Jimi Hendrix, Voodoo Child (Slight Return), 1968

Text/Musik/ Jimi Hendrix

Produzent/ Jimi Hendrix

Label/ Reprise Records

Auf meine Frage, was unsere Generation eigentlich von der der Eltern unterschieden hat, kam von einem Lehrer-Freund ohne Zögern die Antwort: „Rock- und Jazzmusik; dass wir die nicht nur gekannt, sondern auch erlebt haben. Mir scheint – wenn ich mir die digitalisierte Welt der heutigen Jungen ansehe, dass da etwas verschwunden ist, eine lineare Geschichte. Dieses Verschwinden wird ersetzt durch die Abspeicherung weitgefächerter Musikfelder mit vielen Übergangserfahrungen. Wir haben damals Musik noch als ein Wachstumsprozess erfahren, der uns von der älteren Generation abgegrenzt hat“.

Für mich war, wie für viele Jugendliche in den 60er, Jimi Hendrix wichtig für den Ausbruchpower: „Cause I’m a million miles away/ and at the same time I’m right here inside your picture frame“. Voodoo Children, das waren wir alle. Eine bewegte Generation, neue Wohnformen, Bomben in Vietnam, Rassenunruhen in den USA, Undergroundkultur, Drogen und Plätze wie New York, San Francisco, London, Amsterdam. Die Musik und die Lebensweise von Jimi Hendrix waren eine Art Existenzbeweis für die Hippiebewegung und Subkultur. Mit bestimmten Leuten zu reden oder bestimmte Musik zu hören war eine Abgrenzung von der älteren Generation. Hendrix war ein Musiker, der zur richtigen Zeit die richtigen Steckdosen gefunden hatte; der Gitarrengott für die fliessenden Körperaggregatzustände, das kosmische Fühlen, Liebeslyriker, Minnesänger, Melancholiker, Märchenerzähler, Engel, indianerschwarzer Gypsy und Medizinmann.

Hendrix war keine spezielle Mischung menschlicher Sexualitätsformen, seine Elektrisch-Gitarristische Aufladung hat etwas Übergeschlechtliches, etwas Androgynes. „Voodoo Child (Slight Return)“ ist ein unglaublich mitreissendes Stück, das zwischen den Boxen hin und herfegt, dass man Schindelgefühle bekommt. Die magisch-akustische Schwingung beim Musikhören, überträgt sich auf die Eingeweide, aufs „Innere“, ist „Ekstase, ist das „mystische Erlebnis“.

Elvis Presley, Heartbreak Hotel, 1956

Text/Musik/ Mae Boren Axton, Thomas Durden

Produzent/ Stephen H. Soles

Label/ RCA Victor

Das Stück mit einem Text der Englischlehrerin Mae Durden aus Jacksonville und ihrem Mann Tom, aufgenommen am 10. Januar 1956 und zweieinhalb Wochen später veröffentlicht, erreichte drei Monate später die Spitze der US-Hitparaden. Die eigentliche Revolution von „Heartbreak Hotel“ bestand aber darin, dass hier zum ersten Mal eine grosse Plattenfirma einen Hit platzieren konnte, der über die Stil- und Rassenschranken reichte.

Die Intensität mit der in „Heartbreak Hotel“ Einsamkeit beschworen wird, ist bemerkenswert. Elvis singt den Song rabenschwarz in jeder Beziehung. Das Gefährliche ist nicht die Versuchung, von der er kündet, sondern diejenige, die er im Publikum auslöst. Mit jeder Strophe liefert er weitere Notfälle ins Heartbreak Hotel; entsprechend wird das „I feel so lonely“ mit „they feel so lonely“ oder, in der letzten Strophe, „you feel so lonely“ variiert.

Gerade indem der Song den Verlust feiert, den er beklagt, geht der Verlust über den Liebeskummer hinaus; er ist existentialistisch geprägt. Hier ist von der Verlassenheit einer Generation die Rede, die sich in der auf Sicherheit getrimmten Eisenhower-Ära nicht zurechtfinden will, die den Kalten Krieg abschütteln möchte und aufbegehrt, wenn auch zunächst ohne Alternativen. „Heartbreak Hotel“ hat den Weltschmerz zum Thema und liefert ihm quasi eine Absteige. Das Stück wirkt so kraftvoll, weil der Sound die Botschaft in ihr Gegenteil verkehrt. In der Interpretation von Elvis überwiegt nicht der Schmerz, sondern die Wut. Diese Ambivalenz hatten Mae und Tom Durden als sie den Text schrieben nicht beabsichtigt. Sie illustrierten nur eine Zeitungsmeldung über einen Selbstmörder, der als Abschied den Satz „I walk the lonely street“ hinterlassen hatte. „Everybody in the world has someone who cares“, sagte Mae Durden ihrem Mann; „so let’s put a Heartbreak Hotel at the end of this lonely street“.

