Bonnie Raitt, Nick of Time, 1989

Produzent/ Don Was

Label/ Capitol

Bonnie Raitt hat eine 50jährige Karriere mit diversen Grammy-Siegen und kommerziellen Hochs hinter sich. Dass ein Erfolg in den USA mit den auf den amerikanischen Markt zugeschnittener Musik kein Garant ist für vergleichbare Popularität in Europa, mag jene verblüffen, die in der Alten Welt nur einen Kulturvasallen der Kaugummifresser sehen. Bonnie Raitts Musik dürfte der Albtraum eines jeden Hip-Hopper und Elektro-Wavers sein. Schwerer R&B-Background, Boogie-Piano, kratzige Slide-Gitarre und dazu diese gönnerhaft raspelnde Stimme. Die Band besteht aus gestandenen, schwerknochigen Südstaatlern, mit Visagen, wie sie auch ein neger- und frauenverachtender Alabama-Faschist gerne aus dem Fenster seines Diesels rausgrinsen liesse.

Doch Bonnie Raitt ist eine warmherzige Frau, ihre Band eine homogene Zusammenstellung hochsensibler Musiker und „Nick Of Time“ ein grossartiges Album – mit kleinen Einschränkungen. Angenehm die Produktion von Don Was, der glücklicherweise darauf verzichtet hat, dem Album den Was- (Not Was)- Sound verpasst zu haben. Vielleicht hätte er Unsäglichkeiten wie den komischen Reggae-Groove in dem sonst sonst schönen „Have A Heart“ verhindern können. Aber mir gefällt die Leidenschaft bei „Real Man“ und die unkonventionelle Adaption des John Hiatt Stücks „Thing Called Love“. Neben hausgebackenem Mainstream, gibt es auch ein paar Blues-Songs und Balladen, wie „Nobody’s Girl“, bei denen jene Bodenständigkeit durchkommt, für die Bonnie Raitt in ihrer Heimat so geliebt wird.

Ringo Starr, Photograph: The Very Best of Ringo Starr, 2007

Produzent/ Richard, Perry, Ringo Starr, Don Was, George Harrison u.a.

Label/ Apple

Der heute 82jährige Ringo wurde bei den Beatles als tragikomische Ergänzung zu den intellektuellen und musikalischen Heroen John, Paul und George vermarktet und musste beweisen, dass sein lakonischer Lebens- und Schlagzeugstil kongenial zu Gurus, Love-Ins und immergrünen Pop-Hymnen passte, von denen er zu Beatles-Zeiten gerade mal zwei oder drei mit seinem Gesang verschönern durfte.

Nach den Beatles gingen seine Solo-Alben am besten, nicht zuletzt, weil er es als einziger schaffte, John, Paul und George auf einer Platte zusammenzubringen. Doch Dämon Alkohol, ein treuer Begleiter von Mr. Starkey seit den Liverpooler Tagen, verhinderte ein Happy End. Ringo selbst konnte sich Ende der 80er Jahre nicht mehr erinnern, wo er welche Songs aufgenommen hatte, durch welche Fernsehsendungen er gewankt und ob er zuletzt sieben oder zwölf Flaschen Wein pro Tag in sich hineinkippte. Auch die Plattenfirmen liessen Ringo Starr fallen; neun Jahre dauert es bis sein nächstes Album „Time Takes Time“ erschien. Und seither, trocken wie seine Witze, nutzt Ringo Starr seinen Legenden-Bonus und seine fachliche Reputation unter Kollegen, veröffentlicht alle paar Jahre ein Album und geht mit seiner All-Starr Band auf Tour.

Auf dieser Compilation sind alle Hits von Ringo vertreten, plus ein paar weniger bekannte Songs. Das Album ist eine gelungene Repräsentation dessen, was an 70er Jahre-Rock so liebenswert war; so zeigen Liedchen wie „I’m The Greatest“ und „No-No-Song“ die Starrsche Liebe zur Einfachheit ganz wunderbar. „Only You“ hingegen finde ich in seiner Version ziemlich schlapp und das „You’re Sixteen“ Cover hätte er sich sparen können. Dass der Nicht-Sänger Ringo aber doch singen kann, zeigen „Photograph“, „It Don’t Come Easy“, „Snookeroo“, „Goodnight Vienna“ und „Wrack My Brain“. Auf jeden Fall sorgt das Album bei mir im jetzigen Moment noch immer für sehr schöne Wiederhörensfreude.

Chris Spedding, Pearls, 2011

Produzent/ Chris Spedding

Label/ Repertoire Records

Unglaublich entspanntes Alterswerk, wirklich: langsam, leise, schüchtern und doch Rock’n’Roll. Aus irgendeinem Grund fällt mir Tony Joe White ein, aber ich ich weiss auch nicht aus welchem. Chris Spedding ist ein grosser Gitarrist, sich wegminimalisierend. Und auch nicht schlecht: Er spielt die ganze Zeit, aber keiner hat’s gemerkt. Und dann dieser Titelsong, der könnte genausogut von einem J. J. Cale sein. Und dann der Text von „Not Luv“, der vor Kälte zittert (aber es ist aussen kalt, ganz gewiss nicht innen), bei dem der gute Chris im Gegenzug seine Gitarre deutlich vielsagend aufheulen lässt.

