Bruce Springsteen, Downbound Train, 1984

Text/Musik/ Bruce Springsteen

Produzent/ Jon Landau, Chuck Plotkin

Label/ Columbia

Mit „Nebraska“ war’s ganz einfach: Springsteen schien vom Mythos des Amerikas der Pioniere Abschied zu nehmen, wenn auch trauernd. Aber mit „Born in the U.S.A.“ war die Sache erstmal ausgestanden. Die lärmigen Stücke langweilen schnell, weil Harmonien, Akkorde und die Melodieführung sich zu sehr gleichen. Das Album „Born in the U.S.A.“ machte Springsteen zum Stadionmusiker und setzte ihn dem Verdacht aus, den Reagan’schen Patriotismus zu feiern, gegen den er ansang. Im Hintergrund seiner Konzerte wehte die amerikanische Flagge. „Fahnen sind sichtbar gemachter Wind“, hat Elias Canetti geschrieben, und der Wind, der durch Springsteens Flagge wehte, kam aus gegensätzlichen Richtungen.

Am meisten gefällt mir „Downbound Train“, eine Verlassensballade im Tonfall getragener Verzweiflung, langsam und schwer, die letzte Strophe erzählt wie eine Kurzgeschichte, frei von Ironie, grossartig in ihrem Pathos: „ Last night I heard your voice/ You were crying, crying, you were so alone/ You said your love had never died/ You were waiting for me at home/ Put on my jacket, I ran through the woods/ I ran ‚til I thought my chest would explode/ There in a clearing, beyond the highway/ In the moonlight, our wedding house shone/ I rushed through the yard/ I burst through the front door, my head pounding hard/ Up the stairs, I climbed/ The room was dark, our bed was empty/ Then I heard that long whistle whine/ And I dropped to my knees, hung my head, and cried“.

Es ist, als würden diese Worte sagen, dass sich nichts ändern wird, niemals, was auch immer der Sänger träumt und hofft und denkt.

Lou Reed, This Magic Moment, 1995

Text/Musik/ Mort Shuman, Doc Pomus

Produzent/ Lou Reed

Label/ Rhino Records

„This Magic Moment“ war 1960 – mit Ben E. King als Leadsänger – ein Hit für die Drifters. 1968 gab es eine schnulzige Coverversion von Jay and the Americans und 1969 wurde der Song nochmals von Marvin Gaye interpretiert. Lou Reed hatte „This Magic Moment“ 1995 aufgenommen für das dem 1991 verstorbenen Songschreiber Doc Pomus gewidmete Tribute-Album „Till The Night Is Gone“.

Reed versuchte den Song, und das von den Drifters verbreitete Gefühl des Wunderbaren, aus der dumpfigen Grube des Hipster-Zynismus herauszuholen, doch er war nur mit halbem Herzen bei der Sache – seine Performance war mehr ein Studie in Sachen Coolness, als ein Unsere-Liebe-wird-nie-enden-Versprechen. Reeds Aufnahme erwachte erst ein Jahr später zum Leben, als David Lynch sie heranzog, um jenen Moment in „Lost Highway“ zu untermalen, wo die von Patricia Arquette gespielte Gangsterbraut in einer Autowerkstatt einem schwarzen Cadillac-Kabrio entsteigt und, in Superzeitlupe, an Balthazar Gettys Mechaniker vorbeigeht, der von ihrem Anblick völlig überwältigt ist. „Nimm dich in acht!“ sagt der Song, so wie Reed ihn in die Saiten seiner elektrischen Gitarre drischt. „Du wirst das Gesicht dieser Frau nie mehr vergessen! Lebend wirst du aus diesem Song nicht herauskommen“.

David Bowie, Five Years, 1972

Text/Musik/ David Bowie

Produzent/ David Bowie, Ken Scott

Label/ RCA

„Five Years“ ist aus dem Ziggy-Stardust-Album von 1972. Was daran konzeptuell sein soll im Sinne eines Narrativs, war mir nie klar, weil das Album aus losen Songs und Texten besteht, die in sich selbst schon inkohärent sind. Aber einzelne Lieder sind grossartig, vorallem das erste, das langsame Intro am Schlagzeug, Bowies zwölfsaitige Gitarre, sein paranoides Croonen. Das Faksimile des Songtexts ist im Bowie Blog zu sehen. Die Schrift sieht aus, als hätte ihn ein Schüler in einer Nachmittagsstunde aufgeschrieben. Meine Lieblingszeilen: „My brain hurt like a warehouse. It had no room to spare.“

David Bowie wusste, wie sich der Wahn anfühlt. Sein Halbbruder Terry, der ihm Jazz, Buddhismus und die Beat-Poeten nahegebracht hatte, erkrankte an Schizophrenie. An einem Januarmorgen 1985 verliess er die Klinik und legte sich beim Bahnhof auf die Schienen.

