Dire Straits, Communiqué, 1979

Produzent/ Jerry Wexler

Label/ Warner Bros.

Die Dire Straits haben Jahre gebraucht, um ihre erste Platte zu machen. Was dabei rauskam, weiss heute jeder. Aber als Freund Pesche im Mai 1978 daherkam und sagte: „Starke Platte, musst du unbedingt hören, fantastisch usw.“, da konnten wir nicht ahnen, dass nach einem halben Jahr Desinteresse das Album in die Charts gewählt wurde. Und da läuft „Sultans Of Swing“ eben heute noch. Ich kann verstehen, wenn einen nach dem 278. Mal die Nummer recht bekannt vorkommt, nur ist das längst kein Grund „Communiqué“ schlechter zu machen, als das erste Werk.

Schliesslich hat Mark Knopfler nun wirklich Talent, Songs zu schreiben, die in die Rockgeschichte der Klassiker eingegangen sind. Und Rockopa Jerry Wexler hat das Album hervorragend produziert. „Once Upon A Time In The West“ auch als „Spiel mir das Lied vom Tod“ bekannt gehört genauso dazu wie „Follow Me Home“ und „Lady Writer“. „Communiqué“ ist genauso gut wie die Musik auf der ersten Dire Straits Platte. Ich wünschte, es gäbe mehr solcher Alben, mit denen man einen ganzen Nachmittag lang seinen Popträumen nachhängen kann, während man alte Alben mit Beatles und Beach Boys durchblättert.

Sonny Terry & Brownie McGhee, Sonny & Brownie, 1973

Produzent/ Hal Winn, Maurice Rodgers

Label/ A&M

Mit vorzüglicher Unterstützung von John Mayall, Sugarcane Harris, John Hammond, Arlo Guthrie und vieler anderer haben Sonny Terry (1911-1986) und Brownie McGhee (1915-1996) ein Album eingespielt, das den alten Blues mit der Rockmusik einträchtig und überaus effektvoll verbindet. Der Umstieg auf elektrisch verstärkte Instrumente, der Musikern wie Howlin‘ Wolf und Muddy Waters noch erhebliche Schwierigkeiten bereitete, ist ihnen genauso unproblematisch wie das gemeinsame Zusammenspiel mit jungen weissen Rock- und Blues-Enthusiasten. Und ebenso vorurteilslos zeigen sich Sonny und Brownie, wenn es darum geht, Kompositionen von jüngeren Musiker-Kollegen aufzugreifen. „Sail Away“ von Randy Newman und Curtis Mayfields „People Get Ready“ fügen sich selbstverständlich und nahtlos in die Eigenkompositionen ein.

Die stilistische Abgerundetheit hat ihre Ursache vor allem in einer ausgezeichneten Produktion. Mit Eddie Greene sitzt ein Mann am Schlagzeug, dessen Beat genau die richtige Härte und Durchschlagskraft hat, um die Vitalität der beiden Blues-Musiker noch plastischer hervortreten zu lassen. John Mayall zeigt sich hier von überraschend vielen guten Seiten: am Piano, auf der elektrischen 12- String und zusammen mit Sonny Terry auf der Mundharmonika. Auch Arlo Guthrie ist ebenfalls gleich auf einer ganzen Handvoll Instrumente zu hören. Und nicht zuletzt Sugarcane Harris mit einem kurzen, aber wundervollen Violine-Solo auf „Bring It On Home To Me“. Ich mag jedes Stück auf diesem Album sehr gern. In den alten Tagen, als mir die Scheibe zwischen die Finger gekommen ist, habe ich sie eine Zeit lang fast jeden Morgen auf den Plattenteller gelegt.

Gov’t Mule, Heavy Load Blues, 2021

Produzent/ Warren Haynes, John Paterno

Label/ Fantasy

Das Quartett um dem Gitarrenvirtuosen Warren Haynes nutzte die durch Covid bedingte Auszeit von der Konzertbühne mit der Realisierung eines Bluesalbums. Es enthält einen bunten Mix aus Covers und eigenem Material. Da die Band den Begriff Blues ziemlich weit fasst, gibt es nach Elmore James‘ „Blues Before Sunrise“ auch groovende Soulstücke wie Bobby Blands „Ain’t No Love In The Heart Of The City“ oder Ann Peebles‘ „Feel Like Breaking Up Somebody’s Home“ beides interpretiert die Band sehr gut.

