Graham Parker & The Rumour, Howlin Wind, 1976

Produzent/ Nick Lowe

Label/ Vertigo

„Howlin’ Wind“ war so ziemlich das Beste was neben Dr. Feelgood puncto Pub-Rock Ende der siebziger Jahre aus England herüberkam. Graham Parker zeigte hier allen Zweiflern, dass es tatsächlich noch geht, die Herzen von abgebrühten und abgestumpften Musikkonsumenten, wie meins wieder zum Schlagen zu bringen und emotionell Verschwommenes wieder aufzurühren, wie es in den frühen sechziger Jahren vielleicht die Kinks mit „You Really Got Me“ schafften oder später – und verfeinert – die Small Faces mit „Itchycoo Park“.

This wasn’t my first Parker and the Rumour record but like Fox said this music got to me first listen. They craft some cool music from their influences, R&B, rock n roll, soul etc. The music is akin to early Morrison, Springsteen, Southside Johnny, the Band,  They learned their craft playing gigs and they are hardened, tight players with a fantastic front man in Graham.

Ich stelle Graham Parker und seine exzellenten Musiker in eine Reihe mit den heutzutage doch recht selten gewordenen Leuten, bei deren Musik kein Bruch da ist zwischen Gefühl und Aussage, zwischen kommerzieller und künstlerischer Qualität, weil sie einfach Ausdruck einer Persönlichkeit ist, die sich durch eine ganz eigene Musik vermittelt, auch wenn die Formen nichts Neues sein mögen. „Nothin‘ Gonna Pull Us Apart“, „Gypsy Blood“, „You’ve Got To Be Kidding“ und „Hey Lord Don’t Ask Me Questions“ sind für mich die atmosphärisch dichtesten Titel auf dem Album.

„White Honey“ opens the record and it’s a real good feel on what GP is all about. „Red Hot Gypsy Blood“ is another highlight. It starts out with a ballad feel and ends up with Graham and the band building it into a soulful groove, You get a range from the softer stylings of ‚Between You and Me“ to the punchy more street sound of „Lady Doctor“. Add these to Fox’s tracks above and you get an album with no weak cuts. As Parker sings „Swing time is here children“.

Stimmt, CB! Das Album lässt keine schwachen Momente aufkommen, dafür sorgen schon die routinierten Profis von The Rumour, zu denen u.a. Brinsley Schwarz gehört. „Howlin’ Wind“ ist eine historische Rockplatte, auch wenn Graham Parker nie über den Status des Geheimtips herausgekommen ist.

Parker is no one trick pony. His music has got into me and is part of my regular music spins. I pull him and this album out a lot. Im with you on „historic record“. It is that for me. Good choice Fox!

Dieser Beitrag entstand im Dialog mit Cincinnati Babyhead

And All Because The Lady Loves, …Anything But A Soft Centre, 1988

Produzent/ John Sylvester

Label/ Paint It Red

Da liegt ein grosses graues Meer, kaum abzusehen mit dem Auge, bis zum Horizont, doch die Frauen, die davor sitzen und reden, die imaginieren sich all die Farben und Abstufungen rein. Mal Treffen und Reden kann so grausam oder so wundersam sein. Die beiden Frauen reden von allem „was sonst noch geschieht“, Gefühlsdiagnosen, Lieben, Lügen, Beziehungskram, Traurigkeit, Probleme. Die beiden Mädchen heissen Rachel Collins und Nicky Rushton und sie kommen aus irgendeiner Randgegend von Newcastle. Ihr Album „…Anything But A Soft Centre“ ist ganz sanft, ganz Nicht-Pop, aber auch nicht eine beliebige Folknummer; der doppelte Gesang ist eher von verwegener Trägheit, ihre Texte Frauen-Junk, Fem-Trash, von der sehr englischen Art, untertrieben, mit dieser gewissen Fadheit, vom Feinsten… Leider ist das Album kaum mehr greifbar.

