The Velvet Underground, Loaded, 1970

Produzent/ Geoff Haslam, Shel Kagan, The Velvet Underground

Label/ Cotillion

„Loaded“, das vierte Album der Gruppe um Lou Reed, hatte ich damals auf einem Tape, auf dem keine Titel vermerkt waren, und da vor- und zurückspulen ohnehin sehr mühsam war, sind die Songs auf diesem Tape wie zu einem einzigen verschmolzen. Es dauerte Jahre, bis ich erfuhr, dass Ersatz-Cale Doug Yule die Hälfte der Lieder singt und nicht Lou Reed; dass Maureen Tucker gar nicht Schlagzeug spielte, weil sie schwanger war. Was ich damals wusste, war, dass „Sweet Jane“ und „Rock & Roll“ zu den Kategorien Songs gehören, die man in hundert Jahren nicht totspielen kann, dass „New Age“ und „Oh! Sweet Nuthin“ ziemlich das sind, was ich unter perfekt verstehe, eine Mischung aus Rock, Sentiment, Slogans und Pop-Art. Und dass ein Song wie die Burroughs-Hommage „Lonesome Cowboy Bill“ für mich viel mit dem popkulturellen Bewusstsein in jenen Tagen zu tun hatte.

„Loaded“ ist ein wunderbares Album von einer Band, die damals bereits ein Scherbenhaufen war. Die Musik versucht die Vergangenheit der Band zusammenzufassen, alles Manierierte und Experimentelle abzustreifen, den populären Kern zu finden, das „Rock’n’Roll Heart“, mit dessen Hilfe man ein neues Jahrzehnt, die Zukunft eben, bestehen kann: „What comes is better what came before“. Auf jeden Fall war mein Tape mit Velvet Underground etwas, was mich in jenen Tagen bei Sinnen hielt. Und aus diesem Grund bin ich diesem Album dankbar.

Bildschirmfoto 2023

Siren, 1969

Produzent/ John Peel

Label/ Dandelion Records

Das Debütalbum von Siren erschien 1969 auf John Peel’s Label Dandelion. Die Platte ist eindeutig der British Blues Explosion der späten 60er Jahre zuzuordnen, sie ist beeinflusst von Kevin Coyne’s Vorliebe für amerikanischen Rock’n’Roll und Rythm’n’Blues, doch finden sich auch Einflüsse von britischem Folk. Jac Holzman, der Präsident der US-Plattenfirma Elektra Records bot Coyne nach dem Tod von Jim Morrisson den Einstieg bei den Doors an. Coyne lehnte ab, lebte weiterhin als verheirateter Sozialarbeiter und Vater mit vorerst nur gelegentlichen Auftritten in England. Sein Desinteresse an einem Leben als Rockstar und die baldige Einstellung von Dandelion Records verhinderten trotz hervorragender Kritiken einen kommerziellen Erfolg.

„Ze-Ze-Ze-Ze Baby Won’t You Tell Me Your Name?“ singt Kevin Coyne anzüglich auf diesem Spassmacher. Finger flitzen flink über die Gitarrensaiten, die Snaredrum summt. Der Song ist ein gelungener Einstieg in diese wunderbare Platte. Auch die folgenden Stücke sind von Coyne geprägt: Neben einem Bluesstandard („Rock Me Baby“) hören wir hier hintergründigen britischen Humor („Sixteen Women“), aber auch Studien persönlicher Grenzsituationen („I Wonder Where“) und vertonten Erfahrungen der beruflichen Arbeit des Künstlers mit psychisch Kranken („Asylum“).

Die meisten Lieder wurden von Kevin Coyne geschrieben, jedes wurde mit der nötigen Aufmerksamkeit versehen, an jedem wurde so lange gefeilt, bis nur noch das Notwendigste übrigblieb. So gibt es raue, zum Teil nackte Songs, auf denen mal ein Honky Tonky Klavier dominiert, dann wieder die flüssig gespielte E-Gitarre. In jedem Fall ist das Debüt von Siren ein Album das die Vergleiche mit den besten Alben der besten Bluesrockbands Englands der damaligen Zeit locker standhält.