Warren Haynes ist ein brillanter Sänger und Junior Wells‘ „Snatch It Back and Hold It“ bekommt eine Frischzellenkur verpasst. Exzellent ist auch die kraftvolle Version von Tom Waits‘ „Make It Rain“. Dass die Band dazu neigt, die Stücke etwas die Länge in zu ziehen, tut dem Hörgenuss keinen Abbruch. Für Abwechslung sorgen akustische Stücke wie „Heavy Load“ und „Dark Horizon“. Eines sehr gutes Cover gelingt Gov’t Mule auch mit Howlin‘ Wolfs „I Asked Her For Water (She Gave Me Gasoline)“. Unterm Strich ist „Heavy Load Blues“ ein sehr gut klingendes Album eines Quartetts von begabten Musikarchäologen, die sich selber begeistern von der Materie, in der sie sich bewegen und in der Lage sind diese Begeisterung weiterzugeben, dabei immer ebenso die ursprünglichen Schöpfer in den Fokus stellend. Das ist weder altbacken noch gestrig, sondern Traditionspflege in besten Sinne.

Robert Plant & Alison Krauss, Raise The Roof, 2021

Produzent/ T Bone Burnett

Label/ Rounder

Die Kombination aus Led-Zeppelin-Sänger Robert Plant, Bluegrass-Star Alison Krauss und Rootsrock-Produzent T-Bone Burnett wurde 2009 zum grossen Abräumer bei den Grammy Awards. Dem Meisterwerk „Rising Sands“ schiebt das Team jetzt endlich einen Nachfolger hinterher. „Raise The Roof“ wird den hohen Erwartungen gerecht. Mit untrügerischem Instinkt und tollen Begleitmusikern (darunter Marc Ribot, Bill Frisell, Jay Bellerose) interpretiert das Duo Country-, Folk-, R&B- und Bluessongs von Merle Haggard, Allen Toussaint, den Everly Brothers, Anne Briggs, Geeshie Wiley, Hank Williams und anderen. Hier verschmelzen die Genres miteinander und machen nachvollziehbar, wie sie einst die Rassenbarrieren überwinden und sich gegenseitig beeinflussen konnten. Die Stimmen von Plant und Krauss harmonieren wunderbar, mühelos gleiten sie von verführerisch zu zupackend.

Entsprechend unterschiedlich sind meine Lieblingssongs aus dieser Kollektion: Unter die Haut geht mir Alison Krauss‘ Gesang in „Don’t Bother Me“ (Bert Jansch), während das bluesige Riff in Lucinda Williams‘ „You Can’t Rule Me“ fast an Led Zeppelin erinnert. Erstaunlich, wie es T-Bone Burnett einmal mehr gelingt, traditioneller Musik neues Leben einzuhauchen, ohne den historischen Sound zu imitieren. Ein Ohrenschmaus.

XTC, Black Sea, 1980

Produzent/ Steve Lillywhite

Label/ Virgin

Ja, XTC waren eine gute Pop-Band. Die einzige Gruppe, die wirklich die Balance zwischen den Residents und Monkees zu halten wusste, bei der jeder Einfall so logisch wie überraschend kommt. Die Songs auf „Black Sea“ enttäuschen, wie schon bei „Drums And Wires“ (1979), kein bisschen, nur die Produktion ist reifer geworden: Der Einsatz von Terry Chambers charakteristischem Schlagzeug, die Dubs, Echos und Halleffekte. Andy Partridges Vokalartistik. XTC waren durch diese Platte auch ein bisschen populärer geworden, nicht zuletzt durch die beatlesquen Harmonien etwa auf „General And Majors“ oder „No Language In Our Lungs“. Beatles- und Kinksähnlich auch immer die Mischung aus Rauhheit und Emotionalität.

In „Respectable Street“ zum Beispiel. Nach dem gesprochenen in einer gebrochenen Stimme vorgetragenen Intro (Albumversion), laubsägelt eine verzerrte Gitarre ein Powerriff, in das Schlagzeug und Bass fallen. Partridge schiebt gleich den Refrain nach: „Heard the neighbour slam his car door. Don’t he realise this is a respectable street. What d’you think he bought that car for‘. Cos he realise this is a respectable street“.  Im Prolog, der gegen Ende des Songs wiederholt wird, kommentiert der Sänger die Nachbarn, im Refrain zitiert er sie. In den Strophen führt er ihre Klagen aus und mischt sich kommentierend ein.

„Black Sea“ ist eine Platte, die mich damals beim ersten Anhören restlos überzeugt hat, die ich aber auch heute noch gerne höre. Wer allerdings bei einem Song wie dem quirligen “Living Through Another Cuba“ oder „Optimism’s Flames“ nicht begeistert ist, wird sich nie mit XTC anfreunden.

Ry Cooder, Get Rhythm, 1987

Produzent/ Ry Cooder

Label/ Warner Bros.

