Bessie Smith, Sings More Blues, 2014

Produzent/ John Hammond u.a

Label/ Brownsville

Ihre Stimme übertönt noch heute alle Nebengeräusche: Das Knistern und Knacken der alten Aufnahmen genauso wie die sensationslüsternen Geschichten zu ihrem Leben, das gerne als Trash-Drama präsentiert wird, und an dessen Ende sie 43-jährig an den Folgen eines Autounfalls starb.

„Sing ′em, sing ‚em, sing them blues/ Let me convert your soul.“ Knapp drei Minuten lang ist die Aufnahme des „Preachin‘ Blues“ von 1928 – sie ist wie ein Energy Shot. Bessie Smith singt mit einer kraftvollen Entschlossenheit, die auch knapp ein Jahrhundert später noch eine schockierende Wirkung hat. Dabei ist es eher ein Sprechgesang als vermeintlich hohe Vokalkunst. Bessie Smith singt schlicht und eher geradeaus, mit voller Konzentration auf den Text, dem sie Wort für Wort mit ihrer Stimme eine Bedeutung gibt. Gerade im Vergleich zu anderen Aufnahmen von Sängerinnen aus dieser Zeit klingt Bessie Smith wie von einem anderen Stern.

Nicht umsonst trug sie schon zu Lebzeiten den Titel „Empress of the Blues“. Der Kaiserin lag in den 1920er Jahren ein Millionenpublikum zu Füssen, Singles mit ihren Songs verkauften sich zu Hunderttausenden, wenn sie mit einer Show in die Gegend kam, war der Andrang auf die Tickets riesig. Bessie Smith war nicht nur die erste schwarze Frau, die als Künstlerin enorm erfolgreich war, sondern überhaupt der erste grosse Musikstar Nordamerikas – eine Popikone.

Laurie Anderson, Home Of The Brave, 1986

Produzent/ Laurie Anderson, Roma Baran, Nile Rodgers

Label/ Warner Bros.

Das Album „Home Of The Brave“ enthält den Soundtrack zum gleichnamigen Konzertfilm, in dem das wandelnde Kunstwerk Laurie Anderson ihre eigene Bühnenperformance dokumentiert. Das ziemlich seltsame Multimediaspektakel aus Musik, Schauspielerei, Film, visueller Projektion und choreographiertem Tanz war damals neu. Es liegt in der Natur der Sache, dass die Albumfassung die optischen Elemente nicht wiedergeben kann, aber auch so bleibt es ungewöhnliche Musik, die hängen bleibt.

Unter Mitwirkung u.a. von Bill Laswell, Adrian Belew und Nile Rodgers glänzt Laurie Anderson hier als blitzgescheite Analytikern des amerikanischen Alltags. Zu experimentellen und doch eingängigen Elektropop-Klängen erzählt sie tiefgründige und unterhaltsame Geschichten über Politik, Sprache, Liebe und die schöne neue Medienwelt am Ende des 20. Jahrhunderts. So handelt etwa „Language Is A Virus“ von den Kommunikationsproblemen ihrer Landesleute, die alle dieselbe Sprache sprechen, sich aber trotzdem nicht immer verstehen (was natürlich auch auf andere Nationen übertragbar ist). Und „Sharkey’s Night“ entlarvt die fernsehgerechten Reden der heutigen Politiker als leere Worthülsen.

AC/DC, Let There Be Rock, 1977

Text/Musik/ Angus Young, Malcolm Young, Bon Scott

Produzent/ Harry Vanda, George Young

Label/ ATCO

Yeah, let there be rock! Solchen wie diesen hier! Immer und überall! Auch mit dem Titelstück von ihrem dritten Album zeigen AC/DC wo der australische Bartli den Most holt. Angus Young spielt sich den Arsch auf, Bon Scott krächzt seine Macho-Sprüchlein wie ein strangulierter Kolkrabe, die übrigen Drei halten sich mit Caracho auf Trab. Und subtil ist das Ganze wie eine Catch-Weltmeisterschaft im Halbschwergewicht.

Ach was, pfeif auf die Hausordnung, dreh die Lautstärke voll auf, spiel das Stück und ich kann mir die ganzen blöden Sprüche sparen…

The Beatles, Helter Skelter, 1968

Text/Musik/ Lennon-McCartney

Produzent/ George Martin

Label/ Apple

„Helter Skelter“ ist vom „White Album“. Der Umstand, dass Paul McCartney mit seinem öffentlichen Image als unverbesserliche Balladen-Tante nicht so recht glücklich war, spielte wohl eine Rolle bei der Entstehung dieses für Beatles-Verhältnisse ganz untypisch schroffen, lauten, straighten Rumpel-Rockers. So untypisch, dass Ringo Starr irgendwann seine Sticks wegwarf und schrie: „I’ve got blisters on my fingers!“. Das hat George Martin mit auf das Album genommen, damit auch alle merken, was hier gespielt wird: so eine Art Proto-Metal nämlich.

