Eurythmics, In The Garden, 1981

Produzent/ Conny Plank

Label/ RCA Records

Bei diesem trüben, nasskalten Wetter sehnt man sich wirklich nach etwas Wärme, nach Sonne, nach Natur. Was kann man machen? Kurzfristig verreisen? Mit Gedanken an schöne Sommer in Erinnerungen schwelgen? Die richtige Musik muss her. Es gäbe hier eine Unmenge Musiktipps aus den Bereichen Blues, Rhythm & Blues, Sixties-Beat, Heavy-Rock, Jazz, Funk und Rockabilly, aber heute möchte ich Euch eine Platte vorstellen, die nicht so recht in irgendwelche Schablonen passen will. Das erste Album der Eurythmics heisst „In The Garden“ und in genau einen solchen fühlt man sich bei Anhören dieser Platte versetzt. Die Eurythmics machen Pop-Musik, nichts weiter als schöne, melodiöse Pop-Musik. Sie malen Stimmungsbilder, schaffen eine rundweg angenehme Atmosphäre herbei.

Die Songs sind abwechslungsreich, einfach, romantisch, aber nie anspruchslos. Dafür sorgt allein schon die souveräne Produktion von Conny Plank. Und die klangfarbenreiche Musik der Eurythmics selbst. Annie Lennox und Dave Stewart werden hier von verschiedenen Gastmusiker wie Jaki Liebezeit, Holger Czukay, Clem Burge und Robert Görl unterstützt. Ich mochte dieses Album von Anfang an und habe es mit der Zeit richtig lieben gelernt und lasse mich auch jetzt gerne von Annie Lennox glasklarer Elfenstimme, von Titeln wie „English Summer“, „Caveman Head“, „Never Gonna Cry Again“ und „Sing Sing“ verzaubern.

J. J. Cale, Shades, 1981

Produzent/ Audie Ashworth, J. J. Cale

Label/ Island

Es gibt ja Leute, die behaupten, J. J. Cale sei ein langweiliger Rockmusiker. Ich möchte dem nicht mal widersprechen, aber für mich macht J. J. Cale, abseits von jeder intellektuellen Bewertung Musik, die ebenso ausgeschlafen wirkt, wie sie zur Entspannung nach einem hektisch-nervösen Tag beitragen kann. Die Musik von J. J. Cale hat etwas ruhiges, und etwas anderes interessiert mich nicht, solange sie gut, authentisch und brauchbar ist.

Und das ist „Shades“ ebenso wie jedes andere J. J. Cale-Album. Zwar ist das Cover von dem Motiv der Gitane-Zigarettenpackung geklaut, doch der Inhalt ist erste Wahl, was Cales reduzierten, auf das allernotwendigste beschränkten Blues angeht. Das lange Stück „Pack My Jack“ gehört sogar zum besten, was Cale jemals aufgenommen hat. Das absolut wahnsinnige Saxophonsolo trägt dazu Wesentliches bei, aber die ganze Stimmung – verrauchte Bar, lässiges Besen-Schlagzeug, ausgeruhter Walking-Bass – liefern die Basis für eine geniale Gitarre. J. J. Cale braucht mit „Pack My Jack“ den Vergleich zu Jazzgrössen nicht zu scheuen. „Mama Don’t“ hingegen ist ziemlich beschränkt und „Carry On“ textlich auch mehr als nur dürftig, aber was soll die Krittelei: stell Deine Uhr auf „Tulsa Time“, lass Deinen Pulsschlag ins gedämpfte runtergleiten und entspann Dich mit Jay Jay. Du wirst es nicht bereuen.

Led Zeppelin, Coda, 1982

Produzent/ Jimmy Page

Label/ Swan Song

„Coda“ ist definitiv das letzte Album von Led Zeppelin. Acht Titel aus neuneinhalb Jahren wurden hier von Jimmy Page ausgewählt. Und wer es noch nicht weiss, dem sei es hier gesagt, dass Led Zeppelin gestorben ist, als John Bonham, der Schlagzeuger verstarb, denn ohne Bonham war Led Zeppelin für die verbliebenen Jimmy Page, John Paul Jones und Robert Plant undenkbar. Also im Archiv die Titel herausgesucht, die veröffentlichungswert sind und mit John Bonham eingespielt wurden. Bis auf „I Can’t Quit You Baby“, dass auch auf dem ersten Led Zeppelin-Album in anderer Form erschien, handelt es sich um noch nicht veröffentliche Aufnahmen, die aber teilweise schon live zu hören waren. „Coda“ gedeiht zu einer Biografie, zu einem Nachruf an John Bonham, ähnlich dem „Hoy Hoy“-Album von Little Feat, als Nachruf an Lowell George.

