The Traveling Wilburys, Volume One, 1988

Produzent/ Otis Wilbury, Nelson Wilbury

Label/ Wilbury

Auf der Innenhülle findet man das Märchen von den Traveling Wilburys (die Zunft der Wandermusikanten), deren Geschichte eng verbunden ist mit der Musikentwicklung schlechthin. Denn, nachdem sich eine bemerkenswerte Musikkultur entfaltet hatte, brach die Industrialisierung über sie herein, fast alle Wilburys kamen unter die Räder, wurden Frisöre oder TV-Werbespot-Darsteller. Die Medienkanäle beherrscht seither Eintönigkeit. Deshalb ist eine handvoll überlebender Wilburys ausgezogen, das einst begonnene Werk fortzuführen – so die die Essenz der Story.

Natürlich ist man alternativ und schliesst sich um „independent“ unabhängig von amerikanischen Grosskonzernen zu sein, dem fiktiven bulgarischen Label „Wilbury“ an. Traveling Wilburys-Sound ist unbeeinflusst von Modetrends, verbannt weitgehend Maschinenmusik und klingt nach frischem Drive, sonniger Melodik und Schmacht-Pop. Für den besten Kontrast sorgt Bob Dylan. Bei fünf Gitarristen scheppern gehörig die Saiten, auch mal in Slide-Technik, die fünf Sänger wechseln sich als Solisten ab, der Rest fungiert als Chor wie in seligen Beatles-Zeiten. Bei den Traveling Wilburys findet sich ein guter Dreh, dekadenten Erscheinungen der Branche mit Witz (Selbstironie nicht ausgenommen) den Spiegel vorzuhalten. Sie mogeln sich nicht an den schlimmen Problemen der Zeit vorbei, singen aber gegen Pessimismus und Passivität an. Deshalb hat das Album eine freundliche und optimistische Stimmung und die Rockliedchen strahlen aus, dass es den alten Kumpels Spass gemacht haben muss. Leider nahm das Projekt dann durch den plötzlichen Tod von Roy Orbison eine jähe Wendung. Das „Volume Two“ musste ohne ihn eingespielt werden.

Jerry Garcia Acoustic Band, Almost Acoustic, 1987

Produzent/ Sandy Rothman

Label/ Grateful Dead Records

Diese Platte ist nun schon fünfunddreissig Jahre alt, aber was macht das bei Musikern, die zusammengelegt, so alt sind, dass sie eine Strecke von Genf nach Romanshorn ergäben. Jerry Garcia hat mit seiner Prä-Grateful-Dead-Band und drei weiteren Freunden 1987 ein akustisches Doppelalbum live aufgenommen. Sechsminütige Traditionals und Songs, die zusammen älter sind als die Magna Carta, ein Grateful-Dead-Stück („Ripple“) und ein Traditional, den es auch von den Dead gibt ( das unglaubliche „I’ve Been All Around This World“), unter anderem sind auch Blues- und Country-Standards von Mississippi John Hurt und Elizabeth Cotton.

Die Besetzung (zwei Gitarren, Standbass, Fiedel, Dobro oder Mandoline und Snare erinnert ein wenig an Garcias andere Country-Band aus den mittleren 70ern Jahren „Old and in the Way“, bei der David Nelson und John Kahn auch dabei waren. Falls man aber bei solcher Musik BPM-Zahlen ermitteln könnte, lägen sie hier bei einem Drittel der Blue-Grass-lastigen Songs bei circa 30 BPM im Schnitt.

Diese Musik ist noch vielviel älter und im Weg, als ich mir das damals als blühender Mitdreissiger vorstellen konnte. Und das Tolle ist, es ist die schönste, friedlichste und freundlichste Musik, die je gemacht wurde: sie lehrt dich den Unterschied zwischen alt und dated; denn dated ist sie nicht, nur so völlig unfassbar alt, zwanzig Jahre älter als jede Vorstellung und Tolstoi in seinen letzten Momenten. Die ungehetzteste Musik aller Zeiten.

Ich danke an dieser Stelle Alexander für das anspruchsvolle und entspannte Gitarren Zusammenspiel jeden Monat über so viele Jahre.

John Lennon, Walls And Bridges, 1974

Produzent/ John Lennon

Label/ Capitol Records

„Walls And Bridges“ ist zwar nicht das, was ich einen Heuler nennen würde – dazu ist es einfach zu seriös und ernsthaft – aber dafür hat es mehr Substanz als die neuen Alben, die ich in letzter Zeit gehört habe. „Walls And Bridges“ ist ein Album, das ich in diesem Winter wiederentdeckt habe, eine „Stimmungsplatte“ in vielerlei Hinsicht. Nicht nur, weil so sanfte Songs wie „Nr. 9 Dream“ darauf sind, sondern auch wegen der harten Sachen wie „What You Got“ oder „Whatever Gets You Thru The Night“, wobei mich das letztere mit seinen schrägen Saxophonpassagen irgendwie an Junior Walker erinnert, auch gewisse Anklänge an Stevie Wonder oder Booker T. & The M.G.’s sind nicht zu überhören.

