Lucinda Williams, Down Where The Spirit Meets The Bone, 2014

Produzent/ Greg Leisz, Lucinda Williams, Tom Overby

Label/ Highway 20 Records

„Down Where The Spirit Meets The Bone“ erschien drei Jahre nach „Blessed“ und ist das erste Doppelalbum von Lucinda Williams. Das Album enthält zwanzig neue Songs, die wie immer zwischen Country, Folk, Blues und Rock changieren. Melancholisch steigen wir mit ihrer reifen, gealterten Stimme in die Platte ein: „Compassion“ ist ein wunderschönes nur mit einer Gitarre begleitetes Stück, das auf einem Gedicht ihres Vaters aufbaut und aus dem auch die Zeile stammt, unter dem das Album segelt.

Zu meinen Lieblingssongs gehört „Protection“, ein Rocker, der ordentlich fetzt und einen sehr schönen Refrain mit „I need protection from the enemy of love“ hat. Herausragend auch „One More Day“ mit herrlichen Bläsern. Mit den Gitarristen Bill Frisell, Tony Joe White und Wallflowers-Gitarrist Stuart Mathis hat Lucinda Williams eine feine Begleitband um sich geschart. Beim Gänsehaut-Song „It’s Gonna Rain“ ist dann auch der Sohn von „His Bobness“, Jakob Dylan, als Duett-Partner dabei.

Bruce Springsteen, Nebraska, 1982

Produzent/ Bruce Springsteen, Mike Batlan

Label/ Columbia Records

„Nebraska“ wurde am 3. Januar 1982 von Springsteen alleine in seinem Schlafzimmer aufgenommen und erschien im September des gleichen Jahres. Sparsam arrangiert, mit Gitarre, Mundharmonika und einer ebenso warmen wie spröden Springsteen-Stimme, war es unplugged, bevor unplugged cool war. Die Szenarios jedes einzelnen Songs, die auf „Nebraska“ zu hören sind, würden einen Film abgeben. Keinen „neuen“, sondern einen, jener traditionellen Hollywood-Melodramen von Elend und Hoffnung, Verbrechen und Strafe, Scheitern und Heimkehr. Geschichten, die heute noch Sinn machen, deren Proto-Plot aber schon in den 30er und 40er Jahren geschrieben wurde.

Der amerikanische Traum von Freiheit, Selbstverwirklichung und Erfolg hat seine Faszination bewahrt. Auch für die kleinen Leute – und das ist Bruce Springsteens Thema – die notwendig daran scheitern. Sie bleiben auf der Strecke, in Gefängnissen, oder kehren zurück in den Schoss der Familie, wo sich ihr Traum auf Glaube, Geborgenheit und Zufriedenheit reduziert. Doch: „lch fand das ziemlich seltsam, es ist seltsam / Nach jedem harten Tag finden Leute immer noch einen Grund zu hoffen’“. („Reason To Believe“). Und wenn allein das Auto bleibt als Vehikel aus der Trostlosigkeit („Open All Night“ in Chuck Berry Manier).

In der Tradition der grossen amerikanischen Sänger und Geschichtenenerzähler Robert Johnson, Hank Williams, Chuck Berry, kommt Bruce Springsteen ohne ausdrückliche „Message“ aus: wer braucht Botschaften, wenn Erfahrungen zählen.

Dave Alvin, Eleven Eleven, 2011

Produzent/ Dave Alvin

Label/ Yep Roc

Unaufgeregter aber dennoch emotionaler Roots Rock, mit Gänsehautmomenten und trockenem Humor. Dave Alvin gelingt es mit jedem Song, ein Szenario im Kopf des Hörers entstehen zu lassen: Die einsame Landstrasse bei „Harlan County Line“, die verrauchte Atmosphäre im Backstage-Bereich eines Blues Clubs in „Johnny Ace Is Dead“, der Boxring in „Run Conejo Run“, die Farm in Kalifornien und die gesattelten Pferde in „Murietta’s Head“ usw. Keine billige Effekthascherei oder Geklimper auf der Gitarre, jeder einzelne Ton da wo er hingehört, und nicht mehr als für den jeweiligen Song gebraucht wird.

Meine Anspieltipps ausser „Harlan County Line“: „Run Conejo Run“, „Black Rose of Texas“ und „Johnny Ace is Dead“. Im letzten Song erzählt er die wahre Geschichte des Rhythm & Blues Sängers Johnny Ace, der im Alter von nur 25 Jahren auf Tour die glorreiche Idee hatte Russisches Roulette zu spielen, und somit seinem Leben ein rasches Ende setzte. Wie Alvin daraus einen Song schafft, zeigt seine ganze Klasse.

