The Rolling Stones, 1964

Produzent/ Andrew Loog Oldham

Label/ Decca

Um 1960 existierte der Blues in seiner Heimat nur noch als weltfremdes Ideal einer weissen Bildungselite. In Irland und England hörten Geschmacksfreibeuter und Klangterroristen zur selben Zeit lieber Leadbelly und Hank Williams als toupierte Schlagertussis. Mick Jagger und Keith Richards dachten als Kinder, Big Bill Broonzy sei der letzte Überlebende einer seltsamen Rasse – eine Art Pandabär – zum Aussterben verurteilt. Also entschlossen sich all over Great Britan eine Handvoll Jungspunde zu einer Rettungsaktion. In jeder grösseren Stadt gab es bald einen Club, wo man solch fehlgeleitete Teenager samt ihren kettenrauchenden Mentoren den Rhythm und den Blues tun lies.

Ein völlig unpassend zusammengewürfeltes Sextett um den Sänger Mick Jagger und zwei Gitarristen namens Brian Jones und Keith Richards nahm schliesslich 1963 diese Bluessache selbst in die Hand. Richards formulierte das damals sehr treffend, dass Negermusik nur keiner hören wolle, weil die Macher alle alt, hässlich und schwarz seien. Also eliminierten die ansehnlichen Taugenichtse alles Alte und hellten manches Schwarze auf; vorallem fummelten sie am oft gemächlichen Tempo ihrer Helden, schraubten ein wenig am Auspuff herum, packten ordentlich Hysterie in den Tank und legten schliesslich einen Kavaliersstart hin, dessen Bremsspur noch heute nach verbranntem Gummi riecht: das titellose Debüt der Rolling Stones.

The Rolling Stones, Dirty Work, 1986

Produzent/ Steve Lillywhite, The Glimmer Twins

Label/ Rolling Stones

Vielleicht ist es, weil ich langsam so alt, so von innen knochig, so ausgekocht blöde bin wie die Stones, vielleicht höhlt steter Tropfen, ungehörige Beharrlichkeit, ewig kindliche Renitenz auch mein Herz aus Stein, vielleicht ist es, weil ich heute gehört habe, dass das Konzert der Rolling Stones in Bern nun definitiv abgesagt wurde.

Auf jeden Fall habe ich mir heute „Dirty Work“ angehört. Das ist vielleicht ein schamlos, einfallsloses Album, es könnte auch von irgendeinem drogensüchtigen Keith-Richards-Verehrer der vierten Generation stammen. Aber mir gefällt die Platte – ein Hauch von Punkrock, ein wenig Lärm, unökonomische Arrangements, nicht diese berechnete Produktion, dieses stolze Feiern jedes typischen Licks. Stattdessen eine ganze normale Idioten-Band, der man zum zum ersten Mal die Chance eines etwas besseren Studios gegeben hat.

Auf dem Cover farbenfroh und poppig, sehen vorallen Charlie Watts und Mick Jagger wie frisch freigelassene, ehemalige politische Gefangene aus und auf der Innenseite prangt der idiotischste Cartoon aller Zeit. Und dann die allgemein bekannte Stumpf-Version des „Harlem Shuffle“. Auf jeden Fall ist „Dirty Work“ viel besser als sein äusseres Erscheinungsbild. Auch wenn nicht alles Gold ist was glänzt, so ist „Dirty Works“ für mich definitiv eines der besseren Stones-Alben aus den 80er Jahren.

The Rolling Stones, Mother’s Little Helper, 1966

Text/Musik/ Mick Jagger, Keith Richards

Produzent/ Andrew Loog Oldham

Label/ Decca

Hausfrauen nahmen gern das Schlaf- und Beruhigungsmittel Contergan, bis dessen schädigende Wirkung 1961 bekannt wurde. Danach sorgte Valium für Beruhigung – auch als Ausgleich für die aufputschende Wirkung vom Ampethaminen, die sehr beliebt waren. Die Gewohnheit, morgens Aufputsch- und abends Beruhigungsmittel einzuwerfen, sorgte bei Millionen von Menschen, die man gemeinhin dem braven Bürgertum zuordnete, für regelrechte Drogenabhängigkeit. Die Stones haben diesen unseligen Helferlein durch den Alltag der Mütter einen Song gewidmet: Mein Gott, dieser Stress heutzutage! Und die Kinder, die sind heute Monster! Mutter braucht heutzutage etwas, um sich zu beruhigen. Eine kleine gelbe Pille hilft ihr, durch den stressigen Tag zu kommen. Es gibt nur noch Fertiggerichte, frisches Essen zuzubereiten ist anstrengend geworden. Oder ist sie nur empfindlicher? Eigentlich hat sie ja alles, was sie sich sich gewünscht hat: Ehe, Familie, Wohlstand, die Segnungen der modernen Technik, Komfort – aber die Routine des modernen Lebens ist sinnentleert, und deshalb ist sie unzufrieden und sucht nach Betäubungen. Die Überdosis hat sie schon längst erreicht, und was dann kommt ist der Drogentod.

