Bob Dylan, Masters of War, 1963

Text/Musik/ Bob Dylan

Produzent/ John Hammond

Label/ Columbia

Das ist wohl eines der bittersten Protestlieder, das ich kenne. Darin wird die Waffenindustrie für die Kriege verantwortlich gemacht. Der historische Hintergrund für den Song hat mit der Abschiedsrede von US-Präsident Dwight D. Eisenhower im Januar 1961 zu tun. Seine Präsidentschaft war vom Kalten Krieg und von massiver Aufrüstung auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs geprägt: 1957 bauten die Sowjets die erste Interkontinentalrakete, 1958 drohten sie, Westberlin der DDR einzuverleiben. Eisenhower warnte vor einem „militärisch-industriellen Komplex“. Er sah in den Verflechtungen der Rüstungsindustrie und der Politik eine Gefahr für die demokratischen Institutionen und fürchtete, dass ein so aufgerüstetes Land vorschnell bereit ist, Konflikte militärisch auszutragen, statt diplomatische Lösungen zu suchen.

Auch der Generationenkonflikt wird in dem Lied direkt angesprochen: Die kritische Jugend der 60er Jahre will sich nicht mehr länger als naiv abstempeln lassen, sondern beansprucht eine moralische Überlegenheit gegenüber der Generation ihrer Eltern und Grosseltern, deren Scheinheiligkeit angeprangert wird. Die Waffenhersteller werden das schlimmste aller Schicksale zu erwarten haben, nämlich, dass ihre Seelen in der Hölle landen.  „And I hope that you die, and your death will come soon…“ , und der Sänger entwirft ein makabres Bild, wie er sich an ihrem Grab vergewissert, dass sie nicht wiederkehren.

„Masters of War“ zeigt, wie aktuell Bob Dylans Gedanken noch sind und es ist wichtig, sich dieser zu erinnern, damit man unsere Welt versteht in diesen Tagen. Es ist nicht ein Land, das Verderben bringt in die Welt, es ist ein korruptes und perverses System der Macht- und Geldgeilheit, vor allem aber der eiskalten Ignoranz und Menschenverachtung und es sind eigentlich nur ein paar gestörte Superreiche, die all das zu verantworten haben.

Bob Dylan, Love And Theft, 2001

Produzent/ Bob Dylan (unter dem Pseudonym Jack Frost)

Label/ Columbia

Nach vielen Jahren habe ich mir wieder mal „Love And Theft“ angehört, wo Dylan so schön berührend, innig und schön und auch dreckig singt, und einmal mehr weiss ich: Es geht um die Stimme. Es ist die Stimme, die den Sänger ausmacht. In Dylans Stimme höre ich sein langes Leben, seine Genialität, sein im Hier und Jetzt zu sein, überhaupt Mensch zu sein.

„Love And Theft“ ist ein grossartiges Album. Man kann auch sagen, dass sich Bob Dylan hier der amerikanischen Tradition versichern wollte. Und das tun er und seine agilen Begleiter auf „Love And Theft“ dermassen gründlich, dass das Album sich als einzige Abfolge von Zitaten, Verweisen, Anspielungen und Montagen erweist. Worauf Dylan, der Dieb der Traditionen, ja selber im Plattentitel verweist. Und wie so oft in seiner Karriere hat der Rückgriff auf die alten musikalischen Stile Amerikas zu einer Musik inspiriert, darunter Blues, Rockabilly, Country, Swing und Balladen nach der Manier von Tin Pan Alley. Der Mann mit der Maske spielt alte Lieder in neuen Texten, erzählt alte Stories in neuen Songstrukturen, was sich an manchen Stellen ziemlich verschroben anhört. Verschroben und ungemein sympathisch. Sympathisch vielleicht deshalb, weil das Dutzend Songs an vielen Stellen Humoresken beinhaltet. Kurzum: „Love And Theft“ ist für mich ein meisterliches Album des Meisters, eingespielt mit seiner besten Band seit The Band.