Es ist faszinierend, wie Lennon es geschafft hat, eine Bläsergruppe, die vielen Streichern und die Plastic Ono Nuclear Band auf allen Stücken so unter einen Hut zu bringen, dass ein Song, der funky sein soll, eben wirklich funky ist und nicht etwa überladen. Und dass die gleichermassen verträumten und melancholischen Lieder ebenso wie die verbitterten und gequälten eben wirklich verträumt oder melancholisch oder verbittert und gequält wirken, ohne jemals durch die doch recht vollgepackten Arrangements ins Kitschige und Süssliche abrutschen. Fred Ghurkin alias Dr. Winston O’Boogie alias John Lennon war halt einer der wenigen Leute im Showbiz, die sich redlich Mühe gegeben haben, sich selbst in ihrer Musik zu verwirklichen.

Soul Asylum, Grave Dancers Union, 1992

Produzent/ Michael Beinhorn

Label/ Columbia

Aufreizend. Je mehr man über dieses Album nachdenkt, desto mehr demontiert es sich, zerlegt sich. Die Teile verschwinden nicht, keineswegs, aber liegen da wie ein Bausatz: Verfeinertes Headbanging für Collegeknaben. Jeder kann lernen, was es mit Hardrock auf sich hat, um endlich die Wahrheit über Hardrock richtig massenwirksam zu verbreiten. In dem Zusammenhang sind Soul Asylum natürlich gut, breiten sich aus, sind eine solide Band, unaufgeregt, spielen sie sich durch „Grave Dancers Union“, mit breiten gemächlichen Soli, leicht fadigem Gesang, ganz nahe bei R.E.M. aber mit mehr Feinheiten.

Mit „Somebody To Shove“ klappen sie ihr Popsongbuch auf, um es in einem gemächlichen „The Sun Maid“ zu beenden. Die fanfarigen Heavy-Metal-Breaks sind trotz aller Verkleidungen zu erkennen; den Gitarren und teils auch dem Piano unterlegt werden speedige Partikel, gekonnt eingesprenkselt, und irgendwo findet sich noch Platz für Akustik-Folk. Es gibt Momente, bei denen man schon fast an Springsteen denken könnte, und andere an frühere HüskerDü. Noch öfter denkt man aber an diesen Über-Hit „Runaway Train“ und das zugehörige Video über vermisste Kinder, mit dem die Band 92 plötzlich zu Weltruhm gelangte. Klar, „Runaway Train“ ist ein starker Song, aber es gibt auf diesem Album einen ganzen Haufen starker Songs. „Grave Dancers Union“ ist ein schönes klassisches Stück Ekstase. Dröhn ab. Soul Asylums Highlight.

The Walkabouts, Devil’s Road, 1996

Produzent/ Victor Van Vugt

Label/ Virgin

Eine wunderschöne Platte. Die sich aneinanderreihenden und endlos kettenartig abwechselnden Kettengesänge von Chris Eckmann und Carla Togerson sind das Fühlen, aus dem der Stoff dieser Band geschnitzt ist. Songs voller Hingabe und Fruchtfleisch, die nie eine schnöde Dramatik oder eine aufdringliche Struktur haben, obwohl sie sicherer und festgefügter klingen als das, was Bands normalerweise noch aus den gesichersten Standards von Hank Williams oder Bob Dylan herausholen.

Die Walkabouts aus Seattle haben eine neue Möglichkeit der Folkmusik ausprobiert, und damit schon Anfang der 90er Jahre eine Perfektion erreicht, die mit jeder Veröffentlichung bewegender und einzigartiger wurde. „The Light Will Stay On“ ist hier wohl das beste Beispiel dafür. Die oft von Streicherinstrumenten unterstützten Songs zeigen zwar eine nach allem offene Musikalität dieser Band. Anderseits haben die Walkabouts nichts vom kulinarischen Pop-Fan, es wirkt immer, als ob eine Blutbande, eine eherne Verbindung mit einer uramerikanischen Arbeiter- und Bauernmusik sie zwänge, sich diese wunderschönen und ergreifenden Folk- Rock-Songs auszudenken.

