Iggy Pop, American Caesar, 1993

Produzent/ Malcolm Burn

Label/ Virgin

Die Band besteht aus Unbekannten, die aber so gut, massiv und dumpf sind wie die Stooges (nur dass sie besser spielen). Als Kinder der 90er verfügen sie natürlich über ein Rock-Idom, das mehr gesehen hat als die Jungs aus Detroit. Von den 16 Tracks des Albums haben mindestens 13 eine Qualität wie man sie von Rock-Songs erwartet. Dazu verbreiten die Texte selten gehörte Evidenzen zwischen Schwachsinn und letzter Einsicht.

Im Zentrum von „American Caesar“ stehen für mich das zweitletzte und das letzte Stück. Nämlich zunächst die unüberflüssigste Version von „Louie Louie“, bei der Iggy zum Originaltext hinzuphilosophiert, was Birne und Glotze zu bieten haben („I am bad as Dostoevsky“, angekündet mit den Worten „And now: The News“. Conclusio: „After Bush and Gorbatechev/ The wall is down but something’s lost/ Turn on the News, looks like a movie/ It makes me wanna sing Louie, Louie.“ Dazwischen nimmt er einmal mehr die Rolle des „Idiot“ an, der sich nicht auskennt mit Gesundheitsreform, Infektionskrankheit und Obdachlosigkeit. Doch dann kommt „Caesar“. Ein völlig irrer Rap, der den Amis einen Caesar vorschlägt, der die Christen den Löwen vorwerfen will, sich in Geschichtssammelbildchen verliert, deliriert, während im Hintergrund nur eine Gitarre und ein paar Geräusche rummeckern. „Turn the other cheek? Ha! Ha! Two thumbs down!“

The Ramones, Leave Home, 1977

Produzent/ Tony Bongiovi

Label/ Sire Records

Manchmal verfolgt einen tage- oder sogar wochenlang eine Melodie, womöglich noch ein Schlager, den man eigentlich gar nicht ausstehen kann. So habe ich letzthin im Radio „Glad To See You Go Go Go“ von den Ramones gehört und seither nudelt dieses Lied vor meinem inneren Ohr. Auch von der Platte „Leave Home“, auf der sich der Song befindet, kann ich zur Zeit nicht genug bekommen, ich kann zur Tages- und Nachtzeit einen Song vertragen.

„Leave Home“ ist das zweite Album der Ramones. Geändert hat sich seit ihrem Debüt-Album nicht viel, nur dass „Leave Home“ vielseitiger produziert ist. Der Sound kommt für damalige Verhältnisse sehr „fett“ rüber. Die nächste Neuerung findet sich in den Backing Vocals, die auf dem Debüt noch eher rar gesät waren. Hier gibt es in so gut wie jedem Song eine zweite Stimme oder an die Beach Boys erinnernde Background-Chöre, die den rauen Gitarrenklängen entgegenwirkend einen Hauch Surf-Pop geben. Auch das Songwriting geht in eine etwas freundlichere Ecke, als die Lieder des ersten Albums. „I Remember You“ oder „Oh Oh I Love Her So“ sind da programmatisch. Aber für „Carbona Not Glue“ gab es wirklich Ärger, weil eine Reinigungsfirma ein Trademark auf diese Chemikalie angemeldet hatte. Der Song wurde von allen Nachpressungen des Albums genommen und durch „Sheena Is A Punk Rocker“ ersetzt.

The Clash, Give ‚Em Enough Rope, 1978

Produzent/ Sandy Pearlman

Label/ CBS Records

Mit ihrem zweiten, 1978 vom amerikanischen Produzenten Sandy Pearlman ( u.a. Blue Öyster Cult, Mahavishnu Orchestra) produzierten, Album lösten The Clash etliche Kontroversen innerhalb der damaligen Punk-Szene aus. Mainstream, Verrat schrien da einige ohne sich auch nur ansatzweise auf das Album einzulassen.

