
The Pogues, 1985

The Pogues, 1985

The Miracles, The Temptations, Martha & The Vandellas and The Supremes in London, March 1965. They are pictured at Marble Arch a few days before the start of the Tamla-Motown concert tour of the UK.

Various Artists, Hitsville USA, The Motown Singles Collection 1959 – 1971, 1992
Produzent/ Berry Gordy
Label/ Motown
Gegründet wurde das Plattenlabel Motown 1959 von Berry Gordy in Detroit, der vorher für die Ford-Werke am Fliessband stand und das dort gelernte Prinzip einfach auf die Musik übertrug. Allein der Chef entschied, welcher Song veröffentlicht wurde und welcher nicht. Aus seinem Ziel und seinem Anspruch machte der damals 29-Jährige dabei nie einen Hehl. Über seinem Haus brachte Gordy als Mission-Statement ein Schild mit der Aufschrift „Hitsville USA“ an – es sollte alle Künstler daran erinnern, warum sie rund um die Uhr in sein Studio kommen konnten: Hits, Hits, Hits – am besten ohne Pause.
Gordys Besessenheit machte sich bezahlt. Mit gerade mal 800 Dollar Startkapital hatte er 1959 Motown Records gründet, 28 Jahre später verkaufte Gordy Motown an den Branchenriesen MCA – für 61 Millionen US-Dollar. Dazwischen lag eine beispiellose Karriere, in der Gordy zum Hexenmeister des Pop avancierte. Detailversessen sezierte er erfolgreiche Popsongs, um ihr Hitpotential herauszudestillieren. Diese Fähigkeit machte den Musikfanatiker schliesslich zu einem der einflussreichsten Pop-Produzenten überhaupt – und Motown Ende der sechziger Jahre zum grössten von einem Afroamerikaner geführten Unternehmen in den USA. Bei Motown standen die Top-Stars der Ära unter Vertrag: Smokey Robinson & The Miracles, The Marvelettes, Diana Ross & The Supremes, The Temptations, Martha Reeves & The Vandellas, Stevie Wonder, The Jackson Five – eine Armee begnadeter Künstlern, die das Publikum von Detroit aus mit süssestem Soul bombardierten.
Doch auch die schönste Zeit endet irgendwann. Anfang der Siebziger waren die Charts überschwemmt mit kariösen, zuckersüssen Drei-Minuten-Popperlen, die kaum noch in die Zeit passten. Angesichts des Vietnam-Kriegs und einer aufgeladenen politischen Stimmung in den USA verlangte das Publikum nach mehr Inhalt anstatt der ewigen Boy-meets-Girl-Platitüden. Und Gordy reagierte: Mit Edwin Starrs Antikriegslied „War“ 1970 surfte Motown auch auf dieser Welle. 1971 nahm Soul-Legende Marvin Gaye für das Label sein düsteres Meisterwerk „What’s Going On“ auf, unter dessen Einfluss die gesamte Black Music in den Siebzigern eine neue Richtung einschlug.

J. J. Cale at his home near San Diego, California, 1989

J. J. Cale, 5, 1979
Produzent/ Audie Ashworth, J. J. Cale
Label/ Island
Er war ein schweigsamer Typ aus dem Bauernstaat Oklahoma, USA, unrasiert unter dem abgewetzten Hut und in allem schwer zu beeindrucken. Seine mehr gemurmelten als gesungenen Texte kamen einsilbig daher, in denen er die Zeit nach Mitternacht, den Wind, den Mond, die Magnolien, die Liebe und das freie Musizieren besang. Ebenso skizzenhaft klang sein Gitarrenspiel auf der Halbakustischen: Elemente von Blues, Rockabilly und Country in Andeutungen und dazu federnde, zum Singen schöne Melodielinien.
Mit seinem fünften Album, das er auch so benannte, hat er einen Klassiker herausgebracht. Bereits die ersten vier Songs „Thirteen Days“, „Boilin Pot“, „I’ll Make Love Tou You Anytime“ und „Don’t Cry Sister“ gehen sofort ins Ohr und nicht mehr raus. Bei “Too Much For Me“ ist man fast geneigt zu sagen, das ist genau der Titel, der auf vielen Alben anderer Musiker das Highlight wäre, einer dem etwas, aber wirklich nur ganz wenig fehlt, um als Klassiker durchzugehen. Das ist wieder der nächste, das traumhafte schöne „Sensitive Kind“ und das Fahrt aufnehmende groovende „Friday“ – unglaublich was dieser Mann für ein Feeling hat.
J. J. Cale inspirierte mit seinen Songs weit bekanntere Kollegen wie Eric Clapton und die Dire Straits, blieb aber zugleich auf seine konsequente Art bescheiden. Er gehört zu den wenigen Legenden in der Rockmusik, die nicht nur für sich ganz alleine ein Genre geprägt, sondern dieses auch unerreicht über Jahrzehnte besetzt haben.

