IN MEMORY EVERYTHING SEEMS TO HAPPEN TO MUSIC – Tennessee Williams
Kategorie: Von Album zu Album
Bachman Turner Overdrive, Not Fragile, 1974
Produzent/ Randy Bachman
Label Mercury
„Not Fragile“ ist eine Platte von Bachmann Törner Overbäng. Und da sind neun Songs drauf. Die Musik von den Jungs ist gar nicht so schlecht. Nur halt ein bisschen simpel. Zum Schwofen aber ganz lustig. Wenn man sie laut spielt. Viel bleibt aber nicht hängen beim Hören. Nur „You Ain’t Seen Nothing Yet“ war der grosse Hit. Wie man so schön sagt. Und an „Givin’ It All Away“ erinnere ich mich auf Anhieb noch. Ich habe die Platte jetzt ein paar mal gehört in den letzten drei Tagen. Etwas Sanftes gibt es auf „Not Fragile“ nicht. Da ist überall der Dampfhammer drin. Das Album ist alt. Das ist mir wurscht. Nix gegen die Jungs. „Not Fragile“ ist halt Hard Rock. Wie gehabt. Zum Schwofen. Ganz simpel. Warum soll ich mir’s da schwer machen. Es isch alles ganz einfach…
Johnny Cash, The Essential Johnny Cash, 2002
Produzent/ Sam Phillips, Don Law, Bob Johnston u.a.
Label/ Columbia
Kein Mensch kann von mir erwarten, dass ich einem jungen Publikum erkläre, welch ein unschätzbarer Mensch und Musiker Johnny Cash war, sei es als Mitglied im Million Dollar Quartet oder im Duett mit Bob Dylan, als aufrechter Amerikaner der trotzdem „das Richtige empfindet“, was Vietnam angeht oder als aufrechter Amerikaner in der Hauptrolle des echt rührenden Analphabeten-Film „The Pride Of Jesse Hallam“. Über solche Leute sagen Amerikaner: he made a fortune in friends, und ich glaube, dass Johnny Cash viele Freunde hatte.
„The Essential Johnny Cash“ bietet ein halbwegs konkreter Überblick über das Sun-Records und Columbia-Schaffen von 1954 – 1993, manches an der Auswahl bleibt allerdings ein Kuriosität, so taucht sein Frau June Carter nur bei „Jackson“ und „Ring Of Fire“ auf – das Johnny Cash vortrefflich bringt, ohne sich in alles verzehrende Leidenschaft zu verstricken – stattdessen die nicht unbedingt zwingende Mitarbeit von Bono, dessen „The Wanderer“ das Schlusslicht bildet – immerhin ans Herz geht es doch. Aber wo ist der „Vietnam Talking Blues“? Na gut, dafür gibt es „Ghost Riders In The Sky“.
Aber egal, wer möchte nicht gerne den Knast-Blues live hören, das für jeden Heranwachsenden unverzichtbare „Boy Named Sue“, Johnny Cash entnervendes Coming Out, oder die Geschichte vom grossen General-Motors-Raub, aus deren Beständen Cash sein geniales Psychobilly-Cadillac-Modell „one piece at a time“ herausschmuggelte. Auf dem Album ist alles, was es braucht, um einen Mann kennenzulernen, der schweigt, denkt, mitleidet und der alten Obsession vom „Verantwortung tragen“ huldigt, ehe er eine seiner genialen Geschichte erzählt. „Man In Black“ ist drauf und was muss man mehr von Johnny Cash wissen.
Bette Midler, The Rose, 1979
Produzent/ Paul A. Rothschild
Label/ Atlantic
„The Rose“ ist wirklich kein guter Film, neben einigen starken Szenen gehören immerhin die Konzertmitschnitte zu den Höhepunkten. Gerade diese Passagen sollte man sich jedoch im Film ansehen, denn der Soundtrack verschafft zwar Musikgenuss, aber es fehlt hier einfach die Bühnenpräsenz von Bette Midler. Und die ist bei bei solchen Songs wie „Whose Side Are You On“, „When A Man Loves A Woman“ oder „Keep On Rocking“ so überzeugend, als ob sie ausschliesslich Rock’n’ Roll gesungen hätte.
