Mavis Staples, We’ll Never Turn Back, 2007

Produzent/ Ry Cooder

Label/ Anti-Records

Mavis Staples, Grande Dame des Soul, erlebte 2007 ihr zweites Comeback. Ende der Achtziger hatte Prince die Sängerin aus der Versenkung geholt, danach war es Produzent Ry Cooder, Spezialist für groovende Geschichtsstunden, und Labelbesitzer Brett Gurewitz, Gitarrist der Emo-Punkrocker Bad Religion, die der damals 67-Jährigen einen neuerlichen – grossen – Auftritt ermöglichten.

„We’ll Never Turn Back“ steht ganz im Zeichen der US-Bürgerrechtsbewegung der Sechziger, zielt aber direkt aufs Heute. Der Wunsch nach gesellschaftlicher Erneuerung ist dabei verknüpft mit der Erinnerung daran, dass eine liberale Haltung nicht selten in der Spiritualität wurzelt. Herausragend unter all diesen musikalischen Juwelen sind „Down In Mississippi“, das langsam, wenn auch stark elektrifiziert, vor sich hin schlurft, sowie das fulminante Traditional „99 And ½“. Dieser Gospel schöpft wesentlich aus der Erfahrung. Mavis Staples kommentiert, ergänzt die Coverversionen um Originalzeilen und eigene Bemerkungen, macht Persönliches allgemein und umgekehrt. Dabei profitiert sie von einer exquisiten Produktion und exzellenten Mitmusikern (Neben Cooder: Drummer Jim Kelter, Bassist Mike Elizando, die Freedom Singers, Ladysmith Black Mambazo). Die aufregendsten Inspirationen für den neuen Soul liefert immer noch der alte.

Don McLean, American Pie, 1971

Text/Musik/ Don McLean

Produzent/ Ed Freeman

Label/ United Artists

Tschüss, Apfeltortenkönigin. Der Refrain nimmt einen Song aus einem patriotischen Werbespot für die amerikanischte aller Automarken: „Drive your Chevrolet through the US/ America’s the greatest land of all/ On a highway or a road along a levee…“ Aber jetzt ist der Fluss hinter dem Deich ausgetrocknet. Die guten alten Leute in Lubbock, Texas heben ihre Gläser, um mit ein paar Schnäpsen den Tod von Buddy Holly und zugleich die gute alte Zeit zu betrauern. Don McLean nimmt den Vers „Cause that’ll be the day when I die“ aus dem Refrain von Hollys Song, in dem der Sänger das Schlimmste befürchtet, falls seine Liebe ihn verlässt. Und auch Don McLean ist zum Sterben zumute. Er wendet sich an eine junge Frau, indem er sie auf das „Book of Love“ anspricht. Aber dann kommt die Frage: Glaubst du noch an die alte Ordnung, sowie wie die braven Bürger glauben, was die Bibel schreibt?

Es ist schon pervers, dass der Rock’n Roll in den Fünzigern zum Religionsersatz wurde, eine Ablenkung von den wirklichen Problemen der Gesellschaft. Die Turnhallen der Schulen wurden zwar zum Tanzen genutzt. Allerdings durfte man nur auf Socken tanzen, um den Turnhallenboden zu schonen. Und für ein Date brauchte man nicht nur eine rosa Nelke im Knopfloch, sondern auch einen Pick-up, der als geiles Auto galt. Aber alles ging schief – das private Glück zerbrach ebenso wie die Epoche des Rock’n’Roll.

Don McLean blickt aus dem Jahr 1971 zurück auf die Sechziger – als die junge Generation sich verlassen fühlte und die Dinge selbst in die Hand nahm. Zugleich ein Zitat von Bob Dylans „Like A Rolling Stone“. In den Sechzigern waren die Dinge tatsächlich auf den Kopf gestellt. Die Kids fühlten sich als rollende Steine – rastlos, suchend, immer in Bewegung, rebellisch.

