The Bangles, Walk Like an Egyptian, 1986

Text/Musik/ Liam Sternberg

Produzent/ David Kahne

Label/ Columbia Records

Die Bangles, vier hübsche Mädchen aus L.A., waren in mehrfacher Hinsicht etwas Besonderes. Erstens standen sie Anfang der 80er Jahre ganz klar in der Tradition der Girl Groups der 60er. Zweitens machten sie keinen richtigen harten Rock, sondern irgendwas zwischen Schlager und Folkrock mit Nachdruck auf Gesang. Man hörte den Bangles offensichtlich an, dass sie von Hippie-Bands wie Byrds, Buffalo Springfield oder Mamas and Papas beeinflusst waren.

Einige Songs schrieben die vier Frauen selbst, andere kamen von Profis und Freunden, darunter Alex Chilton und Liam Sternberg. Auch Prince gehörte zu den Bewunderern der Bangles und hatte den Song „Manic Monday“ für deren Karriere gestiftet ( Und – Hand aufs Ohr – sooo toll war der dann auch wieder nicht). Bis 1986 gingen zwei Millionen Stück des Albums „Different Light“ über die Ladentheken dieser Welt. Und der absolute Hit stand auch fest: Liam Sternbergs Variation des Ägypten-Topos. Das wars dann aber auch. Zuviel Erfolg setzte den Girls zu sehr zu. 1989 trennten sich die Bangles. Seit 1999 gibt es sie wieder. Wäre man den Bangles feindlich gesonnen, würde man ihnen verlorene Energie attestieren. Ich sage eher ansprechende Hausfrauen-Rockmusik. Vielleicht muss man sie wirklich live gesehen haben.

Talking Heads, Psycho Killer, 1977

Text/Musik/ David Byrne, Chris Frantz, Tina Weymouth

Produzent/ Tony Bongiovi

Label/ Sire

Sieben Mal das A, ein kurzes E, danach ein G, das für den Bruchteil einer Sekunde ausklingt: Neun Anschläge und drei Noten brauchte Tina Weymouth für eines der eingängigsten Bass-Riffs aller Zeiten – das Intro von „Psycho Killer“. Der Song führt in die grandiose Anfangsphase der Talking Heads zurück, als sie wirklich die beste Band der Welt waren (auch wenn das damals noch nicht so bekannt war). Übrigens auch der erste Song, für den Weymouth einen Bass in die Hand nahm.

In ihre Rolle als Bassistin sei sie einfach reingewachsen, sagte Weymouth bescheiden, und habe geschaut, was sie im Rahmen ihrer Fertigkeiten zur Band beitragen konnte. Ihr Beitrag war enorm. Den mäandernden Songstrukturen, den zerstreuten Gitarrenlinien von Jerry Harrison und dem nervösen, manchmal überschnappenden Gesang von David Byrne gebot Weymouth mit repetitiven Mustern Einhalt, die bei allem Minimalismus ziemlich funky waren. Damit gab sie den Talking-Heads-Stücken, zusammen mit Chris Frantz am Schlagzeug, einen sehr eingängigen und melodiösen Groove. Kurzum: Sie erdete den spektakulären Irrsinn. “Psycho Killer“ ist das beste Beispiel dafür.

Trio, Da Da Da, 1982

Text/Musik/ Stephan Remmler, Gert „Kralle“ Krawinkel

Produzent/ Klaus Voormann

Label/ Mercury

Ja, was soll ich sagen? Trio waren halt jedermanns persönliche Lieblingsschelme, weil sie anscheinend für jeden die Funktion erfüllten, den auf’s Korn zu nehmen, von dem man’s gerne möchte. Das Konzept von Trio war gut, überall und immer wirksam, ihre Musik intelligent gemacht. Sie reduzierten und verfremdeten und machten sich über den Rock’n’Roll lächerlich, indem sie ihn originaltreu spielten und im nächsten Moment einen schrecklich seichten Schlager anstimmten. Nie allerdings ohne Anspruch. Der Anspruch war Trio.