Als Solisten in einer guten Band sind Norton Buffalo mit seinen swingenden Mundharmonikaeinwürfen und Steve Hunter erwähnenswert. Letzterer hatte vielleicht seinen stärksten Auftritt, indem er ein Instrumentalintro beisteuerte, welches sich ob seiner Eingängigkeit sofort in den Gehörwindungen festsetzt. Mit dem programmatischen „Sold My Soul To Rock’n’Roll“ liesse sich die Aussage des Soundtracks auf einen Nenner bringen, wenn da nicht der eigentliche Titelsong wäre. „The Rose“ ist ein Meisterstück der amerikanischen Klischeelieblingskunst, ein Werk, mit dem Frank Sinatra seine fünfte (oder wievielte) Karriere hätte beginnen können. Und das ist der Song, den ich zur Zeit immer wieder gerne auflege – wenns Frühling wird, sollte die Liebe eigentlich wieder blühen, auch wenns in der echten Welt draussen ganz anders aussieht.
Blues Brothers, Briefcase Full Of Blues, 1978
Produzent/ Bob Tischler
Label/ Atlantic Records
Böse Stimmen haben behauptet, ihre Auftritte in einer amerikanischen Fernsehsendung und das Live-Album „Briefcase Full Of Blues“ seien nur Spezialprojekte, um damit zusätzliche Kohle für einen total idiotischen Film (“ We’re on a mission from God.“) zu machen, uns so hätten sich die zwei Hauptdarsteller dazu entschlossen, dunkle Sonnenbrillen aufzusetzen und aufzutreten. Eine Gruppe hervorragender Musiker, unter ihnen Steve Cropper, Duke Dunn, Tom Scott und Matt Murphy sei zur Teilnahme an einem Auftritt im Universal Amphitheatre in L. A. verpflichtet worden. Das Konzert, bei dem die beiden – übrigens ziemlich gut – Bluesmaterial von Otis Redding, Floyd Dickson, Mel London, Don Walsh, Willie Mabon, David Porter und anderen zum besten gaben, wurde allein in den USA über eine Million mal verkauft.
Elwood Blues, ebenso wie sein dicker Bruder Joliet Jake, die sich hinter dunklen Sonnenbrillen verbergen, können es zwar nicht verkneifen, ab und zu ein paar blöde Sprüche zu verzapfen, die von Wunsch-Sandwiches und Querschläger-Keksen handeln, aber der Gesang der beiden ist richtig bluesig und auch das Mundharmonikaspiel von Elwood ist nicht ungroovy.
Ich habe übrigens nie auf die böse Stimmen gehört, die behauptet haben, man hätte für das Album nur zwei Schauspieler engagiert, diese hinter schwarzen Sonnenbrillen versteckt und dann auftreten lassen, um damit Kohle zu machen.
Rod Stewart, Gasoline Alley, 1970
Produzent/ Rod Stewart, Lou Reizner
Label/ Vertigo
Das ist Rod Stewart’s zweite Solo-LP nach seiner Verbindung mit den Faces. Und damit neben seiner Popularisierung als Solosänger die Gruppe nicht zu kurz kommt, wurde „Gasoline Alley“ bis auf den Organist Ian McLagan in Faces-Besetzung aufgenommen.
Verglichen mit „The First Step“, dem Album der Faces, ist die Musik auf „Gasoline Alley“ ausgereifter. Alle Songs sind gleichmässig gut. Es gelingt Ron Wood, Ronnie Lane und Kenneth Jones, Rod’s Stimme instrumental wirkungsvoll zu unterstützen, ohne sich deshalb auf blosse Hintergrundmusik zu beschränken. Vorallem Ron Wood spielt – meistens auf einer 12-saitigen akustischen Gitarre – sehr wirkungsvoll und ohne jemals seine musikalische Identität zu verlieren. Und Rod Stewart’s Stimme ist so eigenwillig, dass sie selbst A Cappella in einem Hinterhof grossartig rüberkommt.