Violent Femmes, Why Do Birds Sing?, 1991

Produzent/ Violent Femmes, Michael Beinhorn

Lapel/ Reprise Records

Anfang der neunziger Jahre gab es diese unglaublich naiv-tiefe, soulful Bekenntnis-Platte, ein kaum zu steigerndes, dennoch ziemlich unbeachtetes Meisterwerk. Das flotte Tempo, die fast akustische Dreierbesetzung, die Atmosphäre vom fahrenden Volk im weiten Land (das selbstverständlich „My Land“ ist), machen „Why Do Birds Sing?“ so bestrickend wie überrumpelnd, dass einem zunächst Gordon Ganos zänkisches, bitteres und zynisches Temperament überhaupt nicht auffällt.

Durch häufiges Hören korrigiert man dies aber schnell: die Violent Femmes sind ihrer Sache so selbstsicher, dass grosse Gesten und deutliche Hinweise auf die Differenz zwischen Tradition und eigenem Beitrag, Genre und Lebensgefühl nur linkisch wirken würden. Wenn sie da ihre umwerfende Version von „Do You Really Want To Hurt Me“ schmettern, begreift jeder, wie diese persönliche Inbrunst, die weder Verbeugung noch Parodie sein will, nur von einem allgemeinen Ort her möglich ist, der schon immer für Traditionen oder Gassenhauer stand. Das einer mit seinem Beitrag, einer individuellen Fiktion nichts mehr bewirken kann, aber mit einem inbrünstig, geschmetterten, klaren, wahren Pfadfindersound, der allen gehört, ist die amerikanische Wahrheit, die mal wieder aus dem amerikanischen Traditionssound gelöst zu haben ist Violent Femmes Verdienst.

The Replacements, Pleased to Meet Me, 1987

Produzent/ Jim Dickinson

Label/ Sire

Dünne, haarfeine Adern von Rock’n’Roll durchziehen die unaufdringlichen Songs, dort singt und schnarrt die Gitarre, ein Rascheln oder Säuseln kündigt vor fast allen Songs an, das sich die Musik uns gleich nähern wird. Man kann sagen, diese Gruppe hat den Namen Eklektizismus verdient. Hier sind echte Fans am Werk, aber Fans, die genug Vorlieben haben, um sich nicht entscheiden zu müssen: Unentschiedenheit als schöne Kunst, die berechtigte Liebe zu der zwischen der hübschen Melodie (Beat, England) und Rebel-Attitüden ( Amerika, der Süden, Outlaws) hin und hergerissenen Variante des 70er Rocks, um so in der Regel vergessene Gestalten wie Dwight Twilley, Speedy Keen, Todd Rundgren, The Stories und vor allem Alex Chilton, nach dem die Replacements gleich einen Song benannt haben. Zu dieser Traditionspflege addieren sich bei den Replacements tausend andere Ideen und Lieben und vorallem ein starker Wille zur Straffung, ein aus den Fehlern der anderen gelernt haben, eine Bremse gegen Verspieltheit. „Can’t Hardly Wait“ bohrt sich wundervoll ins Ohr und „Skyway“ ist ein reizender Song, der direkt aus einem Radioprogramm geboren wurde. Ein überzeugendes Album. Anspieltipps…

The Kinks, Come Dancing, 1982

Text/Musik/ Ray Davies

Produzent/ Ray Davies

Label/ Arista

In der ersten Zeile des Songs rollt Ray Davies die Vergangenheit des Parkplatzes auf, auf dem zuvor ein Supermarkt, noch früher eine Bowlingbahn und schliesslich das Tanzlokal stand, das er kannte, als er jung war. Ein Typ wartet in der Denmark Terrace auf Rays Schwester; die verliess ihren Verehrer, nachdem er sein Geld für sie ausgegeben hatte. An der Textstelle, an der das Palais abgerissen wird und „ein Teil meiner Kindheit stirbt“, fällt Daves Gitarre lautstark ein und macht den Übergang zu Rays Gegenwart in einer Band und dem Leben seiner Schwester auf einem Landgut. Am Ende beschwört der Text noch einmal die Vergangenheit herauf, in der seine Schwester im Palais getanzt hatte. Zusammen mit den Blechbläsern, die den Eindruck einer Nordlondoner Tanzband der 1950er-Jahre erwecken sollen, ist der altmodische Orgelsound der Aufhänger einer Musik, die man in den Charts von 1983 am wenigsten erwartet hätte.