Das Beruhigungsmittel Valium (Diazepam) führt zu Entzugserscheinungen und Nebenwirkungen wie Angstzustände, Antriebsverlust, Wutanfällen, Halluzinationen, Gefühlskälte und Psychosen. Kein Wunder, dass es keinen Unterschied zwischen Eltern und Heroin-Junkies gibt. Auch die Motive gleichen denen eines gestressten Musikers. Und Keith Richards war gestresst. Er konsumierte schon jung Drogen, erst Alkohol und dann Amphetamin, LSD, Kokain und am Ende Heroin. Später hat Richards mit dem Glauben aufgeräumt, dass Drogen einen Musiker kreativer machen. Im Alter von 77 Jahren sagte er, dass die Drogen sein Leben nicht völlig ruiniert hätten, führe er alleine auf seine robuste, von den sportlichen Eltern geerbte, Konstitution zurück – doch Geld und gute ärztliche Versorgung dürften hier auch wesentlich dazu beigetragen haben.

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The Rolling Stones, Exile On Main Street, 1972

Produzent/ Jimmy Miller

Label/ Rolling Stones Records

Das Album „Exile On Main Street“ ist für mich das beste Stones-Album überhaupt. Es ist eine politische Platte, auch wenn Politik nicht darin vorkommt. Stattdessen reden die Stones von Sex und Speed, Spiel, Rausch, Tod, von Verzweiflung, Trotz und Vitalität, spielen dazu Rock’n’Roll und schwarzen R’n’B, herbe Countrymelodien und Second-Line-Funk. Die Aufnahmen in der Villa Nellcote an der französischen Riviera verliefen chaotisch. Das Album hat das Chaos packend vertont.
Nie zuvor und nachher spielten die Stones und Musiker-Freunde so innig zusammen. Es geht hier um das Vergnügen. „Exile On The Main Street“ wurde beim Erscheinen von Musiker wie Fans als Meisterwerk gefeiert; vielleicht gerade deswegen, weil sie zu wissen schienen, dass die gesellschaftliche Wirkung von Musik weniger im Was zu suchen ist als im Wie.

Das Cover des Albums stammt von dem Schweizer Fotografen Robert Frank, der auch den lange „verbotenen“ Film „Cocksucker Blues“ drehte, der die Stones in einer ihrer wichtigsten Phase zeigt.

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The Rolling Stones, Paint It Black, 1966

Text/Musik/ Mick Jagger, Keith Richards

Produzent/ Andrew Loog Oldham

Label/ Decca

Die zehnte Single der Stones – Nr.1 auf beiden Seiten des Atlantiks – warf einen bemerkenswerten Schatten auf den sonnigen Optimismus der Popmusik des Jahres 1966. „Paint It Black“ ist Blues, aber nihilistischer als alles, was die Band zuvor hervorgebracht hatte. Mick Jaggers Text  „I have to turn my head until my darkness goes“ bezieht sich auf James Joyces Roman „Ulysses“ und nimmt den Tod eines lieben Menschen als Katalysator für eine verzweifelte, hoffnungslose Weltsicht. „Es ist wie das Anfangsstadium miserabler Psychedelica“, sage Jagger später. „Da haben die Rolling Stones etwas in Gang gesetzt.“

Die stärkste musikalische Ausstrahlung hat hier die Sitar von Brian Jones. Sie hat etwas Verwirrendes, leicht Bedrohliches an sich, und durch sie ist der Song ein viel erfolgreicherer Ausflug ins Psychedelische als die Platte „Their Satanic Majesties Request“ aus dem Jahr 1967. Die Aufnahmesession hätte nirgendwohin geführt, hätte Jones nicht sich nicht exotische Instrument geschnappt und angefangen, ihm Töne zu entlocken. „Wir haben’s mit funky Rhythmen probiert, und es hat funktioniert“, so Richards später; „er hat angefangen Sitar zu spielen und alle sind eingestiegen.“ Jones zauberte gekonnt einen hypnotischen Drone, und am Ende doppelte Bill Wyman seinen Bass mit den Basspedalen der Orgel.

Scheppernder Garagenpunk – Charlie Watts Drums pochen unerbittlich wie Migräne – gepaart mit abgrundtiefer Trauer. „Paint It Black“ ein mitreissendes Requiem des Pop.

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The Rolling Stones, Sticky Fingers, 1971

Produzent/ Jimmy Miller

Label/ Rolling Stones Records

Nun ja, da war, 1971, schon mal diese Plattenhülle von „Sticky Fingers“ – den schmutzigen oder zumindest klebrigen Fingern: Eine Männerhüfte in engen Jeans, auf der Rückseite das Gesäss, vorn der Reissverschluss – die Wucht des Mannes. Die erste Stones-LP unter ihrem neuen Label. Die Band hatte sich von ihrer bisherigen Produzentenfirma getrennt und startete mit ihrer eigenen. Oben links die rausgestreckte, rote Zunge.

Abgründige Texte, Rausch, Heroin, Tod, Verderben und Sehnsucht – in dieser und jeder anderen Reihenfolge. „Brown Sugar“, „Wild Horses“, „Bitch“, „Sister Morphine“ und „Dead Flowers“. Verwegene Fantasien, die dreckige, verhöhnende Jagger-Stimme, der dumpfe Bass, die rhythmischen Riffs und die melodiösen Soli. Der Leckt-mich-am-Arsch-Groove für abgelöschte Stunden und Guck-her-wer-ich-bin-Prozac, wenn die coole Scharfe an der Party auftaucht. „Sticky Fingers“- eigentlich schon zum x-ten Mal rauf und runter gespielt, aber die Songs fahren immer noch ein.

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Rolling Stones guitarist Keith Richards embracing a young woman at Television House London, where the group are appearing on the TV show „Ready Steady Go“, 1964