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Cream, I Feel Free, 1966

Text/Musik/ Jack Bruce, Pete Brown

Produzent/ Robert Stigwood

Label/ Reaction

Nach dem Fehlstart der Debutsingle „Wrapping Paper“ musste Cream – die erste Rock-Supergroup der Welt: Jack Bruce, Eric Clapton und Ginger Baker – zeigen, dass sie dem Hype um die Band gerecht werden konnten. „I Feel Free“ beweist: Ernsthafte Blues-Musiker können Popmusik machen.

„I Feel Free“ war ein prima Gaumenreiniger. Der britische Charterfolg kam gerade, als die Beatmusik das Feld entgültig der Psychedelica überliess. Mit markanter Stimme präsentiert Bruce Browns frohe Botschaft von alles verzehrender Liebe. Clapton bündelt seine Fähigkeiten zu einem extrem kurzen Gitarrensolo. Baker war mit seinem Schlagzeugpart nie zufrieden, passt aber hervorragend in das wilde Tempo des Songs.

Der Song, der auf der britischen Ausgabe des Debutalbums „Fresh Cream“ fehlte, war der Opener der USA-Ausgabe und der Anfang einer langen Liebesbeziehung zwischen Amerika und der Band. David Bowie bewunderte den Song, spielte ihn auf der Ziggy Stardust-Tour 1972 und nahm ihn 1993 für sein Album „Black Tie White Noise“ auf.

„I Feel Free“ versetzt den Zuhörer in freudige Erregung und hört auf, wenn es am schönsten ist. Es ist einer der schönsten Cream-Momente überhaupt.

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Marc Ribot’s Ceramic Dog, Party Intellectuals, 2008

Produzent/ Joel Hamilton

Label/ Pi Recordings

„Party Intellectuals“ heisst das Debütalbum eines New Yorker Powertrios, das die Energie dreier bemerkenswerter Musiker bündelt: Gitarrist Marc Ribot (Tom Waits, John Zorn, Robert Plant/Alison Krauss, Cassandra Wilson), Bassist/Synthesizerspieler Shahzad Ismaily (Laurie Anderson) und Drummer Ches Smith (Xiu Xiu, Secret Chiefs3).

Im rohen Sound von Ceramic Dog knallt Ribots Faible für Rock, Jazz, Punk, Latin oder Avantgarde auf die Electronica-Experimentierlust seiner versierten Rhythmusgruppe. Streckenweise hört sich das wie ein No-Noise-Act aus den frühen Achtzigern an. Das klingt wavig verspielt, dampfhammermässig, eingängig, gefährlich. Der Name Ceramic Dog basiert auf dem französischen Ausdruck „chien du faience“, was soviel heisst wie „eiskalte Emotion“ – wie Hunde, bevor sie kämpfen. Oder Liebende im Zustand höchster Verzückung.

„Party Intellectuals“ ist das Produkt einer Band, die auf der Suche ist nach Intensität. Einer Band, die hypnotische Momente voller Ekstase, Heftigkeit, Verspieltheit und Schönheit kreiert. In anderen Worten: purer Rock’n’Roll.

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Midnight Oil, Blue Sky Mine, 1990

Text/Musik/ Midnight Oil

Produzent/ Midnight Oil, Warne Livesey

Label/ Columbia

Ende der Achtziger und Anfang der Neunziger spielten Midnight Oil nicht mehr nur in Australien vor ausverkauften Häusern, sondern waren dank des Albums „Diesel And Dust“ im internationalen Mainstream angekommen. Die wilde Energie der ehemaligen Wave-Punk-Rocker – nun in grossartige Konzerte verlegt – machte zeitgenössischen Sounds und sorgsam organisierten Kompositionen Platz.

„Blue Sky Mine“ ist das quasi Titellied des Albums „Blue Sky Mining“ von 1990. Peter Garrett, später australischer Minister for Environment Protection, Heritage and the Arts, singt aus der Sicht eines Arbeiters in den Asbestminen im westaustralischen Wittenoom. Soziale und umweltpolitische Themen gehörten zu Midnight Oil genauso wie der eckige Gesang und die hitzigen Gitarrenbreitseiten. Trotz des schweren Inhalts ist das Lied offen wie der Himmel und steckt voller glücklich machender Momente. Kraft, Inhalt, Melodie: das sind die Pole der Musik einer leidenschaftlichen, wilden und klugen Band, die hierzulande leider auf „Beds Are Burning“ reduziert und arg unterschätzt wurde.

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Beth Orton, Central Reservation, 1999

Produzent/ Victor Van Vugt, Ben Watt, Mark Stent

Label/ Heavenly Records

„Central Reservation“ markierte eine Art Reifeprozess, nachdem ihr Debüt-Album „Trailer Park“ von 1996, ein Mix aus Folk und subtilen Trip Hop-Beats war.

