
The Beatles with George Martin, seated right, at Abbey Road Studios, February 1963

The Beatles with George Martin, seated right, at Abbey Road Studios, February 1963

Pete Townshend, 1968

Joe Strummer of The Clash, 1981

Tom Waits, Bad As Me, 2011
Produzent/ Tom Waits, Kathleen Brennan
Label/ ANTI-Records
Wer 2011 auf diesem Album von dem 61-jährigen Tom Waits Altersmilde erwartet hatte, wurde bereits im Opener eines Besseren belehrt: „Chicago“ ist eine furiose Fusion aus Minimal Music und Bluespunk, getrieben von einer fiesen Orgel, glühenden R’n’B-Bläsern und den dürren Licks von Keith Richards und Marc Ribot. Und wenn Waits im Titeltrack das aufzählt, was alles „bad“ ist an ihr und ihm, also weshalb sie so gut zusammenpassen, ist man längst schon aufgesprungen – und geniesst die 45 Minuten währende Höllenfahrt durch seinen grotesken Kosmos. „I’m the detective up late / I’m the blood on the floor/ I’m the mattress in the back / I’m the old gunnysack/ No good you say?/ ha, ha, ha .. that’s good enough for me.“
So läuft es weiter und weiter mit diesem Album. Tom Waits zieht alle Register, von den schmutzigen Barjazz-Balladen und den Beatnik-Posen seiner Anfänge über verzweifelten Rockabilly, schroffen Vorkriegssblues, bizarr verfremdetem Tin-Pan-Alley-Kitsch bis hin zu schwindelerregenden Experimenten. Auch die Soundpalette ist dank Waits‘ Sinn für ausgefallene Instrumente und Geräusche reich und seine Texte von schwarzhumoriger Schärfe. Auf „Bad As Me“ unternimmt Tom Waits nicht den Versuch, sich neu zu erfinden – aber er bleibt unvorhersehbar und kompromissloslos. Altersstarrsinnig eben. Ein tolles Album.

Eurythmics, Sweet Dreams (Are Made of This), 1983
Text/Musik/ Dave Stewart, Annie Lennox
Produzent/ Dave Stewart
Label/ RCA
Annie Lennox schrieb 1983 zusammen mit Dave Stewart „Sweet Dreams“. Bis heute hat das Lied nichts von seiner magischen Ausstrahlung verloren. Schon in den 70er-Jahren machten die beiden zusammen Musik. Ausserdem waren sie fünf Jahre lang ein Liebespaar – aber dann kam die Trennung, auch von ihrer Band The Tourists. Als Duo wollten sie aber trotzdem weiter Musik machen. Dave und Annie machten als Eurythmics weiter – und schrieben ihre ersten Songs.
Dave Stewart lieh sich 7.000 Pfund für eine einfache Studio-Ausrüstung, sie mieteten einen schäbigen Raum auf dem Dachboden einer Fabrik, um Songs aufzunehmen. Den Drum-Computer, den Dave gekauft hatte, brachte er stundenlang gar nicht zum Laufen: „Doch plötzlich funktionierte er! Und der Beat von ‚Sweet Dreams‘ war innerhalb einer Minute fertig. Dazu spielte ich das Intro auf dem Synthesizer. Annie hatte bis dahin deprimiert und zusammengerollt auf dem Boden gekauert, als sie den Sound hörte, sprang sie auf und rief ‚Was ist das?‘ Und dann ging alles sehr schnell. Annie spielte dazu auf dem Keyboard, dann kam der Text – und in einer halben Stunde war der Song fertig.“
Auch heute noch klingt das Lied, als ob es in einem teuren Profi-Studio aufgenommen wurde. Dabei hatten die jungen Eurythmics nur ein einfaches Acht-Spur-Aufnahmegerät, ihre günstigen Instrumente und: Milchflaschen. „Wir wollten im Mittelteil diesen besonderen Sound“, so Stewart, „aber wir wussten nicht, wie wir den machen sollten. Also spielten wir mit den Drumsticks auf Milchflaschen.“

