The Beatles, She Said She Said, 1966

Text/Musik/ Lennon/ McCartney

Produzent/ George Martin

Label/ Parlophone

„Who put all those things in your head?“ Diese Dinge besorgte wohl Dr. Robert. John stellt hier das letzte von mir ausgewählte Stück vom „Revolver“ Album vor, voller verdrehten Rhythmen und auf- und niederstrebenden Melodien. Dieses Lied wurde durch die Begegnung der Beatles mit einige Mitgliedern der Byrds und dem Schauspieler Peter Fonda inspiriert. Im August 1965, bevor die Beatles Elvis in Graceland besuchten, nahmen sie einen gemeinsamen Trip mit dem Angeber Fonda, der ihnen weismachen wollte: „I know what it’s like to be dead.“ John glaubte ihm offenbar jedes Wort.

Der ursprüngliche Titel des Liedes war „He Said He Said“ und jeder, der sich schon einmal als Hobbypsychiater mit dem anregend regressiven Bild der Liedzeile „You’re making me feel like I’ve never been born“ beschäftigt hat, wird neuen Stoff zum Sinnieren erhalten, ursprünglich sang John nämlich: „You’re making me feel like my trousers are torn.“

The Beatles, Doctor Robert, 1966

Text/Musik/ Lennon/ McCartney

Produzent/ George Martin

Label/ Parlophone

Es handelt sich hier um eine „saubere“ Aufnahme. Der Text jedoch lässt keine Zweifel an der wahren Natur des Rezepts, das der gute Doktor verschreibt. Vorbild war ein gewisser Dr. Charles Robert, ein Acid-Doktor aus New York. Der Sänger lädt auf „Doctor Robert“ sowohl dazu ein, mit ihm einige illegale pharmazeutische Produkte zu teilen, wie auch eine Warnung, dass es sich bei diesem Charlie um einen Mann handele, dem man Glauben schenken müsse, der jedem Bedürftigen helfe.

Es dauerte nur wenige Jahre, bis John Lennon zu jenen gehörte, die für sich Drogen brauchten. Der „Doctor“ erinnert auch an Lennons und Harrisons ersten Acid-Trip. Ein befreundeter Zahnarzt hatte ihre Getränke mit LSD gespiked, ihnen ohne ihr Wissen LSD untergejubelt. Die Lennons fürchteten eine geplante Sexorgie und flüchteten mit George Harrison. Ihre Heimfahrt wurde zur spektakulärsten und entdeckungsfreundlichsten Reise in ihrem bisherigen Leben, zumal sie an der Haustür nicht aufhörte, sondern noch viel weiter führte.

The Beatles, I’m Only Sleeping, 1966

Text/Musik/ Lennon/McCartney

Produzent/ George Martin

Label Parlophone

Mit diesem Lied ändert John seine auf „Tomorrow Never Knows“ eingeschlagene Richtung um 180 Grad: statt „downstream“ floatete er nun „upstream“. Der Schlaf und vor allem die Träume spielen unter dem Einfluss von LSD eine völlig neue Rolle. Dieses dem Titel angemessen einschläfernde Stück dokumentiert jene faszinierende Grauzone zwischen Schlaf und Wachbewusstsein hervorragend. Mitten in diesem luziden Song gähnt Lennon schamlos und bittet: „Please don’t spoil my day, I’m miles away.“

The Beatles, Love You To, 1966

Text/Musik/ George Harrison

Produzent/ George Martin

Label/ Parlophone

Ich möchte die Psychedelic Music Compilation der Beatles weiterführen mit George Harrisons akustischem Sitargeschnörkel, das in der Folge zu einem Markenzeichen der psychedelischen Musik der Mittsechziger wurde. Acid verfeinerte nicht nur die Hörfähigkeiten, sondern auch das Bewusstsein. Durch die trippigen, exotischen Ideen von „Love You To“ bekam Indien für die HörerInnen dieses Liedes einen ganz neuen Stellenwert.

Es handelt sich hier um einen der ersten westlichen Popsongs, der für indische Instrumente geschrieben wurde. Um so erstaunlicher, dass George Harrison hier eigenhändig die Saiten bedient. Er hat zugegeben, dass die Sitarklänge auf „Norwegian Wood“ noch eher zufällig waren, sie bei „Love To You“ jedoch erstmals bewusst eingesetzt wurden. Mit einem Text, der sich inhaltlich definitiv von üblicher Popromantik abgenabelt hat und einem gesunden Schuss proto-hippiehafter Instruktionen wie „to make love all day long“ – begann die psychedelische Zeit der Beatles in atemberaubendem Stil.

