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Dave Edmunds, Get It, 1977

Produzent/ Dave Edmunds for Rockpile Productions

Label/ Swan Song Records

Dave Edmunds hatte in den 60er Jahren mit dem Blues-Rock Trio Love Sculpture zwei famose Alben veröffentlicht ( „Blues Helping“, 1968, „Forms & Feelings“, 1969) und sich als Gitarren-Virtuose einen Namen gemacht. Aber dann kam 1972 das Solo-Album „Rockpile“, auf dem er seiner Liebe zum klassischen Rock’n’Roll frönte – und bei dieser Liebe blieb er dann auch. Dave Edmunds war befreundet mit Nick Lowe, und so holte er sich dessen Hilfe für das Album „Get It“. Edmunds Einflüsse sind hier natürlich sofort erkennbar: Die Beatles,  die Everly Brothers, Rock’n’Roll, Country – ein Gebräu das man heute, ohne die dereinst üblichen Ressentiments gegen alles, was vor Punk geschah, getrost unter das grosse Zeltdach Power Pop stellen kann.

Die Tatsache, dass „Get It“ auf Led Zeppelin’s Swan Song Label veröffentlicht wurde, zeigt, wie ehrenhaft deren Konzept war, es zeigt aber auch, dass die Musik hier bestimmt kein Punk sondern klassischer Rock (’n’Roll) ist. Mit Detail-Versessenheit, Kompetenz, und Lust eingespielt. Ob beim Rock’n’Roll von „Let’s Talk About Us“ von „Fever“-Komponist Otis Blackwell, bei Hank Williams Country-Klassiker „Hey Good Lookin’“ oder bei Graham Parker’s „Back to School Days“ – Alles klingt klassisch und zugleich frisch und zeitgemäss. Man hört hier auch, wie Nick Lowe, Dave Edmunds, Drummer Tery Williams und Keyboarder Bob Williams als Rockpile zur eingespielten Band werden, die aber aus rechtlichen Gründen kein Album einspielen durfte. Ein Jammer!

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Bikini Kill, Pussy Whipped, 1992

Produzent/ Stuart Hallerman

Label/ Kill Rock Stars

Hier wird krachender Punk gespielt, mit Noise-Anklängen, ohne unnötige Spielereien – und die Tatsache, dass Frauen hier den abgehalfterten 77er Punks oder den 81er Hardcore Veteranen die geliebte Nostalgie vermiesten, soll zum Hass und zur Häme – und zu übelsten frauenfeindlichen Beleidigungen geführt haben. Durchaus vorstellbar, ist doch gerade der Alt-Punk gerne ein Ausbund an Intoleranz. Dabei kann man es auch so sagen: Bikini Kill holten Punk zurück zu seinen Wurzeln. Die „männliche“ Variante war immer technischer und virtuoser geworden, es ging nicht mehr darum, „Was“ gesagt wird, sondern nur noch um’s „Wie“ – und das ist immer schlecht. Zumal Bikini Kill auf dem Album „Pussy Whipped“ ihre feministischen Botschaften in infektiöse Songs packten: Da wird Sexismus in seiner widerlichsten Form angeprangert, es geht um Vergewaltigung und Pädophilie und Hanna verlangt schlicht, dass Frauen über ihre Sexualität – wie über ihr ganzes Leben – selber bestimmen sollen.

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Charles Mingus, Oh Yeah, 1962

