Tom Waits, Bad As Me, 2011

Produzent/ Tom Waits, Kathleen Brennan

Label/ ANTI-Records

Wer 2011 auf diesem Album von dem 61-jährigen Tom Waits Altersmilde erwartet hatte, wurde bereits im Opener eines Besseren belehrt: „Chicago“ ist eine furiose Fusion aus Minimal Music und Bluespunk, getrieben von einer fiesen Orgel, glühenden R’n’B-Bläsern und den dürren Licks von Keith Richards und Marc Ribot. Und wenn Waits im Titeltrack das aufzählt, was alles „bad“ ist an ihr und ihm, also weshalb sie so gut zusammenpassen, ist man längst schon aufgesprungen – und geniesst die 45 Minuten währende Höllenfahrt durch seinen grotesken Kosmos. „I’m the detective up late / I’m the blood on the floor/ I’m the mattress in the back / I’m the old gunnysack/ No good you say?/ ha, ha, ha .. that’s good enough for me.“

So läuft es weiter und weiter mit diesem Album. Tom Waits zieht alle Register, von den schmutzigen Barjazz-Balladen und den Beatnik-Posen seiner Anfänge über verzweifelten Rockabilly, schroffen Vorkriegssblues, bizarr verfremdetem Tin-Pan-Alley-Kitsch bis hin zu schwindelerregenden Experimenten. Auch die Soundpalette ist dank Waits‘ Sinn für ausgefallene Instrumente und Geräusche reich und seine Texte von schwarzhumoriger Schärfe. Auf „Bad As Me“ unternimmt Tom Waits nicht den Versuch, sich neu zu erfinden – aber er bleibt unvorhersehbar und kompromissloslos. Altersstarrsinnig eben.

The Kinks, Muswell Hillbillies, 1971

Produzent/ Ray Davies

Label/ RCA Records

Weit mehr als die Beatles, die Stones oder die Who hatten die Kinks eine dauerhafte Beziehung zu London. Ray Davies verbrachte seine prägenden Jahre im Stadtteil Muswell Hill, und viele seiner Songs sind in London angesiedelt, darunter „ Dedicated Follower of Fashion“, „See My Friends“ und natürlich der Klassiker „Waterloo Sunset“. Das 1971 erschienene Album „Muswell Hillbillies“ ( das Cover zeigt die Band in der Archway Tavern in Holloway) erzählt traurige Geschichten rund um London, von Arbeiterfamilien, die aus dem Krieg zurückkehrten, um die zerstörte Stadt wieder aufzubauen. Geschichten, die viel mit den beteiligten Musikern zu tun hatten, wie Ray Davies selber sagte: „Muswell Hillbillies“ ist eines meiner Lieblingsalben. Es ist so eine Art Hintergrundgeschichte der Familie Davies und der beteiligten Charaktere.“

Auf „Muswell Hillbillies“ gibt es keine Hits wie „Lola“ oder „Sunny Afternoon“, sondern Musik die deutlich in Richtung Country, Blues und Stones-Rock tendiert. Es ist kein Album so zum nebenher Hören. Es erschliesst sich erst nach mehrmaligem aufmerksamen Hören und Nachverfolgen der Songtexte. So etwas mag out sein, aber das Album verspricht durchaus Genuss, wenn man erst einmal einen Draht dazu gefunden hat. 

Tom Petty And The Heartbreakers, Mojo, 2010

Produzent/ Tom Petty, Mike Campell

Label/ Reprise

„Hoodoo“, „Gris-Gris“, „Mojo“ – das sind einfach verschiedene Namen für dasselbe Ding: ein Talisman, der ewige Jugend und Lebenskraft verspricht. Wenn das „Mojo“ funktioniert, dann läuft auch das Leben. Dass ein alternder Rockstar wie Tom Petty sein 12. Album „Mojo“ getauft hatte, machte also durchaus Sinn. Dass sich Petty für diese Hommage seine altgediente Band The Heartbreakers geholt hatte, lag ebenso auf der Hand. Mit einigen der Musikern spielte Petty schon als Teenager zusammen. Die Ausgelassenheit dieser Klassenzusammenkunft, wo alte Kollegen ohne Erwartungsdruck ihre Verstärker anwarfen, versuchte Petty auch auf sein neues Album zu übertragen.