The Beatles, Tomorrow Never Knows, 1966

Text/Musik/ Lennon/ McCartney

Produzent/ George Martin

Label/ Parlophone

Auf Besen reitende Hexen, die durch das sternenverpixelte Weltall rasen: Solch ein Bild suggerierten die Geräusche, die den Beatles-Song „Tomorrow Never Knows“ begleiteten, eine mantraartige Litanei in ostinatem C-Dur, von John Lennon mit verstellter Stimme gesungen und getragen vom ruckelnden Schlagzeug. Die Effekte hatten die Band und ihr Produzent George Martin mithilfe rückwärts gespielter oder beschleunigter Endlosbandschlaufen kreiert.

Das bahnbrechende Stück erschien im Sommer 1966 am Schluss des Albums „Revolver“ – und läutete ein Psychedelikfieber in der Popmusik ein, das seinen Höhepunkt 1967 erlebte. Wer Rang und Namen hatte in der Szene – und erst recht, wer es nicht hatte – begann nun, Klänge zu verfremden, Songs zu zersetzen, Engelschöre anzustimmen, barock zu trompeten und zu behaupten, man höre das Gras wachsen.

The Beatles, Love Me Do, 1962

Text/Musik/ Lennon/ McCartney

Produzent/ George Martin

Label/ Parlophone

„Please Please Me“ ist kein uneingeschränkt zu empfehlendes Album, aber es hat überall dort seine Stärken, wo die Beatles selbst die Songs schreiben oder selbst Hand anlegen dürfen. Der eigentliche Hammer des Albums ist für mich das erste Stück auf der B-Seite „Love Me Do“. Ein rasanter Zweiminüter, der sofort ins Ohr und in die Beine geht. „Love love me do/ You know I love you/ I’ll always be true/ So please love me do“ und dann kommt bedeutungsschwanger hinterher: „Someone to love/ Somebody new/ someone to love/ Someone like you“.

Der Text ist hier, unter Auslassung all der vielen wiederholten Verse, in seinem Kern schon komplett wiedergegeben. Ausser dem Ausdruck des Verliebtseins und der Sehnsucht danach, ebenfalls geliebt zu werden, hat dieses Lied nichts zu sagen. „Our greatest philosophical song“, kommentierte seinerzeit selbstironisch Paul McCartney. Weshalb eine grosse Deutungsoffensive hier genauso verfehlt wäre, wie in einem Soul-Song auf „Free“.

The Beatles, A Hard Day’s Night, 1964

Produzent/ George Martin

Label/ Parlophone

Meine erste Langspielplatte war „A Hard Day’s Night“ – ich hatte sie von meiner Tante geschenkt bekommen. Die Eltern hatten für diese Musik nur ein verständnislos-mitleidiges Lächeln übrig. Und dann erst die Haare von diesen Typen! Vorn in die Stirn gekämmt, und hinten berührten sie fast den Hemdkragen. Im Muff der frühen 60er Jahre galt das adrette Aussehen der Beatles als skandalös und ungepflegt. Und ungepflegt und zügellos, aufsässig und provokativ wirkte die Musik. Lehrer und Pfarrer sahen darin den Untergang des Abendlandes heraufdämmern. Die Russen waren als Bedrohung schlimm, aber als Verführer der sauberen Jugend waren die Beatles eine Katastrophe.

Ich legte die Platte auf den Teller wie ein Juwelier ein Diadem auf Samt bettet. Der Tonarm ruckte und zuckte schwerfällig auf die Anfangsrille, leichtes Knistern, und dann, unglaublich, dieser offene und alles öffnende Akkord. Natürlich hatten nicht alle Songs den elektrisierenden Effekt wie das Titelstück und „Any Time At All“. Es gab auch ein paar fröhliche Einweglieder wie „I’m Happy Just To Dance With You“ und „Tell Me Why“, aber die wurden von wunderschönen Stücken wie „And I Love Her“ und „If I Fell“ ausgeglichen –  „A Hard Day’s Night“: Das war für mich nicht nur der Soundtrack des Beatles-Films, das war der Soundtrack des ganzen Lebens.

Ringo Starr, Photograph: The Very Best of Ringo Starr, 2007

Produzent/ Richard, Perry, Ringo Starr, Don Was, George Harrison u.a.

Label/ Apple

Der heute 82jährige Ringo wurde bei den Beatles als tragikomische Ergänzung zu den intellektuellen und musikalischen Heroen John, Paul und George vermarktet und musste beweisen, dass sein lakonischer Lebens- und Schlagzeugstil kongenial zu Gurus, Love-Ins und immergrünen Pop-Hymnen passte, von denen er zu Beatles-Zeiten gerade mal zwei oder drei mit seinem Gesang verschönern durfte.