Dieses Album wollte ich schon lange mal vorstellen: eine der ersten Nicht-Soundtrack-Platten von Ry Cooder. Hier die Liste derer, die mitgemacht haben: Buell Neidlinger, einst Bassist von Cecil Taylor, dann Dirigent, dann wieder bei Van Dyke Parks aufgetaucht. Der wiederum spielt alle Keyboards. Larry Blackmon von Cameo ist bei einem scharf gewürzten „All Shock Up“ zu hören. Harry Dean Stanton kommt zu Wort, wenn es virtuos traurig wird. Vier schwarze Backgroundsänger sind auch dabei. Und Flaco Jimenez.

Ry Cooder hat mit dieser Platte reizend sauber ein zwangsneurotisches Bild von Amerika zusammenkonstruiert: Alles kann nur noch exakter, noch reizender, noch lustiger werden. Eigentlich verwunderlich, dass darin Leute wie Jim Dickinson Songs geschrieben haben. „Woman Will Rule The World“ ist eine eigenartige Mischung aus mexikanisch und Calypso; eines der seltenen Liedern, für die nur ein Adjektiv taugt: fein. Ry Cooder ist mit „Get Rhythm“ so gut wie in den Zeiten von „Chicken Skin Music“(1976). Das war jene schöne friedvolle Zeit, als man, ohne als Zuhälter angesehen zu werden, Hawaii-Hemden tragen konnte.

Hot Tuna, Steady As She Goes, 2011

Produzent/ Larry Campbell

Label/ Red House

Erstaunlich, wie langlebig manche Bands auch ohne Ewigkeitsruhm à la Rolling Stones sind. Hot Tuna hat es an Bekanntheit niemals mit dem „Mutterschiff“ Jefferson Airplane aufnehmen können. Doch noch heute ist die Gruppe (nach kurzzeitiger Unterbrechung in den 80er Jahren) auf Tour. Und mit Jorma Kaukonen und Jack Casady sind zwei der Gründungsmitglieder noch immer an Bord. Damit ist sie die am längsten existierende Band der kalifornischen Hippie-Szene… Seltsam eigentlich, dass es zwanzig Jahre dauern musste, bis sie mal wieder ein Album aufgenommen haben.

Wenn Musiker als „authentisch“ oder ur-amerikanisch geltende Rockmusik einspielen wollten, dann war das Studio des 2012 verstorbenen Schlagzeugers und Bandleader Levon Helm in Woodstock ein gern aufgesuchter Ort. Denn irgendwie gilt seit den Tagen der „Basement Tapes“ (oder fälschlicherweise seit dem Woodstock-Festival) Woodstock als ein fast mythischer Ort. Hot Tuna jedenfalls ist dieser Ausflug gut bekommen.

„Steady As She Goes“ mag nicht das spektakulärste Bluesrockalbum sein. Doch die zwölf Songs (ob von den Bandmitgliedern geschrieben oder Neuinterpretationen etwa von Rev. Gary Davis) sind in ihrer ruhigen Art auf jeden Fall mehr als hörenswert. Die Lieder treten nicht im Wettstreit um den schnellsten und härtesten Bluesrock an, sondern sind mit Mandolinen und anderen akustischen Instrumenten eher im Grenzland zwischen Folk, Blues und Country angesiedelt. Und damit kann man sich einen ruhigen Abend sehr angenehm vertreiben.

Phil Alvin, Un „Sung Stories“, 1986

Produzent/ Phil Alvin

Label/ Slash Records

Er war der Blasters-Chef, er liebt die amerikanischen Traditionen und hat auf angenehme naturbelassene Art einen Haufen Standards der Gattungen Blues, Vaudeville, Jive, Swing eingespielt. Der Begriff Americana war 1986 noch nicht weit verbreitet, passt aber perfekt zu den Inhalten von „Un ‚Sung Stories'“. Phil schöpft das Repertoire aus seinen eigenen jugendlichen Lieblingskünstlern und -liedern und belebt einen frühen Bing Crosby-Hit, eine Gospel-Verkleidung von Elder Anderson Johnson und nicht weniger als vier Songs von Cab Calloway. Auf ein paar Lieder wird er von einigen ehemaligen Mitgliedern der Blasters begleitet, auf anderen von der Dirty Dozen Brass Band aus New Orleans. Am wichtigsten war vielleicht, dass er Sun Ra überredete, für ein paar Tage ins Studio zu kommen, um sein Arkestra in einer Session zu leiten, die drei der zehn Songs des Albums produzierte. Das Endprodukt ist belebend und überzeugend.

