Stevie Ray Vaughan, Texas Flood, 1983

Produzent/ Stevie Ray Vaughan and Double Trouble, John Hammond

Label/ Epic

Texas verfügt anscheinend über ein unerschöpfliches Reservoir an musikalischen Einflüssen, die auch von solch traditionsreichen Musikern wie Doug Sham, Johnny Winter, ZZ Top, etc. – aufgenommen und verarbeitet wurden.

Der im August 1990 bei einem Hubschrauberabsturz tödlich verunglückte Stevie Ray Vaughan und seine Band Double Trouble spielen auf ihrem Debüt-Album so ziemlich den aufregendsten Blues den ich seit Johnny Winter’s klassischem „Nothing But The Blues“ gehört habe. Der jüngere Bruder von Jimmy Vaughan (Fabulous Thunderbirds) hatte bereits der Bowie-LP „Let’s Dance“ mit seinen fliessenden, an B.B. King orientierten Soli ein starkes Rhythm & Blues-Feeling verliehen. Doch was wirklich in diesem herausragenden jungen Gitarristen steckte, wenn er seine Fähigkeiten voll ausspielen konnte, demonstriert diese Platte eindrücklich.

Vaughan’s beseeltes Spiel liegt irgendwo zwischen Chicago-Blues, Johnny Winter und Hendrix, der im Instrumental „Testify“ verblüffend zitiert wird. Die sparsame Instrumentierung (Triobesetzung) und Stevie Ray Vaughan’s rauchiger Gesang verleihen der Musik starke Authentizität. Als “executive Producer“ amtete übrigens kein Geringer als John Hammond (Entdecker von Billie Holiday, Aretha Franklin und Dylan). Ohne Abstriche eine grossartige, abwechslungsreiche LP!

Frank Zappa, Zoot Allures, 1976

Produzent/ Frank Zappa

Label/ Warner Bros. Records

Ich bin heute noch ein Anhänger seines beissenden Humors, seiner schnippischen Kommentare des „American Way Of Death“. Und hätte ich beim Unterfangen die besten Zappa-Scheiben herauszufinden Punkte zu vergeben, würde ich für seine „Zoot Allures“ eine Höchstpunktzahl geben. Und zwar in der Kategorie Rock, was was immer das auch heissen mag. Aber für die musikalische Komplexität von Frank Zappa gibt es eigentlich keine Kategorie.

Auf „Zoot Allures“ ist mal wieder alles in seiner Hand: Er ist Produzent, Re-Mix-Engineer, Songschreiber, auf zwei Stücken spielt er bis auf Schlagzeug alles, Gitarre, Bass, Tasteninstrumente und Gesang (auf „The Torture Never Stops“ ist er zudem noch „Direktor für erfrischende Aktivitäten“, doch wird nicht gesagt, wie die Dame heisst, die sich von Frank erfrischen und zu orgastischem Geschrei hinreissen lässt). Seine Assistenten sind u.a.: Donnie Vliet (Harmonika; da ist Captain Beefheart gemeint), Roy Estrada (Bass), Napoleon Murphy Brock (Saxophon), Ruth Underwood (Marimba, Synth) und Terry Bozzie (Schlagzeug).

Und wer es noch nicht gemerkt hat, Zappa war ein aussergewöhnlicher Gitarrist, dafür ist dieses Album der beste Beweis. Er weist ein ungeheures Spektrum auf, man höre sich nur einmal das lyrische „Black Napkins“ (live in Osaka aufgenommen), das orientalische „Friendly Little Finger“ oder meinen Favoriten „Zoot Allures“ (alles Instrumentalnummern) an. Frank Zappa wirkt zur Zeit auf mich wie Medizin, sie bläst meine Kopfschmerzen davon und lässt mich gut in den Tag. Also, morgens zwei bis drei Stücke von Zappa, und der Tag ist gerettet.

Pink Floyd, Animals, 1977

Produzent/ Pink Floyd

Label/ Harvest

Ich habe Pink Floyd-Alben lange nur als Musik mit Texteinlagen betrachtet. Musik, die mich einlud zum Träumen und sich Treibenlassen oder mich ganz einfach Abstand gewinnen liess zu den Dingen, die verhärten. Deshalb hatte ich lange auch kein Zugang zu „Animals“, weil hier die musikalische Aussage in erster Linie eine unterstützende Funktion zur textlichen Aussage hat.