Produzent/ Nesuhi Ertegün

Label/ Atlantic Records

Als der blinde Saxophonspieler Ronald Kirk mit 24 aus Columbus, Ohio zu seinen ersten Plattensessions nach New York reiste,  war ein Niemand, ein Gerücht aus der Provinz. Er stellte sich bei dem berühmten Gesinnungsgenossen Charles Mingus vor, beeindruckte diesen durch seinen Sound und die Tatsache, dass er auswendig dessen Kompositionen spielen konnte. Mingus wurde weich und engagierte Ronald Kirk für 12 Wochen, in denen auch eine Plattensession für Atlantic Records stattfand. Deshalb hören wir Ronald Kirk fast alle Saxophonparts auf  „Oh Yeah“ spielen. Mingus selbst spielt nicht Bass – den überlässt er Doug Watkins – sondern nur Piano, er arrangiert und begleitet die Songs durch Zwischenrufe und bluesigen Gesang und ich vermute, dass die Zusammenarbeit mit dem ebenfalls leicht wahnsinnigen Kirk das Album so verrückt klingen lässt. Dazu kommt mit Brooker Ervin noch ein zweiter famoser Saxophonist, und – mit Songs wie dem Opener „Hog Callin‘ Blues“ zum Beispiel – Vorlagen, auf denen insbesondere Kirk sein Instrument nach Herzenslust blöken, heulen und schreien lassen kann.

Mingus und Rahsaan Ronald Kirk teilten eine enzyklopädische Kenntnis des Jazz, und beide hatten nicht vor, mit ihrem Wissen konservativ umzugehen. So gibt es mit dem wunderbar betitelten „Oh Lord, Don’t Let Them Drop That Atomic Bomb On Me“ einen modernen Gospel samt Chor, so gibt es Musique Concrete bei „Passions of a Man“ und bei „Wham, Bam, Thank You Ma’am“ Thelonius Monk-Zitate. Hätte Monk Mingus‘ Part am Piano übernommen, und Mingus den Bass gespielt, dann wäre „Oh Yeah“ vielleicht sogar noch besser geworden, aber diese Spekulation ist natürlich müssig, es ist Mingus verrücktestes und auch „fröhlichstes“ Album (in Englisch heisst das „Upbeat“) und es gehört zu seinen vielen Klassikern – knapp hinter „The Black Saint and the Sinner Lady“ und „Ah Um“.  Rahsaan Ronald Kirk verliess Mingus‘ Band nach kurzer Zeit wieder und spielte das formidable „Domino“ ein..

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The Clash, Sandinista, 1980

Produzent/ Mikey Dread, The Clash

Label/ CBS

„Sandinista“ ist ein Dreifachalbum mit viel Reggae, Funk, auch Streicher, leichtfüssiger Pop mit weiblichem Leadgesang, Kinderlieder, Gospel, Dub – und wenn Joe Strummer singt, dann klingt das wie Dylan vor vielen Jahren; also nörgelig und einsam. Also selten als Strummer zu erkennen.

Auch textlich betreibt er auf „Sandinista“ wieder die Einführung der Sechziger: Die dritte Welt, letztes Residuum orthodoxer Linker, wo die Widersprüche noch die alten sind, wo man nicht denken muss, wo man mit beziehungslosen Klischees fetzen kann: „Remember Allende, remember Victor Jara“. Mythenbildung. Nichts gegen Strummers linkes Gewissen, aber viel gegen die verzweifelte Beziehungslosigkeit mit der sich die Clash aus dem grossen Füllhorn der Dinge, die „politisch“ heissen, das herausgreifen, was sie ohne hinzusehen in die Finger bekommen. Wer brauchte den 1980 schon eine Gruppe, die in greinender, mittsechziger Protestsong-Manier, das poetisch-sensible-Rock’n’nRoll-Ego wieder auferstehen lassen will, dessen Gehirn längst vom Weltganzen wie von Blitzen durchzuckt ist…

Der Gerechtigkeit halber muss man aber auch erwähnen: Musikalisch ist vieles, so unzusammenhängend die Stücke auch untereinander sein mögen, recht gelungen.  Der Ghetto-Reggae „One More Time“, das funky „Lighning Strikes“, fast die ganze  Seite eines der LP, und ca. die Hälfte der Seiten zwei bis vier. Eddie Grants „Police On My Back“ ist da und noch einiges anders. Es hätte für ein intelligentes, buntes Mainstream-Pop-Album gereicht, aber hier muss man sich erst durchfressen und die guten Songs markieren.