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Buffalo Springfield, For What It’s Worth, 1967

Text/Musik/ Stephen Stills

Produzent/ Charles Greene

Label/ Atco

„For What It’s Worth“ war während der Jugendunruhen Mitte und Ende der 60er Jahre eine Anti-Establishment-Hymne. Zur West-Coast Gruppe Buffalo Springfield gehörten zwei Songwriter, die an der Entwicklung der US-Rockmusik noch wesentlichen Anteil haben sollten: Neil Young und Stephen Stills. Stills zeitgemässer Protestsong – der einzige grosse Hit der Band – fing den aufkommenden Geist jugendlicher Selbstbestimmung ein.

Der Song beschreibt die Konfrontation zwischen Polizei und Jugendlichen 1966 am Sunset Boulevard in West Hollywood. Hunderte von jungen Leuten trafen sich auf dem Gehweg vor den beliebten Clubs „Pandora’s Box“ und „The Whisky A Go-Go“, was aufgeregte örtliche Geschäftsleute dazu bewog, die Polizei zu rufen. Stephen Stills war Zeuge der daraus hervorgehenden Unruhen, Schlägereien und Festnahmen. Höchst beunruhigt schrieb er einen Song darüber, dass nur wenige Häuserblocks von seinem Zuhause entfernt solche Schlachten ausgetragen wurden.

Die Zeile „There is something happening here. What it is ain’t exactly clear“ bezeichnet sehr schön den Zustand, wenn einem die Worte fehlen. Es ist die Erfahrung einer Sprachlosigkeit, wie wir sie auf einmal überall in beunruhigenden Phänomene konstatieren: Geschäfte schliessen, bestimmte Güter werden knapp, Ausgangssperren werden verhängt, Grenzen dicht gemacht, die häusliche Gewalt steigt, Amerikaner kaufen vermehrt Waffen – ein Muster von Symptomen von etwas, aber von was? Bekommen wir es nun tatsächlich mit der Wucht und Komplexität einer planetarischen Krise zu tun, gegenüber der wir sprachlos sind?

22 Gedanken zu “

  1. Sprachlos sind wir nicht, es gibt sogar ein mächtiges Wortgeklingel. Schuldzuweisungen und Geschäftemacherei. Aber die Songzeile trifft es schon perfekt. Wir erleben so etwas wie fest entschlossene Ratlosigkeit.

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    1. Eine Form von Sprachlosigkeit besteht auch darin, dass wir eine unangemessene Sprache verwenden, zum Beispiel die moralische. Möglicherweise desinfizieren wir dadurch unsere Seele; die Probleme lösen wir nicht.

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  2. Erst wollte ich mich zu deinem ebenso erschütternden wie treffenden letzten Absatz deines Beitrages äußern. Dann hat mich die wunderbare Formulierung von der „Desinfektion der Seele“ davon abgelenkt…
    Sofern es sie gibt, diese Seele (oder eben das, was wir dafür halten), schadet es ihr vielleicht in dieser hochinfektiösen Zeit nicht, wenn wir sie jenseits des nutzlosen oder gar schädlichen Moralisierens ein wenig imprägnieren für das, was da noch kommen könnte.
    Herzliche Grüße in die Schweiz!

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    1. Das Corona-Virus beherrscht auf trügerische Weise die Schlagzeilen. Trügerisch, weil uns weitgehend eine Sprache für dieses überraschende Widerfahrnis fehlt. Natürlich sprechen wir jetzt über medizinische, gesundheitspolitische, wirtschaftliche, psychologische, soziale Herausforderungen, und das ist auch gut so. Aber nochmals Steven Stills: „There is something happening here. What it is ain’t exactly clear.“ Herzliche Grüsse nach München!

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  3. Brilliant post. As an American, I feel obliged to comment, though I am speaking for a set of ideals that I don’t necessarily identify with intellectually or politically, but, sometimes, feel the itch of nonetheless. We, especially those of us who live in the West, often stock up on guns in times of crisis because our culture was born out of frontierism, where we were encroaching on native land and it was every man, and child for themselves. In the South–especially–there is a fear of government encroachment born from the defeat of the Civil War, so we stock up on guns here, and all over America we are subject to the undercurrent of the revolution from which our country was born and the pent up individuality that was expressed when we took up arms and defended it.