Jeder der Songs enthält eine Spiegelung typischer menschlicher Charakterzüge, die jedem von uns nur allzugut vertraut sind. Es geht los mit „Drei verschiedene Schweine“. Schweine-Menschen sind die, die ihre Gefühle unterdrücken, das „Gefühl von Stahl“ lieben oder sich um die Moral anderer (zu viel) sorgen.

Die zweite Kategorie sind die Schafsmenschen: Sheeps. Wer kennt sie nicht, die Menschen, die den Schafen gleich harmlos auf einer Wiese ihr Leben fristen und ohne rechtes Bewusstsein und auf alten, ausgetrampelten Wegen sanftmütig und gehorsam dem Leittier folgen? Das „Fliegende Schwein“ ist ein geteilter (Part 1&2), kurzer, eindringlicher Song. Hier geht es um die so oft vernachlässigte, belächelte oder aus falscher Selbstüberschätzung heraus ignorierte Nächstenliebe.

Hunde – Dogs ist der von der Aussage her aggressivste Song. Ein Song über Arschkriecher, Punktesammler, die nach „oben“ strebenden Karrieremenschen, die mit „dem gewissen Blick in den Augen und dem gewinnenden Lächeln“, und über jene, die glauben „dass jeder austauschbar ist und keinen wirklichen Freund hat“. Diesen wünschen Pink Floyd ein gutes Ertrinken, heruntergezogen vom Stein, an den sie sich selbst angebunden haben.

Van Morrison, Common One, 1980

Produzent/ Van Morrison

Label/ Mercury

Auf „Common One“ sind sechs Titel mit einer Laufzeit von exakt 54:31 Minuten. Die Frage nach einer konkreten Stilrichtung erübrigt sich hier: Folkloristisches trifft auf Funk-Elemente, ein Hauch von Jazz inbegriffen. Als das Album erscheint, ist Van Morrison längst aus der Pop-Welt gefallen und fährt als arrivierter Aussenseiter auf einem Privatgleis. Die Musiker besorgen ausschliesslich Teamarbeit: Soli sind tabu. Bis auf „Satisfied“ ist dies ein nahezu meditatives Album, das streckenweise in völliger Ruhe dahindriftet.

Für die Impression „Summertime in England“ (15:40) ein sonnendurchfluteter Spätsommertag, trifft die Bezeichnung „Song“ nicht mehr zu: ein fast sakral anmutendes, vertontes Epos vielmehr, von einer geradezu gespenstischen Mischung aus totalem Gefühl und absoluter Perfektion. Hier wird jeder Name Wordsworth, Coleridge, T.S. Eliot, William Blake, James Joyce – jeder (mythische) Ort Avalon, Bristol, Kendal, the Church of St. John – zum Repräsentanten ganzer Bedeutungskontinente. „It ain’t whywhywhywhywhy, it just is“. Wenn Van Morrison rezitiert, deklamiert und improvisiert befinden wir uns längst jenseits von Übersetzungsversuchen. Am Ende macht alles Sinn, wenn er flüstert: „Are you listen to the silence/ Can you feel the silence?“

Bessie Smith, Sings More Blues, 2014

Produzent/ John Hammond u.a

Label/ Brownsville

Ihre Stimme übertönt noch heute alle Nebengeräusche: Das Knistern und Knacken der alten Aufnahmen genauso wie die sensationslüsternen Geschichten zu ihrem Leben, das gerne als Trash-Drama präsentiert wird, und an dessen Ende sie 43-jährig an den Folgen eines Autounfalls starb.

„Sing ′em, sing ‚em, sing them blues/ Let me convert your soul.“ Knapp drei Minuten lang ist die Aufnahme des „Preachin‘ Blues“ von 1928 – sie ist wie ein Energy Shot. Bessie Smith singt mit einer kraftvollen Entschlossenheit, die auch knapp ein Jahrhundert später noch eine schockierende Wirkung hat. Dabei ist es eher ein Sprechgesang als vermeintlich hohe Vokalkunst. Bessie Smith singt schlicht und eher geradeaus, mit voller Konzentration auf den Text, dem sie Wort für Wort mit ihrer Stimme eine Bedeutung gibt. Gerade im Vergleich zu anderen Aufnahmen von Sängerinnen aus dieser Zeit klingt Bessie Smith wie von einem anderen Stern.