John Lennon, Rock’n’Roll, 1975

Produzent/ Phil Spector, John Lennon

Label/ Apple Records

Das Album ist meiner Meinung nach nur als ordentlich zu bezeichnen. John Lennon singt die meisten Songs zwar recht gut, aber auch mit angezogener Handbremse. Herausragend ist nur seine eigenwillige und fast magisch anmutende Version von Ben E. King’s-Klassiker „Stand By Me“. Sehr gut sind auch Gene Vincent’s „Be-Bop-A-Lula“, das die Beatles auch schon zu Hamburger Zeiten im Repertoire hatten, und Fats Domino’s „Ain’t That A Shame“. Durchschnittlich ist Bobby Freeman’s „Do You Wanna Dance?“, das man auch schon besser gehört hat und richtig dürftig ist Lloyd Price’s „Just Because“, das schon im Original nicht der grosse Brüller ist.

Eine Wiederentdeckung wert ist das etwas rumpelige „Rock’n’Roll“-Album aber alleweil, auch wenn sich Lennon und Spector während den Aufnahme-Sessions nicht gerade auf der Höhe ihres Lebens und ihres Schaffens befanden. Die Beiden sollen sich in den A&M Records Studios in Hollywood, aufgrund von exessivem Alkohol- und Drogenkonsum so schlecht benommen haben, dass sie hinausgeworfen wurden, unter anderen auch weil der grössenwahnsinnige Spector mit einer Knarre im Studio hantierte und sogar einmal schoss. Die weiteren Aufnahmen fanden dann in den Record-Plant West Studios in New York statt.

Steve Earle and The Del McCoury Band, The Mountain, 1999

Produzent/ Steve Earle, Ray Kennedy, Ronnie McCoury

Label/ E-Squared

Wer sich stilistisch nicht festlegt, stösst auch mal an Rändern auf Überraschungen. So ist es mir beispielsweise entgangen, dass Steve Earle mit „The Mountain“ eines der schönsten, intensivsten Alben auf dem Terrain der Country-Musik veröffentlicht hat, das ich seit langem gehört habe. Ich schreibe dies in aller Bescheidenheit, weil ich nicht sehr viele Country/Bluegrass-Veröffentlichungen kenne.

Um Steve Earle gibt es viele Geschichten und Legenden, etwa, dass der Mann jahrelang dem Heroin und Alkohol verfallen war und wegen illegalem Waffen- und Drogenbesitz im Knast landete. Doch all das ist nicht nötig, um diese rauh gegerbte Version von Country einfach als Musik geniessen zu können. Vieles, was von Seiten des Pop und Punk versucht wurde, Country und Bluegrass hoffähig zu machen, beispielsweise von den Pogues und den Violent Femmes erübrigt sich anhand von dieser Platte, die bereits als Country-Platte (also: als Country-Platte von älteren Herren in Anzug und mit Krawatte, Herren mit Country-Sozialisation) so gebrochen und ruppig daherkommt, wie wir es uns von diesem Genre stets gewünscht haben. Für mich eine späte Entdeckung aus Nashville, die zeigt, dass es auch noch Leute in diesem Genre gibt, die etwas anderes als Trucker-Romantik liefern.

The Mekons, So Good It Hurts, 1988

Produzent/ The Mekons, Brian C. Pugsley

Label/ Twin/Tone Records

Die Platte hat den Nachteil, dass Themen wie die Reagan-Thatcher-Connection weit von der Gegenwart entfernt sind und somit leicht verstaubt anmuten. Trotzdem: viele dieser Songs sind fast schon Klassiker und auch in manch anderen Songs gibt es noch einiges zu entdecken. Zum Beispiel die Tatsache, dass Robin Hood und seine Mannen ja eigentlich eine Schwulengang waren oder dass Nixon und Hitler in trauter Verbundenheit einer Satansveranstaltung beiwohnten. Es war eben schon immer die Stärke der Mekons, britischen Humor kunstvoll mit politischem Bewusstsein zu verknüpfen.