Einen grossen Hit hatten sie auch und der war „Da Da Da“ – „Was ist los mit dir mein Schatz? Aha. Geht es immer nur bergab? Aha. Geht nur das was du verstehst? Aha. Is this what you got to know? Love you do you didn’t show?“ – and as the refrain comes watch out for the english version…“Ich lieb‘ dich nicht, du liebst mich nicht. Ich lieb‘ dich nicht, du liebst mich nicht. Da Da Da“ – Natürlich ist das blöd, aber Trio machten subversive Unterhaltung für die Masse. Und das war gar nicht so einfach in Deutschland. Ich werde „Da Da Da“ kaum mehr auflegen, habe mich aber damals über den schrägen Scherz amüsiert. Gut, dass es Trio gab.

Tom Waits, Heartattack and Vine, 1980

Produzent/ Bones Howe

Label/ Asylum

Tom Waits schreibt keine Musik, die einfach ist oder vordergründig oder leicht verständlich. Mit 30 Jahren hatte er genug Dreck und Abscheulichkeiten gesehen, um einen Song oder ein ganzes Album darüber zu schreiben, aber nicht so viel, dass er sich davon ferngehalten hätte.

Der Titelsong von „Heartattack and Vine“ ist eine karge, unbehagliche Komposition mit warmen, übersteuerten Gitarrentönen und Waits‘ heiserem Gesang. „Es gibt keinen Teufel“, mahnt er, „das ist Gott, wenn er betrunken ist.“ In Anspielung auf die Niederungen des Lebens in L.A. porträtiert Waits Menschen, die fehlerbehaftet sind, aber nicht ohne Aussicht auf Erlösung. „Wenn du wissen willst, wie Wahnsinn schmeckt, musst du dich hinten anstellen“, spottet er. „Wahrscheinlich siehst du jemanden, den du kennst.“

Es ist ein Drogensong, aber auch ein Song über Menschen, ein trostloses, aber irgendwie feierliches Bild eines Lebens in fröhlicher Verzweiflung. Waits klagte gegen Levi’s, die Screamin‘ Jay Hawkins‘ Version in einer Werbung verwenden wollten; die bittere Ironie ist ihm sicher nicht entgangen.

Steppenwolf, Born To Be Wild, 1968

Text/Musik/ Mars Bonfire

Produzent/ Gabriel Mekler

Label/ Dunhill

Kürzlich habe ich mir „Easy Rider“ wieder angesehen, die Geschichte dieser zwei Hippies, die sich 1969 auf ihren Harley-Davidsons auf der Suche nach Amerika machen. Henry Fonda, der schweigsam ist wie ein Cowboy und dessen Benzintank die amerikanische Flagge ziert, scheint den Traum nach dem mythischen Amerika zu haben. Der Film endet bekanntlich schlecht: Der Cowboy und der Indianer (Dennis Hopper) werden von Rednecks von ihren Eisenrössern geholt. Die beiden Amerikas entpuppen sich als unvereinbar.

Ein grosser Part im Film hat auch der Song „Born To Be Wild“ aus dem ersten Album von Steppenwolf und irgendwie sind Steppenwolf auch eine One-Hit-Wonder-Band, aber das nicht, weil sie schlechte Musiker sind oder weil das Material schlecht ist, sondern weil ein „Born To Be Wild“ als Vergleich einfach alles andere schlecht aussehen lässt und in den Schatten stellt. Dabei hat das Debütalbum von Steppenwolf auch, wie zum Beispiel mit „The Pusher“, andere grosse Songs. Steppenwolf und „Born To Wild“ sind ein Klassiker, ob man sie nun mag oder nicht.