Für die „Mojo“-Session traf man sich deshalb im „Clubhaus“ der Heartbreakers. Man setzte dabei auf die Power der Livedarbietung und verzichtete auf Studiobasteleien. Entsprechend handgemacht präsentiert sich das Album. Die famose Eröffnungsnummer „Jefferson Jericho Blues“ rattert los wie Bob Dylan am Anfang seiner elektrischen Phase: Schlagzeug und Bass unterlegen einen Shuffle-Beat, der Sänger näselt, die elektrische Gitarre kreischt, und im Hintergrund wabert die Hammondorgel. Hier wird der elektrische Blues der schwarzen Musik beschworen, wie er einst in den Chess-Studios von Chicago erfunden wurde. Doch ganz so ungezwungen, wie sich das Petty gewünscht hatte, klingt „Mojo“ nicht. Da sind die Texte, die über die Einsamkeit des Langstreckenläufers auf dem Highway des Lebens sinnieren, da sind melancholische Abstecher zum Sound der Doors und zum Bluesrock von Led Zeppelin. Man wird den Eindruck nicht los, dass hier ein paar ausgewiesene Musiker ihre Berufskollegen mit brillantem Handwerk beeindrucken wollten. Dennoch: Tom Petty gehörte zu jener raren Sorte von Rockmusikern, deren Songs im gleichen Rhythmus wie sie altern. Und dass man sich im Alter einen eigenwilligen, kantigen Sound leisten darf. „I’m slowing down a little bit“, singt Petty in „Taking My Time“, und man nimmt ihn gern beim Wort. „Mojo“ funktioniert noch immer.

Au Pairs, Playing With A Different Sex, 1981

Produzent/ Ken Thomas, Martin Culverwell, Au Pairs

Label/ Human Records

Die Au Pairs aus Birmingham waren eine Band, die einem sozialistischen Ideal nacheiferte. Sie taten das mit der gebotenen Vorsicht, die eine veränderte historische Situation bietet, mit einer Intelligenz, die weiss, dass es sich nicht über alle Widersprüche sprechen lässt, wenn man beim Konsumenten den Wiederholungsekel vermeiden will. Die Songs „Headache“ und „Armagh“ (über Folter in britischen Frauengefängnissen) sind gute Beispiele für diese Sensibilität gegenüber überforderten Formen. Der einzige Fremdtitel, Bowies „Repetation“ über einen gescheiterten Mann, der seine Enttäuschung an seiner Frau auslässt fügt sich nahtlos in die Betrachtungsweise von „Playing with a Different Sex“ ein.

Das Cover zeigt Vietnamesinnen im Manöver. Frauen im Spiel mit dem anderen Geschlecht. Sängerin Lesley Wood ist der entscheidende Faktor, der die schöne, klug arrangierte und komponierte Reggae-erfahrene moderne englische Musik auf ein aussergewöhnliches Niveau hebt.

Copperhead, 1973

Produzent/ David Brown

Label/ Columbia

Es gibt vergessene Meisterwerke der Rockmusik. Copperhead gehört mit Sicherheit zu ihnen. Copperhead war das erste Projekt, das Spitzengitarrist John Cipollina nach Auflösung von Quicksilver Messenger Service anging. Der am 24. August in Berkley, Kalifornien geborene und am 29. Mai 1989 in San Francisco gestorbene Cipollina war einer der profiliertesten Westcoast Gitarristen und galt bei vielen schon Anfang der 70er Jahre als „der letzte Hippie“.

Als Gitarrist war Cipollina eine Kultfigur, die von ihren Anhängern endloser Solo-Improvisationen wegen bedingungslos verehrt wurde. Die 1973 veröffentlichte erste LP von Copperhead zeigte aber bereits, dass Cipollina diszipliniert genug war, sich der Form des Rocksongs anzupassen. Das macht einen wesentlichen Teil der Qualität dieser Platte aus. Denn die Songs waren interessant und in sich stimmig. Jeder für sich ein kleines Juwel. Und schliesslich war da auch der Hauch von West Coast, zunächst nicht vordergründig, aber er war da. Unwillkürlich erinnert man sich an Bands wie Love oder Sons of Champlin.

Die Original-LP wurde unter dem Label „Underground“ vermarktet und verkaufte sich schlecht. Und bei der CD von 1993 war es genauso, sie war kurz nach Veröffentlichung wieder in den Wühlkästen gelandet. Viel Spass also beim Hören von dieser wunderschönen Platte von Copperhead und bitte nicht mit den gleichnamigen Southern-Rocker verwechseln.

The Allman Brothers Band, Brothers and Sisters, 1973

Produzent/ Johnny Sandlin, The Allman Brothers Band

Label/ Capricorn

„Born Under A Bad Sign“, dieser klassische Bluesstitel von Albert King, schien wie ein böses Omen über der Allman Brothers Band zu stehen. Nachdem Duane Allman während den Aufnahmen zu „Eat A Peach“ starb und Berry Oakley nur bei zwei Stücken von diesem Album mitspielte, bevor er verunglückte, hatte dann auch der Schlagzeuger Butch Trucks einen schweren Unfall. Um so erfreulicher, dass „Brothers and Sisters“, das mehr als ein Jahr bis zur Fertigstellung brauchte, dann schon bald auf Nummer Eins der amerikanischen Charts stand.