The Kinks, Low Budget, 1979

Produzent/ Ray Davies

Label/ Arista

Eine gute Platte. Einzig hervorzuheben an „Low Budget“ scheint mir das Mass an Bosheit, mit dem Ray Davies zum Rundschlag seiner Gesellschaftskritik ausholt. Als bösartiger Satyr, mit peitschendem Schweif lässt er nichts ungeschoren – seine Ironie ist ätzend-beissend. Lieder, die mit nettem oder beschaulichen Inhalt in Pop-Regionen abdriften, fehlen ganz. Die Musik ist derart hart und kantig, dass man die Kinks allein an Rays signifikanter Stimme erkennen kann. Lediglich „(Wish I Could Fly Like) Superman“ lässt Raum zum Schmunzeln: ein Disco-Imitat mit bumpernder Basstrommel, versteckten Bee Gees-Zitaten und einer bohrenden Spitze auf Hollywoods Protzprodukte. In „Catch Me Now I’m Falling“ fleht „Capitan America“ um Rückenstärkung, hintergründig äfft ein Engelschor „Falling, Falling!“, in „A Gallon Of Gas“ nimmt Ray die sogenannte Benzinkrise aufs Korn frei nach dem Motto: Endlich ist das langbestellte Auto da, aber es gibt keinen Tropfen Benzin mehr.

Die Geschichte vom Geld, das hinten und vorne nicht langt, singt Ray Davies im Titelsong „Low Budget“ wie immer bei seinen Kleinbürgersongs so glaubwürdig, dass man ihm die Story fast als seine eigene abkauft. Wer intelligente Rockmusik mit guten Texten mag, ist mit diesem Kinks-Album bestens bedient.

Pixies, Doolittle, 1989

Produzent/ Gil Norton

Label/ Elektra Records

Es gibt Leute, die halten „Surfer Rosa“ für das beste Album der Pixies. Vielleicht haben sie recht. Die von Steve Albini akribisch eingebügelten Ecken und Kanten haben wohl massgeblich dazu beigetragen, dass „Surfer Rosa“ damals (von der Jugend!) als ursprünglich und elektrisierend aufgenommen wurde. Doch der grosse Hit, der Klassiker, der Evergreen ist „Doolittle“. Das war die Platte, auf die sich damals alle einigen konnten. „Doolittle“ warf Wellen weit über die Grenzen des Undergrounds hinaus, hinterliess tiefe Spuren, beeinflusste viele Bands und bereitete nicht zuletzt den Grunge vor.

Die bluesigen, knarzigen, schmeichelnden und krachigen Entlehnungen aus dem Rock’n’Roll-Schatz sind wundersam artgerecht, lebendig – und meistens entstehen daraus kurze und kurzweilige Songs. Manchmal macht der Bass die Melodie, manchmal ist es die Gitarre, manchmal der Gesang, manchmal alle drei. „Debaser“, „Here Comes Your Man“ und „Monkey Gone To Heaven“ sind die Evergreens, aber keiner der 15 Songs fällt ab. Das liegt nicht zuletzt an der Produktion von Gil Norton: Sie ist geschliffen und geschmeidig, rückt alle Instrumente gleichberechtigt in den Vordergrund und holt den Pop-Appeal jedes Songs aus dem Krach. „Doolittle“ ist kein Punk, der sich als Pop ausgibt, sondern Pop der sich hie und da als Punk gebärdet. Und die Pixies wirken auf dem Album immer freundlich und gut gelaunt, egal wie laut der damals schon zu gemütlicher Rundlichkeit neigende Black Francis brüllt, keift und wütet und wie heftig die Gitarren krachen.

„Doolittle“ ist ein Klassiker, kein Zweifel, eine massgebende Platte der späten 80er Jahre und vorallem ein unverwüstlicher Evergreen, der heute nicht weniger frisch klingt wie damals.

Patti Smith, Dream Of Life, 1988

Produzent/ Fred Smith, Jimmy Lovine

Label/ Arista

Patti Smiths Alben und ihre Bücher sind das letzte, über das ich mich streite. Und wenn sie zehnmal ihre Texte mit See, Licht, Wolken, der Erde und Revolution überfrachtet. Sie darf alles. Die Träume, das Engel-Sehen, der Glaube an das Leben nach dem Tod und andere Sentimentalitäten, denn Patti Smith hat sich schon immer daneben ausgedrückt, seit sie im Alter von 28 Jahren angefangen hatte, ihre Idee vom Dichter-Leben in Rockmusik zu intergrieren. Immer nur das tun, was wirklich zu tun ist. Am Anfang waren die Lösungen radikal wie „Horses“, wie der Abbruch der Karriere 1979 nach „Wave“, um eben Karriere zu verhindern und weiterhin das zu tun, was zu tun ist.

