
The Who, 1968

The Who, 1968

“ I only hope they don’t take my old flannel shirts after I die and stick ‚em behind glass in some Hard Rock Café.“

Bikini Kill live in Washington DC, 1992

Bikini Kill, Pussy Whipped, 1992
Produzent/ Stuart Hallerman
Label/ Kill Rock Stars
Hier wird krachender Punk gespielt, mit Noise-Anklängen, ohne unnötige Spielereien – und die Tatsache, dass Frauen hier den abgehalfterten 77er Punks oder den 81er Hardcore Veteranen die geliebte Nostalgie vermiesten, soll zum Hass und zur Häme – und zu übelsten frauenfeindlichen Beleidigungen geführt haben. Durchaus vorstellbar, ist doch gerade der Alt-Punk gerne ein Ausbund an Intoleranz. Dabei kann man es auch so sagen: Bikini Kill holten Punk zurück zu seinen Wurzeln. Die „männliche“ Variante war immer technischer und virtuoser geworden, es ging nicht mehr darum, „Was“ gesagt wird, sondern nur noch um’s „Wie“ – und das ist immer schlecht. Zumal Bikini Kill auf dem Album „Pussy Whipped“ ihre feministischen Botschaften in infektiöse Songs packten: Da wird Sexismus in seiner widerlichsten Form angeprangert, es geht um Vergewaltigung und Pädophilie und Hanna verlangt schlicht, dass Frauen über ihre Sexualität – wie über ihr ganzes Leben – selber bestimmen sollen.

Rashaan Ronald Kirk, 1972

Charles Mingus, Oh Yeah, 1962
Produzent/ Nesuhi Ertegün
Label/ Atlantic Records
Als der blinde Saxophonspieler Ronald Kirk mit 24 aus Columbus, Ohio zu seinen ersten Plattensessions nach New York reiste, war ein Niemand, ein Gerücht aus der Provinz. Er stellte sich bei dem berühmten Gesinnungsgenossen Charles Mingus vor, beeindruckte diesen durch seinen Sound und die Tatsache, dass er auswendig dessen Kompositionen spielen konnte. Mingus wurde weich und engagierte Ronald Kirk für 12 Wochen, in denen auch eine Plattensession für Atlantic Records stattfand. Deshalb hören wir Ronald Kirk fast alle Saxophonparts auf „Oh Yeah“ spielen. Mingus selbst spielt nicht Bass – den überlässt er Doug Watkins – sondern nur Piano, er arrangiert und begleitet die Songs durch Zwischenrufe und bluesigen Gesang und ich vermute, dass die Zusammenarbeit mit dem ebenfalls leicht wahnsinnigen Kirk das Album so verrückt klingen lässt. Dazu kommt mit Brooker Ervin noch ein zweiter famoser Saxophonist, und – mit Songs wie dem Opener „Hog Callin‘ Blues“ zum Beispiel – Vorlagen, auf denen insbesondere Kirk sein Instrument nach Herzenslust blöken, heulen und schreien lassen kann.
Mingus und Rahsaan Ronald Kirk teilten eine enzyklopädische Kenntnis des Jazz, und beide hatten nicht vor, mit ihrem Wissen konservativ umzugehen. So gibt es mit dem wunderbar betitelten „Oh Lord, Don’t Let Them Drop That Atomic Bomb On Me“ einen modernen Gospel samt Chor, so gibt es Musique Concrete bei „Passions of a Man“ und bei „Wham, Bam, Thank You Ma’am“ Thelonius Monk-Zitate. Hätte Monk Mingus‘ Part am Piano übernommen, und Mingus den Bass gespielt, dann wäre „Oh Yeah“ vielleicht sogar noch besser geworden, aber diese Spekulation ist natürlich müssig, es ist Mingus verrücktestes und auch „fröhlichstes“ Album (in Englisch heisst das „Upbeat“) und es gehört zu seinen vielen Klassikern – knapp hinter „The Black Saint and the Sinner Lady“ und „Ah Um“. Rahsaan Ronald Kirk verliess Mingus‘ Band nach kurzer Zeit wieder und spielte das formidable „Domino“ ein..

The Pogues, 1985

The Miracles, The Temptations, Martha & The Vandellas and The Supremes in London, March 1965. They are pictured at Marble Arch a few days before the start of the Tamla-Motown concert tour of the UK.

Various Artists, Hitsville USA, The Motown Singles Collection 1959 – 1971, 1992
Produzent/ Berry Gordy
Label/ Motown
Gegründet wurde das Plattenlabel Motown 1959 von Berry Gordy in Detroit, der vorher für die Ford-Werke am Fliessband stand und das dort gelernte Prinzip einfach auf die Musik übertrug. Allein der Chef entschied, welcher Song veröffentlicht wurde und welcher nicht. Aus seinem Ziel und seinem Anspruch machte der damals 29-Jährige dabei nie einen Hehl. Über seinem Haus brachte Gordy als Mission-Statement ein Schild mit der Aufschrift „Hitsville USA“ an – es sollte alle Künstler daran erinnern, warum sie rund um die Uhr in sein Studio kommen konnten: Hits, Hits, Hits – am besten ohne Pause.
Gordys Besessenheit machte sich bezahlt. Mit gerade mal 800 Dollar Startkapital hatte er 1959 Motown Records gründet, 28 Jahre später verkaufte Gordy Motown an den Branchenriesen MCA – für 61 Millionen US-Dollar. Dazwischen lag eine beispiellose Karriere, in der Gordy zum Hexenmeister des Pop avancierte. Detailversessen sezierte er erfolgreiche Popsongs, um ihr Hitpotential herauszudestillieren. Diese Fähigkeit machte den Musikfanatiker schliesslich zu einem der einflussreichsten Pop-Produzenten überhaupt – und Motown Ende der sechziger Jahre zum grössten von einem Afroamerikaner geführten Unternehmen in den USA. Bei Motown standen die Top-Stars der Ära unter Vertrag: Smokey Robinson & The Miracles, The Marvelettes, Diana Ross & The Supremes, The Temptations, Martha Reeves & The Vandellas, Stevie Wonder, The Jackson Five – eine Armee begnadeter Künstlern, die das Publikum von Detroit aus mit süssestem Soul bombardierten.
Doch auch die schönste Zeit endet irgendwann. Anfang der Siebziger waren die Charts überschwemmt mit kariösen, zuckersüssen Drei-Minuten-Popperlen, die kaum noch in die Zeit passten. Angesichts des Vietnam-Kriegs und einer aufgeladenen politischen Stimmung in den USA verlangte das Publikum nach mehr Inhalt anstatt der ewigen Boy-meets-Girl-Platitüden. Und Gordy reagierte: Mit Edwin Starrs Antikriegslied „War“ 1970 surfte Motown auch auf dieser Welle. 1971 nahm Soul-Legende Marvin Gaye für das Label sein düsteres Meisterwerk „What’s Going On“ auf, unter dessen Einfluss die gesamte Black Music in den Siebzigern eine neue Richtung einschlug.

J. J. Cale at his home near San Diego, California, 1989