Jim Jarmusch, Down by Law, 1986

Regie/ Jim Jarmusch

Produktion/ Alan Kleinberg

Label/ Island Pictures

Die Eröffnungssequenz mit der Kamera in einer endlosen Fahrt durch New Orleans habe ich bei dem Tom Waits Song „Jockey Full Of Bourbon“ bereits erwähnt. Dann werden wir Zeuge, wie die wunderbare Laurette (Ellen Barkin), in ­Negligé und wirrer, weissblonder Haar­spray-Mähne weinend die ganze Plattensammlung, Lebenswerk des arbeitslosen ­Radio-Discjockeys Zack (Tom Waits) aus dem Fenster schmeisst. Zack lässt es geschehen, sitzt tatenlos auf dem Bett, bis Laurette seine Lieblingslederstiefel packt – da, wir ahnen es, ist die Liebe vorbei! Damit fängt der Film aber erst richtig an: Gemeinsam mit dem obercoolen Zuhälter Jack (John Lurie) und dem italienischen ­Lebenskünstler Roberto (Roberto Benigni) landet Zack in einer Gefängniszelle. Zuerst gehen die drei ungleichen Ganoven ­einander gehörig auf den Wecker. Bis zu dem Zeitpunkt, als Roberto, der sich zwar anglophil „Bob“ nennt, aber kaum ein Wort Englisch spricht, die Lethargie seiner Genossen mit einem alten Schlager durchbricht.

„I scream, you scream, we all scream for ice cream“, einer nach dem anderen stimmt mit ein, bis die drei in einem durch­geknalltem Indianertanz ihre Zelle auf den Kopf stellen. Das ist der Anfang einer wunderbaren Freundschaft. Bald darauf brechen die drei aus dem Gefängnis aus, brechen auf, in eine ungewisse ­Zukunft – frei nach dem Vorbild der Holly­­wood­-Filme, die Roberto gesehen hat, getrieben von der Gewissheit: Es kann nur besser werden. Verfolgt von Gendarmen und Gesetz schlagen sie sich durchs Sumpfland und finden in der Einöde unverhofft das Glück, in Form einer rüstig-rustikalen Wirtin (Nicoletta Braschi).

Dieser Schwarzweiss-Streifen, diese Gangster­ballade, dieser postmoderne Film Noir war für mich 1986 ein Glücksfall. Auch heute bleibt „Down by Law“ für mich eine von diesen ewigen Filmperlen, die ich mir immer wieder ansehen kann, sie hat nicht nur die Einsicht, was ein guter Film nicht braucht ( Animationen, Explosionen, Farbe), sondern auch der unsterbliche Satz von Roberto Benigni, Quintessenz aller ­Tragikomödien, der damals genauso zutraf wie heute: „It is a sad and beautiful world.“

Status Quo, Piledriver, 1972

Produzent/ Status Quo

Label/ Vertigo

Haare runter, die Mähne geschüttelt und in die Saiten gedroschen. Wer auf hart rockenden Gitarren-Boogie-Rock steht, kann mit Status Quo eigentlich nichts falsch machen. Schon gar nicht mit den Alben, die die Band zwischen 1972 und 1981 veröffentlicht hat. Auch wenn angeblich jedes Lied gleich klingt und Status Quo lediglich drei Akkorde kennen, hat doch jedes Album seinen eigenen Charakter.

Das 1972 erschienene „Piledriver“ ist das erste von etlichen Hammer-Alben, die Status Quo herausgebracht haben. Schon der erste Ton zeigt wo es langgeht. Hier werden keine Kompromisse gemacht. Statt dessen wird gerockt, was das Zeug hält. „Don’t Waste My Time“ ist ein schnörkelloser Boogie mit wenig Text, aber langen Gitarrensoli. „Oh Baby“ basiert auf dem gleichen Boogie-Rhythmus, allerdings kommt der Song etwas melancholischer daher. So gesehen ist der Song zumindest von der Melodie alles andere als typisch für Status Quo. Leiser und langsamer geht es dann mit „Unspoken Words“, einem lässigen Blues und der Ballade „A Year“ weiter.

Die A-Seite der LP ist damit beendet. Die B-Seite wird mit dem harten Rocker „Big Fat Mama“ eröffnet. Dann folgt „Paper Plane“, ein nicht mal dreiminütiger Power-Rock. Die Gitarren klingen hier speziell, Francis Rossi singt genial. Und am Titel kann man wieder mal erkennen, wie sehr der Band der Inhalt der Texte egal war. Mit „All The Reasons“ kommt der zweite sanfte Song, ehe das Doors-Cover „Roadhouse Blues“ das Album auf grandiose Weise abschliesst. „Piledriver“ ist ein Hammer-Album voller Klassiker und abwechslungsreich wie vielleicht kein anderes Status Quo Album.