Tony Joe White, Polk Salad Annie, 1969

Text/Musik/ Tony Joe White

Produzent/ Billy Swan

Label/ Monument

Bereits die ersten dreissig Sekunden von „Polk Salad Annie“ führen uns geradewegs in den Süden der Staaten. Hier wurde 1943 der Swamp Rock Gitarrist und Sänger Tony Joe White geboren. Er wuchs zusammen mit sechs Geschwistern unter bescheidenen Verhältnissen auf einer Baumwollplantage in der Nähe von Oak Grove, einem kleinen Dorf in Louisiana auf. In den frühen Sechzigerjahren hatte er zunächst wenig Erfolg, weder mit seinen Bands, noch mit seiner Solokarriere. Erst Ende des Jahrzehnts wurde er populär, erstaunlicherweise erstmal in Frankreich. „Polk Salad Annie“ wurde ein globaler Hit, nicht zuletzt durch die Version von Elvis Presley. In dem Lied geht es um Arme-Leute-Essen, und Annie kann sich und ihre Familie nur ernähren, indem sie auf die Wiese geht und ein bisschen Polk Salad pflückt. Das sind die jungen Blätter der Kermesbeere (Phytolacca americana). Man muss sie drei Mal im Wasser kochen, damit sie geniessbar sind, und, laut Tony Joe White schmecken sie ein bisschen wie Steckrübengrün oder Spinat.

Trotz der Bekanntheit von „Polk Salad Annie“ und „Rainy Night In Georgia“ (zu dem auch das Cover von Ray Charles beitrug), war Tony Joe Whites Erfolg bescheiden und er fokussierte sich auf das Songwriting. Dank der Zusammenarbeit mit Tina Turner besserte sich das in den Neunzigerjahren. Seither war er wieder vermehrt unterwegs und veröffentlichte etliche Alben. Das Album „Hoodoo“ aus dem Jahr 2013 zeigt Tony Joe White nochmals in Hochform: Phlegmatisch, über seine Gitarre gebeugt, den Hut tief in Stirn gezogen, mit seinen Kumpels jammend, dann und wann ins Mikrophon nuschelnd oder in die Mundharmonika pustend. Tony Joe White starb am 24. Oktober 2018

J. J. Cale, Cocaine, 1976

Text/Musik/ J. J. Cale

Produzent/ Audie Ashworth

Label/ Shelter Records

Das Stück heisst „Cocaine“ und es wurde ein Hit, weil es ein genialer Bluesrock ist, mit einem kraftvollen Rhythmus, einem nachlässigen Riff aus zwei Akkorden, einem coolen Gesang und einem Solo, das sich selber für seinen Auftritt entschuldigt. Und es hat einen Titel und einen Text, der eine verbotene Droge am Ende jeder Strophe erwähnt. Da wird das Kokain als Entspannungsmittel und als Trost verherrlicht. Aber in der zweiten Strophe heisst es auch „If you want to get down, get down on the ground“. Das kann in diesem Zusammenhang feiern bis zum Ende bedeuten, aber auch den Absturz nach dem Hochgefühl.

Gerade wenn es um Drogen geht, ist die Rockmusik oft bewusst zweideutig. Letztlich kommt es darauf an, wie man einen Song interpretiert. Wer damals harte Drogen nahm, verstand das Stück vielleicht als Bestätigung und Verherrlichung. Wer kein Kokain nahm, freute sich einfach über einen lässigen Song, der etwas Verbotenes besang. Natürlich war da auch Provokation dabei, wenn die Eltern und andere Repräsentanten des Bürgertums zigmal den Refrain „Cocaine“ zu hören bekamen. Wer hingegen Cannabis und anderes Zeug nahm, der konnte sich schon ermutigt fühlen, mal Koks auszuprobieren. Der psychologische Mechanismus dahinter heisst „Selektive Wahrnehmung“. Man hört heraus, was man hören will.