Bob Dylan, The Man in Me, 1970

Text/Musik/ Bob Dylan

Produzent/ Bob Johnston

Label/ Columbia

Und dann wacht man doch wieder auf. In einem fremden Zimmer, in einem fremden Land, mit fremdartigen Gefühlen unter der Haut. Schlaftrunken und nervös zugleich schlurft man in die Nasszelle und stellt sich in den lauwarm heruntersprudelnden Wasserstrahl – ein fremder Mensch mit gereizten Augen und geschwollenen Füssen. Er öffnet seinen Mund und singt lautlos ein paar Zeilen, die ihn die ganze Reise über schon verfolgen: „I can see clearly now the rain is gone/ I can see all obstacles in my way“ – ein leises Lächeln. „Are you really just a shadow of the man I once knew?/ Are you crazy, are you high, are you just an ordinary guy?“ – ein feines Schnippen mit den Fingern. „Oh, mama, can this really be the end/ To be stuck inside of Mobile with the Memphis Blues again“ – ein leichtes Knistern in der Nase. „The vagabond who’s rapping at your door/ Is standing in the clothes that you once wore/ Strike another match, go start anew/ Strike another match, go start anew/ And it’s all over now, baby blue?“

Man kann seine eigene Existenz zerstören, alle Zelte abfackeln, um den halben Erdball reisen, doch gewisse Dinge wird man einfach nicht los. Eines davon ist das grosse Bob Dylan Songbook, das so tief in den Eingeweiden steckt, dass man gar nicht anders kann, als es immer bei sich zu tragen. Musik und Reisen – eine komplexe Kombination, bei deren Nennung im Kopf sofort jene monumetale Filmszene auftaucht, in der Jeff Lebowski mit einer Bowlingkugel über das nächtliche Los Angeles fliegt und selig grinst, während im Hintergrund Dylans „The Man in Me“ läuft.

Und dann steht man in einem anderen Land mit einem Bier in der Hand. Auf der Nase eine Sonnenbrille, in der Hosentasche ein paar zerknitterte Geldscheine und auf dem Handy ein paar neue Fotos – und unter der Haut dieses fremdartige Gefühl. Es könnte Liebe sein. Es könnte Ungewissenheit sein. Oder es könnte Tod bedeuten. Genau in dieser Reihenfolge.

Bob Dylan and The Band, Planet Waves, 1974

Produzent/ Rob Fraboni

Label/ Asylum

„Planet Waves“ ist ein gutes Album. Keine Peinlichkeiten, Schmalzchöre und „all-american-music“- Relikte. Dafür ist die Band zu hören, mit technisch wie musikalisch raffinierter Brillanz. Eine Band, die mich an „Music from Big Pink“ erinnert, ohne sensationelle Soloausflüge, dafür mit kompakter Gruppenmusik. Das zentrale Thema von „Planet Waves“ ist die Liebe. Es reicht von direkten, wollüstigen Anspielungen in „Tough Mama“ über simple Sprüche in „You Angel You“ zu lasziven Sätzen in „Hazel“. Die Musik ist manchmal spröde und zurückhaltend, aber immer organisch fliessend. Die kurzen Soli von Robbie Robertson sind Kleinkunstwerke auf engstem Raum, von fast mathematischer Exaktheit.

Mein Lieblingsstück ist „Forever Young“, das gleich in zwei Versionen vertreten ist. Die langsame Version gefällt mir besser, sie ist eindringlich, schlicht und ergreifend: „ May you always be courageous, Stand upright and be strong, May you stay forever young“. Ich denke, Dylan verspricht hier keine ewige Jugend und huldigt schon gar nicht einem Kult, der das Jugendlich-Sein generell auf seiner Seite hat. Vielmehr geht es darum die allzu schnellen und allzu unbedingten Gewissheiten im Leben genauer zu hinterfragen. Auf diese Weise – im Prozess der Veränderung – können wir uns dann womöglich auf authentischere Weise das Jugendlich-Bleiben erhalten.

Bob Dylan, Good As I Been To You, 1992

Produzent/ Bob Dylan

Label/ Columbia

Auf dem Cover gibt es eines dieser verkniffenen Kenn-ich-nicht-wasch-ich-nicht-Gesichter, inklusive ergrauendem Milchbart und Unfrisur. Innen findet man ein Foto von grauen Wolken und auf der Rückseite einen in Leder gekleideten Verwirrkopf mit Akustikgitarre, der so aussieht, als hätte ihm jemand das Textblatt geklaut. Was Dylan in den 13 Songtitel auf „Good As I Been To You“ macht, kann er besonders gut, weil er das bereits 30 Jahre zuvor gemacht hat. Damals war er ein charmanter junger Mann mit einer fragilen, näselnden Stimme, auf diesem Album sind es die maroden Stimmbänder eines alten Kauzes. Aber so gross ist der Unterschied nicht. Tatsächlich weist Dylan deutlich auf das hin, was wirklich an ihm individuell ist: die physische Präsenz der Stimme – egal wie begleitet, egal welche Songs sie singt – hier Traditionals, Blues, Folk -, die wie kaum eine andere das Talent hat, sich über alle Aufnahmebedingungen und elektronischen Zerlegungen hinweg zu erhalten.