Love Sculpture, Blues Helping, 1968

Produzent/ Kingsley Ward, Malcolm Jones

Label/ Parlophone

Dave Edmunds stammte aus Cardiff in Wales. Er war schon mit 13 in einer Band aktiv und ein absoluter Rock’n’Roll-Enthusiast. Love Sculpture war zunächst einmal ein Ausflug in die Gefilde des psychedelischen Blues. Doch Blues und Rock’n’Roll waren 1968 kein sicheres Erfolgsrezept mehr. Denn die Zeichen standen auf Bewusstseinserweiterung, auf Veränderung und auf Wahrnehmung aller vorhandenen Musikstile aller Zeiten. Und so wurde das, was der wieselflinke Gitarrero Edmunds vielleicht nur als Fingersprint gemeint hatte, der grösste Erfolg der Gruppe. Denn Edmunds machte sich über eine klassische Shownummer der E-Musik her, Khatchaturians Säbeltanz. Es warer purer Pop. Es gefiel den Briten und den Amerikanern so gut, dass sie die Nummer kauften.

Und wie das Gesetz des Marktes befiehlt, folgte auf den Hit die Tournee durch England und die Staaten und war ein monumentaler Flop. Weder die Kohle noch die Vibes stimmten. Kein Wunder, dass sich Dave Edmunds anschliessend in die Rockfield Studios zurückzog und von dort aus seine nächsten Karriereschritte plante. Doch das ist eine andere Geschichte. Die beiden Love Sculpture-Platten haben ihren eigenen Rang. Ich persönlich finde „Blues Helping“ besser als den Nachfolger „Forms and Feelings“ . Auf der gibt es zwar die fantastische 11 Minuten-Interpretation von „Sabre Dance“, aber der Rest des zweiten Albums ist für mich weniger überzeugend.

Dusty Springfield, Son of a Preacher Man, 1968

Text/Musik/ John Hurley, Ronnie Wilkins

Produzent/ Jerry Wexler

Label/ Atlantic Records

Immer mitten in die Fresse rein. Dusty Springfield stammte aus einer komplexbeladenen Londoner Kleinbürgerfamilie und neigte zur Selbstverstümmelung. Auf Parties warf sie mit dem Abendessen um sich. Gegen Bühnenangst kippte sie Drinks. Sie prügelte sich mit dem selbstgefälligen Jazz-Schlagzeuger Buddy Rich, weil sie dessen sexistische Sticheleien nicht mehr ertrug.

Wer genau hinhört, kann ein Echo dieser inneren äusseren Konflikte in ihrer Musik vernehmen. Ab 1963 hatte Dusty Springfield ein paar Hits, die sich scheinbar passgenau in das damals gängige Popschema einfügten. Doch Titel wie „Wishin’ And Hopin“ oder „I Just Don’t Know What To Do With Myself“ lassen eine emotionale Abgründigkeit durchscheinen, die eher im Blues und Soul zu finden ist als im britischen Pop. Als Ende der 60er Jahre ihre Karriere stagnierte, kam man auf die Idee, Dusty in die USA zu schicken, nach Memphis. Der Produzent Jerrry Wexler schlug ihr 80 Songs vor, die ihr alle nicht gefielen; einige Wochen später suchte sie doch zwanzig davon aus. Zu den Studioterminen erschien sie oft zu spät, weil sie morgens endlos fürs Make-up brauchte. Nach endlosem Psychokleinkrieg sang sie die Titel des Albums „Dusty In Memphis“ dann in New York ein. „Son Of A Preacher Man“, im November 1968 erschienen, wurde ein Hit, doch das Album floppte. Was die Künstlerin kein bisschen überraschte: „Ehrlich, ich habe keine Ahnung, warum die Platte so hoch angesehen ist“, behauptete sie und hörte sich ihr Meisterwerk erst ein Jahr später an.

Neil Young, Harvest, 1972

Produzent/ Neil Young, Jack Nitzsche

Label/ Reprise

„Harvest“ mit dem Hitmonster „Heart of Gold“ wurde damals als „kommerzieller Mist“ abgetan. Nichts war uncooler, als diese Platte zu mögen. „Harvest“ in aller Öffentlichkeit aufzulegen, das war wie Kindersex im Internet: Alltag, aber so etwas von unkorrekt! Dabei serviert uns hier ein auf die 30 zugehender Superstar seine ganze Twen-Angst, sein Bibbern vor dem Altern, sein bisschen Philosophie, spielt sein ungeheures Potential aus, ebenso einfache wie wundersam dauerhafte Melodien zu zaubern, zelebriert seine hünenhafte Selbstgerechtigkeit, die nur noch von seinem Mitgefühl für sein eben dem Krankenbett entwichenen Ich und eine Handvoll Freunde übertroffen wird.

