XTC, Drums And Wires, 1979

Produzent/ Steve Lillywhite

Label/ Virgin

Die Cover von XTC-Alben sind hervorragend gestylt, im krassen Widerspruch dazu steht das Aussehen der Band: ungewaschene Oberschüler mit romantischen Neigungen zum Proletariat? Drogensüchtige Mitglieder einer englischen R&B-Band der mittleren 60er? Auf der Bühne sind sie völlig überdreht, immer eine Spur zu schnell („He has the rythm in his head“). Aber vorallem fehlte ihnen ein charismatischer Leadsinger, eine Identifikationsfigur für die orientierungslose Jugend. Bands machen sich nur einen Namen, wenn sie optisch ein Image haben. Eben. Aber XTC haben tatsächlich ein paar gute Alben gemacht. Sie haben intelligente Texte und atemberaubende Kompositionen, so ist z.B.  „Making Plans For Nigel“ eine geniale Nummer über dominante Eltern mit herrlich verdrehten Drumpattern und einem guten New-Wave-Gitarrenriff.

„Drums And Wires“ war so etwas wie eine Antwort auf Joe Jackson, Police, Squezze etc. Dass XTC nie wirklich eine New-Wave-Band waren, tut nichts zu Sache. XTC-Songs sind Pop-Songs, sie haben aber dieses Unbekannte in der Formel. Morbidität, Alkohol, sozialistischer Realismus und Werbegrafik. Eine einmalige Mischung. Jenseits von Musikalität und Cleverness gibt es ein Moment im Bewusstsein dieser Gruppe, das neu ist.

XTC, Dear God, 1986

Text/ Musik/ Andy Partridge

Produzent/ Todd Rundgren

Label/ Virgin Records

In dem Song „Dear God“ schreibt jemand einen Brief an den lieben Gott, nur um ihm mitzuteilen: „I don’t believe in you“. In dem Paradox, jemanden persönlich zu adressieren, von dem man annimmt, dass es ihn gar nicht gibt, spiegelt sich ein anderes häufig formuliertes Paradox wider: die scheinbare Unvereinbarkeit der Existenz Gottes mit all den schlimmen Dingen, die auf der Welt geschehen. Wenn es einen Gott gibt, so der bekannte grundsätzliche Gedankengang, wie kann er all die Kriege, Verbrechen, Grausamkeiten, Unglücke und Naturkatastrophen zulassen, durch die seit ewigen Zeiten unzählige Menschen schuldlos sterben und leiden?

Die erste Strophe wie auch der Schluss des Songs werden von einem Kind gesungen. Erst mit der zweiten Strophe setzt XTC-Sänger Andy Partridge ein. Mit dem Einsatz der Erwachsenenstimme wird auch der Ton des Briefes schärfer: „Lieber Gott, sorry wenn ich störe, aber wenn ich all die Menschen sehe, die sich wegen Dir bekriegen, dann kann ich nicht an Dich glauben. Auf einen Zwischenteil mit erneut in Richtung Paradox zielenden Fragen wie „Hast Du die Menschheit geschaffen, nachdem wir Dich geschaffen haben?“ („Did you make mankind after we made you?“) folgt eine weitere Strophe, in der es um die Bibel geht. Gott sei darin recht häufig erwähnt, er solle sich das Buch mal genauer anschauen. Geschrieben worden sei es von uns verrückten Menschen, die Gott nach seinem Ebenbild geschaffen habe und die tatsächlich glaubten, der „ganze Mist“ („that junk“) sei wahr.

XTC, Black Sea, 1980

Produzent/ Steve Lillywhite

Label/ Virgin

Ja, XTC waren eine gute Pop-Band. Die einzige Gruppe, die wirklich die Balance zwischen den Residents und Monkees zu halten wusste, bei der jeder Einfall so logisch wie überraschend kommt. Die Songs auf „Black Sea“ enttäuschen, wie schon bei „Drums And Wires“ (1979), kein bisschen, nur die Produktion ist reifer geworden: Der Einsatz von Terry Chambers charakteristischem Schlagzeug, die Dubs, Echos und Halleffekte. Andy Partridges Vokalartistik. XTC waren durch diese Platte auch ein bisschen populärer geworden, nicht zuletzt durch die beatlesquen Harmonien etwa auf „General And Majors“ oder „No Language In Our Lungs“. Beatles- und Kinksähnlich auch immer die Mischung aus Rauhheit und Emotionalität.

In „Respectable Street“ zum Beispiel. Nach dem gesprochenen in einer gebrochenen Stimme vorgetragenen Intro (Albumversion), laubsägelt eine verzerrte Gitarre ein Powerriff, in das Schlagzeug und Bass fallen. Partridge schiebt gleich den Refrain nach: „Heard the neighbour slam his car door. Don’t he realise this is a respectable street. What d’you think he bought that car for‘. Cos he realise this is a respectable street“.  Im Prolog, der gegen Ende des Songs wiederholt wird, kommentiert der Sänger die Nachbarn, im Refrain zitiert er sie. In den Strophen führt er ihre Klagen aus und mischt sich kommentierend ein.

„Black Sea“ ist eine Platte, die mich damals beim ersten Anhören restlos überzeugt hat, die ich aber auch heute noch gerne höre. Wer allerdings bei einem Song wie dem quirligen “Living Through Another Cuba“ oder „Optimism’s Flames“ nicht begeistert ist, wird sich nie mit XTC anfreunden.