King Crimson, In the Court of the Crimson King, 1969

Produzent/ King Crimson

Label/ Island

Zum Dreikönigstag erinnern wir uns an das majestätische Debütalbum der britischen Band King Crimson. Wer diese Platte einmal in den Händen gehalten hat, wird sich zeit seines Lebens daran erinnern: Allein das Coverbild ist so ikonografisch wie Edvard Munchs „Der Schrei“. Sein Schöpfer, Barry Godberg, war Absolvent einer Londoner Kunstschule und mit jungen Musikern befreundet. Einer ihrer Liedtitel inspirierte ihn 1969 zu diesem Plattencover: „21th Century Schizoid Man“. Godberg, 24-jährig, starb kurz darauf an Herzversagen. Das Cover sollte sein einziges bekanntes Gemälde bleiben. Eines allerdings, das um die Welt ging. Denn hatten die Beatles mit ihren Experimenten ab 1965 stilistische Schranken aufgehoben, so kam dieses Album hier einer Explosion gleich. Unerhört gut und ungehört neu, was fünf Mittzwanziger unter dem Namen King Crimson festhielten: eine musikalische Grenzüberschreitung, die als „Progressive Rock“ populär wurde.

Allein der Anfang ist eine Wucht, angetrieben von einem schweren Gitarren-Riff, furiosen Schlagzeug-Fills und einer verzerrten Stimme, die den Wahnsinn in Worte fasst („21st Century Schizoid Man“). Nicht weniger beeindruckend das epische Ende mit der neunminütigen Ballade „The Court Of The Crimson King“, die dem Album den Titel gab. Dazwischen: Prächtige Hymnen und tröpfelnde Klangtupfer. Damit lieferten King Crimson eine Blaupause, Hunderte Bands wandten sich epischem, komplexem Rock zu: Pink Floyd, Genesis oder Queen, um nur einige zu nennen. Auch heute noch werkelt eine Inkarnation von King Crimson am eigenen Nachruhm, aber die selbstverständliche Richtigkeit ihrer frühen Jahre ist ihr abhanden gekommen.

Motörhead, Ace of Spades, 1980

Produzent/ Vic Maile

Label/ Bronze

Lemmy Kilmister, legendärer Gründer, Sänger und Bassist von Motörhead, hat am 24.12.1945 das Licht der Welt erblickt, um sich am 28.12.2015 wieder von diesem abzuwenden. In Andenken an jenes Ereignis legen wir heute „Ace Of Spades“ auf den Plattenteller.

Natürlich ist das kein Punk, aber es ist affengeil, Motörhead prügeln die abgedroschenen Bluesklischees aus dem Rock ’n’ Roll heraus; ihre Musik ist ungeheuer schnell, ungeheuerlich laut, dreckig und primitiv. Und dieser Bass! Und kaum Gitarrensoli! Und dieses als Gesang getarnte Röcheln! Hardrock mit der Energie und der Wut des Punks. Und: Motörhead waren pothässlich, unglamourös und hatten nichts am Hut mit der frisch geföhnten Gockelhaftigkeit der damaligen Hardrockmacker. Motörhead wurden zu einer Konsensband – sie waren lange die einzigen Schwermetaller, die sich auch in der Punk- und Indieszene grosser Beliebtheit erfreuten. Wer Rock ’n’ Roll mag, kann „Ace of Spades“ unmöglich nicht lieben!

Joe Strummer & The Mescaleros, Streetcore, 2003

Produzent/ Rick Rubin, Martin Slattery, Scott Shields

Label/ Hellcat Records

Am 22. Dezember 2002 schied Joe Strummer während der Vorbereitungen zu „Streetcore“ aus dem Leben. Die beiden Mescaleros Scott Shields and Martin Slattery stellten das Album nach vorliegenden Arbeitsnotizen fertig. Immerhin ergaben ihre Recherchen und Nachbearbeitungen eine Spielzeit von knapp 42 Minuten. Weder das wacklige, eigentlich für Johnny Cash geschriebene, aber nicht von ihm gesungene „Long Shadow“, noch die rührend ruppige Coverversion von „Redemption Song“ waren ursprünglich für „Streetcore“ vorgesehen. Die Interpretation von Bob Marleys berühmten Protestsong hätte allerdings seinen Platz auf dem Album verdient, hatte Strummer die Gott- und Trostlosigkeit der westlichen Welt doch schon oft selbst beklagt.

