Elvis Costello, This Year’s Model, 1978

Produzent/ Nick Lowe

Label/ Radar Records

All thriller, no filler. Elvis Costello sieht auf dem Cover genau so aus, wie er singt. Der dünne Mann mit Hornbrille und Krawatte hinter einer Hasselbladkamera schaut unglaublich hässig drein. „This Year’s Girl“ ist ein Hassliebeslied an Costellos damalige Geliebte, Bebe Buell, die ihre Karriere als Fotomodell in New York begann und sich später als Schauspielerin, Sängerin und Autorin durchsetzte. Genau genommen handelt das ganze Album von dem Zuviel der Gefühle und dem Zuwenig, von Begehren und Einsamkeit, Leidenschaft und Ekel.

Elvis Costello war damals dauernd wütend. Der Mann lag im Streit mit allen, nicht nur mit sich selber. Sein Blick war ausdruckslos und kalt. Über liederliche Veranstalter und Journalisten führte er ein Schwarzbuch. Nach seinem ersten Gastspiel im amerikanischen Fernsehen gab ihm der Sender ein vierjähriges Auftrittsverbot. An den Konzerten bellte er sein Publikum an, verliess die Bühne grusslos und ohne Zugabe, beschimpfte andere Musiker als Ignoranten, war oft betrunken. Seine Auftritte waren kurz und laut, seine Band spielte präzis und voller Energie, er drosch mit schweissnassem Gesicht auf seine Gitarre ein und schrie wie ein Verrückter: „I’m not angry! I’m not angry!“

XTC, Dear God, 1986

Text/ Musik/ Andy Partridge

Produzent/ Todd Rundgren

Label/ Virgin Records

In dem Song „Dear God“ schreibt jemand einen Brief an den lieben Gott, nur um ihm mitzuteilen: „I don’t believe in you“. In dem Paradox, jemanden persönlich zu adressieren, von dem man annimmt, dass es ihn gar nicht gibt, spiegelt sich ein anderes häufig formuliertes Paradox wider: die scheinbare Unvereinbarkeit der Existenz Gottes mit all den schlimmen Dingen, die auf der Welt geschehen. Wenn es einen Gott gibt, so der bekannte grundsätzliche Gedankengang, wie kann er all die Kriege, Verbrechen, Grausamkeiten, Unglücke und Naturkatastrophen zulassen, durch die seit ewigen Zeiten unzählige Menschen schuldlos sterben und leiden?

Die erste Strophe wie auch der Schluss des Songs werden von einem Kind gesungen. Erst mit der zweiten Strophe setzt XTC-Sänger Andy Partridge ein. Mit dem Einsatz der Erwachsenenstimme wird auch der Ton des Briefes schärfer: „Lieber Gott, sorry wenn ich störe, aber wenn ich all die Menschen sehe, die sich wegen Dir bekriegen, dann kann ich nicht an Dich glauben. Auf einen Zwischenteil mit erneut in Richtung Paradox zielenden Fragen wie „Hast Du die Menschheit geschaffen, nachdem wir Dich geschaffen haben?“ („Did you make mankind after we made you?“) folgt eine weitere Strophe, in der es um die Bibel geht. Gott sei darin recht häufig erwähnt, er solle sich das Buch mal genauer anschauen. Geschrieben worden sei es von uns verrückten Menschen, die Gott nach seinem Ebenbild geschaffen habe und die tatsächlich glaubten, der „ganze Mist“ („that junk“) sei wahr.

Crosby, Stills, Nash & Young, Déja Vu, 1970

Produzent/ Crosby, Stills, Nash & Young

Label/ Atlantic

Ich war nie ein Fan von Crosby, Stills, Nash & Young, möchte aber nicht ein Rest Loyalität gegenüber diesen Granden der amerikanischen Hippie-Musik der 60er Jahre über Bord werfen. Die Melodien und Arrangements aus akustischen Gitarren und Gruppengesang können betören. Zudem brachte das zweite Album „Déja Vu“ mit der Hinzunahme von Neil Young Elemente der Dunkelheit und Mysterie in die Songs, die vorher, ohne ihn, immer etwas von künstlichem Süssstoff hatten.

Auch wenn sich der Sound von „Déja Vu“ nur wenig vom ersten Album unterscheidet und immer noch zu süss, zu perfekt, zu irreal, zu gut ist, um wahr zu sein, gibt es doch einiges von musikalischem Wert. „Helpless“, „Carry On“ und „Teach Your Children“ sind ausgezeichnete Songs, gut gespielt obendrein. Aber für mich wird Crosby, Stills & Nash (ob mit oder ohne Neil Young) immer die Band bleiben deren Alben, den Solowerken von David Crosby und vor allem Neil Young jedenfalls nicht das Wasser reichen kann.

