The Beatles, A Hard Day’s Night, 1964

Produzent/ George Martin

Label/ Parlophone

Meine erste Langspielplatte war „A Hard Day’s Night“ – ich hatte sie von meiner Tante geschenkt bekommen. Die Eltern hatten für diese Musik nur ein verständnislos-mitleidiges Lächeln übrig. Und dann erst die Haare von diesen Typen! Vorn in die Stirn gekämmt, und hinten berührten sie fast den Hemdkragen. Im Muff der frühen 60er Jahre galt das adrette Aussehen der Beatles als skandalös und ungepflegt. Und ungepflegt und zügellos, aufsässig und provokativ wirkte die Musik. Lehrer und Pfarrer sahen darin den Untergang des Abendlandes heraufdämmern. Die Russen waren als Bedrohung schlimm, aber als Verführer der sauberen Jugend waren die Beatles eine Katastrophe.

Ich legte die Platte auf den Teller wie ein Juwelier ein Diadem auf Samt bettet. Der Tonarm ruckte und zuckte schwerfällig auf die Anfangsrille, leichtes Knistern, und dann, unglaublich, dieser offene und alles öffnende Akkord. Natürlich hatten nicht alle Songs den elektrisierenden Effekt wie das Titelstück und „Any Time At All“. Es gab auch ein paar fröhliche Einweglieder wie „I’m Happy Just To Dance With You“ und „Tell Me Why“, aber die wurden von wunderschönen Stücken wie „And I Love Her“ und „If I Fell“ ausgeglichen –  „A Hard Day’s Night“: Das war für mich nicht nur der Soundtrack des Beatles-Films, das war der Soundtrack des ganzen Lebens.

Neil Young, Harvest, 1972

Produzent/ Neil Young, Jack Nitzsche

Label/ Reprise

„Harvest“ mit dem Hitmonster „Heart of Gold“ wurde damals als „kommerzieller Mist“ abgetan. Nichts war uncooler, als diese Platte zu mögen. „Harvest“ in aller Öffentlichkeit aufzulegen, das war wie Kindersex im Internet: Alltag, aber so etwas von unkorrekt! Dabei serviert uns hier ein auf die 30 zugehender Superstar seine ganze Twen-Angst, sein Bibbern vor dem Altern, sein bisschen Philosophie, spielt sein ungeheures Potential aus, ebenso einfache wie wundersam dauerhafte Melodien zu zaubern, zelebriert seine hünenhafte Selbstgerechtigkeit, die nur noch von seinem Mitgefühl für sein eben dem Krankenbett entwichenen Ich und eine Handvoll Freunde übertroffen wird.

Dazu chargiert Jack Nitzsche bombastische Orchesterarrangements à la Gershwin bis wir knietief durch Blut, Streicher und Tränen waten: Ja, „A Man Needs a Maid“. Dies alles in seiner Monströsität zu schätzen und zu verstehen, das Album „Harvest“ zu lieben, es nicht nur hippielagerfeuermässig auf das Nachträllern trauriger Liedchen zu reduzieren, sondern es in seiner Grösse, in seiner Humanität, Romantik und Sentimentalität auszustellen, das zeichnet den wahren Neil-Young-Fan aus, und nicht der Besitz einer 10-CD-Sammlung mit Live-Aufnahmen.

Tony Joe White, Uncovered, 2006

Produzent/ Jody White, Tony Joe White

Label/ Swamp Records

Wenn ein legendärer Künstler einen alten Hit neu aufnimmt, ist das gewöhnlich ein ganz schlechte Idee. Zu sehr riecht das nach billigem Kaufanreiz. Doch dann hört man diese Zeitlupenversion von „Rainy Night In Georgia“… So viel Nacht war nie um diesen Klassiker, so bedrohlich leise hat White ihn noch nie geraunt; solch Orgelschmelz, so eine verletzliche Harmonika, so sanft gepatschte Trommelstöcke trugen diesen Song noch nie; und selbst die „Aaahs“ und „Uuuhs“ des Frauenchors schaden seiner intimen Intensität nicht.