The Clash, Sandinista, 1980
Produzent/ Mikey Dread, The Clash
Label/ CBS
„Sandinista“ ist ein Dreifachalbum mit viel Reggae, Funk, auch Streicher, leichtfüssiger Pop mit weiblichem Leadgesang, Kinderlieder, Gospel, Dub – und wenn Joe Strummer singt, dann klingt das wie Dylan vor vielen Jahren; also nörgelig und einsam. Also selten als Strummer zu erkennen.
Auch textlich betreibt er auf „Sandinista“ wieder die Einführung der Sechziger: Die dritte Welt, letztes Residuum orthodoxer Linker, wo die Widersprüche noch die alten sind, wo man nicht denken muss, wo man mit beziehungslosen Klischees fetzen kann: „Remember Allende, remember Victor Jara“. Mythenbildung. Nichts gegen Strummers linkes Gewissen, aber viel gegen die verzweifelte Beziehungslosigkeit mit der sich die Clash aus dem grossen Füllhorn der Dinge, die „politisch“ heissen, das herausgreifen, was sie ohne hinzusehen in die Finger bekommen. Wer brauchte den 1980 schon eine Gruppe, die in greinender, mittsechziger Protestsong-Manier, das poetisch-sensible-Rock’n’nRoll-Ego wieder auferstehen lassen will, dessen Gehirn längst vom Weltganzen wie von Blitzen durchzuckt ist…
Der Gerechtigkeit halber muss man aber auch erwähnen: Musikalisch ist vieles, so unzusammenhängend die Stücke auch untereinander sein mögen, recht gelungen. Der Ghetto-Reggae „One More Time“, das funky „Lighning Strikes“, fast die ganze Seite eines der LP, und ca. die Hälfte der Seiten zwei bis vier. Eddie Grants „Police On My Back“ ist da und noch einiges anders. Es hätte für ein intelligentes, buntes Mainstream-Pop-Album gereicht, aber hier muss man sich erst durchfressen und die guten Songs markieren.

Randy Newman, Born Again, 1979
Produzent/ Lenny Waronker, Russ Titelman
Label/ Warner Bros.
Meiner Erfahrung nach ist dies das am wenigsten beliebte Werk von Randy Newman, weil zu sehr Pop, zu wenig Songwriting. Aber völlig zu Unrecht. Hier sind auf wenig mehr als einer halben Stunde so viele Ideen zusammengepfercht, dass jeder der elf Songs zu einem höchst verdichteten Story-Kunstwerk wird. Am faszinierendsten dabei ist, die auf dieser Platte ins Extreme getrieben Fallhöhe zwischen den trockenen, reduzierten Texten und perfekt produzierter, breitwandiger Instrumentierung.
„It’s Money That I Love“ enthält u.a. die Strophe: „Used to worry about the poor/ But I don’t worry anymore/ Used to worry about the black man/ Now, I don’t worry about the black man/ Used to worry about the starving children of India/ You know what I say now about the starving children of India/ I say, oh mama/ It’s money that I love“ – Das ist Zündstoff, obwohl die badeschwammartige „Toleranz“ von gesetzten älteren Randy-Newman-Fans eigentlich alles aufsaugt. Dazu gibt es das Cover: Randy Newman mit Kiss-Maske an einem Technokraten-Schreibtisch, zwei grosse Dollarscheine im Gesicht.
Provozieren dürfte die Anhänger des guten Geschmacks auch das bombastische Orgelintro zu „Pants“, das im übrigen das alte Thema von „Take Off Your Clothes“ variiert. Eine Variante von „Love Story“ ist „They Just Got Married“, das abgewandelte Ende: „A couple of years go by/ She’s going to see the doctor/ It’s just a regular checkup (oh no)/ Plus she thinks she might be pregnant/ Anyway, she dies/ And he moves down to Los Angeles/ Meets a foolish young girl with lots of money/ Now they’re getting married“.
„Born Again“ ist eine durch und durch ausgezeichnete Randy-Newman-Platte, bei der allerdings solche Höhepunkte wie „In Germany Before The War“ und „Sigmund Freuds Impersonation Of Albert Einstein In America“ fehlen.