Taste, On The Boards, 1970
Produzent/ Tony Colton
Label/ Polydor
Zu Zeiten als Jimi Hendrix und Eric Clapton die Gitarrenszene dominierten, war es sicher nicht einfach, sich quasi als Nobody in der Musikwelt eine derartige Reputation zu verschaffen, so wie es Rory Gallagher mit Taste gelang. Gallagher als der totale Antistar setzte bewusst auf völlige Bodenständigkeit und besass überbordende Leidenschaft, sobald er seine Uralt-Stratocaster in die Finger nahm. Nicht selten musste man ihn später „mit Gewalt“ von der Bühne zerren, weil dieser Kerl einfach nicht mehr aufhörte zu spielen.
Diese aufrichtige, volksverbundene Art schaffte Ihm unzählige treue Fans und Freunde. Umso überraschender, die musikalische Vielfalt und Souveränität, mit der dieser junge Mann damals auf „On The Boards“ aufwartete! Vom virtuosen Rock-Stampfer, über himmlische Folksongs und beinhartem Blues/Boogie bis zu unfassbar atmosphärischen Balladen oder aber auch Jazz-Blues Elegien.
Ab und an sind sogar Bläser zu hören wie bei „If I Don’t Sing I’ll Cry“. Solchermassen gelang es Gallagher, ohne die Fans der ersten Stunde zu verprellen, das Spektrum seiner Musik erheblich in Richtung Pop zu verbreitern. Ein Ansatz, der bewies, dass mehr in ihm steckte als der Blues-Prolet, den er für die schlichteren Gemüter unter seinen Hörern häufig gab.

Gillian Welch, Hell Among The Yearlings, 1998
Produzent/ T Bone Burnett
Label/ Acony
Schlechte Platten zu machen, ist Gillian Welch nicht möglich. Allerdings geizt die Amerikanerin mit neuen Songs: Inklusive „Revival“ ihrem Debüt von 1996, hat sie bis dato bloss fünf Studioalben veröffentlicht. Der 1998 erschienene Zweitling „Hell Among The Yearlings“ präsentiert eine Künstlerin, die zwar in Südkalifornien aufgewachsen ist, aber eher nach Kentucky und Appalachen klingt. Zusammen mit ihrem Partner Dave Rawlings kreiert Gillian Welch Musik, bei der das Rad der Zeit so lange zurückgedreht wird, bis das Grauen und die Einsamkeit früherer Tage unter der Quilt-Decke hervorkriechen.
Im Opener „Caleb Meyer“, der stoisch vor sich hinfliesst, erzählt die mittlerweile über 50-Jährige vom gewaltsamen Ende eines Möchtegernvergewaltigers. Und auch mit dem fatalistisch anmutenden „I’m Not Afraid To Die“ oder mit „My Morphine“, das mit einem sanften Jodel angereichert ist und geradezu zärtlich deliriert, taucht die Musikerin in die Trostlosigkeit ein. Und weil die Stimme von Gillian Welch, deren Sound um rustikalen Country, Folk und Bluegrass kreist, immer wieder aufs Neue bewegt, wird man nie müde, sich „Hell Among The Yearlings“ hinzugeben.