Alles, was eine Singstimme normalerweise ausmacht, ist jedenfalls hier noch verkrüppelter als eh schon bei Dylan. Und es ist auch nicht der Charme dieser Schwäche, der mich anzieht. Es ist eher die raue Stimme des Dichters, der sich über Schnarren und Krächzen immer an der Grenze zum Rauschen mitteilen muss. Bei dem Buchstaben und Töne nicht mehr notierbar, auch austauschbar geworden sind.

Bob Dylan, Infidels, 1983

Produzent/ Bob Dylan, Mark Knopfler

Label/ Columbia

1983 präsentiert sich Dylan rockig und metallisch wie kaum erwartet. Für den Gitarrensound, der ganz erträglich herausgekommen ist, d.h. sich dezent im Hintergrund hält, sorgen Mick Taylor und Mark Knopfler. Ganz gut gefällt auch das Rhythmusduo Robbie Shakespeare und Sly Dunbar, die ehemals schon für Joe Cocker („Sheffield Steel“) arbeiteten. Die Songs, manchmal balladenhaft, mal reggaeangehaucht oder rockig, sind auf der ganzen Linie hart.

Ich habe mich damals darüber geärgert, wie das Album in der Schweizer Radiosendung „Sounds“ vorgestellt wurde. Da wurde von zwei sogenannten „Dylanologen“ gerupft und gezupft und gefummelt, dass es keine Lust mehr war: „Was meint er wohl damit? Und voilà, da hat er zum ersten Mal starke innere Konflikte (Schizophrenie?) im Lied „I And I“ – und dann ist er Zionist („Neighborhood Bully“), und dann hat er eine Wandlung durchgemacht, die radikaler nicht sein könnte; denn dort hiess es: „Mein Herz sei still“, und jetzt heisst es: „Andere sprechen mit meinem Mund, ich höre bloss auf mein Herz“ … blablabla.

Für gewisse Leute ist es vielleicht schwer verständlich, dass es in guten Texten um komplexes und weitläufiges Denken geht, das sich nicht zerkrümeln und nach der jeweiligen Laune interpretieren lässt, dass Texte Mitteilungen einer Seele sind und keine ideologisches Rätselraten für intellektuelle Fangemeinden. Vielleicht kommt der Flash halt erst nach einer durchfrorenen Nacht, oder… fragt mich nicht.

Tatsache ist, dass „Infidels“ bildhaft ist wie ein Traum. Es hat auf diesem Album Platz für Poesie, Texte voller Metaphern und Luftschlösser, mehrschichtige und hintergründige Zeilen, bedeutungsschwanger, ohne Eingeständnisse zu geben. Drive und Mental Energy. Hier ein Ausschnitt aus „Man Of Peace“: „Er kann faszinierend sein, er langweilig sein kann, er kann die Niagara Fälle hinunterreiten, in der Schale deines Schädels, ich riech, es ist etwas am Kochen, es gibt ein Fest, manchmal kommt der Satan, als der Mann des Friedens. Er ist ein grosser Humanist, er ist ein Menschenfreund, er weiss, wo er dich berühren muss, und wie du geküsst werden werden willst, er legt beide Arme um dich, du fühlst den zarten Hauch des Tieres“.