Alle Stilarten von Led Zeppelin werden vorgestellt. Von Heavy-Rock-Songs zu Akustikgitarren-Stücken, die Led Zeppelins Alben immer wieder abwechslungsreich machten. Ich möchte bis auf „Bonzo’s Montreux“ keinen anderen Titel herausheben. Sie haben alle die gewohnte Qualität, nur „Bonzo’s Montreux“ ist Schlagzeug und Rhythmus pur. Es zeigt John Bonham an den Drums in Bestform, kraftvoll und dynamisch. Wenige Stücke können allein mit Trommeln im Vordergrund bestehen, zum Tanzen animieren, faszinieren. Hier ist ein solches, ein Muss für alle Schlagzeugfans.

Dire Straits, Communiqué, 1979

Produzent/ Jerry Wexler

Label/ Warner Bros.

Die Dire Straits haben Jahre gebraucht, um ihre erste Platte zu machen. Was dabei rauskam, weiss heute jeder. Aber als Freund Pesche im Mai 1978 daherkam und sagte: „Starke Platte, musst du unbedingt hören, fantastisch usw.“, da konnten wir nicht ahnen, dass nach einem halben Jahr Desinteresse das Album in die Charts gewählt wurde. Und da läuft „Sultans Of Swing“ eben heute noch. Ich kann verstehen, wenn einen nach dem 278. Mal die Nummer recht bekannt vorkommt, nur ist das längst kein Grund „Communiqué“ schlechter zu machen, als das erste Werk.

Schliesslich hat Mark Knopfler nun wirklich Talent, Songs zu schreiben, die in die Rockgeschichte der Klassiker eingegangen sind. Und Rockopa Jerry Wexler hat das Album hervorragend produziert. „Once Upon A Time In The West“ auch als „Spiel mir das Lied vom Tod“ bekannt gehört genauso dazu wie „Follow Me Home“ und „Lady Writer“. „Communiqué“ ist genauso gut wie die Musik auf der ersten Dire Straits Platte. Ich wünschte, es gäbe mehr solcher Alben, mit denen man einen ganzen Nachmittag lang seinen Popträumen nachhängen kann, während man alte Alben mit Beatles und Beach Boys durchblättert.

Sonny Terry & Brownie McGhee, Sonny & Brownie, 1973

Produzent/ Hal Winn, Maurice Rodgers

Label/ A&M

Mit vorzüglicher Unterstützung von John Mayall, Sugarcane Harris, John Hammond, Arlo Guthrie und vieler anderer haben Sonny Terry (1911-1986) und Brownie McGhee (1915-1996) ein Album eingespielt, das den alten Blues mit der Rockmusik einträchtig und überaus effektvoll verbindet. Der Umstieg auf elektrisch verstärkte Instrumente, der Musikern wie Howlin‘ Wolf und Muddy Waters noch erhebliche Schwierigkeiten bereitete, ist ihnen genauso unproblematisch wie das gemeinsame Zusammenspiel mit jungen weissen Rock- und Blues-Enthusiasten. Und ebenso vorurteilslos zeigen sich Sonny und Brownie, wenn es darum geht, Kompositionen von jüngeren Musiker-Kollegen aufzugreifen. „Sail Away“ von Randy Newman und Curtis Mayfields „People Get Ready“ fügen sich selbstverständlich und nahtlos in die Eigenkompositionen ein.

Die stilistische Abgerundetheit hat ihre Ursache vor allem in einer ausgezeichneten Produktion. Mit Eddie Greene sitzt ein Mann am Schlagzeug, dessen Beat genau die richtige Härte und Durchschlagskraft hat, um die Vitalität der beiden Blues-Musiker noch plastischer hervortreten zu lassen. John Mayall zeigt sich hier von überraschend vielen guten Seiten: am Piano, auf der elektrischen 12- String und zusammen mit Sonny Terry auf der Mundharmonika. Auch Arlo Guthrie ist ebenfalls gleich auf einer ganzen Handvoll Instrumente zu hören. Und nicht zuletzt Sugarcane Harris mit einem kurzen, aber wundervollen Violine-Solo auf „Bring It On Home To Me“. Ich mag jedes Stück auf diesem Album sehr gern. In den alten Tagen, als mir die Scheibe zwischen die Finger gekommen ist, habe ich sie eine Zeit lang fast jeden Morgen auf den Plattenteller gelegt.