„Rany Night In Georgia“ ist der siebte Song auf Tony Joe Whites Album „ Uncovered“, und die davor sind auch gut. Der Mann, der Ende der 60er Rock, Soul und Blues zum Swamprock verschmolz und Hits für Elvis („Polk Salad Annie“) oder Ray Charles (eben „Rainy Night…“) schrieb, bewegt sich altersweise auf ureigenem Terrain. Nichts erinnert mehr an seinen Schlafzimmersoul der späten 70er- und der 80er Jahre. Jeder Gitarrenton, jeder Bläserton hat seinen richtigen Ort. Und die Superstars unter den Gästen – darunter Eric Clapton, Mark Knopfler und J. J. Cale – ordnen sich ganz einem ebenso Grossen unter. Ein Album, das man eher mit glühenden Kohlen als mit einem offenen Kaminfeuer assoziiert.

The Roches, 1979

Produzent/ Robert Fripp

Label/ Warner Bros.

Total überdrehter oder ausgelinkter Folk, schon allein wegen der sparsamen Begleitinstrumentierung und wegen der puren Gesangsstimmen. Die drei Roche-Schwester aus New Jersey singen allereinfachste Folk-Melodien, um sie jedoch in den unerwartesten Momenten zu vielstimmig breiten Harmonien auszuweiten und als Schluss einen verminderten Noneakkord, oder was weiss ich für eine komplizierte Klangschichtung nicht scheuen. Ihre Songs handeln von den kleinen, privaten Dingen des Alltags. So ist Terres „Mr. Sellack“ nichts weiter als die Bitte, in der Hamburgerbude dieses Herren wieder einen Job zu bekommen, und Suzzys „The Train“ handelt von einem verschwitzten und wortlosen Gegenübersitzen mit einem biertrinkenden Fettwanst im Zug. Doch unterscheiden sich die Roches in einem ganz wesentlichen Punkt von traditionellen Folksängerinnen: wo diese in Hingabe schmachten und in Spitzenhäubchenidylle zerlaufen wie Vanillepudding, der sich beim Stürzen als nicht steif geworden entpuppt, da reagieren jene rotznäsig oder lachen hämisch auf. Und Robert Fripp, der die Platte produziert hat, hat dafür gesorgt, dass das Werk durch sein fabelhaftes Gesamtkonzept glänzt, auch wenn seine E-Gitarre und seine „Fripperies“ kaum oder selten hörbar ist.

Tja, und auch nach ihrem Debüt sind die drei Roche-Schwestern in unregelmässigen Abständen in Erscheinung getreten, bis zum Krebs-Tod von Maggie Roche im Januar 2017. Sie haben dabei ihre herzige Unverblümtheit nie verloren. Kein Gerangel im Show-Biz, im Kampf um Marktanteile und Edelmetall-Alben. Also blieben sie ein „Geheimtipp“, der irgendwann starb, ohne dass jene Welt davon Notiz nahm, für die (und für jene Karrieremodelle) sie ja sowieso viel zu brillant waren.

Miles Davis, We Want Miles, 1982

Produzent/ Theo Macero

Label/ Columbia Records

Das Album „We Want Miles“ gefällt mir ausserordentlich gut. Eine packende Mischung aus Rhythmus und weichen, klaren Stellen, ruhig, melodisch, Ruhepause, dann wieder Tempo. Intensität. Jazz. Ob er nun der Grösste war oder nicht, spielt keine Rolle, es zählt die Musik. Bei der werde ich nachdenklich und melancholisch. Oder: in einem dunklen Café sitzen, durch Milchglasscheiben schauen, träumen – aber hellwach. Oder: Im 31. Stock eines Hochhauses. Vielleicht New York. Wie immer: Miles Davis versteht es als Bandleader elegant mit dem Klangraum umzugehen und nur die nötigsten Noten zu spielen. Al Foster am Schlagzeug und Marcus Miller am Bass grooven lässig und reduziert. Mike Sterns heftige Rockausfälle an der Gitarre wirken stellenweise deplatziert und Bill Evan’s Tenorsaxophon manchmal formelhaft. Die Band insgesamt aber ist exzellent, der Sound ungewöhnlich kompakt und Miles an der Trompete ein Charismatiker. Kategorien, Mauern, Stecknadeln fallen… Miles away… Ich trinke den Rest kalten Kaffee in der Tasse auf dem Schreibtisch aus. Ein Blick auf die Uhr. Das Fenster ganz weit öffnen. Room-Service. „Hallo???“ –  „We want Miles!“

Status Quo, Blue for You, 1976

Produzent/ Damon Lyon-Shaw, Status Quo

Label/ Vertigo

Auf „Blue For You“ ihrem 83. Album, machen Status Quo die gleiche Musik, die sie schon auf ihrem, 29. und 37. Album gemacht haben: Boogie, Boogie und nochmals Boogie!