Im Gegensatz zu dem Vorgängeralbum „Global A Go-Go“ (2001) profitiert „Streetcore“ von der Direktheit und Einfachheit der Stücke. Obwohl die Arrangements mit Effekten und Verfremdungen gespickt sind, steht das dichte Zusammenspiel der Mescaleros im Mittelpunkt der Aufnahmen, und ihre krachende Finesse täuscht über die schwindende Kraft in Strummers leidenschaftlichem, aber nicht ganz tonsicheren Bauarbeitergesang hinweg.

Mich erinnert „Streetcore“ an das Clash-Album „Combat Rock“, was als Kompliment zu verstehen ist. Die vielen Gemeinsamkeiten unterstreichen nämlich die musikalische und textliche Kontinuität in Strummers Werk. Neu in „Streetcore“ ist hingegen die Ruhe in Strummers Gangart – als hätte der störrische Polemiker erst in den letzten Jahren seines kurzen Lebens richtig Schritt gefasst. Besser spät als nie.

Keith Richards, Talk Is Cheap, 1988

Produzent/ Keith Richards, Esteban Jordan

Label/ Virgin Records

Er hat als Gitarrist der Rolling Stones und als Songsschreiber mit Mick Jagger über 60 Jahre lang gezeigt, warum es keinen gibt wie ihn. Keith Richards, der am 18. Dezember 2023 achtzig Jahre alt wird, hat musikalisch den Status des Klassikers und biografisch die Altersphase des Verknitterns erreicht, hat also nichts mehr zu beweisen und macht deshalb, was er will.

Bereits bei seinem ersten Soloalbum von 1988 sieht man, dass Richards auch alleine gute Sachen macht. Damals hing der Haussegen im Lager der Glimmer Twins mächtig schief: Mick Jagger war auf Solotournee und hatte das Interesse an den Rolling Stones vorübergehend verloren, Keith Richards reagierte sauer und stellte seinerseits eine eigene Band zusammen. Mit exzellenten Musiker wie Drummer Steve Jordan, Gitarrist Waddy Wachtel und Bassist Charley Drayton spielte er dann „Talk Is Cheap“ ein – eine ruppige Reise durch den musikalischen Kosmos des legendären Gitarristen, die deutlich zeigte, wer das musikalische Herz der Stones ist. Knorriger Rock („Take It So Hard“) wechselt hier ab mit rustikalem Funk („Big Enough“) und vitalem Rockabily („I Could Have Stood You Up“) und herzlichem Memphis Soul („Make No Mistake“. Das vielleicht beste Soloalbum eines Rolling Stone, dem man auch heute nicht anhört, dass es mehr als dreissig Jahre auf dem Buckel hat.

Dire Straits, On Every Street, 1991

Produzent/ Mark Knopfler

Label/ Vertigo

Alles, was nach den superben ersten vier Alben kam, trug zum Gigantismus des Dire-Straits-Phänomen bei und drohte zwangsläufig den integren Knopfler-Purismus der Gründerzeit gehörig zu verwässern. Der wurde dafür weitergepflegt auf Marks Soloprojekten, während die Band als massentaugliche Brothers-in-Arms ihren Sturmangriff durchzogen auf die CD-Einstellfächer der schmucken Yuppie-Schrankwände und die Portemonnaies der Gelegenheitskäufer.

Das letzte Dire Straits Album „On Every Street“ kommt zweigleisig daher: Da ist eine deutliche Verbeugung vor jedwedem zahlungskräftigen Musikhörer mit einer Vorliebe für gefällige Weisen, wogegen die meisten Titel dieses Albums sich spürbar um Rückkehr zur leisen Reinheit der Anfänge bemühen („Fade To Black“ oder der Titelsong bis zum Crescendo). „Ticket To Heaven, „You And Your Friend“ und auch die brilliante Single „Calling Elvis“ mit der in bester Dylan-Manier dahingenuschelten Collage von Presley-Songtiteln wurzeln tief im Boden der J. J. Cale- und Ry Cooder-Tradition. Die Songs erweitern darüber hinaus die musikalische und textliche Enge des Country-Blues durch kluge und penible Bearbeitung in der Stille der Meisterwerkstatt des uneitlen Mark Knopfler zu einer überzeugenden Form moderner Weltmusik, deren Qualität den Ohren auch heute noch Freude macht.

