The Gun Club, Fire of Love, 1981

Produzent/ Chris D., Tito Larriva

Label/ Ruby

Der Gun Club. Das Debütalbum „Fire of Love“ schürfte 1981 tief in der Musikgeschichte: Der Blues der 1930er klingt immer wieder durch, in den Akkordfolgen und auch im Gestus der Musik. Aber zusammengeschmissen mit dem zeitgenössischen Postpunk der frühen Achtziger. Natürlich ist alles zentriert um das Jaulen des egomanen, früh verfetteten, früh verstorbenen Jeffrey Lee Pierce. Der Sänger liebt Rituale. Die Grossstadt hat ihn aufgenommen, ein echter Sohn des heissen Pflasters, aber in seiner Seele wüten Aberglauben, puritanisch religiöser Wahn und der halsstarrig amerikanische Traum gegen alles Wissen um Tatsachen und aufgeklärte Vernunft. Die Wüste ruft in die Einsamkeit und Verlorenheit, auf endlose Highways und immer auf der Flucht vor den Blechdosen am eigenen Schwanz. Wenn man „Fire of Love“ hört, schluckt man soviel Staub, dass die Lungen platzen.

Was ist ein Amerikaner, der sein Land hasst? Wenn auch das letzte Ideal nackt und frierend, würdelos im Regen steht, hetzt er ruhelos und verzweifelt die Gespenster, die ihn jagen. Sie wollen ihm sein Land miesmachen. Gun Club sind wie Jerry Lee Lewis der angesichts von „Great Balls Of Fire“ plötzlich vor dem göttlichen Gericht zittert. Und dann trotzdem singt. „Got my mojo working, but it just don’t work on you…“. Wie gesagt, die Platte ist gut, vorallen nachts, wenn man nicht einschlafen kann. Manchmal zählt eben nicht die richtige Tonart, sondern die richtige Tönung.

Wreckless Eric, Whole Wide World, 1977

Text/Musik/ Eric Goulden

Produzent/ Ian Dury, Nick Lowe

Label/ Stiff

Nach längerer Zeit mal wieder „Whole Wide World“ aufgelegt. Ein kleiner Schrammel-Hit. Gespielt von der Einmann-Punk-Band Wreckless Eric. Für mich war er irgendwie der Grösste, weil er fast alle Dinge, bei denen andere Leuten, um cool und geheimnisvoll und aggressiv zu wirken, in Moll, Blues, Spanisch und Kirchtonarten spielten, in Dur erledigte. Deswegen ist er weniger zum Grosskünstler geworden, ist mir aber doch fast noch sympathischer als der Varianten-Kaiser Elvis Costello, mit dem er zusammen bei Stiff Records anfing.

Seit dem Debüt „Whole Wide World“ hat Wreckless Eric (oder Eric Goulden wie er mit bürgerlichem Nachnamen heisst) ein tolles Händchen für eingängige, rotzige Popsongs. Vomüber den herrlich süffisanten Rock-Stampfer „Pop Song“, in dem er sich eben dieses Talent kokettierenderweise, wegen mangelnden Erfolgs, selbst auf die Schippe nahm – bis zu der den Kinks geschuldeten Jahrmarktsmelodie von „Hit And Miss Judy“ oder dem Brit-Pop Blueprint von „Broken Doll“. Im Grunde war dem Mann stilistisch weder etwas heilig, noch irgendetwas zu peinlich; genau das ist aber gleichzeitig auch der Grund warum sich diese Songs heute immer noch frisch anhören. Auf „Greatest Stiffs“ gibt es jede Menge herzzerreissende und keineswegs, wie es zunächst scheinen mag, unbeschwerte Party- und Beat-Musik aus glorreichen Punkzeiten.

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Nina Hagen Band, 1978

Text/Musik/ Nina Hagen, Nina Hagen Band

Produzenten/ Nina Hagen Band, Tom Müller, Ralf Nowy

Label/ CBS

Es war schon ein kolossaler Einbruch in die Weltparaden (und in die WGs) der Endsiebziger, dieses Debütalbum der Nina Hagen Band. Bemerkenswert auch deshalb, weil in Insiderkreisen kaum Aufsehen oder Häme entstand wegen der sonst ach so unpoppigen deutschen Sprache und ebensowenig wegen des etwas punkfernen Grundsounds der ehemaligen Lokomotive Kreuzberg. Letzlich war es allerdings eine von Tubes- oder Rundgren-Artistik geprägte, postfreie, aber kraftvolle Mixtur, die etwas Zeitloses, Stilübergreifendes ausstrahlte und daher auch bestens zum universellen Gesang der aus der DDR emigrierten Biermann-Stieftochter Nina passte.