Los Lobos, By The Light Of The Moon, 1987
Produzent/ T Bone Burnett, Los Lobos
Label/ Slash
Hierzulande sind Los Lobos nur einmal ins Rampenlicht getreten und werden von den meisten wohl als die typischen „One Hit Wonder“ wahrgenommen; mit „La Bamba“, ein Remake des grossen Hits von Ritchie Valens, haben sie sich allerdings für eine Generation einen festen Platz im Gehörgang gesichert. Jenseits des grossen Teiches ist die Fangemeinde der kalifornischen Latino-Formation weitaus grösser, was angesichts der musikalischen Substanz der Band auch nicht weiter verwundert. Mit einer Vielzahl von Instrumenten bringen Los Lobos einen stilistisch ziemlich einmaligen Mix aus Rock, Country und Latin auf die Bühne, der bei entsprechender Radiopräsenz auch bei uns einschlagen würde.
„By The Light Of The Moon“ zählt bis heute zu den besten Alben der Band. David Hidalgo und Cesar Rosa zeigen hier ihre Gitarrenkünste auf rauchigen R&B-Nummern wie „Is That All There Is?“ und „All I Wanted to Do Was Dance“ ebenso wie auf der musikalischen Momentaufnahme „One Time, One Night“ und „River of Fools“. Die Bandmitglieder wechseln dabei durch die Instrumente und spielen jedes, als sei es ihr angeborenes Recht: Elektrische und akustische Gitarren, Marimbas, Orgeln, Saxophone, Mundharmonika und Schlagzeug erzeugen unvergessliche Klanglandschaften. Dabei nutzen sie die Gelegenheit, in ihren Songs über den Glauben, die Sterblichkeit und die Liebe zu meditieren. Die elf Titel von „By The Light Of The Moon“ entfalten jede Menge gute Stimmung und sorgen zwischendurch auch für eine Überraschung, denn mitten in den allesamt selbst komponierten Songs bringen Los Lobos mit „Prenda del Alma“ ein mexikanisches Volkslied zu Gehör, das sich trotz seiner Andersartigkeit hervorragend ins Gesamtkonzept einfügt.

Loudon Wainright III, The Picture, 1992
Text/Musik/ Loudon Wainright III
Produzent/ Loudon Wainright III
Label/ Charisma
Dank seiner Kinder Martha und Rufus sind die Zerwürfnisse in der Familie Wainright inzwischen gebührend ausgewalzt. In „The Picture“ einer leisen, nur zur akustischen Gitarre und Geige vorgetragener Folk-Ballade, blickt der hassgeliebte Patriarch mittels einer Fotografie, die ihn und seine Schwester im Jahr 1952 zeigt, auf seine eigene Kindheit: “ You were looking at my paper/ Watching what I drew/ It was natural: I was older/ Thirteen months more than you“. Und findet Worte für das Unaussprechliche, den einen unwiederbringlichen Moment: „And whoever took that picture captured our own world.“ Diese Wehmut ist umso ergreifender, weil sie von einem alten Spötter verkörpert wird.

Link Wray & His Ray Men, Rumble, 1958
Musik/ Link Wray, Milt Grant
Produzent/ Link Wray
Label/ Cadence
Link Wray (1929 – 2005), der von den Shawnee-Indianer abstammte, wuchs als Sohn eines Predigers in Arizona auf. Indianer-Rhythmik und die Country-Bottleneck-Technik eines obskuren Musikers namens „Hambone“ bildeten das Fundament für Wrays wütende, Rock’n’Roll/ Rockabilly-Attacken. Er spielte Countrymusik mit seinen Brüdern Doug und Vernon in seiner ersten Band. 1950 wurde Link Wray in die Armee eingezogen. Doch nach einem Lungendurchschuss in Korea schien seine Musikerlaufbahn beendet zu sein.
Wray erholte sich und zog mit seinen Brüdern nach Norfolk, Virginia. Dort begleiten sie den Lokalmatador Gene Vincent. Der aufkommende Rock’n’Roll veranlasste Wray seinen Stil umzustellen. Er zog sich als Sänger zurück und konzentrierte sich auf fetzende, laute Akkorde, die er effektvoll verfremdete. Mit seinen Brüdern leistete Link Wray auch Backing-Arbeit für Ricky Nelson und Fats Domino. In jenen Tagen entstand der Song „Rumble“. Es heisst, dass Wray von einer Saalschlägerei zu den metallischen, trockenen Gitarrenriffs inspiriert wurde. Wie auch immer, auf jeden Fall hatte Link Wray in dem Song bereits das angelegt, was ins Standardrepertoire von Generationen von Rockmusikern einziehen würde: verzerrte Gitarren und Feedback. Das Instrumental „Rumble“ war auch in anderer Hinsicht bemerkenswert. Das quälend langsame Tempo stand im krassen Gegensatz zu seiner Herkunft aus Rockabilly, R&B und Rock’n’Roll. Den charakteristischen Sound erzielte Wray, indem er Löcher in die Lautsprecher der Gitarrenverstärker bohrte. Auch wenn der Musiker das nicht beabsichtigt hat: „Rumble“ gilt als Geburtsstunde des „Power Chord“, der bis heute in Rock und Metal bis zum Exzess gespielt wird.