„Give ‚Em Enough Rope“ war die Einstimmung auf den Crossover-Klassiker „London Calling“ und braucht sich vor dem ebenfalls überragenden Debütalbum keinesfalls zu verstecken. Ich glaube auch nicht, daß sich Strummer, Jones und Kollegen dem amerikanischen Markt anbiedern wollten, denn dazu sind die Texte viel zu politisch. The Clash war das starre Korsett des Punk einfach zu eng und daher wandten sie sich anderen Sounds und Genres zu, um daraus ihre ureigene Musik zu entwickeln. Neben „klassischen“ Punk-Granaten à la „Tommy Gun“, „Safe European Home“, „English Civil War“ oder „Cheapskates“ finden sich Glam-Rock Anleihen, wie bei dem hymnischen „All The Young Punks“, Ska-Reggae „Julie’s Been Working For The Drug Squad“ oder gar straighter Hard-Rock „Guns On The Roof“, das von einem wüsten Abenteuer auf dem Dach eines Hotels handelt.

Ich höre dieses Album nach 40 Jahren immer noch gern. „Give ‚Em Enough Rope“ ist für mich ein weiterer Beweis für die überwältigenden Qualitäten dieser Londoner Band, auch wenn man das Album heute allzugerne in den riesigen Schatten ihrer beiden strahlenden Klassiker „The Clash (1977)“ und  „London Calling (1979)“ stellt.

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Bikini Kill, Pussy Whipped, 1992

Produzent/ Stuart Hallerman

Label/ Kill Rock Stars

Hier wird krachender Punk gespielt, mit Noise-Anklängen, ohne unnötige Spielereien – und die Tatsache, dass Frauen hier den abgehalfterten 77er Punks oder den 81er Hardcore Veteranen die geliebte Nostalgie vermiesten, soll zum Hass und zur Häme – und zu übelsten frauenfeindlichen Beleidigungen geführt haben. Durchaus vorstellbar, ist doch gerade der Alt-Punk gerne ein Ausbund an Intoleranz. Dabei kann man es auch so sagen: Bikini Kill holten Punk zurück zu seinen Wurzeln. Die „männliche“ Variante war immer technischer und virtuoser geworden, es ging nicht mehr darum, „Was“ gesagt wird, sondern nur noch um’s „Wie“ – und das ist immer schlecht. Zumal Bikini Kill auf dem Album „Pussy Whipped“ ihre feministischen Botschaften in infektiöse Songs packten: Da wird Sexismus in seiner widerlichsten Form angeprangert, es geht um Vergewaltigung und Pädophilie und Hanna verlangt schlicht, dass Frauen über ihre Sexualität – wie über ihr ganzes Leben – selber bestimmen sollen.

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The Clash, Sandinista, 1980

Produzent/ Mikey Dread, The Clash

Label/ CBS

„Sandinista“ ist ein Dreifachalbum mit viel Reggae, Funk, auch Streicher, leichtfüssiger Pop mit weiblichem Leadgesang, Kinderlieder, Gospel, Dub – und wenn Joe Strummer singt, dann klingt das wie Dylan vor vielen Jahren; also nörgelig und einsam. Also selten als Strummer zu erkennen.

Auch textlich betreibt er auf „Sandinista“ wieder die Einführung der Sechziger: Die dritte Welt, letztes Residuum orthodoxer Linker, wo die Widersprüche noch die alten sind, wo man nicht denken muss, wo man mit beziehungslosen Klischees fetzen kann: „Remember Allende, remember Victor Jara“. Mythenbildung. Nichts gegen Strummers linkes Gewissen, aber viel gegen die verzweifelte Beziehungslosigkeit mit der sich die Clash aus dem grossen Füllhorn der Dinge, die „politisch“ heissen, das herausgreifen, was sie ohne hinzusehen in die Finger bekommen. Wer brauchte den 1980 schon eine Gruppe, die in greinender, mittsechziger Protestsong-Manier, das poetisch-sensible-Rock’n’nRoll-Ego wieder auferstehen lassen will, dessen Gehirn längst vom Weltganzen wie von Blitzen durchzuckt ist…

Der Gerechtigkeit halber muss man aber auch erwähnen: Musikalisch ist vieles, so unzusammenhängend die Stücke auch untereinander sein mögen, recht gelungen.  Der Ghetto-Reggae „One More Time“, das funky „Lighning Strikes“, fast die ganze  Seite eines der LP, und ca. die Hälfte der Seiten zwei bis vier. Eddie Grants „Police On My Back“ ist da und noch einiges anders. Es hätte für ein intelligentes, buntes Mainstream-Pop-Album gereicht, aber hier muss man sich erst durchfressen und die guten Songs markieren.