Wobei „Gesang“ hier schon fast wieder eine Untertreibung ist. Da vereinte sich eine klassisch ausgebildete Stimme (doch noch) mit der Rotzigkeit des Punk und schuf so quasi ein neues Rockregister. Eines, das Grenzerfahrungen, Konsumkritik und Frauenpower zum Besten gab und so das Album auch zu einem Identitätsträger für die Bewegten jener Tage machte. Es ist jedenfalls das Beste, was Nina Hagen je musikalisch zustande brachte. Und es hat nebenbei auch noch einen schönen Slogan: „Ob blond, ob schwarz, ob braun/ Ich liebe alle Frau’n.“

The Stooges, 1969

Produzent/ John Cale

Label/ Elektra

Ann Arbor, Michigan, 1967. Der 20-jährige Schlagzeuger James Osterberg wurde zu Iggy Pop, dem Leadsänger. Er tat sich mit Ron (Gitarre) und Scott (Schlagzeug) Asheton zusammen und dem Bassisten Dave Alexander, nicht zuletzt, weil deren Eltern Häuser hatten. Iggy war im Wohnmobil aufgewachsen, da liess sich schlecht ein Proberaum einrichten. Die Asheton-Brüder waren exzessive Kiffer, das heisst, dass eine auf zwei Uhr angesagte Probe frühstens um vier begann, um fünf aber kamen die Eltern von der Arbeit nach Hause und wollten ihre Ruhe. Klar, dass die Band so auf keinen grünen Zweig kam.

Also erklärte Iggy kurzerhand zum Konzept, dass die Band bloss ein 18-Minuten-Set auf Lager hatte. Die Stooges probten und komponierten fortan auf der Bühne und kreierten damit, was später Punkrock ausmachen sollte: der Moment, in dem Ignoranz und Dilettantismus eine geistige Freiheit erzeugen, die interessante Musik entstehen lässt. Und eine unglaubliche Energie, chaotisch, aggressiv und sexuell. Das Debütalbum der Stooges nahm sich 1969 in dem grassierenden Love & Peace-Fieber aus wie ein kopulierendes Paar in einem Krippenspiel. Fast zehn Jahre später traten die Punks mit einem Stooges-Slogan zur musikalischen Revolution an: „Search and Destroy“.

Die Stooges waren wohl die konsequenteste Ausformung dieses grossen Gestus des klassischen Punkrocks. Damit sind sie heute radikal unmodern, in einer Zeit, in der viele Junge die bedrohliche Lage der Welt genau in diesem Gestus bedroht sehen. Vielleicht nicht ganz zu Unrecht. Aber sie wirkt noch, diese Musik, und zwar gewaltig. Sie lebt.

The Clash, Complete Control, 1977

Text/Musik/ Joe Strummer, Mick Jones

Produzent/ Lee „Scratch“ Perry

Label/ CBS

Was sagen einem heute Songs, die wesentlicher Bestandteil der Jugend waren. Mit geballter Faust vor dem Computer sitzen, „Complete Control“ hören und sich vorkommen wie ein Boulevard-Journalist beim Abfassen einer „70er-Punk-Story“. Ich erinnere mich noch an die Fahrt nach Lausanne mit Pädu an das  Konzert von Clash 1981 im Palais de Beaulieu. Dort, wo ein paar Typen versucht haben Strummer von der Bühne zu ziehen und der mit der Gitarre um sich schlug. Zerdepperte Bierflaschen auf der Eingangstreppe und eine Schmierpizza am Verpflegungsstand und sich unheimlich Urban-Guerilla-mässig vorkommen. Klar, das wussten wir doch damals schon, dass die in England Punk schon hinter sich hatten. Es war dann auch schon fast ein absolut nostalgisches Konzert mit allen wilden, wüsten Hits, Fussballchören und Strummer-Hymnen. „Complete Control“, ein feiner Punkrocksong, auch heute noch hörbar. Stay free, Buddy. Die Welt ist nicht besser geworden.

Green on Red, Here Come The Snakes, 1989

Produzent/ Jim Dickinson

Label/ China Records

Green On Red sind eine von diesen Independent-US-Bands der 80er Jahre, die mir, trotz diversen Ups and Downs, immer gut gefallen haben. Ich hatte die Band 1984 mal live gesehen. Das Konzert blieb für mich ein grösseres Erlebnis, das man nun wirklich nicht alle Tage hat. Dan Stuart ist ein Sänger mit einer Mission. Auch wenn seine Ansichten sehr traditionell sind, redet er offen und furchtlos über Obsessionen, die anderen peinlich sein könnten: Sozialfälle, Drogen etc. Bei Stuart ist alles souverän und er steht dabei fest in seiner dickbäuchig krähenden Richtigkeit. Das macht er übrigens auch noch dreissig Jahre später so.