Der Song ist dann auch gerne von Exponenten des härteren Genres – etwa Mötley Crüe, Aerosmith, Siouxsie & The Banshees und, naja, wir wollen mal nicht so sein, U2 – gecovert worden. Dass Charles Manson nicht zuletzt dieses Stück als verschlüsselte Prophezeiung für eine bevorstehende apokalyptische Auseinandersetzung der weissen und der schwarzen Rasse deutete, aus der er und seine Family als Weltenherrscher hervorgehen sollten, und „Helter Skelter“ dann als Chiffre für ihre Ritualmorde umgewidmet und folglich auch beim Hollywood-Massaker an Sharon Thate und ihren Freunden mit dem Blut der Opfer an die Wand geschmiert wurde, hat der Popularität des Songs alles andere als geschadet.

Neil Young, My My, Hey Hey (Out Of The Blue), 1979

Text/Musik/ Neil Young

Produzent/ Neil Young

Label/ Reprise

Eine der schönsten Fähigkeiten Neil Youngs war es immer, im Pathetischen genau zu sein, wenn alle nur ein bestimmtes, Scheitern bestätigendes Pathos und Bewegung und grosse Emotionen wahrnahmen und hören wollten, etwas ganz genau zu sagen, dem sich auch die grosse Aufwallung der Gefühle in seiner Gefolgschaft zu unterwerfen hatte. Seine grosse Hymne aus dem Jahr 1979 puncht Neil Young auf dem Album „Rust Never Sleeps“ gleich beidseitig: „My My, Hey Hey (Out Of The Blue) akustisch, und „Hey Hey, My My (Into The Black)“ elektrisch.

Als Neil Young den Song schrieb, war Punk gerade passiert und der Songwriter fühlte sich alt. Youngs Sätze sind explosiv und müde zugleich: „They give you this/ But you pay for that“, und natürlich „It’s better to burn out than to fade away“, der vielzitierte Slogan, den John Lennon hasste und Kurt Cobain in seinen Abschiedsbrief kritzelte. Schwer zu sagen, ob Nachgeborene die Kraft und Autorität des Songs in dieser Intensität spüren. Ich bekomme noch heute Gänsehaut.

Bob Dylan, Tangled Up In Blue, 1975

Text/Musik/ Bob Dylan

Produzent/ Bob Dylan

Label/ Columbia

Eines Morgens erwachte ich. Die Sonne schien und ich lag noch im Bett. Ich fragte mich, ob sie mal wieder alles umgeworfen hat und ob ihr Haar noch rot wäre. Ihre Leute glaubten ja nie an uns, mochten Mamas selbstgestrickten Kleider nicht, Papas Konto war ihnen nicht dick genug, und ich stand an der Strassenseite, Regen fiel auf meine Schuhe, ich wollte zur Ostküste. Der Herr weiss, was ich durchgemacht hab‘. Sie war schon verheiratet, als wir uns das erste Mal trafen, sollte aber bald geschieden werden. Ich hab ihr aus der Klemme geholfen, glaub ich, vielleicht mit etwas zuviel Kraft. Wir fuhren mit diesem Wagen, so weit es ging, liessen ihn dann irgendwo draussen im Westen stehen, in einer dunklen traurigen Nacht trennten wir uns und waren uns einig, dass es das Beste wär. Sie drehte sich nochmal um, als ich schon lief und sagte: „Kleiner, wir werden uns wiedersehen, eines Tages, auf der Strasse.“ Ich arbeitete dann eine Zeit lang in den Wäldern im Norden, mochte es aber nicht und liess die Axt ganz einfach fallen, ich geriet dann in den Süden, nach New Orleans, wo ich das Glück hatte einen Job zu bekommen, bei einem Fischer, gleich bei Delacroix. Aber die ganze Zeit, die ich allein war, war mir die Vergangenheit dicht auf den Fersen. Ich hab verdammt viele Frauen gesehen, aber sie ging mir nie aus dem Kopf. Sie arbeitete in einer Oben-ohne-Bar, wo ich mal für ein Bier reinschaute. Ich konnte sie nur von der Seite sehen, weil das Rampenlicht so stark war. Später, als es leer wurde, hab ich sie noch immer angestarrt. Sie stellte sich hinter meinen Stuhl und meinte: „Kenn ich dich nicht von irgendwoher?“ Ich murmelte etwas und sie studierte die Linien meines Gesichts. Ich muss zugeben, dass ich mich etwas seltsam fühlte, als sie sich hinkniete, um mir die Schuhbänder zu binden. Sie sagte: „Ich dachte, du sagst überhaupt nicht mehr guten Tag. Siehst aus wie der schweigsame Typ.“ Dann holte sie einen Gedichtband heraus, geschrieben von einem italienischen Dichter aus dem 15. Jahrhundert und alle Worte klangen so wahr und brannten wie glühende Kohle in meiner Seele, als wären sie von mir für dich. Ich wohnte dann mit diesem Paar in der Montague-Street, in einem Kellerloch. Nachts war Musik in den Cafés und Revolution lag in der Luft. Schliesslich fing er an mit Sklaven zu handeln und irgendwas in ihnen starb. Sie musste alles verkaufen, was sie hatte und fror inwendig ein. Als die Sache schliesslich aufflog, musste ich natürlich verduften. Das einzige was ich konnte, war einfach nur weitermachen, wie ein Vogel beim Fliegen. Ich geh jetzt aber wieder zurück, irgendwie muss ich sie finden. Alle unsere ehemaligen Freunde bedeuten mir heute nichts mehr. Einige sind Mathematiker, andere sind Tischlerfrauen, ich weiss nicht wie es dazukommen konnte, ich weiss nicht, was die mit ihrem Leben machen. Aber ich bin immer noch auf der Strasse, auf der Suche nach der nächsten Unterkunft. Eigentlich haben wird doch immer dasselbe gefühlt, wir sind nur von einem anderen Standpunkt ausgegangen.