Trotz aller Patina gehören alte Mekons Scheiben für mich zu den Platten, die ich immer wieder gerne höre. Vorallem weil die Mekons eine Band sind, die wie es wie keine andere versteht, dass Leben ein Chaos sei, in Songs zu packen. Songs die einem mit Gusto ein anderes Gefühl vermitteln, nämlich das Gefühl, dass auch das Chaos inspirierend wirken kann, selbst dann, wenn man die meiste Zeit damit verbringt, sich über allerhand Ungerechtigkeiten und idiotischen Autofahrer aufzuregen. Und wenn das alles nichts wirkt – so die Mekons – dann gibts ja immer noch Tequila und Country. Item, Sally Timms singt wirklich verdammt schön; sie hat eine dieser britischen Frauenfolkstimmen, die genauso schmeichelnd ist wie sie Unerbittlichkeit und eine gewisse Amüsiertheit über die Weltverbesserungideen der Linken zum Ausdruck bringt.

Creedence Clearwater Revival, Willy and the Poor Boys, 1969

Produzent/ John Fogerty

Label/ Fantasy

Das Coverfoto wurde vor einem Supermarkt im Industriegebiet von Berkley aufgenommen. Zwischen den tanzenden schwarzen Kids aus der Nachbarschaft posieren die Strassenmusiker Willy (John Fogerty), Blinky (Stu Cook), Poorboy (Tom Fogerty) und The Rooster (Doug Clifford). Auf der Rückseite des Albums sieht man die Poorboys auf dem Weg zur nächsten Strassenecke, um ihre Nickles und Pennies einzuspielen.

Der Cover-Song „Cotton Fields“ von Huddie Ledbetter passt sehr gut in das Gesamtkozept der Platte. Der Text handelt von der Armut der Schwarzen in Louisiana, vom Kampf minderbegüterter Menschen ums blanke Überleben. In einer Zeit, in der sich viele Bands mit Flower Power schmückten, in Sexskandale, Drogenexzesse und Gewaltausbrüche verstrickten, wirkten CCR wie ein Bollwerk der amerikanischen Mittelklasse. „Willy and the Poor Boys“ reflektierte nichtsdestotrotz das soziale Gewissen der Gruppe und ihr Verhältnis zur Demokratie. Ein typisches Beispiel ist der Song „Don’t Look Now (It Ain’t You Or Me): „Who will take the coal from the mine? Who will take the salt from the earth?“ –  „Es geht darum, wer wirklich in der Scheisse wühlt, um unsere Zivilisation am Laufen zu halten… Wer will dann der Müllmann sein? Keiner von uns. Die meisten werden sagen: das ist unter meiner Würde, den Job mache ich nicht.“ Auch „Effigy“ ist eindeutig ein politisches Stück: „Silent majority weren′t keepin‘ quiet anymore“. Es geht um die dunklen Kapitel der Nixon-Regierung. Ehe das Bild auf dem Rasen vor dem Palast verbrennt wird, steigert sich John Fogertys Gitarre in die Situation hinein, um die Umsetzung der Worte nachzuempfinden.

Snooks Eaglin, Down Yonder, 1983

Produzent/ Samuel B. Charters

Label/ Sonet

Obwohl seine erstes Album von 1958 ihn als blinden Strassensänger präsentierte, war der Gitarrenmeister Snooks Eaglin schon zwei Jahre später im Studio von Imperial und nahm mit seiner kleinen Band die härtesten und heissesten Rhythm and Blues Singles auf, die je auf diesem Label erschienen. Sicher, Eaglin war blind, aber er war auch ein äusserst differenzierter und sensibler Musiker mit viel Erfahrung. Er arbeitete hart und unerbittlich an seiner Musik und experimentierte mit vielen Stilen. Eaglin war ein virtuoser Gitarrist, der jazzige Akkorde mit atemberaubenden, blitzschnellen Bluesläufen von Einzeltönen mischte. Er hätte das Zeug zum Star gehabt, war jedoch ein zu zurückhaltender Mensch, um sich ganz nach vorne durchzuschlagen. So machte er im Lauf der Jahrzehnte nur eine Handvoll Platten, die jedoch alle exzellent sind.

Snooks Eaglin trat fast ausschliesslich in New Orleans auf, manchmal mit einer Funk-Band, dann wieder im traditionellen Rhythm and Blues Stil. Die Frage nach dem „echten Blues“ ist ein Klischee. Aber in jedem Klischee steckt ein Körnchen Wahrheit. Ich bin davon überzeugt, dass der Blues von Snooks Eaglin an seinem Konzert am 23. Oktober 1985 in der Storyville Jazz Hall in New Orleans unverfälscht und virtuos gespielt wurde.