Bob Dylan, Every Grain of Sand, 1981

Text/Musik/ Bob Dylan

Produzent/ Chuck Plotkin, Bob Dylan

Label/ Columbia

Das ist eine Art Schlusspunkt von Dylans Gospelphase. In poetischer, von der Bibel beeinflusster Sprache beschreibt „Every Grain of Sand“ die Gedanken eines verzweifelten Menschen, der moralisch sauber und guten Mutes durchs Leben schreiten will, dabei jedoch immer wieder Gewalt, Kälte, Einsamkeit und verschiedenen Verlockungen begegnet – und schicksalhaft aus der Bahn geworfen wird. Trost findet er einzig in der Erkenntnis, dass auch er ein Teil von Gottes unergründlichem Plan ist, in dem jedes Sandkorn seinen Platz und jedes Ereignis seinen Sinn hat.

Jede Zeile des Songs ist von Gedanken durchwirkt, über die man lange meditieren könnte, und der erhabene Text findet seine Entsprechung in Dylans musikalischer Umsetzung: Er singt den Text wahrhaftig und die beiden Mundharmonikasoli gehören zu den inspiriertesten Instrumentalpassagen, die er je aufgenommen hat.

Dr. John, I Walk on Guilded Splinters, 1968

Text/Musik/ Dr. John Creaux

Produzent/ Harold Battiste

Label/ Atco

Diese Aufnahme erschien 1968 auf einem Album mit dem Titel „Gris-Gris“. Der geheimnisvolle Künstler firmierte als Dr. John Creaux, The Night Tripper. Das Cover ist mehr als psychedelisch und weist auf die finsteren Gründe des Voodoo hin. Aber wer jetzt an Filme wie „King of the Zombies“ oder „Voodoo Man“ denkt, liegt falsch. „I Walk On Guilded Splinters“ braucht keinen expressionistischen Schattenwurf, sondern spielt so realistisch mit seinen archaischen Bildern und Bildern, dass es einem kalt den Rücken herunterläuft. Im flackernden imaginären Feuerschein glaubt man plötzlich Dinge zu erkennen, die man lieber nicht sehen würde. Die Trommeln erzeugen eine hypnotische Trance, und der entrückte Gospelgesang klingt wie die Anrufung einer fremden Gottheit. Eine seltsame Melancholie liegt über dieser Musik, eine feierliche Ernsthaftigkeit: „I rolled out my coffin/ Drink poison in my chalice/ Pride begins to fade/ And y’all feel my malice.“ Dr. John singt das ohne einen Hauch von Ironie. So als wäre der eigene Körper nur eine Hülle, nur ein Kleidungsstück für die unsterbliche Seele.

Alice Cooper, Elected, 1972

Text/Musik/ A. Cooper, M. Bruce, G. Buxton, D. Dunaway, N. Smith

Produzent/ Bob Ezrin

Label/ Warner Bros.

November 1972. Wahlen in den USA: An der Wiederwahl des Republikanes Richard Nixon gibt es keine Zweifel: Aussenpolitische Entspannung zu China, Rückzug aus Vietnam, stabile Wirtschaftslage – all dies sind Faktoren, die für den demokratischen Gegenkandidaten George McGovern keinen Spielraum bieten, mit alternativen Themen zu punkten. Entsprechend verheerend ist das Ergebnis für ihn: 60,7 % der abgegebenen Stimmen gehen an Nixon.

Die Alice Cooper Band hat zu diesem Zeitpunkt grossen Erfolg. Nach dem Album „School’s Out“, das ihnen ausverkaufte Konzerthallen und sprudelnde Einnahmen durch unzählige Plattenverkäufe beschert, steigen sie mit „Billion Dollar Babies“ in die oberste Liga der zeitgenössischen Rockgruppen auf. Und nicht nur das, die Bühnenshows sind legendär: satanistische Schockorgien mit Blut und Hinrichtungen begeistern die Massen. Tugendwächter erzürnen sich an den skandalträchtigen Auftritten.