The Velvet Underground, After Hours, 1969

Text/Musik/ Lou Reed

Produzent/ The Velevet Underground

Label/ MGM Records

Letzthin fiel mir der Anfang einers Songtexts ein: „If you close the door, the night could last forever. Keep the sunshine out and say hello to never“. Wer hat das gesungen? Eine Frauenstimme, so viel weiss ich noch. Die Stimme klingt jung, weich und verletzlich. Plötzlich habe ich sie wieder im Ohr. Der Song ist schon alt, er entstand Ende der 60er Jahre. Die Frau trug damals einen braunen, glatten Umhang aus Haar. In der Mitte gescheitelt. Die Stimme klingt echt, einfühlsam, doch der Song, ist kein Klagelied, dafür ist die Melodie zu harmlos und zu fröhlich. Und jetzt fällt mir auch der Name der Sängerin wieder ein. Das war Moe Tucker, die Schlagzeugerin der Velvet Underground, die aussieht wie ein Mann. Eigentlich sieht sie aber aus wie gar nichts, jedenfalls nicht so wie ihre Stimme. Nach dem Ende der Band hat sie eine Zeit lang als Kassiererin bei Walmart gearbeitet.

Julie Driscoll, Brian Auger & The Trinity, Season Of The Witch, 1967

Text/Musik/ Donovan, Shawn Phillips

Produzent/ Giorgio Gomelsky

Label/ Polydor

Julie Driscoll ist eine der aussergewöhnlichsten und ausdrucksstärksten Sängerinnen der Rockgeschichte. Eine unglaublich kämpferische und leider heute schon fast vergessene Sängerin. Mit Brian Auger & The Trinity hat sie einige Klassiker der Rockmusik Ende der 60er Jahre veröffentlicht. Ihre Version von „Season Of The Witch“ ist aus meiner Sicht immer noch die beste Interpretation dieses Songs. Julie Driscolls Stimme ist voller Intensität, Melancholie und Schönheit: „When I look at my window/ Many sides to see/ And when I look in my window/ So many different people to see/ That is strange, it sure is strange“ reflektiert sie, und dann „You’ve got to pick up every stitch“ fährt Julie fort, wiederholt, die Intensität ihres Gesangs steigernd “You’ve got to pick up every stitch” und abermals halb anklagend, halb inbrünstig, fordert Julie „You’ve got to pick up every stitch“ und dann zischen Orgel-Schlangen aus einem unsichtbaren Raum, den nun Brian Auger betreten hat und Julie Driscoll tanzt in den Raum, singt den Refrain, dreimal die Zeile „Must be the season of the witch“ wiederholend. Dann begibt sich der Song auf eine zweieinhalb-minütige instrumentale angejazzte Reise, auf der Brian Auger mit seiner Orgel über das Grundthema des Songs improvisiert. „You’ve got to pick up every stitch“ wiederholte Julie Driscoll dreimal in aller Dringlichkeit, um ganz aus sich heraus „Must be the season of the witch“ ebenso dreimal in furioser Manier zu wiederholen, besser: zu variieren, um so den Song in sein Finale zu überführen, immer begleitet vom magisch-swingenden Groove der Rhythmusgruppe und Brian Augers Orgelspiel.

Jimi Hendrix Experience, Wild Thing (Live), 1967

Text/Musik/ Chip Taylor

Produzent/ John Phillips, Lou Adler

Label/ Polydor

Es ist, wieder mal, Geschichte was am Festival im kalifornischen Monterey geschah. Angekündigt von Brian Jones legte Jimi tierisch vor, klingelte mit „Killing Floor“ jeden Freak mit tausend Phones aus den Haschischträumen. Von Track zu Track erklang ein Sound aus immer neuen Räumen. Die Leute lauschten bass erstaunt, sahen die Federboa fliegen, die blutigroten Beine sich wie die orange Brust verbiegen. Jimi spielte meisterlich! Dem Zauber eines Magiers gleich gebot er allen Tönen, die Bühne ward zum Himmelsreich, erfüllt vom Klang des Schönen. Er wandte sich ans Publikum, gestand mit leiser Stimme, er brächte jetzt sein Liebstes um, kein Opfer wäre schlimmer. Er liess die Gitarre heulen, begann in „Wild Thing“ von den Troggs die Verstärker zu zerbeulen, stiess die Fender in die Box, klemmte sie in seine Schenkel, nahm den Vibratorarm als Henkel, legte die Gitarre flach, küsste ihren Körper, bespritzte sie noch mannigfach und setzte sie in Flammen.