Bob Dylan, Love And Theft, 2001

Produzent/ Bob Dylan (unter dem Pseudonym Jack Frost)

Label/ Columbia

Nach vielen Jahren habe ich mir wieder mal „Love And Theft“ angehört, wo Dylan so schön berührend, innig und schön und auch dreckig singt, und einmal mehr weiss ich: Es geht um die Stimme. Es ist die Stimme, die den Sänger ausmacht. In Dylans Stimme höre ich sein langes Leben, seine Genialität, sein im Hier und Jetzt zu sein, überhaupt Mensch zu sein.

„Love And Theft“ ist ein grossartiges Album. Man kann auch sagen, dass sich Bob Dylan hier der amerikanischen Tradition versichern wollte. Und das tun er und seine agilen Begleiter auf „Love And Theft“ dermassen gründlich, dass das Album sich als einzige Abfolge von Zitaten, Verweisen, Anspielungen und Montagen erweist. Worauf Dylan, der Dieb der Traditionen, ja selber im Plattentitel verweist. Und wie so oft in seiner Karriere hat der Rückgriff auf die alten musikalischen Stile Amerikas zu einer Musik inspiriert, darunter Blues, Rockabilly, Country, Swing und Balladen nach der Manier von Tin Pan Alley. Der Mann mit der Maske spielt alte Lieder in neuen Texten, erzählt alte Stories in neuen Songstrukturen, was sich an manchen Stellen ziemlich verschroben anhört. Verschroben und ungemein sympathisch. Sympathisch vielleicht deshalb, weil das Dutzend Songs an vielen Stellen Humoresken beinhaltet. Kurzum: „Love And Theft“ ist für mich ein meisterliches Album des Meisters, eingespielt mit seiner besten Band seit The Band.

Wilko Johnson / Roger Daltrey, Going Back Home, 2014

Produzent/ Dave Eringa

Label/ Chess

Was für eine Paarung: Wilko Johnson, Ex-Gitarrist der britischen Pubrock-Institution Dr. Feelgood und Rocklegende Roger Daltrey (The Who). 2010 trafen sich beide an einer Preisverleihung. Sie kamen ins Gespäch und entdeckten gemeinsame musikalische Vorlieben. Wie The Who ein Jahrzehnt zuvor waren auch Dr. Feelgood vom Sound von Johnny Kidd & The Pirates („Shakin All Over“) beeinflusst. Deren Gitarrist Mick Green lieferte die Blaupause für Wilkos Stakkato-Stil.

Im Januar 2013 wurde bei Johnson Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert. Die Ärzte sagten ihm, dass er nur noch Monate zu leben hätte, und dass seine Situation hoffnungslos sei. Er entschied sich gegen eine Chemotherapie und ging auf Tournee. Und mit Daltrey ins Studio. Mit dabei Wilkos versierte Liveband (Blockheads-Bassist Norman Watt-Roy und Drummer Dylan Howe, dazu Keyboarder Mick Talbot ( Ex-Style-Council, Dexy’s.)

Das Album „Going Back Home“ enthält elf Songs, alle von Wilko Johnson, mit der Ausnahme von Bob Dylans „Can You Please Crawl Out Your Window“. Daltrey singt sich mit viel Herzblut durch diese Tour de Force. Es gibt Covers der Solid Senders-Tracks „Everybody Carrying A Gun“ und „Ice On The Motorway“, die Feelgood-Hämmer „All Through The City“ und „Keep It Out of Sight“. Wilko Johnson starb am 21. November 2022 im Alter von 75 Jahren.

Rainer, Worried Spirits, 1992

Produzent/ Rainer Ptacek

Label/ Glitterhouse Records

Es müssen nicht immer junge, drogenabhängige Musiker sein, die für tragische Momente in der Musikgeschichte sorgen, sondern auch andere widrige Umstände können zum Tode führen, wenngleich das im Falle von Rainer Ptacek wohl im Gegensatz zu allen „Helden“ auf nicht allzu viel Widerhall stiess. Der im Juni 1951 in Ostberlin geborene Musiker, wanderte mit seinen Eltern im Alter von fünf Jahre nach Chicago aus. Am 12. November 1997 starb er an einem Hirntumor, das erstmalig 1996 diagnostiziert wurde. Monate zuvor verhiess eine erfolgreiche Therapie noch eine gute Prognose.

