Tedeschi Trucks Band, Made Up Mind, 2013

Produzent/ Jim Scott, Derek Trucks

Label/ Masterworks

Mit ihrem Debüt „Revelator“ verpasste die Tedeschi Trucks Band einer bewährten Formel ein Up-date: Memphis-Soul meets Southern-Rock mit energischen Spiel und starken Songs. Letztere stammen von Susan Tedeschi, einer Künstlerin, die sich während der letzten zwei Dekaden als eigenständige Sängerin, Gitarristin und Songwriterin etablieren konnte, eine Art jüngere Bonnie Raitt. Spektakuläres liesse sich auch von Derek Trucks sagen. Der Mann zählt zu den virtuosesten Gitarristen der Gegenwart (The Allman Brothers Band, Derek Trucks Band).

„Made Up Mind“, ihr drittes Album, bringt die jeweiligen Stärken des Musikerpaares sehr gut zur Geltung. Jedem haarsträubenden Solo von Trucks ( z.B. am Ende des funkigen „All That I Need“ ) steht ein Gänsehaut erzeugender Moment von Tedeschi gegenüber: wie sie die bittersüsse Ballade „Calling Out To You“ singt oder in „Part Of Me“ im Duett mit Saunders Sermons die Soullady gibt. „Whiskey Legs“ schliesslich, ein brodelnder R&B-Titel, endet mit duellierenden Gitarren. Besonders gut gefällt mir der Titelsong „Made Up Mind“ und „The Storm“, ein träger Swamp-Groove über einer orientalisch klingenden Melodie, bevor er in ein psychedelisches Voodoo-Mantra mündet. Truck’s abschliessendes Solo klingt wie eine Beschwörung des Geistes von Jimi Hendrix.

Bob Dylan, Street Legal, 1978

Produktion/ Don DeVito

Label/ Columbia Records

Ein hartes Album, selbst für harte Fans. Ja, „Señor (Tales of Yankee Power)“ ist ein guter Song – aber retten kann er diese Platte nicht. Schon die Voraussetzungen waren schlecht: Dylans Scheidung war noch frisch, sein Filmprojekt „Renaldo und Clara“ zum Fiasko geraten. Und auch seine 78-Welttournee, Alimente-Tour genannt, bekam dank geschmacklos arrangiertem Greatest-Hits-Programm schlechte Kritiken.

Die Aufnahmen für „Street Legal“ dauern nur vier Tage und sind dennoch problembeladen. Die Crew bekommt den Sound nicht hin, Dylan ist mürrisch und kommandiert alle herum. Die Band klingt so unerprobt wie uninspiriert. Teamplay klingt anders. Und dann liegt da über allem dieses Saxophon. Textlich schauts ebenso düster aus. „Can you cook and sew, make flowers grow?“: Wegen „Is Your Love In Vain“ bezichtigte Greil Marcus Dylan des Sexismus, und „New Pony“ besticht mit schlicht pubertären Fick-Metaphern. Was will man da noch sagen? Eben: „Señor“ – super Nummer!

The Blasters, The Blasters Collection, 1991

Produzent/ Jeff Eyrich, The Blasters

Label/ Slash Records

Der grosse Vorteil der Amerikaner ist, dass sie einen riesigen Vorrat an traditionellen Musikformen haben, die aufgrund ihrer Entstehungsgeschichte als „folkloristisch“ gelten können, die aber durchgängig Einfluss auf die Pop-Musik haben und sich daher auch nicht altertümlich anhören. Es gab und gibt in den USA eine Unmenge von Bands, die sich dieser Form bedienen; die sich auf ein einfaches Gerüst von Stimme, Gitarren und straffen Rhythmen verlassen, oft jahrzehntelang zusammen sind, auftreten und Alben aufnehmen – die auch von der Musik leben und trotzdem dem Grossteil des Pop-Publikums nie bekannt werden. Die Musiker sind möglicherweise schon über 50 und seit 30 Jahren im Geschäft, aber das spielt keine Rolle. Sie werden niemals Rockstars, aber es gibt Leute, die ihre Alben kaufen und ihre Konzerte besuchen.