Eurythmics, In The Garden, 1981
Produzent/ Conny Plank
Label/ RCA Records
Bei diesem trüben, nasskalten Wetter sehnt man sich wirklich nach etwas Wärme, nach Sonne, nach Natur. Was kann man machen? Kurzfristig verreisen? Mit Gedanken an schöne Sommer in Erinnerungen schwelgen? Die richtige Musik muss her. Es gäbe hier eine Unmenge Musiktipps aus den Bereichen Blues, Rhythm & Blues, Sixties-Beat, Heavy-Rock, Jazz, Funk und Rockabilly, aber heute möchte ich Euch eine Platte vorstellen, die nicht so recht in irgendwelche Schablonen passen will. Das erste Album der Eurythmics heisst „In The Garden“ und in genau einen solchen fühlt man sich bei Anhören dieser Platte versetzt. Die Eurythmics machen Pop-Musik, nichts weiter als schöne, melodiöse Pop-Musik. Sie malen Stimmungsbilder, schaffen eine rundweg angenehme Atmosphäre herbei.
Die Songs sind abwechslungsreich, einfach, romantisch, aber nie anspruchslos. Dafür sorgt allein schon die souveräne Produktion von Conny Plank. Und die klangfarbenreiche Musik der Eurythmics selbst. Annie Lennox und Dave Stewart werden hier von verschiedenen Gastmusiker wie Jaki Liebezeit, Holger Czukay, Clem Burge und Robert Görl unterstützt. Ich mochte dieses Album von Anfang an und habe es mit der Zeit richtig lieben gelernt und lasse mich auch jetzt gerne von Annie Lennox glasklarer Elfenstimme, von Titeln wie „English Summer“, „Caveman Head“, „Never Gonna Cry Again“ und „Sing Sing“ verzaubern.
J. J. Cale, Shades, 1981
Produzent/ Audie Ashworth, J. J. Cale
Label/ Island
Es gibt ja Leute, die behaupten, J. J. Cale sei ein langweiliger Rockmusiker. Ich möchte dem nicht mal widersprechen, aber für mich macht J. J. Cale, abseits von jeder intellektuellen Bewertung Musik, die ebenso ausgeschlafen wirkt, wie sie zur Entspannung nach einem hektisch-nervösen Tag beitragen kann. Die Musik von J. J. Cale hat etwas ruhiges, und etwas anderes interessiert mich nicht, solange sie gut, authentisch und brauchbar ist.
Und das ist „Shades“ ebenso wie jedes andere J. J. Cale-Album. Zwar ist das Cover von dem Motiv der Gitane-Zigarettenpackung geklaut, doch der Inhalt ist erste Wahl, was Cales reduzierten, auf das allernotwendigste beschränkten Blues angeht. Das lange Stück „Pack My Jack“ gehört sogar zum besten, was Cale jemals aufgenommen hat. Das absolut wahnsinnige Saxophonsolo trägt dazu Wesentliches bei, aber die ganze Stimmung – verrauchte Bar, lässiges Besen-Schlagzeug, ausgeruhter Walking-Bass – liefern die Basis für eine geniale Gitarre. J. J. Cale braucht mit „Pack My Jack“ den Vergleich zu Jazzgrössen nicht zu scheuen. „Mama Don’t“ hingegen ist ziemlich beschränkt und „Carry On“ textlich auch mehr als nur dürftig, aber was soll die Krittelei: stell Deine Uhr auf „Tulsa Time“, lass Deinen Pulsschlag ins gedämpfte runtergleiten und entspann Dich mit Jay Jay. Du wirst es nicht bereuen.
Led Zeppelin, Coda, 1982
Produzent/ Jimmy Page
Label/ Swan Song
„Coda“ ist definitiv das letzte Album von Led Zeppelin. Acht Titel aus neuneinhalb Jahren wurden hier von Jimmy Page ausgewählt. Und wer es noch nicht weiss, dem sei es hier gesagt, dass Led Zeppelin gestorben ist, als John Bonham, der Schlagzeuger verstarb, denn ohne Bonham war Led Zeppelin für die verbliebenen Jimmy Page, John Paul Jones und Robert Plant undenkbar. Also im Archiv die Titel herausgesucht, die veröffentlichungswert sind und mit John Bonham eingespielt wurden. Bis auf „I Can’t Quit You Baby“, dass auch auf dem ersten Led Zeppelin-Album in anderer Form erschien, handelt es sich um noch nicht veröffentliche Aufnahmen, die aber teilweise schon live zu hören waren. „Coda“ gedeiht zu einer Biografie, zu einem Nachruf an John Bonham, ähnlich dem „Hoy Hoy“-Album von Little Feat, als Nachruf an Lowell George.