Auf dem Album bewegen sich die Allman Brothers immer mehr vom klassischen Blues fort und in Richtung von The Band und der Grateful Dead, deren Essenz ein weisser Country Rock ist. Bestes Beispiel dafür ist „Ramblin‘ Man“, dessen Rhythmus wie der Motor eines „Rigs“ , einer dieser riesigen amerikanischen Überlandlasters, klingt. Darüber legen Les Dudek und Richard Betts klare fliessende Melodielinien. Der zweite Höhepunkt des Albums ist die Instrumentalnummer „Jessica“, deren singendes Riff ein Gefühl der Freude und Leichtigkeit vermittelt. Wieder ist es das Zusammenspiel von Dudek und Betts, das dieses Stück so heraushebt. „Southbound“, ein Blues im Stil von Junior Wells, mit harter aufbauender Bassfigur, geben Betts und dem mit viel Einfühlungsmöglichkeiten spielenden Pianisten Chuck Leavell Möglichkeiten für gute Soli. „Jelly Jelly“ erinnert sehr an „Stormy Monday Blues“.

Die Vorderseite des Covers von dem kleinen Jungen mit dem rostbraunen Pulli und der Cordhose, versunken in die Untersuchung des frühherbstlichen Laubes auf einem Spiel- oder Sportplatz in der Provinz, zeigt ein Foto von Valor Trucks, dem Sohn vom Schlagzeuger Butch Trucks, während auf der Rückseite ein Foto von Brittany Oakley zu sehen ist, der Tochter des Bassisten Berry Oakley.

Pixies, Doolittle, 1989

Produzent/ Gil Norton

Label/ Elektra Records

Es gibt Leute, die halten „Surfer Rosa“ für das beste Album der Pixies. Vielleicht haben sie recht. Die von Steve Albini akribisch eingebügelten Ecken und Kanten haben wohl massgeblich dazu beigetragen, dass „Surfer Rosa“ damals (von der Jugend!) als ursprünglich und elektrisierend aufgenommen wurde. Doch der grosse Hit, der Klassiker, der Evergreen ist „Doolittle“. Das war die Platte, auf die sich damals alle einigen konnten. „Doolittle“ warf Wellen weit über die Grenzen des Undergrounds hinaus, hinterliess tiefe Spuren, beeinflusste viele Bands und bereitete nicht zuletzt den Grunge vor.

Die bluesigen, knarzigen, schmeichelnden und krachigen Entlehnungen aus dem Rock’n’Roll-Schatz sind wundersam artgerecht, lebendig – und meistens entstehen daraus kurze und kurzweilige Songs. Manchmal macht der Bass die Melodie, manchmal ist es die Gitarre, manchmal der Gesang, manchmal alle drei. „Debaser“, „Here Comes Your Man“ und „Monkey Gone To Heaven“ sind die Evergreens, aber keiner der 15 Songs fällt ab. Das liegt nicht zuletzt an der Produktion von Gil Norton: Sie ist geschliffen und geschmeidig, rückt alle Instrumente gleichberechtigt in den Vordergrund und holt den Pop-Appeal jedes Songs aus dem Krach. „Doolittle“ ist kein Punk, der sich als Pop ausgibt, sondern Pop der sich hie und da als Punk gebärdet. Und die Pixies wirken auf dem Album immer freundlich und gut gelaunt, egal wie laut der damals schon zu gemütlicher Rundlichkeit neigende Black Francis brüllt, keift und wütet und wie heftig die Gitarren krachen.

„Doolittle“ ist ein Klassiker, kein Zweifel, eine massgebende Platte der späten 80er Jahre und vorallem ein unverwüstlicher Evergreen, der heute nicht weniger frisch klingt wie damals.

Randy Newman, Little Criminals, 1977

Produzent/ Lenny Waronker, Russ Titelman

Label/ Reprise

Randy Newman hatte mit „Short People“ ziemlich Schwierigkeiten bekommen, der Song durfte beim Erscheinen von den US-Radio-Stationen nicht gespielt werden. Wenn es nun simpel gegen kleinwüchsige Menschen ginge, wäre das auch eine vernünftige Entscheidung; aber so schlicht wird man Randy Newman wohl nicht interpretieren dürfen. Wenn in seinem Song Zeilen vorkommen wie „They walk around / Tellin‘ great big lies…“ liegt die Interpretation nahe, dass er sich allgemein kritisch mit dem sogenannten „Kleinbürger“ auseinandersetzten will, dem Spiesser. Ausserdem heisst es im Text „Short people are just the same / As you and I /(A fool such as I) / All men are brothers / Until the day they die / (It’s a wonderful world)“ – der Song bemüht sich also um Empathie, vielleicht ist auch Selbstkritik mit dabei.