Nicht umsonst trug sie schon zu Lebzeiten den Titel „Empress of the Blues“. Der Kaiserin lag in den 1920er Jahren ein Millionenpublikum zu Füssen, Singles mit ihren Songs verkauften sich zu Hunderttausenden, wenn sie mit einer Show in die Gegend kam, war der Andrang auf die Tickets riesig. Bessie Smith war nicht nur die erste schwarze Frau, die als Künstlerin enorm erfolgreich war, sondern überhaupt der erste grosse Musikstar Nordamerikas – eine Popikone.

Laurie Anderson, Home Of The Brave, 1986

Produzent/ Laurie Anderson, Roma Baran, Nile Rodgers

Label/ Warner Bros.

Das Album „Home Of The Brave“ enthält den Soundtrack zum gleichnamigen Konzertfilm, in dem das wandelnde Kunstwerk Laurie Anderson ihre eigene Bühnenperformance dokumentiert. Das ziemlich seltsame Multimediaspektakel aus Musik, Schauspielerei, Film, visueller Projektion und choreographiertem Tanz war damals neu. Es liegt in der Natur der Sache, dass die Albumfassung die optischen Elemente nicht wiedergeben kann, aber auch so bleibt es ungewöhnliche Musik, die hängen bleibt.

Unter Mitwirkung u.a. von Bill Laswell, Adrian Belew und Nile Rodgers glänzt Laurie Anderson hier als blitzgescheite Analytikern des amerikanischen Alltags. Zu experimentellen und doch eingängigen Elektropop-Klängen erzählt sie tiefgründige und unterhaltsame Geschichten über Politik, Sprache, Liebe und die schöne neue Medienwelt am Ende des 20. Jahrhunderts. So handelt etwa „Language Is A Virus“ von den Kommunikationsproblemen ihrer Landesleute, die alle dieselbe Sprache sprechen, sich aber trotzdem nicht immer verstehen (was natürlich auch auf andere Nationen übertragbar ist). Und „Sharkey’s Night“ entlarvt die fernsehgerechten Reden der heutigen Politiker als leere Worthülsen.

AC/DC, Let There Be Rock, 1977

Text/Musik/ Angus Young, Malcolm Young, Bon Scott

Produzent/ Harry Vanda, George Young

Label/ ATCO

Yeah, let there be rock! Solchen wie diesen hier! Immer und überall! Auch mit dem Titelstück von ihrem dritten Album zeigen AC/DC wo der australische Bartli den Most holt. Angus Young spielt sich den Arsch auf, Bon Scott krächzt seine Macho-Sprüchlein wie ein strangulierter Kolkrabe, die übrigen Drei halten sich mit Caracho auf Trab. Und subtil ist das Ganze wie eine Catch-Weltmeisterschaft im Halbschwergewicht.

Ach was, pfeif auf die Hausordnung, dreh die Lautstärke voll auf, spiel das Stück und ich kann mir die ganzen blöden Sprüche sparen…

The Clash, The Magnificent Seven, 1981

Text/Musik/ The Clash

Produzent/ The Clash

Label/ CBS Records

Die Clash machten – im Gegensatz zu den Sex Pistols – nach den Punkerlebnissen weiter. Zur selben Zeit, als sich die Sex Pistols, genervt von der Öffentlichkeit, auflösten, entdeckten The Clash neue musikalische Zugänge. Da war der Reggae, den sie schon immer geliebt hatten. The Clash gingen nach Jamaica, doch sie wurden aus dem Studio gejagt, denn die Rolling Stones waren kurz davor und mit mehr Geld dagewesen. Die Londoner kehrten frustriert nach England zurück.