Entscheidend ist die Frage: ob ihre Musik neben der soliden Grundlage der Professionalität jene Qualität aufweist, die man gemeinhin als „Swing“ bezeichnet. Im Falle der Blasters ist die Anwort: Ja. Dieses vier Herren sind zweifellos Berufsmusiker und wissen, wie man die Gefahren des Hauruck-Rock umgeht und diese traditionellen Formen frisch klingen lässt. Ein Vergleich zu den Los Lobos liegt nahe: die Blasters bedienen sich einer ähnlichen Spannbreite an Stilen – vom Rhythm’n‘ Blues über Country bis Gospel. Atmosphärisch gibt es jedoch klare Unterschiede: Wo Los Lobos das Bild des trinkfesten Mexikaners verkörpern, bedienen sich die Blasters bei dem neurotisch-normalen Kleinstadt-Amerikaner. Ein grosser Teil dieses Eindrucks kommt von der immer etwas belegt wirkenden Stimme des Sängers und Gitarristen Phil Alvin, der sicher den Stil von Elvis Presley genaustens studiert hat. Auf „The Blasters Collection“ gibt es ein paar echte Perlen und gelungene Songs, selbst wenn sich die Band manchmal in die Nähe des gängigen Rambazamba-Rocks begibt, ist es auch nach vielen Jahren ein Vergnügen diese Platte zu hören.

Edgar Winter, Brother Johnny, 2022

Produzent/ Ross Hogarth

Label/ Quarto Valley

Johnny Winter starb 2014 im Alter von 70 Jahren in einem Hotel am Zürcher Flughafen. Acht Jahre nach seinem Tod veröffentlicht Edgar Winter nun ein Album, auf dem er zusammen mit einer Starbesetzung dem legendären Bruder die Ehre erweist. Mit jeweils einem Song beteiligen sich u.a. Billy Gibbons von ZZ Top und Joe Walsh von den Eagles an „Brother Johnny“. Selbst Ringo Starr liess es sich nicht nehmen, auf einem Track als Schlagzeuger mitzumachen. Bei einem anderen Song ist der kürzlich verstorbene Taylor Hawkins von den Foo Fighters zu hören.

Johnny Winter hatte immmer eine Vorliebe für Klassiker aus Blues und Rock. Seine Bearbeitungen von „Jumpin’ Jack Flash“ von den Stones oder „Got My Mojo Working“ von Muddy Waters beweisen, dass er auch Material anderer Komponisten zu seiner Musik machen konnte. Zu seiner Erkennungsmelodie wurde jedoch Chuck Berrys „Johnny B. Goode“; da kocht es höllisch, wenn er seine Gitarre sprechen lässt, aber es verbrennt nichts zu Abfall, sondern die Musik wird dadurch nur noch besser.

Auf dem Tributalbum braucht es gleich zwei Gitarristen – Joe Walsh und David Grisham – um ein ähnliches musikalisches Feuer zu entfachen. Dann aber biegt das Stück unerwartet in Jump-Jive, in dem das Saxophon für acht Takte die Führung übernimmt und Edgar sich die Seele aus dem Leib bläst. Derart vom Schema abweichende Einfälle, zusammen mit grosser Spielfreude und virtuosem Können, machen das Album zu einem Meisterkurs in Sachen „Good Old Rock’n’Roll“.

Martha and the Muffins, Metro Music, 1980

Produzent/ Mike Howlett

Label/ Dindisc

„Metro Music“ kommt heute noch unverbraucht daher. Zehn Songs, von denen jeder einzelne zu beeindrucken weiss. Martha Johnson und ihre Muffins Mark Gane, Nick Kent und Jocelyne Lanois haben 1979 in Kanada mit Hilfe brillianter Gastmusiker (Ron Allen spielt ein entwaffnendes Sax!) ein Album aufgenommen, das ihnen wohl niemand zugetraut hätte. Tempogeladene Musik, voll ungezügelter Rhythmik, quängelnde melodische Keyboards, hetzende oder federnde Gitarrenparts, Bläsereinsätze, die überraschen, technische Spielereien und eine Stimme, die jedes Eis tauen lässt.

„Echo Beach“ ist der ideale Soundtrack, wenn du im Garten – noch ganz erschöpft von der Gartenarbeit – mit deiner grossen Liebe auf der Steinbank unter der grossen Weide sitzt und die Sonne kurz vor dem Untergehen zwischen den Bäumen spielt. Goldgelb und schwebend-verträumt. Dann gehst du ins Haus und entschliesst dich, ein kurze Besprechung über diese kleine Perle aus den frühen Achtziger zu schreiben. Sehr eigenständiger New-Wave-Sound ohne Mätzchen oder Glitter-Posen.

Randy Newman, Trouble In Paradise, 1983

Produzent/ Russ Titelman, Lenny Waronker

Label/ Warner Bros.