Frank Zappa, Trouble Every Day, 1966

Text/Musik/ Frank Zappa

Produzent/ Tom Wilson

Label/ Verve

Die Republikaner seien von Gier zerfressen und die Demokraten vom Neid, keine Republikaner zu sein, sagte er. Aber das hinderte Frank Zappa nicht daran, sich in öffentliche Debatten einzumischen, die Leute zum Wählen aufzufordern und sich mit Politiker anzulegen, die Songtexte zensieren und damit die Redefreiheit einschränken wollten. Zuletzt war er von der Politik dermassen abgestossen, dass er 1991 ankündigte, er werde selber als Unabhängiger für die amerikanische Präsidentschaft kandidieren. Was er seinen politischen Konkurrenten voraus habe, wollten die Journalisten von ihm wissen. „Ich arbeite länger als sie“, gab er zurück. „Und ich bin wach.“ Und überhaupt: „Could I do any worse?“

Zappa konnte den Beweis nicht mehr antreten. Kurz nach Bekanntgabe seiner Kanditatur erkrankte er an Prostatakrebs und starb zwei Jahre später mit 52 Jahren. Er hinterliess vier Kinder, über sechzig Alben und mehrere Filme. Kein Musiker hat komponiert wie er, kein Gitarrist so gespielt wie er, kaum ein Bandleader so widersprüchliche Positionen in sich vereint. Frank Zappa war ein Zyniker, der die Musik liebte. Er verachtete das Militär und hasste die Gewerkschaften. Er feierte die sexuelle Befreiung und schrieb sexistische Texte. Er widersetzte sich den Autoritäten und war ein diktatorischer Chef. Er förderte die Improvisation und diktierte Notensätze. Er war kontrollierend und hemmungslos. Er rauchte Kette und fand Drogen idiotisch. Er hatte Humor und war Pessimist. „Das Einzige, was wir immer besser können, ist einander umzubringen“, sagte er. Kein Wunder, dass er Dummheit für ein chemisches Element hielt. Alles, was Zappa machte und dachte, ist bereits in seinem ersten Album „Freak Out“ von 1966 angelegt. Texte und Vortrag sind von einer Ironie durchsetzt, die auch die Hippies und ihre Subkultur nicht verschont. Frank Zappa war, wie er sich selber definierte, ein musizierender Soziologe. Und erkannte früher als die meisten anderen, wie widerstandslos die amerikanische Gegenkultur im Kapitalismus aufgehen sollte.

Elvis Presley, I Washed My Hands in Muddy Water, 1971

Text/ Musik/ Joe Babcock

Produzent/ Felton Jarvis

Label/ RCA Victor

Es war ein unbekannter Zyniker aus Hollywood, der den oft weiterverwendeten Kurzkommentar abgab: „Smart Career Move“, schlauer Karriereschritt. Gemeint war der Tod von Elvis Presley am 16. August 1977. Wie recht der Mann hatte, zeigt das Vermögen, das seit dem Tod von Elvis mit dessen Namen erwirtschaftet wurde. Hohe Umsätze dank Platten, Memorabilia, Kleiderkitsch und Museumsbesuchen. Jedes Jahr seit seinem Tod, meldet die BBC, brachte der Kult um Elvis mehr als 20 Millionen Dollar ein, darunter eine Million verkaufter Platten. Dabei stirbt die Generation weg, die ihn schon kannte, als er noch lebte. Egal, sagen die Fans. Sie hören Elvis-Imitatoren zu, suchen Graceland auf, sein Heim in Memphis. Oder das Sun Studio, in dem Elvis seine ersten Aufnahmen machte.

Ein dänischer Unternehmer, der Graceland schon über 100-mal besucht hat, liess das Anwesen in der Stadt Randers nachbauen: als Museum, Restaurant und Verkaufsstelle. Elvis’ Lieblingssandwich gibt es dort für 15 Euro. Es besteht aus geröstetem Toastbroat, Speck, Bananen, Konfitüre und Erdnussbutter. Solches Essen hat wohl zu Elvis Presleys smartem Career Move beigetragen: Bei seinem Tod wog er 120 Kilogramm; er war 42 Jahre alt.

Midnight Oil, Beds Are Burning, 1988

Text/Musik/ Midnight Oil

Produzent/ Midnight Oil, Warne Livesey

Label/ Columbia

Die Pintupi waren die letzten Ureinwohner Australiens, die ihre traditonelle Lebensweise aufgaben. Diese Aborigines waren erst 1930 in der Gibsonwüste entdeckt und später gewaltsam nach Papunya vertrieben worden, weil man weite Teile ihres Lebensraums in den 50er- und 60er Jahren für Nuklearwaffentests benötigte.

Jahrzehntelang wurden die Aborigines vom australischen Staat benachteiligt, tausende Kinder ihren Eltern weggenommen, um sie nach „weissen“ Grundsätzen zu erziehen, man verweigerte ihnen darüber hinaus die entsprechenden Entschädigungen und die Rückgabe ihres Landbesitzes. Deshalb schrieben Sänger Peter Garrett, Schlagzeuger Rob Hirst und Gitarrist Jim Moginie von der australischen Rockband Midnight Oil diesen Protestsong, der so eingängig und bassgetrieben daherkommt.