The Clash, The Magnificent Seven, 1981

Text/Musik/ The Clash

Produzent/ The Clash

Label/ CBS Records

Die Clash machten – im Gegensatz zu den Sex Pistols – nach den Punkerlebnissen weiter. Zur selben Zeit, als sich die Sex Pistols, genervt von der Öffentlichkeit, auflösten, entdeckten The Clash neue musikalische Zugänge. Da war der Reggae, den sie schon immer geliebt hatten. The Clash gingen nach Jamaica, doch sie wurden aus dem Studio gejagt, denn die Rolling Stones waren kurz davor und mit mehr Geld dagewesen. Die Londoner kehrten frustriert nach England zurück.

„Sandinista“ ist ein Dokument dieser Zeit. Original als Dreifach-Vinyl-Album veröffentlicht, mochte es damals niemand. Der Plattenfirma war es zu teuer, den Kritikern zu lang und den Fans zu unverständlich. Aber vielleicht sollte man sich dieses Album heute noch einmal anhören, um zu begreifen, dass diese unerfüllte Suche das Grossartige von The Clash ausmachte. Auf diesem Album befindet sich auch das Stück „The Magnificent Seven“. Es machte seinen Weg von London nach New York. Dort war es sowohl in der Disco-Szene wie in der neu entstehenden Hip-Hop-Szene populär. 1980 spielten The Clash mehr als eine Woche lang am Broadway vor ausverkauftem Haus. Sie brachten später bekannte Graffiti Künstler wie Futura dazu, Bühnenplakate für sie zu entwerfen, und nahmen diese mit nach Europa. 1980 war der Höhepunkt dessen, was man heute als „kulturelle Interaktion“ oder „Crossover“ bezeichnet. „Magnificent Seven“ beweist nicht nur wie vielseitig The Clash damals waren; es ist auch ein funky Hit, der sofort ins Ohr und in die Füsse geht.

Alice Cooper, School’s Out, 1972

Produzent/ Bob Ezrin

Label/ Warner Brothers

Ich hätte die Platte auch gekauft, wenn sie nicht in einem Damenslip aus weissem Papier verpackt gewesen wäre. Alice Cooper gehörte damals nämlich eindeutig zu den Musikern, die man nicht hörte, wenn man sich einbildete, etwas von Rockmusik zu verstehen. In der Szene, zu der ich gehörte, galten Bands wie Slade, T. Rex oder eben Alice Cooper als Angeber und Anpasser, die nichts im Sinn hatten, als gross Kohle zu machen.