Die Welt ist mindestens so tragisch wie komisch. Zuverlässig real sind in Randy Newmans Songs nur die Sehnsucht und die Trostbedürftigkeit. Er mag ein trauriger Zyniker sein, aber er ist es als Humanist. Obwohl Newmans Musik und vor allem seine gallig-satirische Dichtungs- und Betrachtungsweise eher nach Europa passen, hat er sich seine innige Hassliebe zu den USA, zu ihren Obsessionen und Perversionen erhalten. Auch auf „Trouble in Paradise“ kultiviert er diese Hassliebe in altbewährter Manier als seinen Beitrag zum amerikanischen Paradoxon.

Auf dem Album gibt es drei „Städteporträits“ im typischen Newman-Stil: „Miami“ beschreibt die Stadt, die zu einem einzigen aber völlig realen Disneyland umfunktioniert wurde, ohne es zu merken. „Christmas In Capetown“ geht sehr hintergründig auf den Rassismus im Unterbewusstsein ein. Der Song schlägt damit eine Brücke zwischen Newmans geliebter sonniger Lebensweise und seiner Bösartigkeit gegenüber der dort verbreiteten Borniertheit zwischen dem völlig ehrlich gemeinten Song „I Love L.A.“ und dem alten „Rednecks“ ( „We don’t know our ass from a hole in the ground/ we are rednecks and we are keeping the niggers down“.)

Musikalisch hat sich wenig geändert bei Randy Newman. Mal arrangiert er mit der Fülle eines Philharmonikers, mal mit dem Feingefühl eines Neuro-Chirurgen. Für Perfektion sorgt die erste Riege der Studiomusiker. Einige Songs wirken extrem glatt, fast schon auf amerikanische Hitparaden-Stromlinienform getrimmt. Da muss man schon genau hinhören. Nicht nur, weil Randy gern nuschelt, sondern vor allem, weil er mit Worten spielt, überspitzt und voller Hohn und Sarkasmus Missstände kritisiert. Und das wurde nicht immer verstanden.

Bachman Turner Overdrive, Not Fragile, 1974

Produzent/ Randy Bachman

Label Mercury

„Not Fragile“ ist eine Platte von Bachmann Törner Overbäng. Und da sind neun Songs drauf. Die Musik von den Jungs ist gar nicht so schlecht. Nur halt ein bisschen simpel. Zum Schwofen aber ganz lustig. Wenn man sie laut spielt. Viel bleibt aber nicht hängen beim Hören. Nur „You Ain’t Seen Nothing Yet“ war der grosse Hit. Wie man so schön sagt. Und an „Givin’ It All Away“ erinnere ich mich auf Anhieb noch. Ich habe die Platte jetzt ein paar mal gehört in den letzten drei Tagen. Etwas Sanftes gibt es auf „Not Fragile“ nicht. Da ist überall der Dampfhammer drin. Das Album ist alt. Das ist mir wurscht. Nix gegen die Jungs. „Not Fragile“ ist halt Hard Rock. Wie gehabt. Zum Schwofen. Ganz simpel. Warum soll ich mir’s da schwer machen. Es isch alles ganz einfach…

Johnny Cash, The Essential Johnny Cash, 2002

Produzent/ Sam Phillips, Don Law, Bob Johnston u.a.

Label/ Columbia

Kein Mensch kann von mir erwarten, dass ich einem jungen Publikum erkläre, welch ein unschätzbarer Mensch und Musiker Johnny Cash war, sei es als Mitglied im Million Dollar Quartet oder im Duett mit Bob Dylan, als aufrechter Amerikaner der trotzdem „das Richtige empfindet“, was Vietnam angeht oder als aufrechter Amerikaner in der Hauptrolle des echt rührenden Analphabeten-Film „The Pride Of Jesse Hallam“. Über solche Leute sagen Amerikaner: he made a fortune in friends, und ich glaube, dass Johnny Cash viele Freunde hatte.

„The Essential Johnny Cash“ bietet ein halbwegs konkreter Überblick über das Sun-Records und Columbia-Schaffen von 1954 – 1993, manches an der Auswahl bleibt allerdings ein Kuriosität, so taucht sein Frau June Carter nur bei „Jackson“ und „Ring Of Fire“ auf – das Johnny Cash vortrefflich bringt, ohne sich in alles verzehrende Leidenschaft zu verstricken – stattdessen die nicht unbedingt zwingende Mitarbeit von Bono, dessen „The Wanderer“ das Schlusslicht bildet – immerhin ans Herz geht es doch. Aber wo ist der „Vietnam Talking Blues“? Na gut, dafür gibt es „Ghost Riders In The Sky“.