Für das Video führte Julien Temple Regie. Ray Davies spielt hier den Kleingauner mit Nadelstreifenanzug und Pomade, der im Tanzpalast herumhängt. Der Tanzpalast ist der Schlüssel zu seiner verlorenen Welt. Ray Davies stand in der Entwicklung der Nachkriegskultur. Also klebte er sich einen Oberlippenbart an und gelte die Haare nach hinten. Als die Handlung des Videos in die Gegenwart übergeht, sieht der Gauner hoffnungslos fehl am Platz aus, sein ganzer Körper ist steif, und seine Hände umfassen das Geländer des Balkons im Tanzsaal. Dann dreht er den Kopf, um ein modernes Mädchen mit tragischer Verachtung anzusehen, als wäre er der Letzte einer stolzen Rasse.

Castles Made of Sand

Danke für Eure Aufmerksamkeit! Hinter der Zwei wird bald eine neue Zahl auf dem Kalender erscheinen. Ich werde hier weitermachen, denn ich höre gerne Musik. Laute Musik. Verhaltene Musik. Unbequeme Musik. Sperrige Musik. Seltsame Musik. Verkopfte Musik. Versöhnliche Musik. Brandneue Musik. Uralte Musik. Verkrustete Musik. Unbezwingbare Musik. Eben jene Musik, der ich immer und immer wieder einen kleinen Tempel in diesem Blog errichte.

Thanks for your attention! A new number will soon appear on the calendar after the two. I’ll continue here, because I enjoy listening to music. Subdued music. Uncomfortable music. Unwieldy music. Strange music. Intellectual music. Reconciliatory music. Brand new music. Very old music. Stagnant music. Indomitable music. Exactly that music, to which I erect over and over again a small temple in this blog.

Mekons, Honky Tonkin’, 1987

Produzent/ The Mekons

Label/ Twin/Tone Records

Zunächst wäre da das Cover mit dem im Eis gescheiterten Schiff von Caspar David Friedrich. Dann wäre da eine Liste mit weiterführender Literatur zu jedem Song, die beweist, dass die Mekons nicht nur schöne Platten im Regal haben. Ausserdem kann nichts einen Song wie „Gin Palace“ besser beschreiben, als eine Empfehlung Jean Rhys zu lesen. Oder zu „Spit“ „Minima Moralia“ von Adorno, Balzac und Charlotte Bronte zu „Sleepless Nights“. Und ganz schön zu „Keep On Hoppin“ Norman Malcolms Erinnerungsbuch an seinen Freund Ludwig Wittgenstein. Und ganz besonders schön zu „Sympathy For The Mekons“ ein Aufsatz von Alison Allister aus der Zeitschrift „Radical Philosophy“ unter dem Titel: „Philosophical Materialism Or The Concept Of History“, ein Buch über vegetarische Ernährung, ein Gemälde des britischen Konzeptkünstlers Terry Atkinson und den Film „The Omen“.

Soll ich Euch jetzt sagen, dass die Musik der Mekons genau so schön ist wie diese Liste? Ja, das soll ich. Ich kann sogar darauf hinweisen, dass auf dem Inner Sleeve „The Devil Riding On A Nun“ zu lesen ist, während sie deutlich „The Devil Riding On A Pig“ singen. Aber ich sag auch, dass das alles ein bisschen für Mekons-Fans ist. Und eine Chance für diejenigen, die die Band bislang noch nicht gekannt haben.

Roy Orbison And Friends, Black & White Night, 1988

Produzent/ Tony Mitchell

Label/ Virgin

Schmelz. Und hier hätten wir einen Leckerbissen für alle Fans des „King of Falsetto“. Mr. Roy Orbison liess für sein Comeback auf die grosse Bühne ein Star-Ensemble auflaufen, das sogar die Traveling Wilburys, mit denen er dann ein Jahr später an die Öffentlichkeit trat, in den Schatten stellte.