Gleich zu Beginn spielt der Text auf die Atombombenversuche an, erzählt vom vertrockneten Fluss, von Holden-Wracks – Holden ist ein australischer Autohersteller – und kochenden Dieselmotoren. Jetzt sei die Zeit gekommen, fair zu sein und endlich den entsprechenden Anteil zu bezahlen: „The time has come/ To say fair’s fair/ To pay the rent/ To pay our share.“ Das Land, das den Aborigines gehört, soll zurückgegeben werden: „It belongs to them/ Let’s give it back“. Auch ein erzwungener Umzug der Aborigines wird erwähnt: „Four wheels scare the cockatoos/ From Kintore East to Yuendumu.“ – „Vier Räder erschrecken die Kakadus/ von Kintore ostwärts nach Yuendumu.“ Wütend und verwundert fragt sich der Sänger, dann im Refrain, wie wir alle noch tanzen können, während die Erde sich dreht, wie wir noch schlafen können, während unsere Betten brennen… „How can we dance when our earth is turning/ How do we sleep while our beds are burning?“

The Rolling Stones, Street Fighting Man, 1968

Text/Musik/ Jagger, Richards

Produzent/ Jimmy Miller

Label/ London

1968 hatte Mick Jagger in London eine eher friedliche Demonstration gegen den Vietnamkrieg mit seiner eher kurzen Anwesenheit beehrt und sich ziemlich im Hintergrund gehalten. Vielleicht war er nur deshalb dabei gewesen, um hinterher einen Song darüber schreiben zu können. Der fiel dann jedenfalls entsprechend desillusioniert aus. Es sei zwar genau der richtige Zeitpunkt für eine Palastrevolution, aber da, wo er lebe, in dieser verschlafenen Stadt London, würden dummerweise nur Kompromisse gemacht, das sei einfach kein Platz für Strassenkämpfer. Insofern habe er gar keine Wahl: „Well, what can a poor boy do/Except to sing for a rock ’n‘ roll band.“

Das Cover der Single sprach eine andere Sprache. Drei Cops in Kampfmontur stehen vor einem niedergestreckten Demonstranten, einer hebt den Fuss, offenbar um noch einmal nachzutreten. Und so kann man hier einmal mehr beobachten, wie sehr der Kontext die Rezeption steuert. „Street Fighting Man“ wurde nun als forcierte Kampfansage aufgefasst – und eben nicht als faule Ausrede, warum man mit Jagger et alii nicht unbedingt rechnen müsse.

Jimi Hendrix, All Along the Watchtower, 1968

Text/Musik/ Bob Dylan

Produzent/ Jimi Hendrix

Label/ Polydor

Jimi Hendrix nahm sich volle sieben Monate, in denen er immer wieder an seiner Coverversion dieses Bob-Dylan-Songs feilte. Als er mit dem Ergebnis endlich zufrieden war, erschien der Song einerseits auf der LP „Electric Ladyland“, anderseits als Single, und zwar als erste Stereo-Single in England überhaupt – was vielleicht das (aus heutiger Sicht etwas übertriebene) Changieren des Hauptsolos zwischen den Kanälen erklärt. Die Originalversion von Bob Dylan, die 1967 auf der LP „John Wesley Harding“ erschien, wirkt dagegen geradezu belanglos. Und was sagte der Komponist zum Hendrix-Cover?

„Es überwältigte mich, wirklich. Er hatte solch ein Talent, er konnte in einem Song Dinge finden und sie mit grosser Energie entwickeln. Er verbesserte den Song wahrscheinlich durch Pausen, die er machte. Ich habe dann eigentlich seine Version des Songs übernommen.“ Übrigens hat Dylan hier treffend analysiert, was ein gutes Cover ausmacht: Nämlich in einem Song musikalische Potentiale aufzuspüren und diese auszuarbeiten. Und Jimi Hendrix, der überhaupt keinen Grund hatte, seine eigenen Kompositionern zu verstecken, war ein Meister dieser Disziplin.

The Kinks, Sunny Afternoon, 1966

Text/Musik / Ray Davies

Produzent/ Shel Talmy

Label/ Pye

Wie so viele Songs aus der Zeit zwischen 1966 und 1968 schien „Sunny Afternoon“ den Geist des Wandels zu verkörpern, der damals die USA und Europa durchströmte. „Tune in, turn on, and drop out“, lautete das Motto der Gegenkultur, und immer mehr Menschen begriffen, dass man nicht zum Mainstream gehören musste. Auch die Beatles rieten ihren Fans 1966, sich zu entspannen, die Gedanken auszuschalten und sich flussabwärts treiben zu lassen. Die Kinks jedoch waren vor ihnen da.