Syd Straw, War And Peace, 1996

Produzent/ Syd Straw

Label/ Capricorn Records

Die Karriere von Syd Straw verlief auf ziemlich krummen Wegen. Sehr begabt, von Grossen umschmeichelt, als Backingstimme auf deren Aufnahmen genutzt, in unzähligen Booklets dankend erwähnt – nur sie selbst bekam es irgendwie nicht so richtig auf die Strasse! Ihre Stimme ist spröde, seltsam uncharmant, ihre Kompositionen im Kleinen schräg, obwohl es doch nur Rockmusik ist, eigentlich gar nichts ambitioniertes, es klingt nur oft so ungeniessbar. Dabei hatte sich ihre alte Firma Virgin sogar Mühe mit Syd Straw gegeben und sie durfte für ihr erstes Album „Surprise“ alles einladen was Rang und Namen hat, von Michael Stipe bis Richard Thompson, von Greg Leisz bis Marc Ribot usw. Trotzdem wurde „Surprise“ ein Flop. Spröde Songs, spröde Stimme – unverkaufbar.

Dann ein neues Label, immer noch ein grosses, aber offensichtlich kleines Budget. Für die Stars reichte es diesmal nicht mehr. Also einfach eine Rockband ins Studio eingeladen. Und das ist genau das Reizvolle an diesem Album – Die Skeletons die hier den musikalischen Background abgeben sind ganz Abgehangene, uralte Füchse, die zeitlosen Rock’n’Roll spielen – und das bekommt „War And Peace“ gut! Die Platte ist aus einem Guss; Syd Straw hat auch alle Texte selbst geschrieben und die Songs produziert.

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Steve Earle, I Feel Alright, 1996

Produzent/ Ray Kennedy, Richard Bennett, Richard Dodd

Label/ Warner Bros.

Steve Earle kam gerade aus dem Gefängnis nach einer längeren Drogenphase und hatte einiges auf dem Herzen, was er unbedingt musikalisch sagen wollte. Dieser satte, abgezockte Gitarren-Sound, die teils grimmigen, teils sentimentalen Texte vermitteln eine unmittelbare Kraft – besser geht’s kaum. Man glaubt dem Ex-Junkie alles, sogar wenn er „I Feel Alright“ singt. Sein Countryrock ist wie ausgemergelt: kein Hall, kein Schnörkel. Kunst und Künstler sind eins, denn Earle hat viel durchgemacht. Nach dem Akustikalbum „Train A-Comin“ von 1995, das zum Bewegendsten seit Neil Youngs „Tonight’s The Night“ gehörte, hat er die Strassenseite gewechselt. Hier scheint die Sonne, doch Earle erinnert sich natürlich nur an den Schatten.

„Cocaine Cannot Kill My Pain“ heisst ein Lied, und eines nennt sich „The Unrepentant“, nach dem, der nichts bereut, und schliesslich taucht der Teufel zum Showdown persönlich auf: „You Got Your Pitchfork And I Got My Gun“. Einer wie Steve Earle muss die Drecksarbeit machen. „Wenn die Welt untergeht“, sagt Earle, „werden drei Dinge übrigbleiben: die Kakerlaken, Keith Richards und ich.“ Nicht die schlechteste Gesellschaft.

Otis Taylor, Hey Joe Opus – Red Meat, 2015

Produzent/ Otis Taylor

Label/ in-akustik

The Gun Club, später Jon Spencer Blues Explosion und The White Stripes haben den Blues durch die Brille der modernen, post-punkigen USA frisch aufbereitet. Otis Taylor hingegen ist ein Blues-Mann der älteren Garde – seine Erneuerungsversuche wachsen gleichermassen aus dem Stamm heraus. Taylor ist Jahrgang 1948, wurde in Chicago geboren, wuchs in Denver auf und spielte vorerst Banjo. 1977 hing er Gitarre und Banjo an den Nagel und betätigte sich als Antiquitätenhändler, ehe er in den 90er Jahren zur Musik zurückfand.

Der Blues von Otis Taylor wird gekennzeichnet durch die fruchtige Stimme und durch eine aufregende Bereitschaft, in den Arrangementen kühne Wege zu gehen: So tauchen hier auch Theremin, Pedal Steel, swingende Hammond-Orgel, Geige und allerhand ausgelassene Bläsereien auf. Zudem ist Taylor in stillen Banjo-Liedern ebenso zuhause wie in unglaublich groovigen Ensemble-Stücken, wo der Blues über weite Strecken von drei Akkorden auf einen reduziert worden ist. Neben dem „Hey Joe Opus“ empfehle ich auch weitere Alben wie „White African“ und „Pentatonic Wars and Love Songs“ – alle sehr toll!