Bob Dylan, Tangled Up In Blue, 1975

Text/Musik/ Bob Dylan

Produzent/ Bob Dylan

Label/ Columbia

Eines Morgens erwachte ich. Die Sonne schien und ich lag noch im Bett. Ich fragte mich, ob sie mal wieder alles umgeworfen hat und ob ihr Haar noch rot wäre. Ihre Leute glaubten ja nie an uns, mochten Mamas selbstgestrickten Kleider nicht, Papas Konto war ihnen nicht dick genug, und ich stand an der Strassenseite, Regen fiel auf meine Schuhe, ich wollte zur Ostküste. Der Herr weiss, was ich durchgemacht hab‘. Sie war schon verheiratet, als wir uns das erste Mal trafen, sollte aber bald geschieden werden. Ich hab ihr aus der Klemme geholfen, glaub ich, vielleicht mit etwas zuviel Kraft. Wir fuhren mit diesem Wagen, so weit es ging, liessen ihn dann irgendwo draussen im Westen stehen, in einer dunklen traurigen Nacht trennten wir uns und waren uns einig, dass es das Beste wär. Sie drehte sich nochmal um, als ich schon lief und sagte: „Kleiner, wir werden uns wiedersehen, eines Tages, auf der Strasse.“ Ich arbeitete dann eine Zeit lang in den Wäldern im Norden, mochte es aber nicht und liess die Axt ganz einfach fallen, ich geriet dann in den Süden, nach New Orleans, wo ich das Glück hatte einen Job zu bekommen, bei einem Fischer, gleich bei Delacroix. Aber die ganze Zeit, die ich allein war, war mir die Vergangenheit dicht auf den Fersen. Ich hab verdammt viele Frauen gesehen, aber sie ging mir nie aus dem Kopf. Sie arbeitete in einer Oben-ohne-Bar, wo ich mal für ein Bier reinschaute. Ich konnte sie nur von der Seite sehen, weil das Rampenlicht so stark war. Später, als es leer wurde, hab ich sie noch immer angestarrt. Sie stellte sich hinter meinen Stuhl und meinte: „Kenn ich dich nicht von irgendwoher?“ Ich murmelte etwas und sie studierte die Linien meines Gesichts. Ich muss zugeben, dass ich mich etwas seltsam fühlte, als sie sich hinkniete, um mir die Schuhbänder zu binden. Sie sagte: „Ich dachte, du sagst überhaupt nicht mehr guten Tag. Siehst aus wie der schweigsame Typ.“ Dann holte sie einen Gedichtband heraus, geschrieben von einem italienischen Dichter aus dem 15. Jahrhundert und alle Worte klangen so wahr und brannten wie glühende Kohle in meiner Seele, als wären sie von mir für dich. Ich wohnte dann mit diesem Paar in der Montague-Street, in einem Kellerloch. Nachts war Musik in den Cafés und Revolution lag in der Luft. Schliesslich fing er an mit Sklaven zu handeln und irgendwas in ihnen starb. Sie musste alles verkaufen, was sie hatte und fror inwendig ein. Als die Sache schliesslich aufflog, musste ich natürlich verduften. Das einzige was ich konnte, war einfach nur weitermachen, wie ein Vogel beim Fliegen. Ich geh jetzt aber wieder zurück, irgendwie muss ich sie finden. Alle unsere ehemaligen Freunde bedeuten mir heute nichts mehr. Einige sind Mathematiker, andere sind Tischlerfrauen, ich weiss nicht wie es dazukommen konnte, ich weiss nicht, was die mit ihrem Leben machen. Aber ich bin immer noch auf der Strasse, auf der Suche nach der nächsten Unterkunft. Eigentlich haben wird doch immer dasselbe gefühlt, wir sind nur von einem anderen Standpunkt ausgegangen.

Bob Dylan, Street Legal, 1978

Produktion/ Don DeVito

Label/ Columbia Records

Ein hartes Album, selbst für harte Fans. Ja, „Señor (Tales of Yankee Power)“ ist ein guter Song – aber retten kann er diese Platte nicht. Schon die Voraussetzungen waren schlecht: Dylans Scheidung war noch frisch, sein Filmprojekt „Renaldo und Clara“ zum Fiasko geraten. Und auch seine 78-Welttournee, Alimente-Tour genannt, bekam dank geschmacklos arrangiertem Greatest-Hits-Programm schlechte Kritiken.

Die Aufnahmen für „Street Legal“ dauern nur vier Tage und sind dennoch problembeladen. Die Crew bekommt den Sound nicht hin, Dylan ist mürrisch und kommandiert alle herum. Die Band klingt so unerprobt wie uninspiriert. Teamplay klingt anders. Und dann liegt da über allem dieses Saxophon. Textlich schauts ebenso düster aus. „Can you cook and sew, make flowers grow?“: Wegen „Is Your Love In Vain“ bezichtigte Greil Marcus Dylan des Sexismus, und „New Pony“ besticht mit schlicht pubertären Fick-Metaphern. Was will man da noch sagen? Eben: „Señor“ – super Nummer!