AC/DC, Let There Be Rock, 1977

Text/Musik/ Angus Young, Malcolm Young, Bon Scott

Produzent/ Harry Vanda, George Young

Label/ ATCO

Yeah, let there be rock! Solchen wie diesen hier! Immer und überall! Auch mit dem Titelstück von ihrem dritten Album zeigen AC/DC wo der australische Bartli den Most holt. Angus Young spielt sich den Arsch auf, Bon Scott krächzt seine Macho-Sprüchlein wie ein strangulierter Kolkrabe, die übrigen Drei halten sich mit Caracho auf Trab. Und subtil ist das Ganze wie eine Catch-Weltmeisterschaft im Halbschwergewicht.

Ach was, pfeif auf die Hausordnung, dreh die Lautstärke voll auf, spiel das Stück und ich kann mir die ganzen blöden Sprüche sparen…

The Beatles, Helter Skelter, 1968

Text/Musik/ Lennon-McCartney

Produzent/ George Martin

Label/ Apple

„Helter Skelter“ ist vom „White Album“. Der Umstand, dass Paul McCartney mit seinem öffentlichen Image als unverbesserliche Balladen-Tante nicht so recht glücklich war, spielte wohl eine Rolle bei der Entstehung dieses für Beatles-Verhältnisse ganz untypisch schroffen, lauten, straighten Rumpel-Rockers. So untypisch, dass Ringo Starr irgendwann seine Sticks wegwarf und schrie: „I’ve got blisters on my fingers!“. Das hat George Martin mit auf das Album genommen, damit auch alle merken, was hier gespielt wird: so eine Art Proto-Metal nämlich.

Der Song ist dann auch gerne von Exponenten des härteren Genres – etwa Mötley Crüe, Aerosmith, Siouxsie & The Banshees und, naja, wir wollen mal nicht so sein, U2 – gecovert worden. Dass Charles Manson nicht zuletzt dieses Stück als verschlüsselte Prophezeiung für eine bevorstehende apokalyptische Auseinandersetzung der weissen und der schwarzen Rasse deutete, aus der er und seine Family als Weltenherrscher hervorgehen sollten, und „Helter Skelter“ dann als Chiffre für ihre Ritualmorde umgewidmet und folglich auch beim Hollywood-Massaker an Sharon Thate und ihren Freunden mit dem Blut der Opfer an die Wand geschmiert wurde, hat der Popularität des Songs alles andere als geschadet.

Neil Young, My My, Hey Hey (Out Of The Blue), 1979

Text/Musik/ Neil Young

Produzent/ Neil Young

Label/ Reprise

Eine der schönsten Fähigkeiten Neil Youngs war es immer, im Pathetischen genau zu sein, wenn alle nur ein bestimmtes, Scheitern bestätigendes Pathos und Bewegung und grosse Emotionen wahrnahmen und hören wollten, etwas ganz genau zu sagen, dem sich auch die grosse Aufwallung der Gefühle in seiner Gefolgschaft zu unterwerfen hatte. Seine grosse Hymne aus dem Jahr 1979 puncht Neil Young auf dem Album „Rust Never Sleeps“ gleich beidseitig: „My My, Hey Hey (Out Of The Blue) akustisch, und „Hey Hey, My My (Into The Black)“ elektrisch.

Als Neil Young den Song schrieb, war Punk gerade passiert und der Songwriter fühlte sich alt. Youngs Sätze sind explosiv und müde zugleich: „They give you this/ But you pay for that“, und natürlich „It’s better to burn out than to fade away“, der vielzitierte Slogan, den John Lennon hasste und Kurt Cobain in seinen Abschiedsbrief kritzelte. Schwer zu sagen, ob Nachgeborene die Kraft und Autorität des Songs in dieser Intensität spüren. Ich bekomme noch heute Gänsehaut.