„Dream Of Life“, dem Comeback, liegt diese Kombination aus grossem Kitsch und einer herrlichen Zähigkeit zugrunde, mit der Grössenwahn, eine krude Religiosität und auf diesen Pfeilern ruhende Dichtungen und Kompositionen offen und selbstbewusst, weniger hektisch und gehetzt als mit „Wave“ dargebracht werden. Es macht Spass das Album zu hören und mir fällt immer auf wie schön diese Musik ist. Selbst das rockhymnenhafte „Power To The People“ oder das ebenso gearbeitete „Looking For You“ haben eine einfache, schöne Schrabbligkeit, die sie vor dem Aufgehen im Mainstream bewahrt. Wie den alten Wintermantel, immer weiter nutzen. Hauptsache warm.

„Dream Of Life“: Liebe zur Familie, aber dennoch ein Versuch herauszukommen aus der Isolation des Lebens als Privatier. Einblick in die Essenzen der Beat-Poet-Hippie-Bewusstseins-Erweiterungen. Nie feist und fettig werden, dass Schönheit ist, auch wenn wenn sie sich im Unsinn von blühenden Sonnen und Zahlenmystik verirrt: „The dreamer is rising and considers the long field. And the clouds, like crazy eights, drifting horizontal. And his own hands, which hold, even so peacefully, so much power.“

J. J. Cale, Stay Around, 2019

Produzent/ J. J. Cale

Label/ Because Music

Er hatte nie den grossen Ruhm im Visier. Er sah sich eher als jemanden, der im Hintergrund arbeitet. Sein ökonomisches Gitarrenspiel prägte einen Stil. Er wurde am 5. Dezember 1938 als John Weldon Cale in Tulsa, Oklahoma, geboren. Er verstand sich immer als „Okie“, als einer von Oklahoma, wenngleich er auch in Kalifornien Fuss fasste. Er war ein Mann der Beständigkeit: „Ain’t no change in the weather, ain’t no change in me“, heisst es in seinem Lied „Call Me the Breeze“. Und Brise nenne man ihn, weil er sich einfach die Strasse heruntertreiben lasse: „I keep blowing down the Road“. J. J. Cale starb am 26. Juli 2013 im Alter von 74 Jahren, fünf Monate vor seinem 75. Geburtstag.

Er hat unzählige Songperlen produziert; kleine Meisterwerke, zeitlose, impressionistische Kurzgeschichten. 2019 ist überraschend ein schönes Album mit 15 neuen Songs dazugekommen – ausgewählt von seiner Witwe und Gitarristin Christine Lakeland sowie von seinen langjährigen Wegbegleitern Mike Kappus und Jim Karstein. Alle Songs auf „Stay Around“ sind von Cale aufgenommen und gemischt. Zum Beispiel das fantastisch groovende „Chasing You“ und der zarte Titelsong. Auch der Rest ist eine gute Cale-Mischung – mit allem, was ihn auszeichnete. Traumhaft treffsichere Gitarrentöne, federleichte Grooves, mal zurückhaltend, mal vorwärtstreibend. Weitere Highlights sind „Tell You Bout’ Her“, „Tell Daddy“, „Girl Of Mine“, „If We Try“ und natürlich das von seiner Frau Christine geschriebene Stück „My Baby Blues“, welches die beiden vor mehr als 40 Jahren gemeinsam aufnahmen.

Johnny Winter, 3rd Degree, 1986

Produzent/ Johnny Winter, Dick Shurman

Label/ Alligator Records

„I really like this record. It’s got a lot of different kinds of blues on it, more variety“, schrieb Johnny Winter über dieses Album in den Linernotes, und so rührend, solide und einfach ist auch das was auf „3rd Degree“ drauf ist: Es ist ein ruhiges, tausendfach abgehangenes sattes Werk von Johnny Winters Slidegitarre (und wie er vermerkt, hat er selbst damit erst einmal einen Monat üben müssen), begleitet von ebenfalls soliden tausendfach abgehangenen Musikern vom Feinsten (wechselweise am Piano: Ken Saydek und Dr. John, Bass: Johnny B. Gayden oder Tommy Shannon, Drums: Casey Jones oder Uncle „Red“ Turner), Leute also, die wie Johnny W. sagt, ALLES spielen können, was den Blues angeht und ausserdem alte Kumpels sind.

„3rd Degree“ ist nicht besonders spektakulär; das Album dreht sich nur angenehm von „Mojo Boogie“ zu „Tin Pan Alley“ von „I’m Good“ über „Shake Your Money Maker“ zu „Broke And Lonesome“ und ist so gemütlich und aufregend wie ein paar Wollsocken im Winter. Einmal angezogen, kommt man nicht wieder raus.