Bob Dylan, Like A Rolling Stone, 1965

Text/Musik/ Bob Dylan

Produzent/ Tom Wilson

Label/ Columbia

Tom Wilson, der schwarze Aufnahmeleiter bei Columbia, der bereits Jazz-Avantgardisten wie John Coltrane und Cecil Taylor produziert hatte und Simon und Garfunkel gegen deren Willen erfolgreich mit einem Rocksound unterlegte, war verantwortlich, als Bob Dylan sein „Like A Rolling Stone“ aufnahm. Der 24-jährige Folk- und Protestsänger wollte nach der England-Tournee sein Image loswerden, hatte daran gedacht aufzuhören und Schriftsteller zu werden. Zehn, zwanzig Seiten lang hatte er sich die Wut vom Leibe geschrieben, die Frustration, immer wieder als politischer Barde gehandelt und zur Weltlage befragt zu werden, hatte sich sogar als „mathematischer Sänger“ definiert, um der Rolle des „Weatherman“ zu entkommen. „Like A Rolling Stone“ brachte ihn diesem Ziel ganz nah.

Aggressiv und boshaft versetzt Bob Dylan ein Mädchen – es wird angenommen, dass damit die Schauspielerin Edie Sedgwick gemeint ist – ins Märchen – „Once upon a time you dressed so fine / You threw the bums a dime in your prime, didn’t you?“, um dann in die Gegenwart der Zukunft zu springen – „Now you don’t seem so proud / About having to be scrounging for your next meal.“ Man hatte uns damals gewarnt vor all den Gefahren, den Konsequenzen, die hinter jenem Horizont liegen, den manche Swinging Sixties, manche Utopie nannten: „When you got nothing, you got nothing to lose.“ Und trotzdem war es möglich eine Freiheit zu fordern im Bewusstsein der Gefahr, sich wie ein „Rolling Stone“ zu fühlen. Der Song funktioniert, weil er nur im Moment existiert. Er beginnt mit einem Trommelschlag, steht wie ein Monolith im Raum, betäubt jede Analyse und verlöscht mit dem letzten Ton. Repeat! Der Song als poetisches Manifest, ekstatisch und inszeniert.

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Bob Dylan, Slow Train Coming, 1979

Produzent/ Barry Beckett, Jerry Wexler

Label/ Columbia Records

Dylans Zeit von 1979 – 1981, die sogenannte „christliche Phase“, gilt für viele seiner Fans als dunkle Epoche. Bob schien damals mitten auf der Crossroad zu stehen. Er sprach öffentlich über seine Beziehung zu Jesus, verkündete in Songs wie „Gotta Serve Somebody“, dass man sich zwischen Gott und dem Teufel zu entscheiden hätte. So was symbolisch zu deuten, das schien zu viel verlangt für seine Anhänger; für sie klang es wie ein Hohn, und sie beschimpften ihn als „Fundamentalisten“. Ihr Gott war Dylan, und jetzt verkündete dieser höchstpersönlich, dass er demütig zu einem noch höheren Gott aufschaue? Und dann war es ausgerechnet dieser Mark Knopfler, der Dylan beistand auf seinem Gospel-Album „Slow Train Coming“. Knopfler war damals für eingefleischte Dylan-Fans wie ein rotes Tuch. Was in aller Welt konnte ein Dylan ausgerechnet an diesem „Weichspüler Knopfler“ gut finden?

Aber im Grunde genommen standen sich beide Künstler von Anfang an nahe. Beide sind leidenschaftliche Geschichtenerzähler. Dylan brachte Knopfler damals auf auf seinen Weg als Sänger – man höre sich nur mal die ersten Dire Straits-Alben an. Und Dylan konnte nicht anders als Knopflers Gitarren-Kunst zu bewundern – weil er selbst nie schaffte die Saiten zu sprechen zu bringen. Natürlich gibt es da ein paar Gegensätze; während Knopfler inzwischen völlig entspannt und „bescheiden“ Folk spielt, hämmert Dylan immer noch kratzbürstig los und dekonstruiert seine Songs. Aber im Grunde ihres Wesens sind sie sich ähnlich, sie spielen im Alter bloss verschiedene Facetten aus. So ein Kontrast kann doch nur spannend sein! Oder würden Sie beispielsweise behaupten, dass zwei gute alte Freunde sich nicht mehr vertragen dürfen, nur weil der eine Rentner vielleicht unrasiert in Jeans daher kommt – und der andere seinen nostalgischen Hang zu gepflegten Klamotten nicht aufzugeben bereit ist?