Snooks Eaglin, Down Yonder, 1983

Produzent/ Samuel B. Charters

Label/ Sonet

Obwohl seine erstes Album von 1958 ihn als blinden Strassensänger präsentierte, war der Gitarrenmeister Snooks Eaglin schon zwei Jahre später im Studio von Imperial und nahm mit seiner kleinen Band die härtesten und heissesten Rhythm and Blues Singles auf, die je auf diesem Label erschienen. Sicher, Eaglin war blind, aber er war auch ein äusserst differenzierter und sensibler Musiker mit viel Erfahrung. Er arbeitete hart und unerbittlich an seiner Musik und experimentierte mit vielen Stilen. Eaglin war ein virtuoser Gitarrist, der jazzige Akkorde mit atemberaubenden, blitzschnellen Bluesläufen von Einzeltönen mischte. Er hätte das Zeug zum Star gehabt, war jedoch ein zu zurückhaltender Mensch, um sich ganz nach vorne durchzuschlagen. So machte er im Lauf der Jahrzehnte nur eine Handvoll Platten, die jedoch alle exzellent sind.

Snooks Eaglin trat fast ausschliesslich in New Orleans auf, manchmal mit einer Funk-Band, dann wieder im traditionellen Rhythm and Blues Stil. Die Frage nach dem „echten Blues“ ist ein Klischee. Aber in jedem Klischee steckt ein Körnchen Wahrheit. Ich bin davon überzeugt, dass der Blues von Snooks Eaglin an seinem Konzert am 23. Oktober 1985 in der Storyville Jazz Hall in New Orleans unverfälscht und virtuos gespielt wurde.

Tonio K. , Life In The Foodchain, 1979

Produzent/ Rob Fraboni

Label/ Full Moon

Der Sänger klang nicht nur wütender als Johnny Rotten und Elvis Costello, sondern er hatte auch sein Pseudonym im Fundus der klassischen deutschen Literatur gefunden, sich mit dadaistischen Federn geschmückt und seine Texte mit französischen, deutschen, italienischen und griechischen Sätzen durchwirkt. Solche Musiker waren damals in den USA selten, und Tonio K. (frei nach Thomas Manns „Tonio Krüger“ und Franz Kafkas Alter Ego „K.“) hatte alles, um einen jugendlichen Rebellen zu faszinieren…

Auf „Life in the Foodchain“ entfesselte Tonio K. eine geballte Ladung sarkastischer Gesellschaftskritik, die am amerikanischen Traum keine guten Federn liess. Das servierte er mit einem so eiskalten Humor, dass man nie so recht wusste, ob er ein Moralist war oder ein Terrorist – vermutlich war er beides. Die Musik: Energetisch und kraftvoll; „Funky Western Civilisation“ ist ein Punksong, der eigentlich kein Punksong ist, und Tonio K.s Wut verlieh jedem Stück eine hysterische Intensität, nicht nur Rock-Songs wie dem knapp 9 Minuten langen „The Ballad of the Night the Clocks All Quit“ und „H-A-T-R-E-D“, sondern auch Balladen, Country-Songs und seinen Ausflügen in Rhythm’n’Blues.

Tonio K. nahm nach „Life In The Foodchain“ weitere Platten auf, doch keine war annähernd so stark wie sein Debüt. Irgendwann verschwand er, wie man in internetlosen Zeiten noch verschwinden konnte. Heute könnte ich mit einem Klick herausfinden, was Tonio K. die letzten Jahrzehnte getrieben hat. Aber will ich das wissen, oder will ich mir die Bedeutung, die Tonio K. für mich als Jugendlicher hatte, bewahren? Wie auch immer. Hört Euch das (wieder mal) an!

Bee Gees and Various Artists , Saturday Night Fever, 1977

Produzent/ Bill Oakes

Label/ RSO

Wer erinnert sich noch an die Bee Gees? Sie waren die Könige des Petting-Sounds. Schmusemusik in der Sekundarschule, wo Uschi Glas und Oswald Kolle die Nase vorne, Che Guevara und Rudi Dutschke aber das Nachsehen hatten: „New York Mining Desaster 1941“, „Massachusetts“, „World“. Dem Schlager näher als der Rockmusik. Die Stimmen der dreifachen Gibb Brüder öffneten die Herzen und fest verhakten Sport-BHs bei den Hobbyraum-Tanzfesten der sechziger Jahre, und eine Dekade später, als sich die zunehmend selbstbewusster werdenden Provinzjugend nicht länger vom Oberschülergeschmack der ewigen Pink-Floyd-Fans diktieren lassen wollte, wie ein ordentlicher Wochenendschwoof auszusehen hat, kam ihr „You Should Be Dancing“ gerade richtig.