Gov’t Mule, Heavy Load Blues, 2021

Produzent/ Warren Haynes, John Paterno

Label/ Fantasy

Das Quartett um dem Gitarrenvirtuosen Warren Haynes nutzte die durch Covid bedingte Auszeit von der Konzertbühne mit der Realisierung eines Bluesalbums. Es enthält einen bunten Mix aus Covers und eigenem Material. Da die Band den Begriff Blues ziemlich weit fasst, gibt es nach Elmore James‘ „Blues Before Sunrise“ auch groovende Soulstücke wie Bobby Blands „Ain’t No Love In The Heart Of The City“ oder Ann Peebles‘ „Feel Like Breaking Up Somebody’s Home“ beides interpretiert die Band sehr gut.

Warren Haynes ist ein brillanter Sänger und Junior Wells‘ „Snatch It Back and Hold It“ bekommt eine Frischzellenkur verpasst. Exzellent ist auch die kraftvolle Version von Tom Waits‘ „Make It Rain“. Dass die Band dazu neigt, die Stücke etwas die Länge in zu ziehen, tut dem Hörgenuss keinen Abbruch. Für Abwechslung sorgen akustische Stücke wie „Heavy Load“ und „Dark Horizon“. Eines sehr gutes Cover gelingt Gov’t Mule auch mit Howlin‘ Wolfs „I Asked Her For Water (She Gave Me Gasoline)“. Unterm Strich ist „Heavy Load Blues“ ein sehr gut klingendes Album eines Quartetts von begabten Musikarchäologen, die sich selber begeistern von der Materie, in der sie sich bewegen und in der Lage sind diese Begeisterung weiterzugeben, dabei immer ebenso die ursprünglichen Schöpfer in den Fokus stellend. Das ist weder altbacken noch gestrig, sondern Traditionspflege in besten Sinne.

XTC, Black Sea, 1980

Produzent/ Steve Lillywhite

Label/ Virgin

Ja, XTC waren eine gute Pop-Band. Die einzige Gruppe, die wirklich die Balance zwischen den Residents und Monkees zu halten wusste, bei der jeder Einfall so logisch wie überraschend kommt. Die Songs auf „Black Sea“ enttäuschen, wie schon bei „Drums And Wires“ (1979), kein bisschen, nur die Produktion ist reifer geworden: Der Einsatz von Terry Chambers charakteristischem Schlagzeug, die Dubs, Echos und Halleffekte. Andy Partridges Vokalartistik. XTC waren durch diese Platte auch ein bisschen populärer geworden, nicht zuletzt durch die beatlesquen Harmonien etwa auf „General And Majors“ oder „No Language In Our Lungs“. Beatles- und Kinksähnlich auch immer die Mischung aus Rauhheit und Emotionalität.

In „Respectable Street“ zum Beispiel. Nach dem gesprochenen in einer gebrochenen Stimme vorgetragenen Intro (Albumversion), laubsägelt eine verzerrte Gitarre ein Powerriff, in das Schlagzeug und Bass fallen. Partridge schiebt gleich den Refrain nach: „Heard the neighbour slam his car door. Don’t he realise this is a respectable street. What d’you think he bought that car for‘. Cos he realise this is a respectable street“.  Im Prolog, der gegen Ende des Songs wiederholt wird, kommentiert der Sänger die Nachbarn, im Refrain zitiert er sie. In den Strophen führt er ihre Klagen aus und mischt sich kommentierend ein.

„Black Sea“ ist eine Platte, die mich damals beim ersten Anhören restlos überzeugt hat, die ich aber auch heute noch gerne höre. Wer allerdings bei einem Song wie dem quirligen “Living Through Another Cuba“ oder „Optimism’s Flames“ nicht begeistert ist, wird sich nie mit XTC anfreunden.

Ry Cooder, Get Rhythm, 1987

Produzent/ Ry Cooder

Label/ Warner Bros.