The Allman Brothers Band, Idlewild South, 1970

Produzent/ Tom Dowd, Joel Dorn

Label/ Capricorn

Mit ihrem Album „Idlewild South“ vollzogen die Allman Brothers ihre eigene, musikalische Besitznahme unbekannten Terrains. Ihre Soul-infizierte Countrymusik, die sich des harschen Rocksounds und seiner Rituale bediente, begründete entscheidend ein Genre mit, das bald mit dem Etikett „Southern Rock“ versehen wurde. Die beiden Brüder Gregg und Duane Allman, seit ihrer Jugend heftige R&B-Enthusiasten, wurden mit einer für die damalige Rockszene völlig neuen Bandkonzeption populär. Zwei gleichberechtigte Sologitarristen (Duane Allman und Dickey Betts) verdichteten zusammen mit dem Organisten und Sänger Greg Allman, dem Bassisten Berry Oakley und dem Schlagzeuger Jai Johanny „Jaimoe“ Johanson und Butch Trucks den Sound der Band bis zum Äussersten.

 An der Oberfläche wirken die Songs dieses Genres wie der Triumph des Individuellen über die Zwänge der Gesellschaft. Im Geheimen erzählen sie die Geschichte einer ewigen Landnahme, einer anhaltenden Bewegung ins Unbekannte. Freiheit ist nur dort, wo nichts und niemand ist. „Midnight Rider“ beschreibt einen kurzen Ausschnitt aus dem Leben des „Wanted Man“, eines Gejagten und Outlaw, der nach seinen eigenen Gesetzen lebt. Selbst einen so abgespielten Blues wie den „Hoochie Coochie Man“ spielen die Allman Brothers originell und mit viel Frische.

Phil Ochs, The Early Years, 2000

Produzent/ Tom Vickers

Label/ Vanguard

Phil Ochs, ein Zeitgenosse von Bob Dylan und Pete Seeger, war bekannt für seine lyrischen Texte, seine klare politische Haltung und seinen scharfzüngigen Witz. Er selbst lehnte die Bezeichnung seiner Musik als Protestmusik ab und bevorzugte die Bezeichnung „topical music“ ( das Wort „topical“ heisst soviel wie aktuell). Es ging Phil Ochs also nicht nur um Protest und Gegenkultur, sondern um einen direkten Kommentar zu den politischen Ereignissen seiner Zeit.

„Here’s to the State of Mississippi“ beklagt die rassistischen Zustände in den ehemaligen Südstaaten zur Zeit der Bürgerrechtsbewegung. „I Ain’t Marching Anymore“ gilt als Hymne an die Friedensbewegung. Doch die Lieder machen auch vor den eigenen Reihen nicht halt. „Love Me, I’m a Liberal“ etwa ist eine beissend sarkastische Kritik der amerikanischen Linken. Phil Ochs steht an der Grenze zwischen altem Folk und neuer Rock Musik und schaffte es nie ganz, diese zu überschreiten. Gerade durch den Zeitbezug seiner Lieder bekommt man so einen Einblick in das aufgewühlte Amerika der späten 1960er Jahre.

Phil Ochs starb jung. Gezeichnet von schwerer manischer Depression, begann er am 9. April 1976 Selbstmord. Bereits Anfang der siebziger Jahre war er eigentlich schon zu Anachronismus geworden: sowohl Bob Dylans berühmter Griff zur elektrischen Gitarre, als auch das veränderte politische Klima hatten den US amerikanischen Folk nachhaltig verändert.

Calvin Russell, A Man In Full, 2011

Produzent/ Joe Gracey, Jim Dickinson u.a.

Label/ Last Call Records

Das ist eine Kompilation. Den Freunden des Texaners mag gedient sein, wenn ich sage, dass es neben dem Album auch eine DVD mit Videoclips und Live-Aufnahmen gibt. Den Neuinteressierten sei diese Zusammenstellung wärmstens empfohlen, enthält sie doch mit „Crossroads“, „One Meat Ball“, „Soldier“, „Let The Music Play“ und vorallem „A Crack In Time“ die Höhepunkte von Calvin Russells Schaffen.