40 Millionen Stück gingen vom Soundtrack zu dem bis heute von Kultursnobs unterschätzten Film „Saturday Night Fever“ über die Ladentheken dieser Welt. Das Drehbuch für den Film, der für die Disco ebenso wichtig war wie „Blackboard Jungle“ für den Rock’n’Roll, war von Nick Cohn. Ja, der gleiche Nick Cohn, der mit „A Wop Bop A Loo Bop A Lop Bam Boom“ eines der besten Bücher über Pop geschrieben hat, hat diese Apologie an das ewige Hopsen „auf dem Gewissen“. Man sollte hier aber keine falschen Schlüsse ziehen, denn Cohn hat die Gassen-Connection beibehalten. Er war nicht einer sterbenden Musik treu geblieben, sondern dem Volk, für das eine lebende Musik wichtig ist. „Staying Alive“ entstand in einer Zeit der beginnenden Gleichschaltung der Jugendkultur und schliesslich endgültigen Wiedervereinnahmung der Popmusik durch die Unterhaltungsindustrie.

Die Bee Gees liessen John Travolta vortanzen, wie man durch gekonnte Travestie die gute, alte Kuh mit Namen Black Maria ein weiteres Mal mit neuem Rekordergebnis melken konnte. Und so ganz nebenbei leistete „Saturday Night Fever“ wichtige Vorarbeit für die Erfolge von Michael Jackson oder Prince in den 80er Jahren.

Gillian Welch and David Rawlings, Woodland Studios, 2024

Produzent/ David Rawlings

Label/ Acony Records

Zwar gelten Gillian Welch und ihr langjähriger Partner David Rawlings als essenzielle Player der Americana-Szene, dennoch gehen sie zu dieser stets auf Abstand. Die beiden gehen beharrlich ihren eigenen Weg, abseits jeglicher Trends. Wozu auch passt, dass ihr letztes Album „All the Good Times“ (2020) Traditionals und Covers artverwandter Künstler wie John Prine bot.

Mit „Woodlands“, ihrem aktuellen Album, veröffentlichen Welch und Rawlings nun erstmals seit 2011 auch wieder neue Songs. Aus rund hundert Stücken, die ursprünglich für zwei Alben geplant waren, wählten sie – unter dem Eindruck eines Tornados, der 2020 ihr Studio und ihr Dasein zu zerstören drohte – zehn Favoriten aus. Während sich „Hashtag“ mit dem Hinschied von Outlaw-Ikone Guy Clark auseinandersetzt, widmet sich „The Day The Mississippi Died“ den bröckelnden Politverhältnissen in den USA. Auffällig, dass sich die Lieder bisweilen erstmals etwas üppiger arrangiert zeigen. Trotz heimatlicher Tristesse, der die zwei mit Emphatie zu begegnen versuchen, planen sie dem abschliessenden und freundlichen „Howdy Howdy“ zufolge, einfach weiterzumachen – „We’ve been together since I don’t know when/ And the best part’s where one starts and the other ends.“

Tom Russell, Hotwalker, 2005

Produzent/ Tom Russell

Label/ Hightone Records

Nein, für einmal nicht. Keine knackigen Songs. Sondern viele Worte. „Hotwalker“ heisst das Album des kalifornisch-texanischen Songwriters Tom Russell. „Hotwalker“ ist eine musikalische Collage mit deutlicher politischer Message. Russell beklagt, in seiner Heimat gehe alles schief. Ob nun die Rechten oder Linken die Wahlen gewonnen haben – in Wirklichkeit regierten doch McDonalds, BurgerKing, Angst und falsche politische und religiöse Korrektheit.

Verpackt ist diese happige Aussage ins literarische und musikalische Umfeld der kalifornischen Fünfziger- und Sechzigerjahre, einer Zeit, zu der Amerika noch Schriftsteller hatte, die das Schreiben nicht in Kursen an der Uni gelernt hatten. Und Musiker, die sich nicht montags um zehn für Co-Writing-Sessions in den Büros der Plattenfirmen trafen. All diese Leute sind auf „Hotwalker“ zu hören, allen voran Charles Bukowski, mit dem Russell bis zu dessen Tod einen Briefwechsel pflegte, aus dem die Idee zum Album entstand. Aber auch Jack Kerouac, Lenny Bruce, die Musiker Dave Van Ronk und Ramblin’ Jack Elliot. Und natürlich der Protagonist Little Jack Horton, der mit Bukowski zu trinken pflegte, und dessen Erinnerungen und Anekdoten den roten Faden des Albums bilden. „My God’ s better than your God? That’s a bunch of bullshit!“, ruft Little Jack Horton. Kein Album also, das so nebenbei für gute Laune sorgt – sondern eines, dessen Anliegen, Nuancen und Pointen jedes Wiederhören zu einer Expedition ins „verlorene Amerika“ macht.