Alle Stilarten von Led Zeppelin werden vorgestellt. Von Heavy-Rock-Songs zu Akustikgitarren-Stücken, die Led Zeppelins Alben immer wieder abwechslungsreich machten. Ich möchte bis auf „Bonzo’s Montreux“ keinen anderen Titel herausheben. Sie haben alle die gewohnte Qualität, nur „Bonzo’s Montreux“ ist Schlagzeug und Rhythmus pur. Es zeigt John Bonham an den Drums in Bestform, kraftvoll und dynamisch. Wenige Stücke können allein mit Trommeln im Vordergrund bestehen, zum Tanzen animieren, faszinieren. Hier ist ein solches, ein Muss für alle Schlagzeugfans.
Dire Straits, Communiqué, 1979
Produzent/ Jerry Wexler
Label/ Warner Bros.
Die Dire Straits haben Jahre gebraucht, um ihre erste Platte zu machen. Was dabei rauskam, weiss heute jeder. Aber als Freund Pesche im Mai 1978 daherkam und sagte: „Starke Platte, musst du unbedingt hören, fantastisch usw.“, da konnten wir nicht ahnen, dass nach einem halben Jahr Desinteresse das Album in die Charts gewählt wurde. Und da läuft „Sultans Of Swing“ eben heute noch. Ich kann verstehen, wenn einen nach dem 278. Mal die Nummer recht bekannt vorkommt, nur ist das längst kein Grund „Communiqué“ schlechter zu machen, als das erste Werk.
Schliesslich hat Mark Knopfler nun wirklich Talent, Songs zu schreiben, die in die Rockgeschichte der Klassiker eingegangen sind. Und Rockopa Jerry Wexler hat das Album hervorragend produziert. „Once Upon A Time In The West“ auch als „Spiel mir das Lied vom Tod“ bekannt gehört genauso dazu wie „Follow Me Home“ und „Lady Writer“. „Communiqué“ ist genauso gut wie die Musik auf der ersten Dire Straits Platte. Ich wünschte, es gäbe mehr solcher Alben, mit denen man einen ganzen Nachmittag lang seinen Popträumen nachhängen kann, während man alte Alben mit Beatles und Beach Boys durchblättert.
Gov’t Mule, Heavy Load Blues, 2021
Produzent/ Warren Haynes, John Paterno
Label/ Fantasy
Das Quartett um dem Gitarrenvirtuosen Warren Haynes nutzte die durch Covid bedingte Auszeit von der Konzertbühne mit der Realisierung eines Bluesalbums. Es enthält einen bunten Mix aus Covers und eigenem Material. Da die Band den Begriff Blues ziemlich weit fasst, gibt es nach Elmore James‘ „Blues Before Sunrise“ auch groovende Soulstücke wie Bobby Blands „Ain’t No Love In The Heart Of The City“ oder Ann Peebles‘ „Feel Like Breaking Up Somebody’s Home“ beides interpretiert die Band sehr gut.
Warren Haynes ist ein brillanter Sänger und Junior Wells‘ „Snatch It Back and Hold It“ bekommt eine Frischzellenkur verpasst. Exzellent ist auch die kraftvolle Version von Tom Waits‘ „Make It Rain“. Dass die Band dazu neigt, die Stücke etwas die Länge in zu ziehen, tut dem Hörgenuss keinen Abbruch. Für Abwechslung sorgen akustische Stücke wie „Heavy Load“ und „Dark Horizon“. Eines sehr gutes Cover gelingt Gov’t Mule auch mit Howlin‘ Wolfs „I Asked Her For Water (She Gave Me Gasoline)“. Unterm Strich ist „Heavy Load Blues“ ein sehr gut klingendes Album eines Quartetts von begabten Musikarchäologen, die sich selber begeistern von der Materie, in der sie sich bewegen und in der Lage sind diese Begeisterung weiterzugeben, dabei immer ebenso die ursprünglichen Schöpfer in den Fokus stellend. Das ist weder altbacken noch gestrig, sondern Traditionspflege in besten Sinne.