Dave Alvin & Phil Alvin, Lost Time, 2015

Produzent/ Craig Parker Adams, Dave Alvin

Label/ Yep Roc Records

Der Titel des Albums klingt zärtlich bitter. Seit Dave Alvin die Blasters 1987 verliess, um eine Solokarriere einzuschlagen, fanden die kalifornischen Brüder nur noch selten zusammen. Nach dem gelungenen Reunion-Projekt „Common Ground“ (einer Hommage an Big Bill Broonzy) haben Phil und Dave tief gegraben, um weitere Blues- und R & B-Schätze zu heben und mit neuem Leben zu füllen.

„Lost Time“ ist ein Tribut an die Blues-Shouter der Fifties, die Rückseite des Covers ziert ein Foto von Big Joe Turner. Von ihm stammen vier der zwölf Songs. Die Alvins hatten viel Spass bei den Aufnahmen. Man höre sich nur einmal das dämonische „Mr. Kicks“ an oder die beschwingten Takte von Otis Rushs „Sit Down Baby“ oder „World’s In A Bad Condition“, eine Tampa-Red-Nummer, welche die Brüder schon als Teenager in ihren Bann zog. Im akustischen Gospel „If You See My Savior“ singen die Alvins gemeinsam. Meistens übernimmt das Phil. Er klingt vibrierend und teils, wie in James Browns „Please Please Please“, kraftvoller den je. Der frühere Blasters-Pianist Gene Taylor gastiert im zotigen „Rattlesnakin‘ Daddy“. Das ist ein frisch rockendes Bluesalbum mit einer Vielfalt von Stilen – vom Ragtime zum Jump-Blues, mit Abstechern nach Chicago, Texas und Piedmont.

Joan Osborne, Bring It On Home, 2012

Produzent/ Jack Petruzzelli, Joan Osborne

Label/ Saguaro Red

Natürlich ist Joan Osborne grossartig. Warum das die Welt nicht im ganzen Ausmass erkannt hat, liegt vielleicht daran, dass die Frau aus Lousvile, Kentucky, nie richtig zu fassen ist. Sie leistet sich viel, kann zu viel, will viel. Ihr Spektrum reichte in der Vergangenheit von Folk bis Pop, Rock und Soul, und 2012 erhielt sie mit „Bring It On Home“ eine Grammy-Nominierung in der Kategorie Blues. Das Album ist eine Kollektion klassischer Blues-, R&B- und Soulnummern von Allen Toussaint, Muddy Waters, Ray Charles, Otis Redding und Al Green. Mit sinnlich angerauter Stimme interpretiert Osborne Stücke, von denen sie sich im Laufe ihrer Karriere inspirieren liess.

Gemeinsam mit ihrer Band hat die Sängerin Stücke ausgewählt, die nicht wirklich zu den bekannten Stücken zählen und ihnen einen persönlichen Stempel aufgedrückt. Wenn sie etwa „Shake Your Hips“ von Slim Harpo singt, dann ist sie ganz nahe dran am spartanischen Boogie aus Louisiana und nicht an der Interpretation der Stones. Begleitet von Alain Toussaint am Piano wird aus dessen „Shoorah Shoorah“ ein eleganter Rhythm & Blues-Pop. Und Otis Reddings „Champagne And Wine“ wird zu einer melancholischen Ballade mit Folk-Anklängen. Was in der Sammlung von „amerikanischem“ Blues und Soul auffällt, ist „Broken Wing“ von dem britischen Musiker John Mayall. Auf jeden Fall: Tolles Album, grossartige Sängerin! Wer Freude an eleganten und meist unaufdringlichen Interpretationen hat, der sollte sich Joan Osbornes Album „Bring It On Home“ anhören.

Various, Cracking The Cosimo Code (60s New Orleans R&B And Soul), 2014

Produzent/ Cosimo Matassa

Label/ Ace Records

Kaum eine andere Stadt hat zur Entwicklung der Populärmusik des 20. Jahrhunderts mehr beigetragen wie New Orleans, die Wiege von Jazz, R&B und Rock’n’Roll. Seit Mitte der Vierzigerjahre machte Cosimo Matassa die Musik seiner Heimatstadt berühmt. Während der klassischen R&B-Ära nahm der Studiobetreiber nahezu jede wichtige R&B-Platte auf, die damals aus der Crescent City kam – von Roy Browns „Good Rocking Tonight“ (1948) bis zu den frühen Hits von Fats Domino und Little Richard. Diverse auswärtige Plattenfirmen schickten ihre Künstler nach New Orleans, um den Cosimo-Hit-Sound einzufangen.

