John Cale, Poptical Illusion, 2024

Produzent/ John Cale, Nita Scott

Label/ Domino

John Cale ist 82 Jahre alt. Das bremst seine Produktivität nicht aus, im Gegenteil: das Bewusstsein, dass die meisten seiner Weggefährten gestorben sind, löste bei ihm vor zwei Jahren einen schöpferischen Schub aus. Auf „Mercy“ (2023) liess er sich von jüngeren Musikerinnen und Musiker herausfordern; kaum ein Jahr später suchte er für „Poptical Illusion“ die Intimität und arbeitete mit den langjährigen Vertrauten Dustin Boyer und Nita Scott. „Poptical Illusion“ ist ein Album, auf dem sich Paranoia und (leise) Euphorie, Dunkelheit und Licht, Alterspessimismus und Altersweisweit die Waage halten. „Make it happen for you in the future/ It’s better life than in your past“.

„Poptical Illusion“ ist beeindruckend. Die Offenheit und Neugierde, die John Cale seit seinen Anfängen auszeichnet, ist auch hier zu spüren. Mehrmals bezieht er sich aber auch auf seine Geschichte – in „Edge of Reason“ zitiert er „Fear Is a Man’s Best Friend“, das Stakkato-Piano in „Shark-Shark“ erinnert an „I’m Waiting for the Man“, „How We See The Light“ an „Wrong Way Up“. John Cales Geschichte und Karriere ist einzigartig; auch wenn er kommerziell nie erfolgreich war, hat er doch der Popmusik immer wieder seinen Stempel aufgedrückt.

„There’s always room to change my friend“ singt Cale in dem sanft, noisigen „Calling You Out“ – diese Räume zu Veränderung und Weiterentwicklung nutzt er auch mit 82 Jahren noch auf seinem 18. Studioalbum. „Poptical Illusion“ ist atmosphärisch dicht, musikalisch und textlich vielschichtig, die Songs sind ebenso fordernd wie eingängig, und über allem liegt sein dunkler, melancholischer Bariton und beschwört Unheil und Erlösung.

John Cale, Music for a New Society/ M:Fans, 1982, 2016

Produzent/ John Cale

Label/ Domino

„Music for a New Society“ ist integrale Cale-Musik; grosse, einsame Balladen zu tiefen, brüchigen Keyboard-Arrangements, Sprechstücke zu unerhörten Kaputtklängen, federnde Pop-Songs („Changes Made“) und unvergessliche Stücke wie „Damn Life“, wo Cale mit nagender Stimme sinniert, während im Hintergrund ein akustisches Klavier sich durch „Freude schöner Götterfunken“ quält.

Das Original von „Music for a New Society“ ist eine musikalische Utopie, in der sich ein Musiker bewegen kann, als gäbe es keine Gesetze, Formen, Strukturen, die einem Vollblut-Nicht-Pop-Musiker das Leben schwer machen. Das Ganze ist sparsam produziert, oft von John Cale im Alleingang eingespielt. Später werden irreale Szenen und Situationen konstruiert und zerstört. Da werden Felder von Tom Waits bis zu Schönbergs E-Musik durchquert, grosser Kitsch und weise Selbstironie durcheinandergeworfen. Der alte Cale-Standard „Close Watch“ aus „Helen of Troy“ kommt hier in einfacherer Form daher.  In „Risè, Sam and Rimsky-Korsakov“ spricht eine Frau vor einem verzerrten Klangbrei mit Klavierklängen von Rimsky-Korsakov einen Cale-Text. Was für ein krasser Gegensatz zu dem fast dylanesken Gitarre/Viola-Song „Chinese Envoy“, oder dem kitschigen „Broken Bird“.

Die Neubearbeitungen der Songs von 2016 sind völlig anders als die Originale; härter, schneller, elektronischer. Sicherlich nicht mehr auf dem damaligen Niveau, aber doch meist interessant, wenn man sie öfter hört. Die „M:Fans“-Version von „Close Watch“ bewegt sich schon nahe am Dark Wave und ist durchaus für düstere Tanzflächen geeignet. Für mich kommt „M:Fans“ eher einer Fussnote gleich zu den eleganten Elegien, die John Cale in seinem Meisterwerk von 1982 aus der Taufe gehoben hatte.