Dazu chargiert Jack Nitzsche bombastische Orchesterarrangements à la Gershwin bis wir knietief durch Blut, Streicher und Tränen waten: Ja, „A Man Needs a Maid“. Dies alles in seiner Monströsität zu schätzen und zu verstehen, das Album „Harvest“ zu lieben, es nicht nur hippielagerfeuermässig auf das Nachträllern trauriger Liedchen zu reduzieren, sondern es in seiner Grösse, in seiner Humanität, Romantik und Sentimentalität auszustellen, das zeichnet den wahren Neil-Young-Fan aus, und nicht der Besitz einer 10-CD-Sammlung mit Live-Aufnahmen.

Tony Joe White, Uncovered, 2006

Produzent/ Jody White, Tony Joe White

Label/ Swamp Records

Wenn ein legendärer Künstler einen alten Hit neu aufnimmt, ist das gewöhnlich ein ganz schlechte Idee. Zu sehr riecht das nach billigem Kaufanreiz. Doch dann hört man diese Zeitlupenversion von „Rainy Night In Georgia“… So viel Nacht war nie um diesen Klassiker, so bedrohlich leise hat White ihn noch nie geraunt; solch Orgelschmelz, so eine verletzliche Harmonika, so sanft gepatschte Trommelstöcke trugen diesen Song noch nie; und selbst die „Aaahs“ und „Uuuhs“ des Frauenchors schaden seiner intimen Intensität nicht.

„Rany Night In Georgia“ ist der siebte Song auf Tony Joe Whites Album „ Uncovered“, und die davor sind auch gut. Der Mann, der Ende der 60er Rock, Soul und Blues zum Swamprock verschmolz und Hits für Elvis („Polk Salad Annie“) oder Ray Charles (eben „Rainy Night…“) schrieb, bewegt sich altersweise auf ureigenem Terrain. Nichts erinnert mehr an seinen Schlafzimmersoul der späten 70er- und der 80er Jahre. Jeder Gitarrenton, jeder Bläserton hat seinen richtigen Ort. Und die Superstars unter den Gästen – darunter Eric Clapton, Mark Knopfler und J. J. Cale – ordnen sich ganz einem ebenso Grossen unter. Ein Album, das man eher mit glühenden Kohlen als mit einem offenen Kaminfeuer assoziiert.

The Roches, 1979

Produzent/ Robert Fripp

Label/ Warner Bros.

Total überdrehter oder ausgelinkter Folk, schon allein wegen der sparsamen Begleitinstrumentierung und wegen der puren Gesangsstimmen. Die drei Roche-Schwester aus New Jersey singen allereinfachste Folk-Melodien, um sie jedoch in den unerwartesten Momenten zu vielstimmig breiten Harmonien auszuweiten und als Schluss einen verminderten Noneakkord, oder was weiss ich für eine komplizierte Klangschichtung nicht scheuen. Ihre Songs handeln von den kleinen, privaten Dingen des Alltags. So ist Terres „Mr. Sellack“ nichts weiter als die Bitte, in der Hamburgerbude dieses Herren wieder einen Job zu bekommen, und Suzzys „The Train“ handelt von einem verschwitzten und wortlosen Gegenübersitzen mit einem biertrinkenden Fettwanst im Zug. Doch unterscheiden sich die Roches in einem ganz wesentlichen Punkt von traditionellen Folksängerinnen: wo diese in Hingabe schmachten und in Spitzenhäubchenidylle zerlaufen wie Vanillepudding, der sich beim Stürzen als nicht steif geworden entpuppt, da reagieren jene rotznäsig oder lachen hämisch auf. Und Robert Fripp, der die Platte produziert hat, hat dafür gesorgt, dass das Werk durch sein fabelhaftes Gesamtkonzept glänzt, auch wenn seine E-Gitarre und seine „Fripperies“ kaum oder selten hörbar ist.

Tja, und auch nach ihrem Debüt sind die drei Roche-Schwestern in unregelmässigen Abständen in Erscheinung getreten, bis zum Krebs-Tod von Maggie Roche im Januar 2017. Sie haben dabei ihre herzige Unverblümtheit nie verloren. Kein Gerangel im Show-Biz, im Kampf um Marktanteile und Edelmetall-Alben. Also blieben sie ein „Geheimtipp“, der irgendwann starb, ohne dass jene Welt davon Notiz nahm, für die (und für jene Karrieremodelle) sie ja sowieso viel zu brillant waren.