Der Song „Elected“ ist sicher nicht der beste Song auf dem Album, aber es ist eine wunderschöne Verballhornung von amerikanischem Wahlkampfgebaren. Wie Alice Cooper da seinen fiktiven Wahltriumph ins Werk setzt, zunächst aggressiv mit E-Gitarren-Feuerwerk, das zum Schluss hin durch Bläsersätze ergänzt und schliesslich sogar durch einen Reporter in einem News-Flash als „gewählt“ bestätigt wird – das ist ein heftiges Gegengewitter zu dem Starrummel, der sonst den Präsidenten zuteil wird.

Die Jugend hätte wohl keinen Zweifel daran gehabt, dass Alice Cooper im Weissen Haus einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen hätte. Stattdessen nimmt dort erneut Richard Milhous Nixon Platz und er darf noch knapp zwei Jahre amtieren – bis er infolge eines winzigen zufällig entdeckten Klebebandes und der im Weiteren folgenden Watergate-Affäre als erster Präsident der USA 1974 zurücktreten muss.

Tony Joe White, Polk Salad Annie, 1969

Text/Musik/ Tony Joe White

Produzent/ Billy Swan

Label/ Monument

Bereits die ersten dreissig Sekunden von „Polk Salad Annie“ führen uns geradewegs in den Süden der Staaten. Hier wurde 1943 der Swamp Rock Gitarrist und Sänger Tony Joe White geboren. Er wuchs zusammen mit sechs Geschwistern unter bescheidenen Verhältnissen auf einer Baumwollplantage in der Nähe von Oak Grove, einem kleinen Dorf in Louisiana auf. In den frühen Sechzigerjahren hatte er zunächst wenig Erfolg, weder mit seinen Bands, noch mit seiner Solokarriere. Erst Ende des Jahrzehnts wurde er populär, erstaunlicherweise erstmal in Frankreich. „Polk Salad Annie“ wurde ein globaler Hit, nicht zuletzt durch die Version von Elvis Presley. In dem Lied geht es um Arme-Leute-Essen, und Annie kann sich und ihre Familie nur ernähren, indem sie auf die Wiese geht und ein bisschen Polk Salad pflückt. Das sind die jungen Blätter der Kermesbeere (Phytolacca americana). Man muss sie drei Mal im Wasser kochen, damit sie geniessbar sind, und, laut Tony Joe White schmecken sie ein bisschen wie Steckrübengrün oder Spinat.

Trotz der Bekanntheit von „Polk Salad Annie“ und „Rainy Night In Georgia“ (zu dem auch das Cover von Ray Charles beitrug), war Tony Joe Whites Erfolg bescheiden und er fokussierte sich auf das Songwriting. Dank der Zusammenarbeit mit Tina Turner besserte sich das in den Neunzigerjahren. Seither war er wieder vermehrt unterwegs und veröffentlichte etliche Alben. Das Album „Hoodoo“ aus dem Jahr 2013 zeigt Tony Joe White nochmals in Hochform: Phlegmatisch, über seine Gitarre gebeugt, den Hut tief in Stirn gezogen, mit seinen Kumpels jammend, dann und wann ins Mikrophon nuschelnd oder in die Mundharmonika pustend. Tony Joe White starb am 24. Oktober 2018

J. J. Cale, Cocaine, 1976

Text/Musik/ J. J. Cale

Produzent/ Audie Ashworth

Label/ Shelter Records

Das Stück heisst „Cocaine“ und es wurde ein Hit, weil es ein genialer Bluesrock ist, mit einem kraftvollen Rhythmus, einem nachlässigen Riff aus zwei Akkorden, einem coolen Gesang und einem Solo, das sich selber für seinen Auftritt entschuldigt. Und es hat einen Titel und einen Text, der eine verbotene Droge am Ende jeder Strophe erwähnt. Da wird das Kokain als Entspannungsmittel und als Trost verherrlicht. Aber in der zweiten Strophe heisst es auch „If you want to get down, get down on the ground“. Das kann in diesem Zusammenhang feiern bis zum Ende bedeuten, aber auch den Absturz nach dem Hochgefühl.

Gerade wenn es um Drogen geht, ist die Rockmusik oft bewusst zweideutig. Letztlich kommt es darauf an, wie man einen Song interpretiert. Wer damals harte Drogen nahm, verstand das Stück vielleicht als Bestätigung und Verherrlichung. Wer kein Kokain nahm, freute sich einfach über einen lässigen Song, der etwas Verbotenes besang. Natürlich war da auch Provokation dabei, wenn die Eltern und andere Repräsentanten des Bürgertums zigmal den Refrain „Cocaine“ zu hören bekamen. Wer hingegen Cannabis und anderes Zeug nahm, der konnte sich schon ermutigt fühlen, mal Koks auszuprobieren. Der psychologische Mechanismus dahinter heisst „Selektive Wahrnehmung“. Man hört heraus, was man hören will.