Aber egal, wer möchte nicht gerne den Knast-Blues live hören, das für jeden Heranwachsenden unverzichtbare „Boy Named Sue“, Johnny Cash entnervendes Coming Out, oder die Geschichte vom grossen General-Motors-Raub, aus deren Beständen Cash sein geniales Psychobilly-Cadillac-Modell „one piece at a time“ herausschmuggelte. Auf dem Album ist alles, was es braucht, um einen Mann kennenzulernen, der schweigt, denkt, mitleidet und der alten Obsession vom „Verantwortung tragen“ huldigt, ehe er eine seiner genialen Geschichte erzählt. „Man In Black“ ist drauf und was muss man mehr von Johnny Cash wissen.

Bette Midler, The Rose, 1979

Produzent/ Paul A. Rothschild

Label/ Atlantic

„The Rose“ ist wirklich kein guter Film, neben einigen starken Szenen gehören immerhin die Konzertmitschnitte zu den Höhepunkten. Gerade diese Passagen sollte man sich jedoch im Film ansehen, denn der Soundtrack verschafft zwar Musikgenuss, aber es fehlt hier einfach die Bühnenpräsenz von Bette Midler. Und die ist bei bei solchen Songs wie „Whose Side Are You On“, „When A Man Loves A Woman“ oder „Keep On Rocking“ so überzeugend, als ob sie ausschliesslich Rock’n’ Roll gesungen hätte.

Als Solisten in einer guten Band sind Norton Buffalo mit seinen swingenden Mundharmonikaeinwürfen und Steve Hunter erwähnenswert. Letzterer hatte vielleicht seinen stärksten Auftritt, indem er ein Instrumentalintro beisteuerte, welches sich ob seiner Eingängigkeit sofort in den Gehörwindungen festsetzt. Mit dem programmatischen „Sold My Soul To Rock’n’Roll“ liesse sich die Aussage des Soundtracks auf einen Nenner bringen, wenn da nicht der eigentliche Titelsong wäre. „The Rose“ ist ein Meisterstück der amerikanischen Klischeelieblingskunst, ein Werk, mit dem Frank Sinatra seine fünfte (oder wievielte) Karriere hätte beginnen können. Und das ist der Song, den ich zur Zeit immer wieder gerne auflege – wenns Frühling wird, sollte die Liebe eigentlich wieder blühen, auch wenns in der echten Welt draussen ganz anders aussieht.

Blues Brothers, Briefcase Full Of Blues, 1978

Produzent/ Bob Tischler

Label/ Atlantic Records

Böse Stimmen haben behauptet, ihre Auftritte in einer amerikanischen Fernsehsendung und das Live-Album  „Briefcase Full Of Blues“ seien nur Spezialprojekte, um damit zusätzliche Kohle für einen total idiotischen Film (“ We’re on a mission from God.“) zu machen, uns so hätten sich die zwei Hauptdarsteller dazu entschlossen, dunkle Sonnenbrillen aufzusetzen und aufzutreten. Eine Gruppe hervorragender Musiker, unter ihnen Steve Cropper, Duke Dunn, Tom Scott und Matt Murphy sei zur Teilnahme an einem Auftritt im Universal Amphitheatre in L. A. verpflichtet worden. Das Konzert, bei dem die beiden – übrigens ziemlich gut – Bluesmaterial von Otis Redding, Floyd Dickson, Mel London, Don Walsh, Willie Mabon, David Porter und anderen zum besten gaben, wurde allein in den USA über eine Million mal verkauft.

Elwood Blues, ebenso wie sein dicker Bruder Joliet Jake, die sich hinter dunklen Sonnenbrillen verbergen, können es zwar nicht verkneifen, ab und zu ein paar blöde Sprüche zu verzapfen, die von Wunsch-Sandwiches und Querschläger-Keksen handeln, aber der Gesang der beiden ist richtig bluesig und auch das Mundharmonikaspiel von Elwood ist nicht ungroovy.

Ich habe übrigens nie auf die böse Stimmen gehört, die behauptet haben, man hätte für das Album nur zwei Schauspieler engagiert, diese hinter schwarzen Sonnenbrillen versteckt und dann auftreten lassen, um damit Kohle zu machen.