Status Quo, Blue for You, 1976

Produzent/ Damon Lyon-Shaw, Status Quo

Label/ Vertigo

Auf „Blue For You“ ihrem 83. Album, machen Status Quo die gleiche Musik, die sie schon auf ihrem, 29. und 37. Album gemacht haben: Boogie, Boogie und nochmals Boogie!

Die, die Band mögen – ich gehöre auch dazu – werden auch dieses Album mögen, und all die anderen, die sie nicht mögen, werden leider wieder etwas von „Teenybopper-Gewichse“ murmeln und abfällig die Nase rümpfen. Über diesen Status Quo kann man nur traurig sein, aber da helfen Status Quo darüber hinweg…

Bob Dylan, Good As I Been To You, 1992

Produzent/ Bob Dylan

Label/ Columbia

Auf dem Cover gibt es eines dieser verkniffenen Kenn-ich-nicht-wasch-ich-nicht-Gesichter, inklusive ergrauendem Milchbart und Unfrisur. Innen findet man ein Foto von grauen Wolken und auf der Rückseite einen in Leder gekleideten Verwirrkopf mit Akustikgitarre, der so aussieht, als hätte ihm jemand das Textblatt geklaut. Was Dylan in den 13 Songtitel auf „Good As I Been To You“ macht, kann er besonders gut, weil er das bereits 30 Jahre zuvor gemacht hat. Damals war er ein charmanter junger Mann mit einer fragilen, näselnden Stimme, auf diesem Album sind es die maroden Stimmbänder eines alten Kauzes. Aber so gross ist der Unterschied nicht. Tatsächlich weist Dylan deutlich auf das hin, was wirklich an ihm individuell ist: die physische Präsenz der Stimme – egal wie begleitet, egal welche Songs sie singt – hier Traditionals, Blues, Folk -, die wie kaum eine andere das Talent hat, sich über alle Aufnahmebedingungen und elektronischen Zerlegungen hinweg zu erhalten.

Alles, was eine Singstimme normalerweise ausmacht, ist jedenfalls hier noch verkrüppelter als eh schon bei Dylan. Und es ist auch nicht der Charme dieser Schwäche, der mich anzieht. Es ist eher die raue Stimme des Dichters, der sich über Schnarren und Krächzen immer an der Grenze zum Rauschen mitteilen muss. Bei dem Buchstaben und Töne nicht mehr notierbar, auch austauschbar geworden sind.

The Go-Betweens, Liberty Belle & The Black Diamond Express, 1986

Produzent/ Richard Preston, The Go-Betweens

Label/ Beggars Banquet

Die Go-Betweens aus Australien waren typische Vertreter der in den 80er Jahren weltweit entstandenen Independent-Szene. Sie profitierten einerseits von der Professionalisierung der kleinen unabhängigen Labels und Vetriebsorganisationen, konnten ein Stammpublikum etablieren und von den Erträgen der Schallplatten und Konzertreisen leben, anderseits gelang es ihnen nicht, die Grenzen zu durchbrechen, die den Independent-Markt vom Massenpublikum trennen.

Die Alben der Go-Betweens sind wie lange Briefe von jemandem, den du kaum kennst. So überraschend wie Lebenszeichen eben sind. Auf „Liberty Belle & The Black Diamond Express“ haben sie ein Foto mitgeschickt, das sie als fröhliche Kleinfamilie porträtiert. Die Songtexte sind so, dass sie erklären, beschuldigen, philosophieren, den Blick auf Alltagsklischees gerichtet. Bedeutungen diskutieren. Wahrscheinlich Themen von Küchentisch-Gesprächen. Die hartzarten Melodien dieser Band klingen oberflächlich wie harmloser Pop, aber man hat immer das Gefühl, da ist etwas zuviel, irgendetwas, das weniger gefällig ist als blosse Provokation.

„Spring Rain“ kriecht so langsam ins Ohr wie das Thermometer gerade steigt. Eine merkwürdige Spannung macht die Songs faszinierend und hörenswert; hier ist jede Zeile ein Detail, das besondere Umsetzung erfordert. Jedes kleine Ding wird hier mit einem Nachdruck behandelt, der einfach nicht zur Popwelt und ihrer geordneten Dramatik passt. Die Musik lebt nicht von vorausgeplanten Reaktionen. Sehr gutes Album!