Bob Dylan, Tangled Up In Blue, 1975

Text/Musik/ Bob Dylan

Produzent/ Bob Dylan

Label/ Columbia

Eines Morgens erwachte ich. Die Sonne schien und ich lag noch im Bett. Ich fragte mich, ob sie mal wieder alles umgeworfen hat und ob ihr Haar noch rot wäre. Ihre Leute glaubten ja nie an uns, mochten Mamas selbstgestrickten Kleider nicht, Papas Konto war ihnen nicht dick genug, und ich stand an der Strassenseite, Regen fiel auf meine Schuhe, ich wollte zur Ostküste. Der Herr weiss, was ich durchgemacht hab‘. Sie war schon verheiratet, als wir uns das erste Mal trafen, sollte aber bald geschieden werden. Ich hab ihr aus der Klemme geholfen, glaub ich, vielleicht mit etwas zuviel Kraft. Wir fuhren mit diesem Wagen, so weit es ging, liessen ihn dann irgendwo draussen im Westen stehen, in einer dunklen traurigen Nacht trennten wir uns und waren uns einig, dass es das Beste wär. Sie drehte sich nochmal um, als ich schon lief und sagte: „Kleiner, wir werden uns wiedersehen, eines Tages, auf der Strasse.“ Ich arbeitete dann eine Zeit lang in den Wäldern im Norden, mochte es aber nicht und liess die Axt ganz einfach fallen, ich geriet dann in den Süden, nach New Orleans, wo ich das Glück hatte einen Job zu bekommen, bei einem Fischer, gleich bei Delacroix. Aber die ganze Zeit, die ich allein war, war mir die Vergangenheit dicht auf den Fersen. Ich hab verdammt viele Frauen gesehen, aber sie ging mir nie aus dem Kopf. Sie arbeitete in einer Oben-ohne-Bar, wo ich mal für ein Bier reinschaute. Ich konnte sie nur von der Seite sehen, weil das Rampenlicht so stark war. Später, als es leer wurde, hab ich sie noch immer angestarrt. Sie stellte sich hinter meinen Stuhl und meinte: „Kenn ich dich nicht von irgendwoher?“ Ich murmelte etwas und sie studierte die Linien meines Gesichts. Ich muss zugeben, dass ich mich etwas seltsam fühlte, als sie sich hinkniete, um mir die Schuhbänder zu binden. Sie sagte: „Ich dachte, du sagst überhaupt nicht mehr guten Tag. Siehst aus wie der schweigsame Typ.“ Dann holte sie einen Gedichtband heraus, geschrieben von einem italienischen Dichter aus dem 15. Jahrhundert und alle Worte klangen so wahr und brannten wie glühende Kohle in meiner Seele, als wären sie von mir für dich. Ich wohnte dann mit diesem Paar in der Montague-Street, in einem Kellerloch. Nachts war Musik in den Cafés und Revolution lag in der Luft. Schliesslich fing er an mit Sklaven zu handeln und irgendwas in ihnen starb. Sie musste alles verkaufen, was sie hatte und fror inwendig ein. Als die Sache schliesslich aufflog, musste ich natürlich verduften. Das einzige was ich konnte, war einfach nur weitermachen, wie ein Vogel beim Fliegen. Ich geh jetzt aber wieder zurück, irgendwie muss ich sie finden. Alle unsere ehemaligen Freunde bedeuten mir heute nichts mehr. Einige sind Mathematiker, andere sind Tischlerfrauen, ich weiss nicht wie es dazukommen konnte, ich weiss nicht, was die mit ihrem Leben machen. Aber ich bin immer noch auf der Strasse, auf der Suche nach der nächsten Unterkunft. Eigentlich haben wird doch immer dasselbe gefühlt, wir sind nur von einem anderen Standpunkt ausgegangen.

Pete Townshend, Face The Face, 1985

Text/Musik/ Pete Townshend

Produzent/ Chris Thomas

Label/ ATCO Records

Ich muss zugeben, dass ich das Album „White City: A Novel“ von Pete Townshend wohl von vorherein gar nicht hätte schlecht finden können. Schliesslich gehörten The Who für mich jahrelang zu den Grössten. Überflüssig zu sagen, dass „Face The Face“ natürlich ein gigantischer Song ist. Es scheint als hätte Townshend hier sein Krise überwunden: „ It’s time to live… we got to fight the fight, we must race the race, so we can face the face…“

Dementsprechend ist auch die Musik kräftig/rockig, die Selbstmitleid-Balladen von „All The Best Cowboys Have Chinese Eyes“ sind vergessen. Stattdessen Up-Tempo-Soul (die erste Who-Single hiess übrigens „I’m The Face“). Aus heutiger Sicht beeindruckt vorallem die treibende Energie von „Face The Face“ und dieser ausgefeilte Klang, der einen sehr eigenen Retro-Charme ausstrahlt. Wer The Who kennt, wird verstehen, warum ich „Face The Face“ für den besten Solo-Titel von Pete Townshend halte.