Der am 3. April 2011 in Austin, Texas gestorbene Amerikanische Singer-Songwriter erzählt Geschichten von Leuten, die am schönen bunten Leben nicht teilhaben, ums nackte Überleben kämpfen müssen und in einer Welt leben, „aus der man zwar heraus, aber in die man nicht hineinsehen kann“. Aus dieser Welt berichtet Calvin Russell. Man trifft Leute, denen die Frauen zulaufen und wieder weglaufen, andere, die vom Kellner ausgelacht werden, weil sie nur einen Dollar besitzen, wieder andere, die verzweifelt ihr letztes Geld zum Wahrsager tragen, bloss um als Wahrsagung zu hören: „Maybe someday things will get better.“

Musikalisch wechseln sich auf dem Album kräftige, groovende Folkrock- und Countryrocksongs in ausgewogener Mischung mit rein akustischen Songs ab. Die Produzenten bauen auf Bewährtes: Akustikgitarre, E-Gitarre, die Gebrüder Waddel als Rhythmusgruppe, Saxophon, Kimmie Rhodes als Backgroundsängerin. Rhodes, die selbst  Songschreiberin ist, kann man nicht genug hervorheben: Gerade durch ihren in vielen Songs präsenten Gesang kommt hier immer die richtige Stimmung auf. Natürlich singt sie nie Duett mit Russell, sondern Background. Hauptinstrument ist die herrlich verlebte, volle, tiefe und kräftige Stimme Russells, der man ohne zu zögern alles glaubt, was sie singt.

Aretha Franklin, Aretha: Lady Soul, 1968

Produzent/ Jerry Wexler

Label/ Atlantic

Aretha Franklin wurde am 25. März 1942 in Memphis, Tennessee geboren und starb am 16. August 2018 in Detroit. Mit ihr ging etwas zu Ende, sagen wir, minimal übertrieben: die Soul-Moderne. Während David Bowie, Prince, Leonard Cohen und George Michael, die alle zwei Jahre vorher starben, jeder auf seine Art bereits Protagonisten der Pop-Postmoderne waren, ist mit Aretha Franklin die letzte Symbolfigur einer linearen, analogen Erzählung von uns gegangen: die Erzählung von Pop als Motor der Veränderung zum Besseren, als Soundtrack zu Befreiung und Emanzipation.

„Lady Soul“ ist das dritte Album, das Aretha Franklin in der Kombination mit Atlantic-Produzent Jerry Wexler in Muscle Shoals, Alabama aufgenommenen hatte. Das Debüt „I Never Loved A Man The Way I Love You“ hatte ihr Selbstvertrauen gestärkt, die Vielfalt auf „Aretha Arrives“ zeigte die Stärken und Grenzen ihres Talents. „Lady Soul“ konzentrierte sich auf die Stärken. Arethas Leidenschaft für R&B – Don Covays Hymne „Chain Of Fools“ ebenso wie „Since You’ve Been Gone“ mit Franklins unvergleichlichen Background-Sängerinnen The Sweet Inspirations – ist ihrer Leidenschaft für Gospel ebenbürtig: Curtis Mayfields „People Get Ready“, samt perfekter Orchesterbegleitung, arrangiert von Arif Martin.

Eric Claptons Claptons Solo beim Blues „Good To Me As I Am To You“ bezieht zeitgenössische Tendenzen im Rock’n’Roll ein. „A Natural Woman“ ist das Highlight der LP; es ist auch Arethas Reise als Künstlerin, wenn sie diesem wunderschönen Lied der Komponisten Carole King und Gerry Goffin die in Memphis gelernte Ehrlichkeit und Leidenschaft verleiht, und dabei ihre wahre Stimme findet.

Elvis Presley, 1956

Produzent/ Sam Phillips

Label/ RCA Victor

Mit Elvis Presley und seinem Debütalbum fing alles an. Nach diesem einen Album sollte sich die Musikwelt verändern. Durch die Elvis Platte entstand zuerst die Rock ’n’ Roll Bewegung Ende der 1950er/Anfang der 1960er Jahre, ging über in den Rock, in die Hippie-Bewegung und wurde zum Hard Rock und Punk bis hin zu Metal und der heutigen Popkultur. Elvis hatte den Stein ins Rollen gebracht.

Das ist zunächst mal sozial interessant. Denn was Elvis machte, war nur ein vereinfachter und geweisster R&B, der aus folkloristischen Traditionen genommen wurde. Er war dann musikalisch nur noch ein Bluesschema, sonst nichts, also ein verbreitetes Material. Was die jungen Leute anno 1956 an dem Rock ’n’ Roll  aber so umwerfend fanden, war die Art und Weise wie Elvis spielte, wie er sang, wie er die Hüften schwang. Das war schon richtig anstössig und für viele nicht zu ertragen. Im Gegensatz zur damaligen Zeit weitverbreiteten Blues und Country Musik war der neue Sound so richtig fetzig. Laut und schnell. Man könnte sagen zügellos. Deshalb ist das Debütalbum von Elvis nicht einfach nur ein Album, es ist ein Album was die Welt veränderte wie kein anderes.

