ihren Spielkameraden noch Paul nennen liess und wilde Geschichten erfand, die sie zusammen performen könnten. Zumindest geht so die Legende. Und wenn es um PJ Harvey geht, wie die Welt Polly Jean heute kennt, gibt es nur die Legende. Es gibt die grosse Legende, die sie selbst von sich geschrieben hat – die einer freien, mutigen, getriebenen Künstlerin, die es während ihrer 30-jährigen Karriere immer irgendwie geschafft hat, musikalisch relevant und unabhängig zu bleiben. Und es gibt die kleinen Legenden, meist von anderen geschrieben, über die „wahre“ Polly Jean Harvey, die in einem so krassen Gegensatz zu ihrem öffentlichen Ich zu stehen scheint.

Auch PJ Harveys neuem Album „ Inside the Old Year Dying“ wohnt etwas Geheimnisvolles inne, das sich wohl vor allem aus diesen Zwischenräumen nährt. Das Album kommt textlich so verschlungen und musikalisch so geerdet daher, dass es wie eine elektronisch angereicherte Weiterentwicklung von Bob Dylans literarisch ambitionierten Folk-Variationen wirkt. Die zwölf Songs sind eine Auseinandersetzung mit dem Leben auf dem Land, den Naturgewalten, denen man dort ausgesetzt ist, und dem schleichenden Gefühl, ein Spielball grösserer und archaischer Mächte zu sein.

Zufällig hat Harvey diese Thematik nicht gewählt. Kein Ort in Grossbritannien ist so geheimnisvoll wie der Südwesten, wo sie 1969 zur Welt kam. Von den vielen Steinkreisen in dieser Region, wo auch die letzte Ruhestätte des mythischen Königs Arthur vermutet wird, ist Stonehenge nur der bekannteste. Aber bei weitem nicht der grösste.

PJ Harvey lebt seit einiger Zeit wieder in ihrer Heimat Dorset. Der Rückzug aufs Land hat ihrer Kreativität gutgetan: In den letzten Jahren war Harvey als Filmkomponistin, Spoken-Word-Künstlerin und als Bildhauerin aktiv, ihre Musik ist spannender denn je. Nach „Let England Shake“ (2011) und „The Hope Six Demolition Project“ (2016) hat Harvey mit „Inside the Old Year Dying“ das dritte Meisterwerk in Folge veröffentlicht. Man könnte von einem Hattrick in Zeitlupe sprechen.

PJ Harvey, Dry, 1992

Produzent/ Rob Ellis, PJ Harvey

Label/ Island

PJ Harveys „Dry“ verwaltet Adoleszenz-Emotionen der gehobenen Sorte mit der gebotenen Sorgfalt: hocherotisch, hochkomplex und sick of postmodernism. Die Direktheit und Gereiztheit dieses Albums lässt sich nicht das intellektuelle Vergnügen einiger formaler Scherze nehmen. Polly Jean Harvey hätte auch als Songwriterin mit Klampfe reüssieren können. Doch hält dieser Folkfrieden nie lange, denn das Prinzip der Stücke ist formale Strenge, (abstrakte Titel, aber kontrastierte Songabläufe, Konzentration auf wenige, aber heftige Stilmittel) unemotionale Dichte (Steigerungen, Dramatik, extreme Lautstärke und Tempogegensätze).

PJ Harvey war die Indie-Lieblingsfrau der 90er Jahre. Sie verbreitete damals das Gefühl neuer und neu eroberter Möglichkeiten „individuellen Ausdrucks“. Da war in den 80ern solange abgearbeitet, zitiert und relativiert worden, dass man ein Jahrzehnt später plötzlich richtig frisch aus dem Schatten von Captain Beefheart und Patti Smith treten konnte und das Rock-Individuum neu erfinden. Aber wahrscheinlich können das nur Frauen (Gegenbeispiele sind kaum bekannt).