Bob Dylan, Oh Mercy, 1989

Produzent/ Daniel Lanois

Label/ Columbia

Dylans Kniff, zunehmender Vorhersehbarkeit zu entgehen, bestand darin, für das nächste Album einen Neuling in den Kreis zu nehmen, der sich woanders gerade bewährt hatte und dem dann zu ermöglichen, der neuen Platte von vorn bis hinten  seinen Stempel aufzudrücken. Erinnert sei an „Infidels“, das unverkennbar die Handschrift Mark Knopflers als Produzent und Gitarrist trug. Auf „Oh Mercy“ ist es Daniel Lanois, der produziert und fast auf jedem Stück mitspielt (Dobro, Lapsteel und Gitarre). 

Je sparsamer in Szene gesetzt, desto besser: Und mit dem „Man in the Long Black Coat“ erreicht Dylan hier einen der vielen einsamen Gipfel in seinem Gesamtwerk. Eine düstere Ballade, die die Geschichte der Frau, die mit dem geheimnisumwitterten Mann im schwarzen Mantel davonging, in poetischen Genrebildern erzählt. Man könnte sogar den Eindruck gewinnen, dass Dylan seine besten Songs geschrieben hat, wenn ihn die Frauen verliessen oder verlassen wollten. In diesem Song geht es allerdings ums ultimative Verlassen.

Mindestens ebenso eindringlich ist „Most Of The Time“, ein Liebeslied allererster Güte, mit dem Dylan all seine zuvorigen Liebeslieder nicht nur übertrifft, sondern ein Zeichen setzt, wie man Liebe, Abschied und – zum Beispiel – Seelenschmerz auf eine musikalisch tragende, hingegen niemals schnulzige Art und Weise behandeln kann.

Auch sonst beweist Dylan hier, dass er derjenige welcher unter den Songwritern ist. „Oh Mercy“ gehört zu den Dylan-Alben, bei denen von Anfang bis Ende so ziemlich alles stimmt, hinzu kommt diese dichte Atmosphäre, die gekonnte Instrumentierung, die musikalischen Anleihen bei den unwahrscheinlichsten Genres: „Where Teardrops Fall“ zum Beispiel, eine edle Tanznummer mit melancholischem Saxophon am Ende.

AC/DC, Dirty Deeds Done Dirt Cheap, 1976

Produzent/ Harry Vanda, George Young

Label/ Atlantic

AC/DC das sind auf diesem Album: Angus Young, Leadgitarre; Malcolm Young, Rhythmusgitarre: Bon Scott, Gesang; Phil Rudd, Schlagzeug und Mark Evans, Bass. Produziert wurde „Dirty Deeds Done Dirt Cheap“ von Harry Vanda und George Young. Vanda und Young waren die Gitarristen der Aussie-Beat-Band The Easybeats, die 1966 mit „Friday On My Mind“ einen grossen Hit hatte. Dieser George Young war der ältere Bruder von Angus und Malcolm; eine richtige Rock’n’Roll-Familie also, diese Youngs. Nun, Bruder George hat Angus und Malcolm alle Tricks aus dem Rock-Lehrbüchlein gezeigt, und die beiden nebst den drei anderen waren, wie man hören kann, gelehrige Schüler.

Ergebnis: Die neun Titel dieser Platte sind so, wie Rock-Nummern eben sein sollen: laut, schnell, aggressiv und elektrisierend. OK., der musikalische Horizont der rockenden Kängeruhs ist keinen Deut breiter als sagen wir mal Status Quo, aber AC/DC sorgen dennoch für unverfälscht geilen Rock’n’Roll-Spass. Darum nimmt man Sänger Bon Scott auch seine räudigen, dreckigen Lyrics ab, dass er „Big Balls“ hat, ein „Rocker“ ist und dass er keinen Bock hat „Waiting Round To Be A Millionare“. Sehr gute AC/DC Scheibe. Und jetzt mal den Regler ein wenig nach rechts schieben und in jener Welt stehen. Bis in die übernächste Steinzeit!