Der absolute beste Song auf dem Album „Here Comes The Snakes“ ist für mich „Change“: „Over the mountain“, du siehst den Berg, er baut sich vor dir auf, verdeckt die Sonne, aber du kommst bis zum Gipfel und „home on the range“, er hängt dich an irgendeinen blöden Hängegleiter oder so etwas, und home liegt dir zu Füssen, und er holt nochmals Luft, und es wird richtig laut in diesem eigentlich nicht sehr lauten Song: „Some things never change“. Ja. Daran muss man auch mal denken. Manche Dinge tun das tatsächlich nicht, jedenfalls nicht in einem Tempo, dass die Veränderungen wahrzunehmen erlaubt.

Dr. Feelgood, Stupidity, 1976

Produzent/ Dr. Feelgood

Label/ United Artists

Das die Feelgoods eine gute Live-Gruppe waren, wurde ja schon oft beschrieben, und das ist auf „Stupidity“ zu hören, soweit so etwas auf einem Album möglich ist. Keine Overdubs, keine Tricks und keine Mätzchen, purer Punk-R&B, direkt, knallhart und roh. Auf so eine Gruppe hatte ich eigentlich schon seit 1966 gewartet, als wir den Begriff „Punk“ noch nicht kannten und Achtung vor den Gruppen hatten, die nicht versuchten den schwarzen Mann zu spielen, die sich selbst in der Musik ihrer amerikanischen Vorbilder wiederfanden und sich nicht einfach reproduzierten, sondern so wiedergaben, wie sie sie in sich selbst verarbeitet, umgearbeitet hatten. Man kann die Feelgoods Versionen gar nicht mit den Originalen vergleichen, man sollte auch gar nicht erst versuchen, es zu tun, denn die Typen wollen aus Southend nicht die Südstaaten der USA machen.

Lee Brilleux war auf seine Art ein brillanter Harmonikaspieler, der sich einen Dreck um Sonny Boy oder Little Walter scherte, denn die Klänge, die er hervorbrachte, passen perfekt zum Sound der Gruppe, und das allein zählt. Bei Dr. Feelgood halte ich auch die Eigenkompositionen von Wilko Johnson für hervorragend, denn sie stehen den Cover-Versionen in nichts nach. Aber was soll das Ganze: Ich könnte mich heute noch ärgern, dass ich im Juni 1979 in London keine Zeit hatte, mir Dr. Feelgood im Empire Ballroom anzusehen. Solche Dinge kann man nur versäumen, nicht nachholen.

The Clash, The Magnificent Seven, 1981

Text/Musik/ The Clash

Produzent/ The Clash

Label/ CBS Records

Die Clash machten – im Gegensatz zu den Sex Pistols – nach den Punkerlebnissen weiter. Zur selben Zeit, als sich die Sex Pistols, genervt von der Öffentlichkeit, auflösten, entdeckten The Clash neue musikalische Zugänge. Da war der Reggae, den sie schon immer geliebt hatten. The Clash gingen nach Jamaica, doch sie wurden aus dem Studio gejagt, denn die Rolling Stones waren kurz davor und mit mehr Geld dagewesen. Die Londoner kehrten frustriert nach England zurück.

„Sandinista“ ist ein Dokument dieser Zeit. Original als Dreifach-Vinyl-Album veröffentlicht, mochte es damals niemand. Der Plattenfirma war es zu teuer, den Kritikern zu lang und den Fans zu unverständlich. Aber vielleicht sollte man sich dieses Album heute noch einmal anhören, um zu begreifen, dass diese unerfüllte Suche das Grossartige von The Clash ausmachte. Auf diesem Album befindet sich auch das Stück „The Magnificent Seven“. Es machte seinen Weg von London nach New York. Dort war es sowohl in der Disco-Szene wie in der neu entstehenden Hip-Hop-Szene populär. 1980 spielten The Clash mehr als eine Woche lang am Broadway vor ausverkauftem Haus. Sie brachten später bekannte Graffiti Künstler wie Futura dazu, Bühnenplakate für sie zu entwerfen, und nahmen diese mit nach Europa. 1980 war der Höhepunkt dessen, was man heute als „kulturelle Interaktion“ oder „Crossover“ bezeichnet. „Magnificent Seven“ beweist nicht nur wie vielseitig The Clash damals waren; es ist auch ein funky Hit, der sofort ins Ohr und in die Füsse geht.