In den Sechzigern wurden die Hits spärlicher, doch sie versiegten nicht. Jüngere Produzenten wie Allen Toussaint oder Harold Battiste verpassten der Musik mehr Soul und funky Rhythmen. Zum Kreis der Studiomusiker zählten neben Toussaint auch Dr. John, Alvin Red Tyler sowie John Boudreaux. Das Album versammelt die Highlights des Studio-Outputs der Sechziger: Jessie Hills Proto-Funk-Stampfer „Ooh Poo Pah Doo“, Earl Kings „Trick Bag“, nationale Hits wie Robert Palmers „Barefootin’“, Barbara Lynns „Second Fiddle Girl“ und Aaron Nevilles „Tell It Like It Is“. Die Schliessung des Studios markierte 1968 das Ende des klassischen New-Orleans-R&B.

Pink Floyd, Money, 1973

Text/Musik/ Roger Waters

Produzent/ Pink Floyd

Label/ Harvest

Das Stück heisst „Money“ und folglich klingelt auch brav im Rhythmus die Kasse. Was macht man mit dem vielen Geld? Man kauft sich Luxus. Ich kaufe mir eine Fussballmannschaft. Oder doch nicht? Erste Klasse-Reise-Ausrüstung, Privatjet – das gehört durchaus zum Lebenstil der Superreichen. Und dann wird es offen kritisch: Geld ist ein Verbrechen und die Wurzeln allen Übels. Aber in einem Vers auch linke Scheinheiligkeit: Natürlich wollen wir Verteilungsgerechtigkeit, aber nur solange sie nicht zu meinen eigenen Lasten geht.

Der Song wirkt durchaus kapitalismuskritisch, zumal das dazugehörige Video Bilder aus der Finanz- und Luxuswelt mit Armutsbildern kontrastiert. Brände und Explosionen spielen auf gewalttätige Demonstrationen und Revolutionen an. Ironischerweise hat es Pink Floyd eine ganze Menge von dem verteufelten Geld eingebracht, denn das Album „Dark Side Of The Moon“ hat sich über 50 Milllionen Mal verkauft. Auch wenn Roger Waters in seinem Song das Entfremdete und Sinnentleerte des Kosumfetischismus kritisiert, wurde die moralische Haltung als Sozialist schwierig, als ihn der Erfolg von „Dark Side“ zum Multimillionär machte. „Wenn du den Durchbruch geschafft hast“, so erkannte Waters später, „erweist auch der sich als Enttäuschung.“ Statt wie früher vor einem aufmerksamen Publikum aufzutreten, spielten Pink Floyd jetzt in Stadien vor bekifften Fans, die dauernd nach „Money“ riefen.

Annette Peacock, The Perfect Release, 1979

Produzent/ Annette Peacock

Label/ Aura

7 Stücke Messerspitzen, Nadelstiche, feine Tätowierkünste: „We are all sandwiches/ the meat between life and death…“ oder „Women have the power over men/ sexually and numerically…“ oder „the attraction it seems is to live for ones dreams/ But the dreams are the why we succumb to the lie“ – vorgetragen von einer Meisterin ihres Fachs mit einer kühlen, überheblichen, melodienabreissenden, manchmal enervierend hohen, jazzgeschulten, weissen Stimme, die sich auf vielen Instrumenten begleitet, dominierend ein Piano, das stellenweise Spuren des frühen Chick Corea aufweist, rein ökonomisch eingesetzt, wie alle musikalischen Elemente und Texte bei Annette Peacock.

Sie stammt tatsächlich aus einer fast vergessenen Schule, aus dem Intellektuellen-Jazz-Zirkel der späten 60er in New York, aus dem als heute bekanntestes Element Carla Bley hervorgegangen ist und auch deren Ex-Mann Paul Bley Annettes langjähriger Partner bei der ersten psychedelischen Synthie-Jazz-Band der Welt war. Nach dem Album „I’m The One“ von 1971 wurde das Interesse von Pop-Musiker an Annette Peacock immer stärker: David Bowie flog zwar aus ihrem Studio, weil er störte, lud sie aber zu den Aufnahmen von „Aladdin Sane“ ein – was Peacock ablehnte, genau wie die Aufforderung mit Brian Eno tätig zu werden. Sie trat lieber live mit Iggy Pop auf, wirkte in einem Film Salvadore Dalis mit. Zwischen 1974 und 1978 lebte Annette Peacock zurückgezogen in England, um ihre Tochter aufzuziehen. Erst gegen Ende des Jahrzehnts erregete sie wieder Aufsehen mit ihren ausufernden und eindeutigen Texte zu funkigem Jazzrock. Am spannendsten ist hier „The Perfect Release“, das mit Teilen von Jeff Becks Combo als Begleitmusikern eingespielt wurde.