Tonio K. , Life In The Foodchain, 1979

Produzent/ Rob Fraboni

Label/ Full Moon

Der Sänger klang nicht nur wütender als Johnny Rotten und Elvis Costello, sondern er hatte auch sein Pseudonym im Fundus der klassischen deutschen Literatur gefunden, sich mit dadaistischen Federn geschmückt und seine Texte mit französischen, deutschen, italienischen und griechischen Sätzen durchwirkt. Solche Musiker waren damals in den USA selten, und Tonio K. (frei nach Thomas Manns „Tonio Krüger“ und Franz Kafkas Alter Ego „K.“) hatte alles, um einen jugendlichen Rebellen zu faszinieren…

Auf „Life in the Foodchain“ entfesselte Tonio K. eine geballte Ladung sarkastischer Gesellschaftskritik, die am amerikanischen Traum keine guten Federn liess. Das servierte er mit einem so eiskalten Humor, dass man nie so recht wusste, ob er ein Moralist war oder ein Terrorist – vermutlich war er beides. Die Musik: Energetisch und kraftvoll; „Funky Western Civilisation“ ist ein Punksong, der eigentlich kein Punksong ist, und Tonio K.s Wut verlieh jedem Stück eine hysterische Intensität, nicht nur Rock-Songs wie dem knapp 9 Minuten langen „The Ballad of the Night the Clocks All Quit“ und „H-A-T-R-E-D“, sondern auch Balladen, Country-Songs und seinen Ausflügen in Rhythm’n’Blues.

Tonio K. nahm nach „Life In The Foodchain“ weitere Platten auf, doch keine war annähernd so stark wie sein Debüt. Irgendwann verschwand er, wie man in internetlosen Zeiten noch verschwinden konnte. Heute könnte ich mit einem Klick herausfinden, was Tonio K. die letzten Jahrzehnte getrieben hat. Aber will ich das wissen, oder will ich mir die Bedeutung, die Tonio K. für mich als Jugendlicher hatte, bewahren? Wie auch immer. Hört Euch das (wieder mal) an!

Bee Gees and Various Artists , Saturday Night Fever, 1977

Produzent/ Bill Oakes

Label/ RSO

Wer erinnert sich noch an die Bee Gees? Sie waren die Könige des Petting-Sounds. Schmusemusik in der Sekundarschule, wo Uschi Glas und Oswald Kolle die Nase vorne, Che Guevara und Rudi Dutschke aber das Nachsehen hatten: „New York Mining Desaster 1941“, „Massachusetts“, „World“. Dem Schlager näher als der Rockmusik. Die Stimmen der dreifachen Gibb Brüder öffneten die Herzen und fest verhakten Sport-BHs bei den Hobbyraum-Tanzfesten der sechziger Jahre, und eine Dekade später, als sich die zunehmend selbstbewusster werdenden Provinzjugend nicht länger vom Oberschülergeschmack der ewigen Pink-Floyd-Fans diktieren lassen wollte, wie ein ordentlicher Wochenendschwoof auszusehen hat, kam ihr „You Should Be Dancing“ gerade richtig.

40 Millionen Stück gingen vom Soundtrack zu dem bis heute von Kultursnobs unterschätzten Film „Saturday Night Fever“ über die Ladentheken dieser Welt. Das Drehbuch für den Film, der für die Disco ebenso wichtig war wie „Blackboard Jungle“ für den Rock’n’Roll, war von Nick Cohn. Ja, der gleiche Nick Cohn, der mit „A Wop Bop A Loo Bop A Lop Bam Boom“ eines der besten Bücher über Pop geschrieben hat, hat diese Apologie an das ewige Hopsen „auf dem Gewissen“. Man sollte hier aber keine falschen Schlüsse ziehen, denn Cohn hat die Gassen-Connection beibehalten. Er war nicht einer sterbenden Musik treu geblieben, sondern dem Volk, für das eine lebende Musik wichtig ist. „Staying Alive“ entstand in einer Zeit der beginnenden Gleichschaltung der Jugendkultur und schliesslich endgültigen Wiedervereinnahmung der Popmusik durch die Unterhaltungsindustrie.

Die Bee Gees liessen John Travolta vortanzen, wie man durch gekonnte Travestie die gute, alte Kuh mit Namen Black Maria ein weiteres Mal mit neuem Rekordergebnis melken konnte. Und so ganz nebenbei leistete „Saturday Night Fever“ wichtige Vorarbeit für die Erfolge von Michael Jackson oder Prince in den 80er Jahren.