Ramones, 1976

Produzent/ Craig Leon

Label/ Sire Records

Eine harte, laute Gitarre schlägt ein paar Griffe an, die Bassdrum nimmt den 160 BPM-Takt auf und los geht’s: There’s no stoppin the cretins from hoppin. Keine Pause zwischen den Stücken ist länger als zwei Sekunden. So erlebte ich den ersten Kontakt zu den Ramones vor langer Zeit. Damals stand das Wort Punk in keinem Lexikon. Aber bald wusste ich, dass Punks nur in Grossstädten leben und gedeihen, ihr unveränderter Habitus aus T-Shirt, Lederjacke (schwarz), Jeans (mit Löcher und verwaschen) und Tennisschuhen besteht. Der Lebensinhalt des Punk ist Rotznase zu sein. Eine Rotznase, die ein hundertfünzigprozentiges Ego hat, immer zuerst zuschlägt und zuerst wegrennt.

Die dreizehn Titel auf der ersten Ramones-LP sind denn auch nichts anderes als Punk-Literatur mit dem Vorschlaghammer geschrieben und getreu der Punk-Devise „sich ja nicht von was auch immer einlullen zu lassen“ auch so richtig schön negativ. Oder sind Worte wie  “I’m a shock trooper in a stupor / Yes I am / I’m a Nazi shatze / You know I fight for fatherland” etwa positiv ??? Tja, und das kommt dann so unprätentiös daher wie ein Sack Zement. Allen überflüssigen Ballast wie Gitarren- und Schlagzeug-Soli haben die Ramones über Bord gekippt, was hier abläuft ist ein Drei-Akkord-Bombardement! Drei Akkorde und sonst nichts. Fast scheint es, als hätten Joey, Johnny, Dee Dee und Tommy seit frühester Kindheit in einem Kellerloch von Manhattan gehaust, kein Radio und keinen Plattenspieler gehabt und nie im Leben etwas von den Beatles oder den Pink Floyd gehört. Vielleicht war das auch gut so. Die Debüt-Scheibe der Ramones – man kann sie nur hassen oder lieben – gehört zu jenen Platten, die tatsächlich den Lauf der Kultur beeeinflusst haben.

The Clash, Combat Rock, 1982

Produzent/ The Clash, Glyn Jones

Label/ CBS

Nach dem (misslungenen) Versuch sich in einer musikalischen Welt zurechtzufinden, die in immer mehr Stile, Posen und Idome zerfällt, konzentrierten sich Clash auf das, was sie wirklich beherrschten – Rock. Es hat ihnen dabei sicher auch gut getan, dass sie sich mit „Sandinista“ selbst vom Thron der Rebellenführer gestürzt haben, und dass sie ebenso verwirrt und hilflos den Post-Punk-Entwicklungen gegenüberstanden, wie jeder halbwegs vernünftige Mensch, der nicht gleich beim Anblick jeder neuen Garderobe des Kaisers in Verzückung gerät.

„Combat Rock“ ist ein Rock-Album, weil hinter der Musik, den Texten nichts steckt, d.h. es steckt alles drin. „Know Your Rights“, zugleich die letzte Single der Gruppe, enthält das Programm des ganzen Albums: es gibt keine Rechte, kein Leben, das man nicht gegen „sie“ durchsetzt. „ You have the right not to be killed. Murder Is a crime, unless it was done by a policeman or an aristocrat. Know your rights!“ Aber es ist kein Album der schieren Verbitterung. „Should I Stay Or Should I Go“ zum Beispiel ist eine Hommage, eine Parodie an die Sechziger: Kinks-Riffs, beschleuniger Mittelteil und dazu Mick Jones, der den Stimmbruch probt, unterlegt mit spanischem Hintergrundgesang. „Rocking The Casbah“, „Overpowered By Funk“ sind weitere Stücke, die schon nach zweimaligem Hören die Gehörgänge nicht mehr verlassen. Auffällig sind auch Titel wie „Ghetto Defendant“ (mit Vortrag von Allen Ginsberg) oder „Inculated City“, wo die Musik völlig dem Text untergeordnet wird und fast so etwas wie Rock-Poetry herauskommt. Und es ist das entweder zurückhaltende, aber akzentuierte Spiel der Gruppe oder Joe Strummers Stimme, die sie vor dem Umkippen ins Lamento bewahrt.