Frank Zappa, Trouble Every Day, 1966

Text/Musik/ Frank Zappa

Produzent/ Tom Wilson

Label/ Verve

Die Republikaner seien von Gier zerfressen und die Demokraten vom Neid, keine Republikaner zu sein, sagte er. Aber das hinderte Frank Zappa nicht daran, sich in öffentliche Debatten einzumischen, die Leute zum Wählen aufzufordern und sich mit Politiker anzulegen, die Songtexte zensieren und damit die Redefreiheit einschränken wollten. Zuletzt war er von der Politik dermassen abgestossen, dass er 1991 ankündigte, er werde selber als Unabhängiger für die amerikanische Präsidentschaft kandidieren. Was er seinen politischen Konkurrenten voraus habe, wollten die Journalisten von ihm wissen. „Ich arbeite länger als sie“, gab er zurück. „Und ich bin wach.“ Und überhaupt: „Could I do any worse?“

Zappa konnte den Beweis nicht mehr antreten. Kurz nach Bekanntgabe seiner Kanditatur erkrankte er an Prostatakrebs und starb zwei Jahre später mit 52 Jahren. Er hinterliess vier Kinder, über sechzig Alben und mehrere Filme. Kein Musiker hat komponiert wie er, kein Gitarrist so gespielt wie er, kaum ein Bandleader so widersprüchliche Positionen in sich vereint. Frank Zappa war ein Zyniker, der die Musik liebte. Er verachtete das Militär und hasste die Gewerkschaften. Er feierte die sexuelle Befreiung und schrieb sexistische Texte. Er widersetzte sich den Autoritäten und war ein diktatorischer Chef. Er förderte die Improvisation und diktierte Notensätze. Er war kontrollierend und hemmungslos. Er rauchte Kette und fand Drogen idiotisch. Er hatte Humor und war Pessimist. „Das Einzige, was wir immer besser können, ist einander umzubringen“, sagte er. Kein Wunder, dass er Dummheit für ein chemisches Element hielt. Alles, was Zappa machte und dachte, ist bereits in seinem ersten Album „Freak Out“ von 1966 angelegt. Texte und Vortrag sind von einer Ironie durchsetzt, die auch die Hippies und ihre Subkultur nicht verschont. Frank Zappa war, wie er sich selber definierte, ein musizierender Soziologe. Und erkannte früher als die meisten anderen, wie widerstandslos die amerikanische Gegenkultur im Kapitalismus aufgehen sollte.

Elvis Presley, I Washed My Hands in Muddy Water, 1971

Text/ Musik/ Joe Babcock

Produzent/ Felton Jarvis

Label/ RCA Victor

Es war ein unbekannter Zyniker aus Hollywood, der den oft weiterverwendeten Kurzkommentar abgab: „Smart Career Move“, schlauer Karriereschritt. Gemeint war der Tod von Elvis Presley am 16. August 1977. Wie recht der Mann hatte, zeigt das Vermögen, das seit dem Tod von Elvis mit dessen Namen erwirtschaftet wurde. Hohe Umsätze dank Platten, Memorabilia, Kleiderkitsch und Museumsbesuchen. Jedes Jahr seit seinem Tod, meldet die BBC, brachte der Kult um Elvis mehr als 20 Millionen Dollar ein, darunter eine Million verkaufter Platten. Dabei stirbt die Generation weg, die ihn schon kannte, als er noch lebte. Egal, sagen die Fans. Sie hören Elvis-Imitatoren zu, suchen Graceland auf, sein Heim in Memphis. Oder das Sun Studio, in dem Elvis seine ersten Aufnahmen machte.

Ein dänischer Unternehmer, der Graceland schon über 100-mal besucht hat, liess das Anwesen in der Stadt Randers nachbauen: als Museum, Restaurant und Verkaufsstelle. Elvis’ Lieblingssandwich gibt es dort für 15 Euro. Es besteht aus geröstetem Toastbroat, Speck, Bananen, Konfitüre und Erdnussbutter. Solches Essen hat wohl zu Elvis Presleys smartem Career Move beigetragen: Bei seinem Tod wog er 120 Kilogramm; er war 42 Jahre alt.