Pere Ubu, The Modern Dance, 1978

Produzent/ Pere Ubu, Ken Hamann

Label/ Blank

„The Modern Dance» beginnt mit einem unangenehmen Pfeifen, in das sich ein nachlässiges, Spannung erzeugendes Gitarrenlick einmischt – bis ein scharfes Gitarrenriff die Sirene wegbläst und David Thomas zu einem verzweifelten Abgesang auf die Liebe ansetzt. „Nonalignment Pact“ ist der perfekte Einstieg in ein perfektes Debüt, das auch heute noch modern ist. Nach einer Handvoll EPs legten Pere Ubu 1978 mit „The Modern Dance“ ein Album vor, das seine Wut, Energie und seinen Humor dem Punk verdankte, aber viel weiter vorwärtsdrängte und ausschwärmte, als es Punk damals erlaubte.

Pere Ubu aus Cleveland, Ohio schufen auf „The Modern Dance“ den Soundtrack für ihre Geisterstadt: Sie verbannten die Pop-Klischees der Seventies in die heimeligen Vororte und verschweissten schroffe Gitarrenriffs, zerbrochene Rhythmen, unkontrolliert lärmende Synthesizer und David Thomas‘ abartige Stimmkünste zu ruppigen Prä- und Post-Punksongs und abstrakten Industrie-Klangskulpturen. Pere Ubu waren keine intellektuellen Avantgardisten, sondern eine intuitive „Avantgarage“-Band, eine Folk-, keine Kunstcombo; sie waren lieber Erneuerer als Ikonoklasten, und statt das Populäre zu verdrängen, jonglierten sie mit dessen Versatzstücken. Von Pere Ubu gespielt, mutierten die wohltemperierten Pop-Harmonien indes zu unberechenbaren Achterbahnfahrten durch Bilder urbaner Entfremdung und industrieller Verelendung. Aus den Abgründen jedoch schallte immer wieder anarchisches Gelächter: Mehr als das Entsetzen umkreisten Pere Ubu halluziniert die schwarzen Löcher des Absurden, und der Alptraum kippte in ein existenzielles Grand Guignol, das die Kinder das Lachen und die Erwachsenen das Fürchten lehrte – genau wie Alfred Jarrys Puppengroteske „Ubu Roi“ von 1896.

David Thomas, der Sänger und Gründungsmitglied von Pere Ubu starb am 23. April 2025 im Alter von 71 Jahren. Er war einer der interessantesten und kompromisslosesten Musiker seiner Generation.

Ian Hunter & Mick Ronson, Live At Rockpalast 1980, 2011

Produzent/ WDR

Label/ MIG

Mick Ronson aus dem nordenglischen Hull war nicht nur irgendein Lead-Gitarrist, er war der Archetyp eines Lead-Gitarristen. Spindeldürr mit langem blondem Haar. Seine Soli spielte er selbstverständlich breitbeinig und natürlich auf einer tief hängenden Les Paul. Was dabei rauskam, waren kurze, instrumentale Ohrwürmer.

„Schweinerock“ würden einige Ignoranten heutzutage wahrscheinlich motzen, aber Ronson nudelte nicht einfach irgendwelche Klischees runter. Er hat Zeug erfunden, das in den Händen von Millionen minderbegabter Nachahmer zum Klischee wurde. Nicht nur David Bowie und Ian Hunter, sondern auch Lou Reed, Roger McGuinn, John Cougar, Kinky Friedman, Bob Dylan und T-Bone Burnett wussten Ronson zu schätzen. Er war auch als Arrangeur und Produzent nicht übel. Reeds „Transformer“ und Bowies „Ziggiy Stardust“ gehen zum Teil auf seine Kappe. Auf YouTube ist ein gut aufgenommener Auftritt von Ronson zu finden, mit Hunter im „Rockpalast“ aus dem Jahre 1980. Unbedingt mal ansehen bzw. anhören „Take it away, Mick…“

 