The Jayhawks, Tomorrow the Green Grass, 1995

Produzent/ George Drakoulias

Label/ American

Dieses Album hat das sentimentalische Potential der alten Filme aus den Sechzigern und frühen Siebzigern, die wir erst später gesehen haben und die vielleicht gerade deshalb so eine rätselhafte Melancholie verströmten, auch wenn sie gar nicht melancholisch waren. Die leicht verblassten Farben gaben wohl einen ersten Anschein davon, dass unser Leben siebenzig Jahre währet, und wenn es hoch kommt, so sind es achtzig Jahr, und wenn es köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen; denn es fähret schnell dahin, als flögen wir davon…

Die Jayhawks sammeln vor allem Stoff, um den Beweis anzutreten, dass die siebzig, achtzig Jahre meistens eben doch nicht so köstlich gewesen sind. Ihre Worte deuten nur an, bleiben im Ungefähren, aquarellieren eine menschliche Tragik, die erst von der Musik endgültig beglaubigt wird. „Where have all my friends gone?/ They′ve all disappeared/ Turned around maybe one day/ You’re all that was there/ Stood by unbelieving/ Stood by on my own/ Always thought I was someone/ Turned out I was wrong…“ heisst es in dem schon überirdisch schönen „Blue“. Und eine alte, einfache, bekannte Musik, eine Mischung aus Folk, Country, sanftem Rock und Westcoast bildet den empathischen Klangkörper. Das wird alles ohne grosse Geste, verständnissinnig, fast schicksalshaft vorgetragen, als rechne man gar nicht unbedingt mit einem Publikum. Das ist natürlich Quatsch, aber es klingt so.

Mickey Baker, The Wildest Guitar, 1959

Produzent/ Mickey Baker

Label/ Atlantic

Vielleicht hätte er auch anfangen sollen, Gitarren zu entwickeln – dann wäre sein Name womöglich gleichermassen geläufig wie der des Kollegen Les Paul, was Bakers Bedeutung als Gitarrenpionier der ersten elektrischen Generation angemessen wäre. Viele eigene Alben nahm er im Laufe seiner langen Karriere nicht auf man kann ihn aber auf Alben von The Drifters, Ray Charles oder Ruth Brown ebenso hören wie auf solchen von Big Joe Turner oder Coleman Hawkins. Als Teil des Pop-Duos Mickey & Sylvia veröffentlichte er 1956 die Hit-Single „Love Is Strange“.

„Wilder“ im Sinne von roher wurde anno 1959 andernorts (in Chicago etwa) durchaus gespielt, der Titel stimmt aber trotzdem: Denn was Baker hier mit der Gitarre, vor allem mit den Möglichkeiten ihrer Elektrifizierung anstellt, ist definitiv wild und vor allem wegbereitend. Stilistisch befinden wir uns bei diesen zwölf Instrumentals von „Third Man Theme“ über „Autumn Leaves“ und „Old Devil Moon“ bis „Gloomy Sunday“ zwischen den Polen Rock’n’Roll, Blues, Pop/Easy Listening und Jazz, aber unter einem gitarristischen Aspekt ist das absolute Avantgarde!

Shocking Blue, Venus, 1969

Text/Musik/ Robbie van Leeuwen

Produzent/ Robbie van Leeuwen

Label/ Pink Elephant

Shocking Blue mit „Venus“ waren Ende der 60er berühmt. Eigentlich entsprach der Song nicht ganz meinem Geschmack, aber die Platte lief überall und ich habe sie so oft gehört, dass ich den Text auswendig konnte. Es gibt da mehrere Pausen. Gleich nach der ersten Zeile:“ A goddness on a mountain top. Top nur kurz (singend) ausgesprochen und dann Stopp. Mit der Pause entsteht eine kleine Verzögerung vor der nächsten Zeile: „Was burning like a silver flame“. In die gegenseitigen winzigen Pausen hinein, spielen dann auch die beiden Gitarristen, unterstützt vom Schlagzeuger.

In dem Video sind drei braun gelockte, junge Männer mit langen, dichten Haaren zu sehen und neben ihnen steht die Sängerin Mariska. Sie braucht keine grossen Gebärden, sie singt einfach und schwingt manchmal ein wenig die Hüften. Mehr als 124 Millionen Aufrufe hat das alte Video heute; und jeden Tag klettert die Zahl um weitere zwölfhundert. Shocking Blue spielen unaufgetakelt, gelassen freundlich, sogar eine Spur gelangweilt, was ihnen sehr gut steht. Und wieder singt die dunkeläugige Südschönheit „Her weapon were her crystal eyes, wobei mir bei diesem „weapon“ von Anfang an nicht nur die Waffen eingefallen sind, sondern auch das Wappen. Ihre Augen waren ein Wappen, sagte ich mir, als ich nur die Platte kannte und nichts vom Video wusste. Die Wörter hängen ja zusammen, sie sind gewappnet beziehungsweise sind sie ( jene Augen, das Lied und die Band) auch in ihrem Video gefeit, wogegen auch immer.