2249_foto1_product_xl

Stray Cats, 1981

Produzent/ Dave Edmunds

Label/ Ariola/Arista

Ich weiss nicht viel über Rockabilly, mag die Musik ansich auch nicht so sehr, aber die erste Scheibe der Stray Cats finde ich gut, weil gute Hits drauf sind und überhaupt: die Frisuren von den Leuten sind gut, Brian Setzer spielt eine sehr schöne alte Gitarre und kann das auch, der Schlagzeuger spielt nur mit zwei Trommeln und einem Becken und es klingt einfach überzeugend. Nieten gibt es auch ein paar; da wären „Rumble in Brighton“ und der “Ubangi Stomp“, die ich ziemlich unüberzeugend finde. Aber „Runaway Boys“ ist ein Superhit, die Stray Cats Hymne ist natürlich auch dabei, genausogut wie „Rock this Town“ und der Stray Cat Strut. „Double Talking Baby“ ist schön gebracht und das letzte Stück „Wild Saxophone“ ist simpel und hat viel Stimmung.

Clever sind sie schon, diese Amerikaner in England, mit deutlichen N.Y.-Roots, pflegen diverse Traditionen des originalen Rock’n’Roll. Die Richtung ist, oberflächlich gesehen, rückwärts. Aber die Art der Pflege ist wichtig: nicht psychedelisch-dämonisch, aber auch nicht nostalgisch oder kokett zitierend, zelebrieren die Stray Cats ihre Mixtur mit neuer Schärfe und Power. Da ist mehr Strassen-von-New-York-Hektik drin, als dieser Rekonstruktions- und Basteleifer, der bei anderen Rock’n’Roll-Aufarbeitungen so erbärmlich mieft. Auch die Produktion von Dave Edmunds macht das erste Stray-Cats-Album zu einem ganz und gar unpeinlichen und nie altmodischen Ereignis. Tolle Musik… Have fun!

The Waterboys, Fisherman’s Blues, 1988

Produzent/ Mike Scott, Bob Johnston

Label/ Chrysalis Records

Mike Scott hatte sich entschieden nach dem dritten Album der Waterboys („This Is The Sea“, 1985) keinem Traum nachzuhängen, weder Bonos Nachfolger zu werden, noch ein esoterischer Dichter, noch beides in New York als Kunst zu verkaufen, sondern mit sich und allen zerbrochenen Restambitionen nach Galway zu gehen, zwecks Rückbesinnung auf die schottische Heimat bzw. die musikalisch-irischen Wurzeln, unterstützt von dem Geiger und neuen Vertrauten Steve Wickham.

„Fisherman’s Blues“ ist der Versuch, auf einer Platte die Musik dieses dreijährigen Irland-Aufenthalts zu vereinen. Von den Strassen Dublins zu den Kneipen von Spiddal: die Art der Aufnahmen erinnern an Dylan und The Band – die musikalische Wendigkeit, der intuitive Fluss von Songs und Ideen, die enge Bindung, die Bonhomie, das mühelose Wechseln der Instrumente und das allgegenwärtige Gefühl von ländlicher Idylle und Zurückgezogenheit.

Irland – die Leute, die Landschaft und die Musik – durchdringt alles, von der anfänglichen Freude bis zur abschliessenden Hommage an Yeats. Dazwischen gibt es Walzer, Rock und eine zärtliche Version von Van Morrisons „Sweet Thing“. In „And A Bang On The Ear“ rechnet Scott mit seinen alten Vorlieben ab, frohen Mutes. Dann folgt in einer ebenso unschweren Weise das Country & Western-artige Stück „Has Anbody Here Seen Hank?“ darüber hinaus das irische Traditional „When Will We Be Married?“ mit Bouzuki und Mandolinen von der irischen Band De Dannan und am Ende die Vertonung des W.B. Yeats-Gedichts „The Stolen Child“, gesungen in Gälisch, was hier auch schon wieder einen steiferen Eindruck machen könnte, aber es klingt alles so normal, so selbstverständlich und richtig. Die Songs auf dem Album sind Soulbeschwörungen von feinster und akzeptabler Art. Ich kann nicht anders, als mich darüber zu freuen.