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Bob Dylan, Blind Willie McTell, 1991

Text/Musik/ Bob Dylan

Produzenten/ Bob Dylan, Mark Knopfler

Label/ Columbia

Bob Dylan erwies Blind Willie McTell – dem Blues-Sänger und -Gitarristen aus dem frühen 20. Jahrhundert, der mit „Statesboro Blues“ bekannt wurde – mehrfach die Ehre. Er coverte „Broken Down Engine“ und „Delia“ und erwähnte ihn in „Highway 61 Revisited“ und „Po’Boy“. Sein grösstes Hommage „Blind Willie McTell“ schrieb Dylan 1983, veröffentlichte sie aber erst viel später. Eigentlich wollte Dylan den Song auf „Infidels“ herausbringen. Dass „Blind Willie McTell“ dann doch nicht aufs Album kam, ist schwer nachzuvollziehen. Dylan erklärte das später so: “Er war nie richtig fertig. Ich schaffte es nie, den Song zu vollenden. Welchen Grund hätte es sonst geben können, ihn nicht auf die Platte zu tun?“

„Blind Willie McTell“ erschien schliesslich 1991. Der Song ist von ungewöhnlicher Schönheit. Er basiert auf der bekannten Klaviermelodie aus „St. James Infirmary Blues“ und glänzt mit erlesener Sprache in Form von fünf kurzen Vignetten über McTell, die Dylan mit inniger Überzeugung vorträgt. Dylans grösster Verdienst ist es jedoch, die Hörer mit diesem Song zu animieren, sich McTells eigene Musik anzuhören.

Bob Dylan, Masters of War, 1963

Text/Musik/ Bob Dylan

Produzent/ John Hammond

Label/ Columbia

Das ist wohl eines der bittersten Protestlieder, das ich kenne. Darin wird die Waffenindustrie für die Kriege verantwortlich gemacht. Der historische Hintergrund für den Song hat mit der Abschiedsrede von US-Präsident Dwight D. Eisenhower im Januar 1961 zu tun. Seine Präsidentschaft war vom Kalten Krieg und von massiver Aufrüstung auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs geprägt: 1957 bauten die Sowjets die erste Interkontinentalrakete, 1958 drohten sie, Westberlin der DDR einzuverleiben. Eisenhower warnte vor einem „militärisch-industriellen Komplex“. Er sah in den Verflechtungen der Rüstungsindustrie und der Politik eine Gefahr für die demokratischen Institutionen und fürchtete, dass ein so aufgerüstetes Land vorschnell bereit ist, Konflikte militärisch auszutragen, statt diplomatische Lösungen zu suchen.

Auch der Generationenkonflikt wird in dem Lied direkt angesprochen: Die kritische Jugend der 60er Jahre will sich nicht mehr länger als naiv abstempeln lassen, sondern beansprucht eine moralische Überlegenheit gegenüber der Generation ihrer Eltern und Grosseltern, deren Scheinheiligkeit angeprangert wird. Die Waffenhersteller werden das schlimmste aller Schicksale zu erwarten haben, nämlich, dass ihre Seelen in der Hölle landen.  „And I hope that you die, and your death will come soon…“ , und der Sänger entwirft ein makabres Bild, wie er sich an ihrem Grab vergewissert, dass sie nicht wiederkehren.

„Masters of War“ zeigt, wie aktuell Bob Dylans Gedanken noch sind und es ist wichtig, sich dieser zu erinnern, damit man unsere Welt versteht in diesen Tagen. Es ist nicht ein Land, das Verderben bringt in die Welt, es ist ein korruptes und perverses System der Macht- und Geldgeilheit, vor allem aber der eiskalten Ignoranz und Menschenverachtung und es sind eigentlich nur ein paar gestörte Superreiche, die all das zu verantworten haben.

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Simon and Garfunkel, Sounds Of Silence, 1966

Text/Musik/ Paul Simon

Produzent/ Tom Wilson

Label/ Columbia

Zu Beginn war da einfach nur die Stille. Doch deren Klang musste natürlich beschrieben und schliesslich besungen werden. Von einem singenden Songwriter und einem singenden Schlacks, die sich nur als Kombination ihrer Nachnamen zu erkennen geben wollten und auf dem Plattencover – so scheint es zumindest – den Versuch unternehmen, aus der Schusslinie der Kamera zu schlackern. Der grosse Kleine und der grosse Zweitplazierte: „Sounds Of Silence“ von Simon & Garfunkel wurde im Januar 1966 veröffentlicht.