In dem ersten Stück „Stolen Cars“ spielt Ben Harper in einer hypnotisierenden Art und Weise Gitarre. Das bewegende „Pass In Time“ beginnt mit dem weichen Gesang Ortons und einer sanft gezupften Gitarre, und entwickelt sich zu einem kraftvollen Song, der von einem wiederkehrenden Thema in Ortons Texten handelt, dem Tod ihrer Mutter. Im Hintergrund ist der amerikanische Jazz- und Folkgitarrist Terry Callier zu hören. Seine Arpeggien tragen zu einem wundervollen, erhebenden Sound bei.

Die Akustik-Version des Titelstücks geht neben „Pass In Time“ und den hallenden Beats von „Stars All Seem To Weep“ fast vergessen. Hier wird Ortons leicht schwebende Stimme mit verwobenen, abstrakten Geräuschen von Ben Wyatt vermischt. Elektronik ist aber auf „Central Reservation“ eher die Ausnahme als die Norm. Im Vergleich zu „Trailer Park“ liegen die Stärken des Albums in der akustischen Atmosphäre und in Ortons fesselndem Gesang.

Beth Orton wird oft als melancholische Sängerin bezeichnet, aber die Fröhlichkeit von „Love Like Laughter“ dementiert diese Aussage. Beim letzten Song des Albums fügt dann Ben Watt erneut Beats und Keyboards hinzu, um eine Chart-freundliche Version von „Central Reservation“ zu kreieren.

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Dave Edmunds, Get It, 1977

Produzent/ Dave Edmunds for Rockpile Productions

Label/ Swan Song Records

Dave Edmunds hatte in den 60er Jahren mit dem Blues-Rock Trio Love Sculpture zwei famose Alben veröffentlicht ( „Blues Helping“, 1968, „Forms & Feelings“, 1969) und sich als Gitarren-Virtuose einen Namen gemacht. Aber dann kam 1972 das Solo-Album „Rockpile“, auf dem er seiner Liebe zum klassischen Rock’n’Roll frönte – und bei dieser Liebe blieb er dann auch. Dave Edmunds war befreundet mit Nick Lowe, und so holte er sich dessen Hilfe für das Album „Get It“. Edmunds Einflüsse sind hier natürlich sofort erkennbar: Die Beatles,  die Everly Brothers, Rock’n’Roll, Country – ein Gebräu das man heute, ohne die dereinst üblichen Ressentiments gegen alles, was vor Punk geschah, getrost unter das grosse Zeltdach Power Pop stellen kann.

Die Tatsache, dass „Get It“ auf Led Zeppelin’s Swan Song Label veröffentlicht wurde, zeigt, wie ehrenhaft deren Konzept war, es zeigt aber auch, dass die Musik hier bestimmt kein Punk sondern klassischer Rock (’n’Roll) ist. Mit Detail-Versessenheit, Kompetenz, und Lust eingespielt. Ob beim Rock’n’Roll von „Let’s Talk About Us“ von „Fever“-Komponist Otis Blackwell, bei Hank Williams Country-Klassiker „Hey Good Lookin’“ oder bei Graham Parker’s „Back to School Days“ – Alles klingt klassisch und zugleich frisch und zeitgemäss. Man hört hier auch, wie Nick Lowe, Dave Edmunds, Drummer Tery Williams und Keyboarder Bob Williams als Rockpile zur eingespielten Band werden, die aber aus rechtlichen Gründen kein Album einspielen durfte. Ein Jammer!

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Bikini Kill, Pussy Whipped, 1992

Produzent/ Stuart Hallerman

Label/ Kill Rock Stars

Hier wird krachender Punk gespielt, mit Noise-Anklängen, ohne unnötige Spielereien – und die Tatsache, dass Frauen hier den abgehalfterten 77er Punks oder den 81er Hardcore Veteranen die geliebte Nostalgie vermiesten, soll zum Hass und zur Häme – und zu übelsten frauenfeindlichen Beleidigungen geführt haben. Durchaus vorstellbar, ist doch gerade der Alt-Punk gerne ein Ausbund an Intoleranz. Dabei kann man es auch so sagen: Bikini Kill holten Punk zurück zu seinen Wurzeln. Die „männliche“ Variante war immer technischer und virtuoser geworden, es ging nicht mehr darum, „Was“ gesagt wird, sondern nur noch um’s „Wie“ – und das ist immer schlecht. Zumal Bikini Kill auf dem Album „Pussy Whipped“ ihre feministischen Botschaften in infektiöse Songs packten: Da wird Sexismus in seiner widerlichsten Form angeprangert, es geht um Vergewaltigung und Pädophilie und Hanna verlangt schlicht, dass Frauen über ihre Sexualität – wie über ihr ganzes Leben – selber bestimmen sollen.