Lee Morgan, The Sidewinder, 1963
Produzent/ Alfred Lion
Label/ Blue Note
„The Sidewinder“ von Lee Morgan ist eine Besonderheit im Blue Note Katalog. Vielleicht genau weil diese Platte ein exzellentes Beispiel für den Hard Bop Sound darstellt, wie ihn das Label mit seinen Künstlern entwickelt hat. Man nehme einen Pool sehr begabter Instrumentalisten und Komponisten und lasse diese immer wieder in ähnlichen oder verschiedenen Besetzungen in das legendäre Rudy-van-Gelder Studio. Mit diesem Rezept entstand die erstaunliche Souveränität des Zusammenspiels, der die Blue Note Aufnahmen auszeichnet. Dass die Eigner des Labels dann anders als ihre Konkurrenten ihren Musikern vor jedem Studiodate auch noch zwei Probentage einräumten, ist wohl der Hauptgrund für den unbezähmbaren Groove, der sich wie eine Visitenkarte durch einen Grossteil der Blue Note Platten zieht.
All dies kommt auf The Sidewinder“ exzellent zum tragen. Worin also die Besonderheit? Hier gelang nicht nur ein musikalischer, sondern seinerzeit auch ein kommerzieller Erfolg. Das Titelstück wurde zu einem klassischen Juke-Box Hit. Jeden Moment erwartet man dabei, dass beispielsweise Aretha Franklin ihre Stimme erhebt und über dem souligen Teppich anfängt sich Respekt zu verschaffen. Doch dieses Stück funktioniert eben auch ohne Gesang sehr gut. Insbesondere weil die Solisten auf der ganzen Platte „immer auf dem Boden bleiben“ und sich ganz klar zum Rhythmus in Beziehung setzen.
Ein besonders gutes Beispiel dafür gibt Joe Henderson mit seinem Tenorsaxophonsolo auf „Totem Pole“. Ein Genuss wie hier abwechselnd lässig laid-back und treibend vorwärts musiziert wird.
Jede Nummer zieht einem in den Bann. Ein tolles Album für jeden, der es gerne mag, wenn es richtig grooved und swingt. Schwer souliger Hard Bop at its Best!

Marc Ribot’s Ceramic Dog, Party Intellectuals, 2008
Produzent/ Joel Hamilton
Label/ Pi Recordings
„Party Intellectuals“ heisst das Debütalbum eines New Yorker Powertrios, das die Energie dreier bemerkenswerter Musiker bündelt: Gitarrist Marc Ribot (Tom Waits, John Zorn, Robert Plant/Alison Krauss, Cassandra Wilson), Bassist/Synthesizerspieler Shahzad Ismaily (Laurie Anderson) und Drummer Ches Smith (Xiu Xiu, Secret Chiefs3).
Im rohen Sound von Ceramic Dog knallt Ribots Faible für Rock, Jazz, Punk, Latin oder Avantgarde auf die Electronica-Experimentierlust seiner versierten Rhythmusgruppe. Streckenweise hört sich das wie ein No-Noise-Act aus den frühen Achtzigern an. Das klingt wavig verspielt, dampfhammermässig, eingängig, gefährlich. Der Name Ceramic Dog basiert auf dem französischen Ausdruck „chien du faience“, was soviel heisst wie „eiskalte Emotion“ – wie Hunde, bevor sie kämpfen. Oder Liebende im Zustand höchster Verzückung.
„Party Intellectuals“ ist das Produkt einer Band, die auf der Suche ist nach Intensität. Einer Band, die hypnotische Momente voller Ekstase, Heftigkeit, Verspieltheit und Schönheit kreiert. In anderen Worten: purer Rock’n’Roll.

Midnight Oil, Blue Sky Mine, 1990
Text/Musik/ Midnight Oil
Produzent/ Midnight Oil, Warne Livesey
Label/ Columbia
Ende der Achtziger und Anfang der Neunziger spielten Midnight Oil nicht mehr nur in Australien vor ausverkauften Häusern, sondern waren dank des Albums „Diesel And Dust“ im internationalen Mainstream angekommen. Die wilde Energie der ehemaligen Wave-Punk-Rocker – nun in grossartige Konzerte verlegt – machte zeitgenössischen Sounds und sorgsam organisierten Kompositionen Platz.
„Blue Sky Mine“ ist das quasi Titellied des Albums „Blue Sky Mining“ von 1990. Peter Garrett, später australischer Minister for Environment Protection, Heritage and the Arts, singt aus der Sicht eines Arbeiters in den Asbestminen im westaustralischen Wittenoom. Soziale und umweltpolitische Themen gehörten zu Midnight Oil genauso wie der eckige Gesang und die hitzigen Gitarrenbreitseiten. Trotz des schweren Inhalts ist das Lied offen wie der Himmel und steckt voller glücklich machender Momente. Kraft, Inhalt, Melodie: das sind die Pole der Musik einer leidenschaftlichen, wilden und klugen Band, die hierzulande leider auf „Beds Are Burning“ reduziert und arg unterschätzt wurde.