„Short People“ ist bereits ein starker Opener für „Little Criminals“, aber auch die übrigen Titel sind beeindruckend. „Sigmund Freud’s Impersonation Of Albert Einstein In America“ und das brillante „Baltimore“ sind zeitlos schöner Pop. Randy Newmans Melodien schleichen sich ganz unaufdringlich ins Ohr, teilweise sogar richtig zuckersüss („I’ve always been crazy bout irish girls“), aber wenn man dann anfängt, auf die Texte zu achten, ist es so, als ob man einen mit dem Hammer verpasst bekommt. Sarkasmus pur, Ironie, böse Kritik. („We’re Rednecks“) Am Fiesesten und überhaupt schön ist „In Germany Before The War“ „In Germany before the war/ there was a man who owned a store/in nineteen hundred thirty four in Düsseldorf“. Angeblich soll der Kindermörder Fritz Haarmann hier Pate gestanden haben…

Captain Beefheart & The Magic Band, Bluejeans & Moonbeams, 1974

Produzent/ Andy DiMartino

Label/ Virgin Records

Die beste Phase von Beefheart ist von „Safe As Milk“ bis „Lick My Decals Off Baby“. Was diese frühen Platten zu solchen Lichtjahre entfernten Meisterwerke macht, kommt nicht nur aus der Persönlichkeit Beefhearts, sondern auch aus der Spontanität der Magic Band, von Leuten wie Zoot Horn Rollo, Antennae Jimmy Semens, Rockette Morton usw. Auf „Bluejeans & Moonbeams“ ist von damals niemand mehr dabei und die Band spielt so wie es Beefheart vorschreibt, und das offenbar minutiös. Natürlich hatte es der Captain irgendwie auch schwer. Spielte er experimentell, mochten ihn die Fans, aber die Platten verkauften sich schlecht. Wenn er dagegen harmonischen Deltablues spielte, wurde er von den Fans zerrissen. Auch 1974, als er „Bluejeans & Moonbeams“ herausbrachte, wurde ihm ein Stilwechsel nicht gestattet. 1985 wandte er sich schliesslich völlig von der Musik ab, und widmete sich nur noch der Malerei, wenngleich auch mit grossem Erfolg.

Aus heutiger Sicht wirkt „Bluejeans & Moonbeams“ sehr facettenreich. Der Captain ist in bester Form, in der besten seit den besagten Alben. Als Sänger ebenso wie als Songwriter. Natürlich kam man ihm Selbstplagiat vorwerfen, aber man darf ihn auch nicht ewig an ein Werk vom Kaliber „Trout Mask Replica“ messen. Das war zwar in der Tat ein aussergewöhnliches Album, aber wahrscheinlich für 90 Prozent der Weltbevölkerung unhörbar. „Bluejeans & Moonbeams“ hingegen ist kein aussergewöhnliches, aber es kommt aus heutiger Sicht doch klar als ein bodenständiges Bluesalbum daher. Unabhängig von anderen Beefheart Alben wahrgenommen, ist es also durchaus empfehlenswert nach 50 Jahren dem Album wieder eine Chance zu geben, sich reinzuhören und vielleicht festzustellen, das auch diese Scheibe ihre eigenen Reize hat.

Velvet Underground, VU, 1985

Produzent/ Velvet Underground

Label/ Verve

Das Ausgraben von Schätzen hat immer seine Tücken. Oft ist es kein Vergnügen sich anzuhören, was da aus irgendeinem Loch an 180 Demobändern hervorgezerrt und veröffentlicht wird. Es wäre also auch kein Vergnügen, wenn man über die Veröffentlichung dieser Sammlung von Velvet-Underground-Stücken sagen müsste, das sei reine Nostalgie gewesen.

Natürlich waren all diese Songs 1985 bereits Geschichte. Es handelt sich um die sanfte Phase der Velvet Underground in den Jahren 1968/69 kurz vor der Auflösung der Band, die einen fast ätherisch zu nennenden Song wie „Ocean“ überhaupt entstehen lassen konnte. John Cale ist nur noch bei zwei Stücken vertreten. Doch er beweist, dass er keineswegs der reine Experimental- und Geräusch-Berseker der Velvet Underground war, so wie er in dem Lied „Stephanie Says“ seine Viola spielt.

Doch nachdem er gegangen und von Doug Yule ersetzt worden war, konnte Lou Reed unterstützt von der grandiosen Schlagzeugerin Maureen Tucker, mit der er zusammen das spinnwebfeine „I’m Sticking With You“ singt, und dem gleichgültigen Sterling Morrison noch ungezwungen sanftmütiger und zerbrechlicher sein. Das Resultat sind einige der besten Songs, die er je gemacht hat. Diese Schätze sind wirklich Schätze, Klassiker also, und gehören deshalb nicht ins Archiv, sondern immer wieder gespielt.