Die, die Band mögen – ich gehöre auch dazu – werden auch dieses Album mögen, und all die anderen, die sie nicht mögen, werden leider wieder etwas von „Teenybopper-Gewichse“ murmeln und abfällig die Nase rümpfen. Über diesen Status Quo kann man nur traurig sein, aber da helfen Status Quo darüber hinweg…

Bob Dylan, Good As I Been To You, 1992

Produzent/ Bob Dylan

Label/ Columbia

Auf dem Cover gibt es eines dieser verkniffenen Kenn-ich-nicht-wasch-ich-nicht-Gesichter, inklusive ergrauendem Milchbart und Unfrisur. Innen findet man ein Foto von grauen Wolken und auf der Rückseite einen in Leder gekleideten Verwirrkopf mit Akustikgitarre, der so aussieht, als hätte ihm jemand das Textblatt geklaut. Was Dylan in den 13 Songtitel auf „Good As I Been To You“ macht, kann er besonders gut, weil er das bereits 30 Jahre zuvor gemacht hat. Damals war er ein charmanter junger Mann mit einer fragilen, näselnden Stimme, auf diesem Album sind es die maroden Stimmbänder eines alten Kauzes. Aber so gross ist der Unterschied nicht. Tatsächlich weist Dylan deutlich auf das hin, was wirklich an ihm individuell ist: die physische Präsenz der Stimme – egal wie begleitet, egal welche Songs sie singt – hier Traditionals, Blues, Folk -, die wie kaum eine andere das Talent hat, sich über alle Aufnahmebedingungen und elektronischen Zerlegungen hinweg zu erhalten.

Alles, was eine Singstimme normalerweise ausmacht, ist jedenfalls hier noch verkrüppelter als eh schon bei Dylan. Und es ist auch nicht der Charme dieser Schwäche, der mich anzieht. Es ist eher die raue Stimme des Dichters, der sich über Schnarren und Krächzen immer an der Grenze zum Rauschen mitteilen muss. Bei dem Buchstaben und Töne nicht mehr notierbar, auch austauschbar geworden sind.

The Go-Betweens, Liberty Belle & The Black Diamond Express, 1986

Produzent/ Richard Preston, The Go-Betweens

Label/ Beggars Banquet

Die Go-Betweens aus Australien waren typische Vertreter der in den 80er Jahren weltweit entstandenen Independent-Szene. Sie profitierten einerseits von der Professionalisierung der kleinen unabhängigen Labels und Vetriebsorganisationen, konnten ein Stammpublikum etablieren und von den Erträgen der Schallplatten und Konzertreisen leben, anderseits gelang es ihnen nicht, die Grenzen zu durchbrechen, die den Independent-Markt vom Massenpublikum trennen.

Die Alben der Go-Betweens sind wie lange Briefe von jemandem, den du kaum kennst. So überraschend wie Lebenszeichen eben sind. Auf „Liberty Belle & The Black Diamond Express“ haben sie ein Foto mitgeschickt, das sie als fröhliche Kleinfamilie porträtiert. Die Songtexte sind so, dass sie erklären, beschuldigen, philosophieren, den Blick auf Alltagsklischees gerichtet. Bedeutungen diskutieren. Wahrscheinlich Themen von Küchentisch-Gesprächen. Die hartzarten Melodien dieser Band klingen oberflächlich wie harmloser Pop, aber man hat immer das Gefühl, da ist etwas zuviel, irgendetwas, das weniger gefällig ist als blosse Provokation.

„Spring Rain“ kriecht so langsam ins Ohr wie das Thermometer gerade steigt. Eine merkwürdige Spannung macht die Songs faszinierend und hörenswert; hier ist jede Zeile ein Detail, das besondere Umsetzung erfordert. Jedes kleine Ding wird hier mit einem Nachdruck behandelt, der einfach nicht zur Popwelt und ihrer geordneten Dramatik passt. Die Musik lebt nicht von vorausgeplanten Reaktionen. Sehr gutes Album!