Aber für mich gab es durchaus ein paar Argumente „School’s Out“ zu kaufen. Hatte doch Alice Cooper die ersten Alben von 1969 und 1970 auf Frank Zappas Label Straight Records veröffentlicht. Das Gitarrenriff für den Song „School’s Out“ könnte auch von Led Zeppelins Jimmy Page sein, Ritchie Blackmore von den Deep Purple oder von Pete Townshend von den Who. Zudem hatten Zeilen wie „School’s out forever“ oder „School’s been blown to pieces“ durchaus etwas rebellisches. Nicht nur, dass sie die Verhältnisse auf den Kopf stellten: Nicht mehr die Schüler waren dirty, sondern die Lehrer. Es wird sogar angedeutet, die Schule in die Luft zu sprengen.

Gründe gegen die Platte gab es auch. Ich hielt nichts von der aufwendig inszenierten Bühnenshow: Alice Cooper hängte sich bei jeder Gelegenheit eine Boa Constrictor um den Hals, trank literweise Theaterblut, liess sich köpfen, hängen und zersägen, hantierte mit Peitschen, Kettensägen und Särgen, liess Schulmädchen, Nonnen, Prieser und Teufel auftreten. Hauptgrund gegen „School’s Out“ war aber auch das vernichtende Urteil der Freunde, das so sicher war wie das einstimmige Lob jeder neuen LP von Jethro Tull, Frank Zappa oder John McLaughlin. Dieses Urteil war aber einfach zu umgehen: von einigen Platten, die 1972 neben meinem Lenco-Plattenspieler standen, wussten die Freunde nämlich nichts. Leonard Cohen hörte ich damals genauso heimlich wie Crosby, Stills, Nash & Young.

Pete Townshend, Face The Face, 1985

Text/Musik/ Pete Townshend

Produzent/ Chris Thomas

Label/ ATCO Records

Ich muss zugeben, dass ich das Album „White City: A Novel“ von Pete Townshend wohl von vorherein gar nicht hätte schlecht finden können. Schliesslich gehörten The Who für mich jahrelang zu den Grössten. Überflüssig zu sagen, dass „Face The Face“ natürlich ein gigantischer Song ist. Es scheint als hätte Townshend hier sein Krise überwunden: „ It’s time to live… we got to fight the fight, we must race the race, so we can face the face…“

Dementsprechend ist auch die Musik kräftig/rockig, die Selbstmitleid-Balladen von „All The Best Cowboys Have Chinese Eyes“ sind vergessen. Stattdessen Up-Tempo-Soul (die erste Who-Single hiess übrigens „I’m The Face“). Aus heutiger Sicht beeindruckt vorallem die treibende Energie von „Face The Face“ und dieser ausgefeilte Klang, der einen sehr eigenen Retro-Charme ausstrahlt. Wer The Who kennt, wird verstehen, warum ich „Face The Face“ für den besten Solo-Titel von Pete Townshend halte.

Eric Clapton, 461 Ocean Boulevard, 1974

Produzent/ Tom Dowd

Label/ RSO

Also: Ich finde bestimmte Teile von diesem Album ausgezeichnet. Andere Teile finde ich beschissen. Es sind vorallen drei Stücke, die herausragen, zwei würde ich mit dem Adjektiv „zeitlos“ bezeichnen. Es geht gleich los mit „Motherless Children“, ein Traditional, das von einem federenden Schlagzeug über eine interessante rhythmische Struktur getrieben wird. Sehr schön, aber noch nicht klassisch. Das erste „zeitlose“ Stück ist „Willie And The Hand Jive“, ein Johnny Otis R&B Standard, den Clapton in einer sehr unterkühlten Version darbietet. Er erzielt dabei etwa den gleichen Effekt, wie die Mamas und Papas, als sie „Twist And Shout“, das die Beatles heiss verrockt hatten, gleichsam umdrehten und kühl verschnulzten.

Ähnlich verhält es sich mit dem Favorit Nr. 3 „I Can’t Hold Out“, eine Elmore James-Nummer. Der Gitarrenstil von James, eine der Kultfiguren der frühen britischen Blues-Szene, wurde damals so ziemlich von jedem kopiert. Clapton hat den Kopien eine souveräne Interpretation vorangesetzt, indem er James’ typische abgehackte Pizzicato-Phrasen durch lange weite Bögen, die er auf der Slide-Gitarre spielt, ersetzt. Das ist so geschickt gemacht, dass es trotzdem noch nach Elmore James klingt, wirklich sensibel nachempfunden.

Ja, das wärs schon, den Rest finde ich unerheblich, schwächlich besonders das von Clapton selbst verfasste Material. Aber auch zu der vielgerühmten Version von „I Shot The Sheriff“ (ein Bob Marley Stück) habe ich nie ein Verhältnis gefunden.