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    1. Thanks! „For What It’s Worth“ is probably Stephen Stills‘ best song and it’s ultimately one of his most famous. The song is about the problems of the psychedelic youth in Los Angeles with the older residents (or vice versa), if you like a kind of protest song. However, it is not an anti-war song, as has often been wrongly reported. No matter – the song is really good.

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      1. Are you familiar with Tree Top Flyer? It’s my favorite Stephen Stills song. But, yes, in terms of structure, melody, the hook and lyrically I agree For What It’s Worth is his best. He captured a moment in time perfectly and express it in a song. People, when I was a DJ, never knew the name of it. They would say, will you play that song that goes, and then they would sing–„Stop
        hey, what’s that sound, everybody look what’s going down.“ A great testament to the song.

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      2. Yes, I know „Treetop Flyer“. This is a very nice song. Stephen Still’s voice sounds rough and bluesy. He plays the acoustic guitar very intensely and his blues picking skills are amazing. What I like less are his over-produced albums with violins, choral singing, etc.

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  4. „For What It’s Worth“ – meiner Meinung nach ist das Zusammenwirken der bürgerlichen Gesellschaftsordnung (Jeder hat die Chance, er muss sie halt nutzen) mit dem kapitalistischen Wirtschaftssystem (es gibt nur eine Richtung – die des Wachstums) die Pest der Neuzeit.

    Und jetzt haben wir die Zeit der Hausarreste, Ausgangssperren und Versammlungsverbote – Besinnungszeiten, um zu fragen „For What It’s Worth?“ – haben die bürgerliche Gesellschaftsordnung und das kapitalistische Wirtschaftssystem die sozialen Probleme der letzten Jahrtausende gelöst oder wenigstens gelindert?

    Buffalo Springfield habe ich erst über die frühen Soloalben Neil Youngs kennen- und schätzen gelernt.

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    1. Stephen Stills Song fast journalistischer Song, zeigt, wie der Folk-Prozess in der US-Rockmusik Ende der 60er Jahre funktionierte. Das war wirklich wie Musik als Nachrichten. Die Zeile „What a field day for the heat“ (etwa „was für ein grosser Manövertag für die Bullen“) war ein kaum verhohlener Angriff auf die Polizei. Die Single wurde oft im Radio gespielt, auch wenn sie kontrovers war. Das war quasi eine Taktik, gewisse emotionale Regungen der damaligen Jugendbewegung öffentlich zu erörtern. Wie kann man denn etwas fühlen, für das man keine Worte hat? Oder, um Wittgenstein zu paraphrasieren: Das, wovon man nicht sprechen darf, kann man auch nicht fühlen.

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      1. Diese Taktik war mir bisher unbekannt. Es gab (gibt?) in Jamaika ein ähnliches Phänomen. Da gab es eine normale Single, also Musik und Text, und auf der Rückseite war lediglich die Musik. Die legten Radiosprecher gerne auf, um zu der Musik ihre lokalpolitischen Nachrichten zu sprechen. Also so eine Art Karaoke der seriösen Art…

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      2. Interessant! Das wusste ich nicht. Die politische Bedeutung der im Laufe der 60er Jahre in den USA aufkommenden Bands wie Buffalo Springfield ist auf den Blues und vorallem auf den Folk zurückzuführen, der damals für einen gewissen Linksradikalismus stand.

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      3. Ich stand seinerzeit nicht so sehr auf Reggae, kannte aber jemanden, der sogar in Jamaika war.
        Es gibt die ziemlich durchgedrehte Komödie „Wasser“ aus dem Jahr 1985. Von George Harrison mit Michael Caine in der Hauptrolle. Sehr lustig und weltpolitisch zeitbezogen obendrein.

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      4. Danke für den Hinweis! Der Film läuft auf YouTube: lieblos und schlampig synchronisiert. Vielleicht lässt sich aber irgendwo eine Originalausgabe finden…?

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      5. Im Zusammenhang zwischen den USofA und „politisch links“, bzw. „Linksradikalismus“ werde ich vorsichtig.
        Dieses Nation hatte weder eine Revolution noch eine Arbeiterbewegung, wie wir sie in Europa kennen, und die diese Zuschreibung auch verdienen würde…

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      6. Aber sie hatten immerhin die Darstellung von Politik sexy gemacht, eine eigentümliche, heutzutage nur schwer nachvollziehbare Verbindung, die von der „natürlichen“ Stimme eines Dylan oder auch eines Phil Ochs bis zum freundlich-arroganten Schnarren von Rudi Dutschke reichte.

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