Dieses Album wollte ich schon lange mal vorstellen: eine der ersten Nicht-Soundtrack-Platten von Ry Cooder. Hier die Liste derer, die mitgemacht haben: Buell Neidlinger, einst Bassist von Cecil Taylor, dann Dirigent, dann wieder bei Van Dyke Parks aufgetaucht. Der wiederum spielt alle Keyboards. Larry Blackmon von Cameo ist bei einem scharf gewürzten „All Shock Up“ zu hören. Harry Dean Stanton kommt zu Wort, wenn es virtuos traurig wird. Vier schwarze Backgroundsänger sind auch dabei. Und Flaco Jimenez.

Ry Cooder hat mit dieser Platte reizend sauber ein zwangsneurotisches Bild von Amerika zusammenkonstruiert: Alles kann nur noch exakter, noch reizender, noch lustiger werden. Eigentlich verwunderlich, dass darin Leute wie Jim Dickinson Songs geschrieben haben. „Woman Will Rule The World“ ist eine eigenartige Mischung aus mexikanisch und Calypso; eines der seltenen Liedern, für die nur ein Adjektiv taugt: fein. Ry Cooder ist mit „Get Rhythm“ so gut wie in den Zeiten von „Chicken Skin Music“(1976). Das war jene schöne friedvolle Zeit, als man, ohne als Zuhälter angesehen zu werden, Hawaii-Hemden tragen konnte.

Hot Tuna, Steady As She Goes, 2011

Produzent/ Larry Campbell

Label/ Red House

Erstaunlich, wie langlebig manche Bands auch ohne Ewigkeitsruhm à la Rolling Stones sind. Hot Tuna hat es an Bekanntheit niemals mit dem „Mutterschiff“ Jefferson Airplane aufnehmen können. Doch noch heute ist die Gruppe (nach kurzzeitiger Unterbrechung in den 80er Jahren) auf Tour. Und mit Jorma Kaukonen und Jack Casady sind zwei der Gründungsmitglieder noch immer an Bord. Damit ist sie die am längsten existierende Band der kalifornischen Hippie-Szene… Seltsam eigentlich, dass es zwanzig Jahre dauern musste, bis sie mal wieder ein Album aufgenommen haben.

Wenn Musiker als „authentisch“ oder ur-amerikanisch geltende Rockmusik einspielen wollten, dann war das Studio des 2012 verstorbenen Schlagzeugers und Bandleader Levon Helm in Woodstock ein gern aufgesuchter Ort. Denn irgendwie gilt seit den Tagen der „Basement Tapes“ (oder fälschlicherweise seit dem Woodstock-Festival) Woodstock als ein fast mythischer Ort. Hot Tuna jedenfalls ist dieser Ausflug gut bekommen.

„Steady As She Goes“ mag nicht das spektakulärste Bluesrockalbum sein. Doch die zwölf Songs (ob von den Bandmitgliedern geschrieben oder Neuinterpretationen etwa von Rev. Gary Davis) sind in ihrer ruhigen Art auf jeden Fall mehr als hörenswert. Die Lieder treten nicht im Wettstreit um den schnellsten und härtesten Bluesrock an, sondern sind mit Mandolinen und anderen akustischen Instrumenten eher im Grenzland zwischen Folk, Blues und Country angesiedelt. Und damit kann man sich einen ruhigen Abend sehr angenehm vertreiben.

Phil Alvin, Un „Sung Stories“, 1986

Produzent/ Phil Alvin

Label/ Slash Records

Er war der Blasters-Chef, er liebt die amerikanischen Traditionen und hat auf angenehme naturbelassene Art einen Haufen Standards der Gattungen Blues, Vaudeville, Jive, Swing eingespielt. Der Begriff Americana war 1986 noch nicht weit verbreitet, passt aber perfekt zu den Inhalten von „Un ‚Sung Stories'“. Phil schöpft das Repertoire aus seinen eigenen jugendlichen Lieblingskünstlern und -liedern und belebt einen frühen Bing Crosby-Hit, eine Gospel-Verkleidung von Elder Anderson Johnson und nicht weniger als vier Songs von Cab Calloway. Auf ein paar Lieder wird er von einigen ehemaligen Mitgliedern der Blasters begleitet, auf anderen von der Dirty Dozen Brass Band aus New Orleans. Am wichtigsten war vielleicht, dass er Sun Ra überredete, für ein paar Tage ins Studio zu kommen, um sein Arkestra in einer Session zu leiten, die drei der zehn Songs des Albums produzierte. Das Endprodukt ist belebend und überzeugend.