Lucinda Williams, Happy Woman Blues, 1980

Produzent/ Mickey White, Lucinda Williams

Label/ Smithsonian Folkways

Back to the Roots führt uns dieses Album. Zurück zu den Wurzeln von Lucinda Williams. „Happy Woman Blues“ ist 1980 bei Folkway Records erschienen. Das Schallplattenlabel, 1947 von Moses Asch gegründet, war in den fünfziger bis siebziger Jahren eine der grössten unabhängigen Plattenfirmen in den USA. Der Katalog der Firma umfasste 2200 Titel. Dabei ist eine grosse Auswahl amerikanischer Folkmusik, anderer traditioneller Musikformen, Kinderlieder, World Musik, Literatur, Dichtung etc. Das Smithsonian Institut in Washington ist ein grosses staatliches Museum, das sich um die Erhaltung amerikanischer Kultur kümmert. Es hat den gesamten Katalog von Folkways übernommen und sorgt mit dem eigenen Label Smithsonian Folkways dafür, dass alle Titel weiterhin erhältlich bleiben.

„Happy Woman Blues“ ist das zweite Album von Lucinda Williams. Aufgenommen wurde es in den Sugar Hill Studios mit den Musikern Mickey White, Rex Bell, Andre Matthews, Ira Wilkes, Mickey Moody und Malcolm Smith. Es ist eine Sammlung von elf folkigen Eigenkompositionen. Alle sehr einfühlsam und zurückhaltend arrangiert, ganz nach Art amerikanischer Folktradition, In den Texten sieht man, wie Williams aus traditionellen Vorgaben heraus agiert, aber mit sicherem Gespür die alten Sujets mit ihren gegenwärtigen Belangen füllt. Zum Teil wirkt Lucinda hier noch etwas unbeholfen, staksig und trotzdem spürt man schon überall das warme, leidenschaftliche Temperament einer selbstbewussten Frau.

ZZ Top, Jesus Just Left Chicago, 1973

Text/Musik/ Billy Gibson, Dusty Hill, Frank Beard

Produzent/ Billy Ham

Label/ London Records

Die Stimme klingt, als habe man ihren Besitzer in aller Frühe aus dem Bett geholt: „Jesus just left Chicago/ And he’s bound for New Orleans./ Jesus just left Chicago/ And he’s bound for New Orleans.“ Gerade die Wiederholung lässt den Verdacht aufkommen, dass es die Aufgabe dieses Mannes war, Jesus nicht aus den Augen zu lassen und dafür zu sorgen, dass Jesus Chicago nicht verlassen konnte; aber er hat versagt. Es kam zu einem Wortwechsel, dann hat Jesus sich aus dem Staub gemacht und ist jetzt vermutlich unterwegs nach New Orleans.

Man erwartet nun eine Personenbeschreibung des Flüchtigen, aber was kommt ist ein kodierter Bericht: „Working from one end to the other/ And all points in between.“ Wenn es hier nicht um einen flüchtigen Erlöser ginge, sondern um einen von zu Hause weggelaufenen Teenager gleichen Namens, dann könnte man vielleicht noch davon ausgehen, dass dieser Satz triviale Bedeutung hat. Scheinbar trivial, denn dieses „Dazwischen“ wird nicht nur durch den Anfangs- und den Endpunkt bestimmt, sondern vorallem durch den Weg, denn jemand zurücklegt, um von A nach B zu kommen – und der kann über den ganzen Globus führen und ein ganzes Menschenleben lang dauern, oder – wie in diesem Fall – alle Menschenleben zusammen. Ausserdem wäre Jesus nicht der erste, der im Irrgarten des „Dazwischen“ verschwunden ist.

King Crimson, In the Court of the Crimson King, 1969

Produzent/ King Crimson

Label/ Island

Zum Dreikönigstag erinnern wir uns an das majestätische Debütalbum der britischen Band King Crimson. Wer diese Platte einmal in den Händen gehalten hat, wird sich zeit seines Lebens daran erinnern: Allein das Coverbild ist so ikonografisch wie Edvard Munchs „Der Schrei“. Sein Schöpfer, Barry Godberg, war Absolvent einer Londoner Kunstschule und mit jungen Musikern befreundet. Einer ihrer Liedtitel inspirierte ihn 1969 zu diesem Plattencover: „21th Century Schizoid Man“. Godberg, 24-jährig, starb kurz darauf an Herzversagen. Das Cover sollte sein einziges bekanntes Gemälde bleiben. Eines allerdings, das um die Welt ging. Denn hatten die Beatles mit ihren Experimenten ab 1965 stilistische Schranken aufgehoben, so kam dieses Album hier einer Explosion gleich. Unerhört gut und ungehört neu, was fünf Mittzwanziger unter dem Namen King Crimson festhielten: eine musikalische Grenzüberschreitung, die als „Progressive Rock“ populär wurde.