Musikalisch und textlich war der Song eine Offenbarung. Der Schritt zurück, den Songwriter Ray Davies damit wagte (zurück in die verrückte Music-Hall-Zeit seiner Jugend), statt die progressive Richtung weiterzuverfolgen, in die die früheren Hits der Band zu weisen schienen, erwies sich im nachhinein als genial. Hinter der warmen, lakonischen Weichheit der Aufnahme verbergen sich kluge Köpfe – eine Beobachtung, die, mal wieder auch auf die Beatles zutrifft, die im Jahr darauf ihre eigene Music-Hall-Hommage, „Being for the Benefit of Mr. Kite“, aufnahmen.

Rory Gallagher, A Million Miles Away, 1973

Text/Musik/ Rory Gallagher

Produzent/ Rory Gallagher

Label/ RCA


Schon mit sechs Jahren suchte Rory Gallagher im Radio nach Bluessongs. Als Neunjähriger kaufte er sich seine erste Gitarre, die Lehrjahre absolvierte er in der Fontana Showband, einer Tanzkapelle, mit der er Songs aus der englischen Hitparade nachspielte. Mit 16 begann er, mit seinem Trio Taste Rock und Blues zusammenzubringen. Rory Gallagher galt nicht nur als exzellenter Gitarrist, sondern wurde auch als Rockstar gefeiert – das hatte es in Irland noch nicht gegeben. 1970 kam auch der Erfolg in England: Gallagher hatte mit seiner Band ein zweites Album aufgenommen, auf dem er sich, angeregt durch Ornette Coleman, auch auf dem Saxophon versuchte. „On The Boards“ schaffte es bis in die englischen Charts. Doch nach einem Auftritt beim Festival auf der Insel Wight löste Gallagher seine Band auf.

Als Solokünstler blieb er nicht nur seinen musikalischen Vorlieben treu, sondern machte auch in derselben Bandkonstellation weiter: Gitarre, Bass, Schlagzeug. In den Siebziger nahm Rory Gallagher unermüdlich Platte um Platte auf. Zu den besseren gehört „Tattoo“. Da gibt es ein bisschen Blues, ein bisschen Country, saftigen Rock und mit „A Million Miles Away“ auch einen berührenden Song über das Gefühl der Isolation, während man von Menschen umgeben ist.

In der Rockszene war Rory Gallagher bekannt dafür, jeden unter den Tisch trinken zu können – der Alkohol war dann in den Neunzigern auch für seinen Abstieg verantwortlich und für seinen Tod. Rory Gallagher starb am 14. Juni 1995 in Alter von 47 Jahren.

Booker T. & the M.G.’s, Green Onions, 1962

Musik/ Booker T. Jones, Steve Crooper u.a.

Produzent/ Jim Stewart, Booker T. Jones, u.a.

Label/ Stax

Eigentlich sollten Booker T. und seine Gruppe an diesem Nachmittag im Juni 1962 den Rockabillysänger Billy Lee Riley im Stax Studio im Memphis begleiten, doch der tauchte nicht auf. Als jammten sie ein wenig herum, spielten einen improvisierten Blues. Stax-Chef Jim Stewart sass derweil im Kontrollraum und schnitt spasseshalber mit. Am Abend präsentierte er den Musikern die nach seinem Geschmack beste Version des Blues und fragte Booker T.: „Wenn ich das herausbringen wollte, wie würdet ihr es nennen?“. Nach kurzem Zögern antwortete Booker T.: „Green Onions – denn grüne Zwiebeln sind das Ekligste, was mir gerade einfällt. Etwas, das man wegwirft, so wie du das mit dieser Aufnahme machen solltest.

Doch Stewart warf nichts weg. Und damit dürfte er alles richtig gemacht haben, denn die Platte verkaufte sich rund eine Million Mal und erreichte Platz drei der Singlecharts. Booker T. Jones war zu diesem Zeitpunkt gerade mal 17 Jahre alt und Leader der Hausband bei Stax mit dem Namen M.G.’s, kurz für The Memphis Group. Die Gruppe ist auf den meisten entscheidenden Stax-Platten zu hören, also bei Aufnahmen von Otis Redding, Eddie Floyd, Rufus Thomas, Carla Thomas und vielen anderen.