Hätte Tom Wilson nicht zufälligerweise „Like A Rolling Stone“ von Dylan gehört, wäre er nie auf die Idee gekommen, diese etwas dröge Ballade mit E-Gitarre, E-Bass und Drums zu unterlegen. Und wäre die leicht verstimmte Gitarre nicht mehr leicht verstimmt, wäre die Aufnahme nur halb so gut. Hätte Paul Simon die erste Stimme statt die zweite gesungen, wäre diese viel zu penetrant gewesen, und das magische Moment, in dem man nicht rafft, wer jetzt was singt und wo eigentlich die Hauptmelodie hinführt, wäre verloren.

Das ist nun mehr als ein halbes Jahrhundert her, und es mutet seltsam an, dass das Jahr 1966 mit einem derart besinnlichen, geradezu unschuldigen Song eingeleitet wurde. Denn zu jener Zeit wütete in Vietnam ein konventioneller Krieg, den schon damals niemand mehr begreifen mochte, der jedoch nur ein Teilaspekt eines wesentlich grösseren Konflikts der Systeme war, die nicht nur im Weltall zu einem Wettlauf angetreten waren, sondern auch in beiden irdischen Hemisphären um die Vorherrschaft rangen.

Sinéad O’Connor, All Apologies, 1995

Text/Musik/ Kurt Cobain

Produzent/ John Reynolds

Label/ Chrysalis

Bei dieser Version von Nirvanas „All Apologies“ wird wieder klar, was für eine Sängerin uns in diesem Sommer verlassen hat. Sinéad O’Connor war eine radikale Musikerin. Sie hat gegen die Missbrauchskultur in der katholischen Kirche gekämpft, gegen die Dämonen ihrer Familie, gegen alle kommerziellen Erwartungen der Musikindustrie, für ihre mentale Gesundheit und ihren Platz in der Gesellschaft.

Klar, da war „Nothing Compares 2 U“, mit dem MTV-Video in Dauerrotation, bis der Schmerz und die Trauer ihrer Version des Prince-Songs beinahe verschwunden war. Ich habe Sinéad O’Connor später ignoriert, weil Rock’n’Roll für mich wichtiger war. Aber jetzt in diesen dunklen Tagen zum Jahresende habe ich mir „All Apologies“ angehört, das sich Sinhéad O’Connor so kompromisslos angeeignet hat. Und alles wird während diesen zweieinhalb Minuten zweitrangig. Mindestens.

The Pogues featuring Kirsty MacColl, Fairytale of New York, 1987

Text/Musik/ Jem Finer, Shane MacGowan

Produzent/ Steve Lillywhite

Label/ Pogue Mahone

Der ursprüngliche Impuls ist umstritten: Pogues-Sänger Shane MacGowan, berichtete, er sei mit Elvis Costello eine Wette eingegangen. Dieser habe behauptet, er, nämlich MacGowan, würde nie ein anständiges Weihnachtslied zustande bringen. Der damalige Pogues-Manager Frank Murray gab dagegen an, es sei seine Idee gewesen. Jedenfalls stammte der nächste Pass von Jem Finer, dem Banjospieler der Pogues: Er hatte zwei Lieder geschrieben, eins mit gutem Text und lausiger Melodie, eins mit lausigem Text und guter Melodie. MacGowan nahm den Ball geschickt mit links ab, beförderte ihn auf den rechten Fuss und kombinierte guten Text mit guter Melodie. Dann kam Kirsty: Produzent Steve Lillywhite, nahm die Aufnahme nach Hause mit, die tragischerweise, verstorbene, aber unsterbliche Kirsty MacColl, seine damalige Ehefrau, sang ihren Part, und voilà: Das lustigste, traurigste und auf jeden Fall schönste Weihnachtslied der Popgeschichte war entstanden.

Noch heute muss ich jedes Mal ein bisschen schlucken, wenn das Lied am Radio kommt. Die Mischung aus Trotz, Wut, Resignation, Lebenslust, Liebe, Festlichkeit und Humor, welche das von MacColl und MacGowan inszenierte Paar an den gesanglichen Tag legt, ist einmalig. Wie eigentlich fast alles, was MacColl jemals gesungen hat.