Eric Andersen, Ghosts Upon the Road, 1989

Produzent/ Steve Addabbo

Label/ Gold Castle Records

Wer seinerzeit der anglo-amerikanischen Folkmusik in der Ära vor CD und mp3 auf der Spur gewesen ist, der könnte Eric Andersen begegnet sein. Zum Beispiel mit „Violets of Dawn“ oder „Thirsty Boots“, dem Archetyp eines Songs von der Guthrie-Ochs und Paxton-Sorte. Die lange Geschichte vom Green-Village-Folk-Zirkel der 60er bis zu „Ghosts Upon The Road“ lässt sich auf dem Wikipedia-Artikel über Anderson nachlesen. Wem selbst für dieses Konzentrat die Zeit zu knapp ist, der möge sich halt den Titelsong anhören; der ist nämlich das musikalische und poetische Fazit der Angelegenheit vom Sänger selbst; dauert allerdings auch elf Minuten. Soviel Zeit hat heutzutage beklagenswerterweise kaum noch jemand, um sich mit derselben Sache zu befassen. Lohnen würde sich das. Gelang es doch selten genug einem Folk-Helden der 60er, sich mit Abstand drei Jahrzehnte später noch Gehör zu verschaffen.

„Ghosts Upon the Road“ ist eine bewegende Weitermach-Geschichte und einer der spärlichen Momente, wo moderne Produktionstechnik künstlerischer Authentizität kaum ein Haar zu krümmen vermag.

The Nits, In The Dutch Mountains, 1987

Produzent/ The Nits

Label/ Columbia

Das erste Mal hörte ich den Song im Herbst 1987 in der Musiksendung „Sounds“ im Schweizer Radio. Es war eines von vielen neuen Stücken, die an diesem Abend vorstellt wurden. Ein munteres Stück, mit einem Drum-Pattern, das an den Gang eines Kamels erinnert, fast schon tanzbar, melodiös und eminent mitsingbar. Irgendwas von einem Müller auf dem Rücken einer Kuh, glaubte ich zu verstehen, dann der Refrain, der von holländischen Bergen handelte. Diese gibt es, wie man weiss, nur in der Phantasie.

Im nächsten Frühjahr kaufte ich mir das Album „In The Dutch Mountains“, das auch gleich mit diesem Song begann. Eine Live-Aufnahme auf zwei Spuren, so wollte das die Band. Das Lied, das ich vor ein paar Monaten zum ersten Mal im Radio gehört hatte, war nun unwiderstehlich zum Hit geworden. Da passte alles: der Groove, die an John Lennon erinnernde Stimme von Henk Hofstede, die melancholisch aber auch mächtig sein konnte, das „Mountain“-Sample, die Melodie.

„In The Dutch Mountains“ bestand für sich allein, war aber auch der programmatische Opener für ein Album voller Kindheitserinnerungen und -phantasien aus dem Osten Amsterdams, wo die „Schiffe auf den Kanälen höher sind als die Häuser“. Die holländischen Berge, das musste diese Fläche sein, die sich ausserhalb der Grenzen der Niederlande auf der grossen Karte im Geographie-Unterricht auftaten. So stellte sich das der kleine Henk vor, das sang Henk Hofstede 1987 in einem zeitlosen Song.

Fine Young Cannibals, The Raw & The Cooked, 1989

Produzent/ Fine Young Cannibals, Jerry Harrison

Label/ I. R. S. London

Lots Of Music in die Air bei diesem Ding, Gavyn Wrights vertrauenswertes Saxophon, die emsige Trompete, Jools Hollands pochendes Piano auf „Good Thing“, warme Background-Stimmen flackern hier und da auf und setzen der eigenartigen aufgedreht-euphorischen Grundstimmung noch letzte Kicks hinzu. Bei aller Fähigkeit zu distanziertem Gebahren steckt in jeder Ecke hektische Begeisterung, gerade so, als hätte man nur sehr wenig Zeit sein perfektes Soulstück der Welt vorzuführen.

Roland Gift ist alles mögliche, unter anderem dringlich, manchmal hart bis zur Grenze des Erträglichen, manchmal rührend, manchmal fast sachlich, nur ein Otis Redding ist er nicht. In ruhigeren Momenten ist seine Stimme angenehm rauh, oft hat sie aber dieses gequetschte Näseln, nur eben Otis Redding sollte man es nicht nennen. Fine Young Cannibals waren einzigartig, tanzbar und mit einer der aussergewöhnlichsten Stimmen in der Musikszene der späten 80er Jahre. Wie bei „ She Drives Me Crazy“ schlummert hier in jedem Stück des Auf-Dauer-Nervös-Machenden – deswegen mag ich das Album.