David Bowie, Heroes, 1977

Text/Musik/ David Bowie, Brian Eno

Produzent/ David Bowie, Tony Visconti

Label/ RCA

„I, I will be king, and you, you will be queen. Though nothing, will drive them away. We can beat them, just for one day. We can be heroes, just for one day.“ Über dem dampfenden Schlagzeug ziehen die Schlieren der Gitarre von Robert Fripp, erheben sich die Synthesizerklänge von Brian Eno wie eine farbige Wand aus steigenden und fallenden Wasserfontänen. In diesem Song kumulierte alles, was im Angesicht zu Englands „No Future“ zu sagen war: die distanzierten Anführungszeichen zum Helden, dieses Wir-gegen-die-Welt-mit-dem-Rücken-zur-Wand-Gefühl, dazu die politische Kulisse der Berliner Mauer. Die Geschichte eines einzigen glücklichen Tages setzte dem trotzigen, hoffnungsvollen Gegenentwurf zur alten Jugendhymne „My Generation“ von den Who mit dem legendären „I hope I’ll die before I get old“ oder der kommenden Losung Neil Youngs „ It’s better to burn out than to rust.“

Man hätte sich geehrt fühlen können. Wäre da nicht dieses Coverphoto zu „Heroes“ gewesen: den linken Arm angewinkelt, die Hand nach oben, den Augen zugewendet, pantomimisch wie ein Spiegel. Der Narzisst sieht sich an, seine Person ist sein Gesicht. Die Farbe eines Auges ist ein kaltes Graublau, die des anderen ein warmes Braun, beweglich und starr, das Irritierende der Augen spiegelt sich in der Musik. Bowie war ein singender Schauspieler, der seine Musik als Film konzipierte und seine Rollen wechselte, bevor sie seinem Image gefährlich wurden. Die Maske war seine Persönlichkeit. „Originell? Keinesfalls. Eher bin ich ein geschmackvoller Dieb. Ich habe so viele Hüllen, dass ich vergessen habe, wie der Kern aussieht. Ich würde ihn nicht erkennen, wenn ich ihn fände.“ David Bowie war nicht der erste, der die Gleichzeitigkeit von Spiel und Ernst in der Popmusik vorführte, aber keiner konnte das Singen mit so umwerfendem Charme zelebrieren. Er wechselte seine Hüllen, ohne das Gesicht zu verlieren. Sein Gesicht war die Hülle David Bowie.

David Bowie, Five Years, 1972

Text/Musik/ David Bowie

Produzent/ David Bowie, Ken Scott

Label/ RCA

„Five Years“ ist aus dem Ziggy-Stardust-Album von 1972. Was daran konzeptuell sein soll im Sinne eines Narrativs, war mir nie klar, weil das Album aus losen Songs und Texten besteht, die in sich selbst schon inkohärent sind. Aber einzelne Lieder sind grossartig, vorallem das erste, das langsame Intro am Schlagzeug, Bowies zwölfsaitige Gitarre, sein paranoides Croonen. Das Faksimile des Songtexts ist im Bowie Blog zu sehen. Die Schrift sieht aus, als hätte ihn ein Schüler in einer Nachmittagsstunde aufgeschrieben. Meine Lieblingszeilen: „My brain hurt like a warehouse. It had no room to spare.“

David Bowie wusste, wie sich der Wahn anfühlt. Sein Halbbruder Terry, der ihm Jazz, Buddhismus und die Beat-Poeten nahegebracht hatte, erkrankte an Schizophrenie. An einem Januarmorgen 1985 verliess er die Klinik und legte sich beim Bahnhof auf die Schienen.

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David Bowie, Rebel, Rebel, 1974

Text/Musik/ David Bowie

Produzent/ David Bowie

Label/ RCA Victor

Wer nicht rebelliert, schockiert. Die Schocker der 70er Jahre begehrten gegen die Rebellen der 60er Jahre auf, indem sie ihren Machismo attackierten. Daraus entstand die Figur des androgynen Stars, wie er in den 70ern von David Bowie oder Marc Bolan, in den 80ern von Prince und Madonna perfektioniert wurde.

David Bowie hat 1974 einen Song geschrieben, der die Auflösung der einen Rolle durch die andere, des Rebellierens durch das Schockieren, des Hetero- durch das Bisexuelle zum Inhalt hat. Mit einer „bodentiefen Verneigung vor den Stones“ parodiert Bowie das Gitarrenriff von „Satisfaction“ und beginnt mit den Zeilen: „Got your mother in a whirl/ She’s not sure you’re a boy or a girl.“ um später den Refrain nachzuschieben: “ Rebel rebel, you’ve torn your dress/ Rebel rebel, your face is a mess/ Rebel rebel, how could they know?/ Hot tramp, I love you so“.

„Rebel Rebel“ schon die Verdoppelung verhöhnt den Gestus – feiert einen Subversionsmythos, der in einer Hymne auf androgyne Verlockungen verhöhnt wird. Camp heisst diese Rolle, der Bowie seinen Karrierestart verdankt.

Der Begriff, einst Ausdruck für homosexuelle Kommunikationsgestik in repressiven Zeiten, war von der amerikanischen Schriftstellerin Susan Sontag bereits 1964 in ihrem Buch „Notes On Camp“ kulturell verallgemeinert worden. Der Unterschied zwischen Dandy und Camp, so Sontag, liege in der Einstellung zur Vulgarität: Camp beflügle sich nicht am Wahren und Guten, sondern am schlechten Geschmack der anderen.