Little Walter, The Essential, 1993

Produzent/ Leonard & Phil Chess, Willie Dixon

Label/ MCA Records

Neulich hat mich ein jüngerer Bekannter gefragt, was für Musik ich höre, und als ich gesagt habe, dass ich gerne Blues höre, verzerrte sich sein Gesicht, als hätte er in eine Zitrone gebissen. Mag sein, dass der Blues heute dieses Image aus Bierwerbung, gähnenden Gitarrensoli, angestrengten Gesichtern und abgegriffenem Zwölftaktschema hat. An Blueskonzerten trifft man meisten nur Leute mit grauen Haaren, und gute Künstler wie Alvin Youngblood Hart oder der kürzlich verstorbene Reverend John Lee Wilkins erreichen kein jüngeres Publikum, wie es vor einigen Jahren R.L. Burnside und seinen Label-Gefährten noch gelungen ist. Wer aber bisher noch keine Platten von Slim Harpo, Howlin’ Wolf, Skip James oder Jimmy Reed kennt, dem stehen freudige Entdeckungen bevor, welche Tür öffnen in ein schier unendliches Parallel-Blues-Universum, wo auch kleine Sterne wie Honeyboy Edwards, Jessie Mae Hemphill oder Louisiana Red hell strahlen.

In letzter Zeit habe ich „The Essential“ von Little Walter oft gehört. Er war dabei, als man die Mundharmonika elektrisch verstärkt zu spielen begann und einer der ersten, die absichtlich Verzerrung in ihr Spiel einbrachten. Aus Louisiana in Chicago angekommen, spielte er auf den Aufnahmen von Muddy Waters, Jimmy Rogers, Bo Diddley und „Baby Face“ Leroy Foster. 1952 startete Little Walter als Solist mit dem Instrumental „Juke“ eine Serie von Top-Ten-Chart-Hits, was keiner seiner Chess-Labelkollegen je erreichte. Aber der musikalische Erfolg hatte für Walter nicht nur positive Seiten; er bekam Probleme mit Alkohol, wurde streitsüchtig und arrogant und versuchte andere zu übervorteilen. Zwar gelang ihm mit dem von Willie Dixon geschriebenen Stück „My Babe“ nochmals ein Hit, aber das war der Anfang vom Ende. Bei einem Streit ging die Pistole, die er immer mit sich herumtrug, in seiner Hosentasche los und er schoss sich ins Knie. Quälende Schmerzen und noch mehr Drogen. Magere Zeiten brachen an. Little Walter war nur noch ein Schatten seines früheren Selbst, lebte aber weiter ohne Rücksicht auf Verluste, wirkte unnahbar und introvertiert. Er starb am 15. Februar 1968 im Alter von 37 Jahren in Chicago. 

20 Gedanken zu “

  1. I could listen to this on a loop for eons and eons. It so authentic that it hurts. The rawness of it blows me away. There are different kind of blues…the commercial clean sounding self indulgent songs put me to sleep…this is the real thing.

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    1. Little Walter was the best modern harmonica player on the Chicago blues scene. I also like his vocal approach: raw, primal, but controlled, full of personality. He has the pain of a Robert Johnson or Billie Holiday, and the aggression and power of Muddy Waters. His recordings still sounds more interesting to me than many songs who are currently called blues.

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  2. Ohne Blues geht gar nix und auch heute kann man noch vieles entdecken.

    Ob es die drei Kings, Albert, B.B. und Freddie sind, ein Taj Mahal oder eben Muddy Waters.

    Ich liebe den elektrischen Blues und wenn noch ein Bläser Set dabei ist, bin ich glücklich.

    Relativ junge Bluesmusiker wie Melvin Taylor sind zu empfehlen…

    Chuck Berry hat im Prinzip Blues gemacht.

    Nicht zu vergessen die vielen, tollen Blues Sängerinnen.

    Der Blues ist ein weites Feld und eigentlich müsste man sich fast darauf spezialisieren.

    Little Walter soll übrigens an den Spätfolgen einer Schlägerei gestorben sein…

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    1. Man kann sich sicher darüber streiten können, welche Bluesaufnahmen man einfach kennen muss, welche so elementar und stilprägend sind, dass es einfach keinen Weg um sie herum gibt. Für mich gehört die Musik von Little Walter auf jeden Fall dazu. Seine Songs haben immer grossartig groovenden Rhythmen und ein perfekt nuanciertes Bluesharpspiel. Tragischerweise wurden viele seiner Aufnahmen 2008 beim Brand der Universal Studios zerstört. Trotzdem ist es dem Label Jukebox Jam gelungen, eine alternative Version des 1959 aufgenommenen „Mean Old Frisco“ zu finden: https://www.youtube.com/watch?v=–PGvPS_W9s

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    1. Classic stuff, CB! Little Walter changed the importance of the harp for the blues. And all of that with a simple harmonica from the German brand Hohner for 59 cents. Little Walter was for this small, pocket-sized instrument what Jimi Hendrix was for the guitar. Did you ever tried to play it?

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      1. Thanks, CB! They were all impressive on the harmonica: Jimmy Reed, John Lee Sonny Boy Williamson, Big Walter Horton, but Little Walter was the greatest, not even Junior Wells changed that, who became his successor in the Muddy Waters band. Even so, the Little Walter must had a lot of problems. He died in a street fight in 1968.

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      2. All good stuff Fox. Those guys lived a tough life. I was thinking about how much Magic Dick sounded like the cut you played. Hope some folks are picking up on these takes not just for the great history but for the timeless music. Never fades for me.

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  3. „Little Walter was for this small, pocket-sized instrument what Jimi Hendrix was for the guitar.“ – Mit dieser Formel ist das Faszinosum des Instrumentes und die Musik von Litlle Walter treffend beschrieben.

    Eines meiner Lieblingsstücke von Little Walter ist „Confessin´ the Blues“. Ich kannte zuerst nur die Coverversion von den Rolling Stones. Über diese Version lernte ich Little Walter kennen.

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    1. „Confessin‘ The Blues“ habe ich auch zuerst von den Stones gehört. Der Song ist, wie viele in der alten Blues- und R&B-Tradition, von einem Gospel-Stück umgearbeitet worden, indem man die „heiligen“ Texte durch „profane“ ersetzte. Willie Dixon war dieser Tradition gefolgt als er „This Train Is Bound For Glory“ umschrieb und die Worte „My God“ durch „My Baby“ ersetzte. „My Babe“ wurde 1955 Little Walters grösster Hit. Little Walter ist 1967 auch im Rahmen von dem – pädagogisch sicher gut gemeinten aber musikalisch gewissermassen Schwindel-Unternehmen – „American Folk Blues Festival“ in Deutschland aufgetreten: https://www.youtube.com/watch?v=CQsYhCDAcsA

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  4. Ganz wunderbar finde ich persönlich die Little Walter Versionen von Billy Branch, betitelt:
    „Billy Branch & The Sons Of Blues – Roots And Branches. The Songs Of Little Walter“
    Ganz große Klasse!
    Grüße von Rosie

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    1. Danke für den Hinweis! Billy Branch hat viel gelernt von Big Walter Horton, James Cotton und Junior Wells und versteht es sehr gut, die Musik von Little Walter in einem neuen Licht zu bringen.

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