„Sandinista“ ist ein Dokument dieser Zeit. Original als Dreifach-Vinyl-Album veröffentlicht, mochte es damals niemand. Der Plattenfirma war es zu teuer, den Kritikern zu lang und den Fans zu unverständlich. Aber vielleicht sollte man sich dieses Album heute noch einmal anhören, um zu begreifen, dass diese unerfüllte Suche das Grossartige von The Clash ausmachte. Auf diesem Album befindet sich auch das Stück „The Magnificent Seven“. Es machte seinen Weg von London nach New York. Dort war es sowohl in der Disco-Szene wie in der neu entstehenden Hip-Hop-Szene populär. 1980 spielten The Clash mehr als eine Woche lang am Broadway vor ausverkauftem Haus. Sie brachten später bekannte Graffiti Künstler wie Futura dazu, Bühnenplakate für sie zu entwerfen, und nahmen diese mit nach Europa. 1980 war der Höhepunkt dessen, was man heute als „kulturelle Interaktion“ oder „Crossover“ bezeichnet. „Magnificent Seven“ beweist nicht nur wie vielseitig The Clash damals waren; es ist auch ein funky Hit, der sofort ins Ohr und in die Füsse geht.

Alice Cooper, School’s Out, 1972

Produzent/ Bob Ezrin

Label/ Warner Brothers

Ich hätte die Platte auch gekauft, wenn sie nicht in einem Damenslip aus weissem Papier verpackt gewesen wäre. Alice Cooper gehörte damals nämlich eindeutig zu den Musikern, die man nicht hörte, wenn man sich einbildete, etwas von Rockmusik zu verstehen. In der Szene, zu der ich gehörte, galten Bands wie Slade, T. Rex oder eben Alice Cooper als Angeber und Anpasser, die nichts im Sinn hatten, als gross Kohle zu machen.

Aber für mich gab es durchaus ein paar Argumente „School’s Out“ zu kaufen. Hatte doch Alice Cooper die ersten Alben von 1969 und 1970 auf Frank Zappas Label Straight Records veröffentlicht. Das Gitarrenriff für den Song „School’s Out“ könnte auch von Led Zeppelins Jimmy Page sein, Ritchie Blackmore von den Deep Purple oder von Pete Townshend von den Who. Zudem hatten Zeilen wie „School’s out forever“ oder „School’s been blown to pieces“ durchaus etwas rebellisches. Nicht nur, dass sie die Verhältnisse auf den Kopf stellten: Nicht mehr die Schüler waren dirty, sondern die Lehrer. Es wird sogar angedeutet, die Schule in die Luft zu sprengen.

Gründe gegen die Platte gab es auch. Ich hielt nichts von der aufwendig inszenierten Bühnenshow: Alice Cooper hängte sich bei jeder Gelegenheit eine Boa Constrictor um den Hals, trank literweise Theaterblut, liess sich köpfen, hängen und zersägen, hantierte mit Peitschen, Kettensägen und Särgen, liess Schulmädchen, Nonnen, Prieser und Teufel auftreten. Hauptgrund gegen „School’s Out“ war aber auch das vernichtende Urteil der Freunde, das so sicher war wie das einstimmige Lob jeder neuen LP von Jethro Tull, Frank Zappa oder John McLaughlin. Dieses Urteil war aber einfach zu umgehen: von einigen Platten, die 1972 neben meinem Lenco-Plattenspieler standen, wussten die Freunde nämlich nichts. Leonard Cohen hörte ich damals genauso heimlich wie Crosby, Stills, Nash & Young.

Pete Townshend, Face The Face, 1985

Text/Musik/ Pete Townshend

Produzent/ Chris Thomas

Label/ ATCO Records

Ich muss zugeben, dass ich das Album „White City: A Novel“ von Pete Townshend wohl von vorherein gar nicht hätte schlecht finden können. Schliesslich gehörten The Who für mich jahrelang zu den Grössten. Überflüssig zu sagen, dass „Face The Face“ natürlich ein gigantischer Song ist. Es scheint als hätte Townshend hier sein Krise überwunden: „ It’s time to live… we got to fight the fight, we must race the race, so we can face the face…“

Dementsprechend ist auch die Musik kräftig/rockig, die Selbstmitleid-Balladen von „All The Best Cowboys Have Chinese Eyes“ sind vergessen. Stattdessen Up-Tempo-Soul (die erste Who-Single hiess übrigens „I’m The Face“). Aus heutiger Sicht beeindruckt vorallem die treibende Energie von „Face The Face“ und dieser ausgefeilte Klang, der einen sehr eigenen Retro-Charme ausstrahlt. Wer The Who kennt, wird verstehen, warum ich „Face The Face“ für den besten Solo-Titel von Pete Townshend halte.