Allein der Anfang ist eine Wucht, angetrieben von einem schweren Gitarren-Riff, furiosen Schlagzeug-Fills und einer verzerrten Stimme, die den Wahnsinn in Worte fasst („21st Century Schizoid Man“). Nicht weniger beeindruckend das epische Ende mit der neunminütigen Ballade „The Court Of The Crimson King“, die dem Album den Titel gab. Dazwischen: Prächtige Hymnen und tröpfelnde Klangtupfer. Damit lieferten King Crimson eine Blaupause, Hunderte Bands wandten sich epischem, komplexem Rock zu: Pink Floyd, Genesis oder Queen, um nur einige zu nennen. Auch heute noch werkelt eine Inkarnation von King Crimson am eigenen Nachruhm, aber die selbstverständliche Richtigkeit ihrer frühen Jahre ist ihr abhanden gekommen.

Motörhead, Ace of Spades, 1980

Produzent/ Vic Maile

Label/ Bronze

Lemmy Kilmister, legendärer Gründer, Sänger und Bassist von Motörhead, hat am 24.12.1945 das Licht der Welt erblickt, um sich am 28.12.2015 wieder von diesem abzuwenden. In Andenken an jenes Ereignis legen wir heute „Ace Of Spades“ auf den Plattenteller.

Natürlich ist das kein Punk, aber es ist affengeil, Motörhead prügeln die abgedroschenen Bluesklischees aus dem Rock ’n’ Roll heraus; ihre Musik ist ungeheuer schnell, ungeheuerlich laut, dreckig und primitiv. Und dieser Bass! Und kaum Gitarrensoli! Und dieses als Gesang getarnte Röcheln! Hardrock mit der Energie und der Wut des Punks. Und: Motörhead waren pothässlich, unglamourös und hatten nichts am Hut mit der frisch geföhnten Gockelhaftigkeit der damaligen Hardrockmacker. Motörhead wurden zu einer Konsensband – sie waren lange die einzigen Schwermetaller, die sich auch in der Punk- und Indieszene grosser Beliebtheit erfreuten. Wer Rock ’n’ Roll mag, kann „Ace of Spades“ unmöglich nicht lieben!

Joe Strummer & The Mescaleros, Streetcore, 2003

Produzent/ Rick Rubin, Martin Slattery, Scott Shields

Label/ Hellcat Records

Am 22. Dezember 2002 schied Joe Strummer während der Vorbereitungen zu „Streetcore“ aus dem Leben. Die beiden Mescaleros Scott Shields and Martin Slattery stellten das Album nach vorliegenden Arbeitsnotizen fertig. Immerhin ergaben ihre Recherchen und Nachbearbeitungen eine Spielzeit von knapp 42 Minuten. Weder das wacklige, eigentlich für Johnny Cash geschriebene, aber nicht von ihm gesungene „Long Shadow“, noch die rührend ruppige Coverversion von „Redemption Song“ waren ursprünglich für „Streetcore“ vorgesehen. Die Interpretation von Bob Marleys berühmten Protestsong hätte allerdings seinen Platz auf dem Album verdient, hatte Strummer die Gott- und Trostlosigkeit der westlichen Welt doch schon oft selbst beklagt.

Im Gegensatz zu dem Vorgängeralbum „Global A Go-Go“ (2001) profitiert „Streetcore“ von der Direktheit und Einfachheit der Stücke. Obwohl die Arrangements mit Effekten und Verfremdungen gespickt sind, steht das dichte Zusammenspiel der Mescaleros im Mittelpunkt der Aufnahmen, und ihre krachende Finesse täuscht über die schwindende Kraft in Strummers leidenschaftlichem, aber nicht ganz tonsicheren Bauarbeitergesang hinweg.

Mich erinnert „Streetcore“ an das Clash-Album „Combat Rock“, was als Kompliment zu verstehen ist. Die vielen Gemeinsamkeiten unterstreichen nämlich die musikalische und textliche Kontinuität in Strummers Werk. Neu in „Streetcore“ ist hingegen die Ruhe in Strummers Gangart – als hätte der störrische Polemiker erst in den letzten Jahren seines kurzen Lebens richtig Schritt gefasst. Besser spät als nie.