Das Rückgrat bildete Elvis Presleys TCB-Band. Dazu Koryphäen wie Bruce Springsteen, Tom Waits, Elvis Costello und T-Bone Burnett. Als Background Singers Jackson Browne, Bonnie Raitt, Jennifer Warnes und K.D. Lang. Obendrauf Streicher mit Sonnenbrillen. Eine solche trug selbstverständlich auch Roy Orbison zu seiner Fransenjacke, und er sang wie eh und je in seiner eigenen Liga. Die jüngeren Kollegen wuselten wie Schulbuben mit heissen Ohren um den Meister; selbst Springsteen verzichtete darauf den Boss raushängen zu lassen, und liess dafür lieber Roy in barocker Pracht schluchzen.

Joe Cocker, With a Little Help From My Friends, 1968

Text/Musik/ John Lennon, Paul McCartney

Produzent/ Denny Cordell

Label/ AM Records


Als Joe Cocker nach seinem Erfolg mit dem Beatles-Cover „With a Little Help From My Friends“ heroinabhängig wurde, galt er als sicherer Kandidat für den Club 27, aber im Gegensatz zu Hendrix oder Morrisson bekam er die Kurve. Was auch immer ihm die Kraft gab, bei neuneinhalb wieder vom Ringboden aufzustehen und weitermachen, liess ihn in den folgenden Jahren, Knastaufenthalte, skrupellose Manager, Drogen aller Art und schweren Alkoholismus überleben. Es gab Situationen, in denen Cocker zwei Stunden erfolglos versuchte seine Schuhe zuzubinden, Konzerte fielen aus, weil er zu besoffen war, trat er dennoch auf, kippte er des Öfteren von der Bühne.

Sei es eine Menge Glück oder seine bodenständige Herkunft, seine spätere Frau oder alles zusammen: Cocker – von Zeitgenossen zwischenzeitlich halb bewundernd, halb ungläubig „der Überlebende“ genannt – boxte sich durch die dunklen Jahre, um etliche Nr. 1-Hits später in einer abgelegen Villa englischen Stils in Colorado entspannt und von allen Süchten befreit über die Tomatenzucht („Joematos“ ) zu parlieren. Die einzige Gefahr, die für den inzwischen rundlicheren Leib des Luftgitarrenerfinders ( siehe „With a Little Help From My Friends“ Live in Woodstock) noch bestand, schien von Bären und Berglöwen auszugehen, die ihm auf langen Spaziergängen mit seinen Hunden hin und wieder begegneten.

The Clash, London Calling, 1979

Produzent/ Guy Stevens

Label/ CBS

Ich muss zugeben, dass mir die Selbstmythologisierung der Band und ihre Art über Politik zu singen, ohne viel Ahnung zu haben, damals ziemlich auf den Wecker gingen. Heute kann ich mich eines Nostalgieanfluges nicht erwehren. Was mir an der Band im Nachhinein besonders imponiert, ist, dass sie der mit gewöhnlichem Vokabular unfassbaren Aggression der Sex Pistols eine rock’n’rollende Punksprache entgegensetzten, die jeder verstand.

„London Calling“ war das definitive Statement der Band nach dem Punkmanifest der ersten LP und der US-orientierten Produktion „Give Em Enough Rope“. Für die beiden Songwriter Joe Strummer und Mick Jones gab es nun ausser Punk und Reggae auch andere Einflüsse wie Rockabilly ( „Brand New Cadillac“) , Pop ( „Lost In The Supermarket“ ) und R&B ( „I’m Not Down“ ), während Simonon die düstere Hymne „Guns Of Brixton“ schrieb. „Spanish Bombs“ war ein politisches, bewegendes Lied, aber erst die hackende Basslinie, die schneidende Gitarre und der fetzende Gesang des Titelsongs verschafften der Band ihre grösste Hitsingle.

Das Tüpfelchen auf dem i erhielt die Platte durch Guy Stevens Produktion. Seit Ende der sechziger Jahre war Stevens ein genialer Unternehmer in der Plattenindustrie; dann kam eine Durststrecke, aber sein enthusiastischer Ansatz überging die einschüchternde Reputation der Band. Das Cover spielt bewusst auf das erste Album von Elvis an, obwohl das Photo von Simonon kurz vor dem Zertrümmern seiner Bassgitarre purer Punk ist. „London Calling“ ist eines der raren Alben, das die Ära definiert und dabei zeigt, wie die Musiker ihre Kunst in den Griff bekamen.