Bonnie Raitt, Nick of Time, 1989

Produzent/ Don Was

Label/ Capitol

Bonnie Raitt hat eine 50jährige Karriere mit diversen Grammy-Siegen und kommerziellen Hochs hinter sich. Dass ein Erfolg in den USA mit den auf den amerikanischen Markt zugeschnittener Musik kein Garant ist für vergleichbare Popularität in Europa, mag jene verblüffen, die in der Alten Welt nur einen Kulturvasallen der Kaugummifresser sehen. Bonnie Raitts Musik dürfte der Albtraum eines jeden Hip-Hopper und Elektro-Wavers sein. Schwerer R&B-Background, Boogie-Piano, kratzige Slide-Gitarre und dazu diese gönnerhaft raspelnde Stimme. Die Band besteht aus gestandenen, schwerknochigen Südstaatlern, mit Visagen, wie sie auch ein neger- und frauenverachtender Alabama-Faschist gerne aus dem Fenster seines Diesels rausgrinsen liesse.

Doch Bonnie Raitt ist eine warmherzige Frau, ihre Band eine homogene Zusammenstellung hochsensibler Musiker und „Nick Of Time“ ein grossartiges Album – mit kleinen Einschränkungen. Angenehm die Produktion von Don Was, der glücklicherweise darauf verzichtet hat, dem Album den Was- (Not Was)- Sound verpasst zu haben. Vielleicht hätte er Unsäglichkeiten wie den komischen Reggae-Groove in dem sonst sonst schönen „Have A Heart“ verhindern können. Aber mir gefällt die Leidenschaft bei „Real Man“ und die unkonventionelle Adaption des John Hiatt Stücks „Thing Called Love“. Neben hausgebackenem Mainstream, gibt es auch ein paar Blues-Songs und Balladen, wie „Nobody’s Girl“, bei denen jene Bodenständigkeit durchkommt, für die Bonnie Raitt in ihrer Heimat so geliebt wird.

Ringo Starr, Photograph: The Very Best of Ringo Starr, 2007

Produzent/ Richard, Perry, Ringo Starr, Don Was, George Harrison u.a.

Label/ Apple

Der heute 82jährige Ringo wurde bei den Beatles als tragikomische Ergänzung zu den intellektuellen und musikalischen Heroen John, Paul und George vermarktet und musste beweisen, dass sein lakonischer Lebens- und Schlagzeugstil kongenial zu Gurus, Love-Ins und immergrünen Pop-Hymnen passte, von denen er zu Beatles-Zeiten gerade mal zwei oder drei mit seinem Gesang verschönern durfte.

Nach den Beatles gingen seine Solo-Alben am besten, nicht zuletzt, weil er es als einziger schaffte, John, Paul und George auf einer Platte zusammenzubringen. Doch Dämon Alkohol, ein treuer Begleiter von Mr. Starkey seit den Liverpooler Tagen, verhinderte ein Happy End. Ringo selbst konnte sich Ende der 80er Jahre nicht mehr erinnern, wo er welche Songs aufgenommen hatte, durch welche Fernsehsendungen er gewankt und ob er zuletzt sieben oder zwölf Flaschen Wein pro Tag in sich hineinkippte. Auch die Plattenfirmen liessen Ringo Starr fallen; neun Jahre dauert es bis sein nächstes Album „Time Takes Time“ erschien. Und seither, trocken wie seine Witze, nutzt Ringo Starr seinen Legenden-Bonus und seine fachliche Reputation unter Kollegen, veröffentlicht alle paar Jahre ein Album und geht mit seiner All-Starr Band auf Tour.

Auf dieser Compilation sind alle Hits von Ringo vertreten, plus ein paar weniger bekannte Songs. Das Album ist eine gelungene Repräsentation dessen, was an 70er Jahre-Rock so liebenswert war; so zeigen Liedchen wie „I’m The Greatest“ und „No-No-Song“ die Starrsche Liebe zur Einfachheit ganz wunderbar. „Only You“ hingegen finde ich in seiner Version ziemlich schlapp und das „You’re Sixteen“ Cover hätte er sich sparen können. Dass der Nicht-Sänger Ringo aber doch singen kann, zeigen „Photograph“, „It Don’t Come Easy“, „Snookeroo“, „Goodnight Vienna“ und „Wrack My Brain“. Auf jeden Fall sorgt das Album bei mir im jetzigen Moment noch immer für sehr schöne Wiederhörensfreude.