Nach den Beatles gingen seine Solo-Alben am besten, nicht zuletzt, weil er es als einziger schaffte, John, Paul und George auf einer Platte zusammenzubringen. Doch Dämon Alkohol, ein treuer Begleiter von Mr. Starkey seit den Liverpooler Tagen, verhinderte ein Happy End. Ringo selbst konnte sich Ende der 80er Jahre nicht mehr erinnern, wo er welche Songs aufgenommen hatte, durch welche Fernsehsendungen er gewankt und ob er zuletzt sieben oder zwölf Flaschen Wein pro Tag in sich hineinkippte. Auch die Plattenfirmen liessen Ringo Starr fallen; neun Jahre dauert es bis sein nächstes Album „Time Takes Time“ erschien. Und seither, trocken wie seine Witze, nutzt Ringo Starr seinen Legenden-Bonus und seine fachliche Reputation unter Kollegen, veröffentlicht alle paar Jahre ein Album und geht mit seiner All-Starr Band auf Tour.

Auf dieser Compilation sind alle Hits von Ringo vertreten, plus ein paar weniger bekannte Songs. Das Album ist eine gelungene Repräsentation dessen, was an 70er Jahre-Rock so liebenswert war; so zeigen Liedchen wie „I’m The Greatest“ und „No-No-Song“ die Starrsche Liebe zur Einfachheit ganz wunderbar. „Only You“ hingegen finde ich in seiner Version ziemlich schlapp und das „You’re Sixteen“ Cover hätte er sich sparen können. Dass der Nicht-Sänger Ringo aber doch singen kann, zeigen „Photograph“, „It Don’t Come Easy“, „Snookeroo“, „Goodnight Vienna“ und „Wrack My Brain“. Auf jeden Fall sorgt das Album bei mir im jetzigen Moment noch immer für sehr schöne Wiederhörensfreude.

The Beatles, Helter Skelter, 1968

Text/Musik/ Lennon-McCartney

Produzent/ George Martin

Label/ Apple

„Helter Skelter“ ist vom „White Album“. Der Umstand, dass Paul McCartney mit seinem öffentlichen Image als unverbesserliche Balladen-Tante nicht so recht glücklich war, spielte wohl eine Rolle bei der Entstehung dieses für Beatles-Verhältnisse ganz untypisch schroffen, lauten, straighten Rumpel-Rockers. So untypisch, dass Ringo Starr irgendwann seine Sticks wegwarf und schrie: „I’ve got blisters on my fingers!“. Das hat George Martin mit auf das Album genommen, damit auch alle merken, was hier gespielt wird: so eine Art Proto-Metal nämlich.

Der Song ist dann auch gerne von Exponenten des härteren Genres – etwa Mötley Crüe, Aerosmith, Siouxsie & The Banshees und, naja, wir wollen mal nicht so sein, U2 – gecovert worden. Dass Charles Manson nicht zuletzt dieses Stück als verschlüsselte Prophezeiung für eine bevorstehende apokalyptische Auseinandersetzung der weissen und der schwarzen Rasse deutete, aus der er und seine Family als Weltenherrscher hervorgehen sollten, und „Helter Skelter“ dann als Chiffre für ihre Ritualmorde umgewidmet und folglich auch beim Hollywood-Massaker an Sharon Thate und ihren Freunden mit dem Blut der Opfer an die Wand geschmiert wurde, hat der Popularität des Songs alles andere als geschadet.

The Beatles, Back In The U.S.S.R., 1968

Text/Musik/ John Lennon, Paul McCartney

Produzent/ George Martin

Label/ Odeon

Der Song erinnert an Chuck Berry und die Beach Boys, was aber den Wert des Stücks nicht schmälert. Denn es wird klar, dass USA und U.S.S.R. hier als austauschbar erscheinen, vorallem in der Passage „Back in the U.S., Back in the U.S., Back in the U.S.S.R.“ „Georgia On My Mind“, die offizielle Hymne des US-Bundesstaates Georgia wird auf das kommunistische Georgien übertragen. Ansonsten wird die Föhlichkeit, die gemeinhin den USA zugeschrieben wird, auf Russland projiziert: die heissen Girls („besser als im Westen“), die Balalaika-Klänge, die Berge, die Heimat. Sowas darf man getrost als Ironie interpretieren.

Aber es gab auch etliche Politheinis, die waren damals derart humorfrei, dass sie den Witz nicht verstanden. Sowohl die Linke als auch die antikommunistische Rechte sahen in dem Text eine Sympathieerklärung der Beatles an Moskau, die von den Linken gefeiert, von den Rechten lautstark verurteilt wurde. Die Einzigen, die den Song genau verstanden hatten, sassen in Moskau. Für die kommunistische Führung galt der Song offiziell als Ausdruck einer kulturellen Invasion durch den „aggressiven amerikanischen Imperialismus“. Zwar befinden wir uns heute nicht mehr im Kalten Krieg, aber angesichts der blutigen und bedauerlich fehlgeleiteten Entscheidung eines Mannes, in ein friedliches Nachbarland einzumarschieren, bekommt der Song eine ganz neue Bedeutung.