Die Zeit in Chicago hinterliess bei Rainer Ptacek bestimmt einige Blues-Spuren, doch vielmehr war der Umzug nach Tucson, Arizona in den frühen Siebzigern bestimmend für das, was sich musikalisch entwickelte. Rainer spielte in mehreren Bands bzw. mit Freunden wie Giant Sand und Howe Gelb. Diese Leute sind so ziemlich bewandert in allen amerikanischen Populärmusiken, ohne dass dafür eine grossartige an die Glocke hängbare Archäologen- und/ oder Archivar-Tätigkeit nötig gewesen wäre. Diese konservierte Tradition, die keine pathetischen Namen braucht, ist in Rainers Musik stark präsent.

Mit „Worried Spirits“ hat Rainer sein vielleicht bestes Album eingespielt, fast 72 Minuten mit instrumentalen Improvisationen und Solosongs. Sein Spiel auf der National Steel ist begeisternd, sein Songwriting mitreissend und die Stimme ein bis auf die Knochen schneidendes, intensives Instrument. Das ist Musik mit dem Feeling eines Ry Cooder in scheinbar intimer Atmosphäre eingespielt. Der Gesang klingt etwas unbeholfen nach Bob Dylan, aber beileibe nicht schlecht, sondern ausdrucksstark. Hier passt einfach alles zusammen – sehr schöne Musik, ohne Anspruch auf das Erreichen von Charts-Notierungen.

Tom Petty And The Heartbreakers, Damn The Torpedos, 1979

Produzent/ Jimmy Iovine, Tom Petty

Label/ Geffen

Das dritte Album von Tom Petty. Eigentlich gibt es über seine Musik nicht viel zu sagen, was nicht schon gesagt worden wäre: Es sind Liebeslieder, mal glücklich „Here Comes My Girl“, mal traurig „Don’t Do Me Like That“, mal zornig „What Are You Doing In My Life?“, und die Musik und Stimme von Tom Petty klingt wie die Byrds. Er spielt seine Gitarre hart phrasierend und im puren Rock’n’Roll-Feeling, in dem etwa bei „Century Girl“ durchaus ein Chuck Berry hätte Pate stehen können.

Die Arrangements sind dicht, aber vordergründig, klar, mit wenigen, meist als Auftakt oder Schluss, verspielten Akzenten, mal ist man langsam balladesk „You Tell Me“ und mal wieder ausgelassen Boogieorientiert, einmal noch „What Are You Doing In My Life?“, das auch ein auf Speed geratener J.J. Cale hatte schreiben können. Mit „Lousiana Rain“ klingt das Album dann stilgerecht Folk-Rock-mässig aus. Ich lege die Scheibe gerne auf, es lässt sich dabei so ungemein wohlig ausspannen. Sonst hätte ich eigentlich nichts mehr zu sagen.

Gov’t Mule, Revolution Come… Revolution Go, 2017

Produzent/ Warren Haynes, Gordie Johnson, Don Was

Label/ Fantasy Records

Oft wird Warren Haynes, Gitarrist, Sänger, Songschreiber von Gov’t Mule als „hardest working man in roots rock“ bezeichnet. Nach mehr als 30 Jahren und Tausenden von Konzerten muss die Band keinem mehr was beweisen. Souverän kombiniert sie auf „Revolution Come… Revolution Go“ Blues, Soul, Latin-Funk und Jazz mit Southern-Rock und bleibt stets innovativ. Besonders überzeugt hier – neben der stilistischen Breite- das starke Songwriting. „I’m here today because there’s somethings I wanna get off my chest“, singt Haynes in der Ballade „The Man I Want to Be“. Die Zeile ist nicht bloss das Statement eines Liebenden, sondern lässt sich auch auf die politisch gemünzten Aussagen im Titelstück und anderen Songs anwenden: „Stone Cold Rage“ („People talking about a revolution / People talking ‘bout taking it to the streets“) oder „Burning Points“ („All this rampant stupidity seems to be spreading like fire“).

Das sind keine klaren Statements, eher Ausdruck grossen Unbehagens. Musikalisch halten sich harter Bluesrock und Besinnlich-Autobiografisches wie „Dreams & Songs“ in etwa die Waage. „Revolution Come…Revolution Go“ ist für mich in seiner Vielseitigkeit eines meiner Lieblingsalben von Gov’t Mule.