Unterstützen liess sich Spedding im Studio von der Background-Sängerin Sarah Brown, Herbie Flowers (Bass, Tuba) sowie dem Schlagzeuger Andy Newmark (die beide in der ersten Hälfte der Siebziger auch schon für David Bowie gearbeitet haben). Unnötig zu sagen, dass sich „Pearls“ nicht millionenfach verkauft hat, auch nicht hunderttausendfach. Es ist eine Platte zu Geniessen. Optimal zum Beispiel für relaxte Abende, an denen man einfach nur Lust hat, dazusitzen und zuzuhören. Als Gitarrist ist dieser Mann ein Meister seines Fachs.

PJ Harvey, Dry, 1992

Produzent/ Rob Ellis, PJ Harvey

Label/ Island

PJ Harveys „Dry“ verwaltet Adoleszenz-Emotionen der gehobenen Sorte mit der gebotenen Sorgfalt: hocherotisch, hochkomplex und sick of postmodernism. Die Direktheit und Gereiztheit dieses Albums lässt sich nicht das intellektuelle Vergnügen einiger formaler Scherze nehmen. Polly Jean Harvey hätte auch als Songwriterin mit Klampfe reüssieren können. Doch hält dieser Folkfrieden nie lange, denn das Prinzip der Stücke ist formale Strenge, (abstrakte Titel, aber kontrastierte Songabläufe, Konzentration auf wenige, aber heftige Stilmittel) unemotionale Dichte (Steigerungen, Dramatik, extreme Lautstärke und Tempogegensätze).

PJ Harvey war die Indie-Lieblingsfrau der 90er Jahre. Sie verbreitete damals das Gefühl neuer und neu eroberter Möglichkeiten „individuellen Ausdrucks“. Da war in den 80ern solange abgearbeitet, zitiert und relativiert worden, dass man ein Jahrzehnt später plötzlich richtig frisch aus dem Schatten von Captain Beefheart und Patti Smith treten konnte und das Rock-Individuum neu erfinden. Aber wahrscheinlich können das nur Frauen (Gegenbeispiele sind kaum bekannt).

Syd Straw, Surprise, 1989

Produzent/ Anthony Moore, Syd Straw

Label/ Virgin

Singende, nicht mehr junge Frauen mit Mädchenappeal (soweit das überhaupt noch geht) wirken heftig, wenn sie auf Perfektion aus sind und sich durchtrainiert und gestylt auf Tanz- und Hüpfnummern spezialisiert haben. Peinlich wird es, wo es ernsthaft wird und sie trotz allem Bemühen von einer gewissen Fadheit umschleiert sind. Fadheit offensiv, als Überraschung, ausgedacht und zelebriert findet man dagegen bei Syd Straw. Einst bei den Golden Palominos als Sängerin tätig, wurde sie von allerlei Bekannten aus dem weiteren Umfeld bei ihrem ersten Soloprojekt unterstützt. Darunter Anthony Moore, Van Dyke Parks, Ry Cooder, Richard Thompson, Marc Ribot und auch Michael Stipe, mit dem sie das Countryduett „Future Forties“ aufnahm, das als erste Single ausgekoppelt wurde. Der Song stützt sich auf die bekannte These der sich wiederholende Geschichte.

Alle Beteiligten (ausser Michael Stipe vielleicht) gehören zu der eher unaufdringlichen Musikersorte und arbeiten nur zum Besten für Syd. Das verschafft „Surprise“ ein unerhörtes, vielschichtiges Polster an Geschmack, der dennoch einen einzigen hinterlässt. Gehört zu der Sorte Platten, die plötzlich erscheinen und irgendwo hängenbleiben, schräg in den Seilen, manche Titel kommen auch nicht so richtig auf den Punkt. Das Ganze ist ohne Aktualitätsbezug, entstanden aus seltsamen Zusammenspielen einer Familie, die kunstvolle Session. Alle Stimmungen drin, von „Almost Magic“ bis zu „Hard Times“ und manchmal klingt es wie getretene Katzen. „Surprise“ ist so eine vielschichtige städische Folk-Pop-Mischung, die ich gerne auflege, wenn niemand da ist. Eine alte, weise und schöne Überraschung.

John Cale, Music for a New Society/ M:Fans, 1982, 2016

Produzent/ John Cale

Label/ Domino

„Music for a New Society“ ist integrale Cale-Musik; grosse, einsame Balladen zu tiefen, brüchigen Keyboard-Arrangements, Sprechstücke zu unerhörten Kaputtklängen, federnde Pop-Songs („Changes Made“) und unvergessliche Stücke wie „Damn Life“, wo Cale mit nagender Stimme sinniert, während im Hintergrund ein akustisches Klavier sich durch „Freude schöner Götterfunken“ quält.

Das Original von „Music for a New Society“ ist eine musikalische Utopie, in der sich ein Musiker bewegen kann, als gäbe es keine Gesetze, Formen, Strukturen, die einem Vollblut-Nicht-Pop-Musiker das Leben schwer machen. Das Ganze ist sparsam produziert, oft von John Cale im Alleingang eingespielt. Später werden irreale Szenen und Situationen konstruiert und zerstört. Da werden Felder von Tom Waits bis zu Schönbergs E-Musik durchquert, grosser Kitsch und weise Selbstironie durcheinandergeworfen. Der alte Cale-Standard „Close Watch“ aus „Helen of Troy“ kommt hier in einfacherer Form daher.  In „Risè, Sam and Rimsky-Korsakov“ spricht eine Frau vor einem verzerrten Klangbrei mit Klavierklängen von Rimsky-Korsakov einen Cale-Text. Was für ein krasser Gegensatz zu dem fast dylanesken Gitarre/Viola-Song „Chinese Envoy“, oder dem kitschigen „Broken Bird“.

Die Neubearbeitungen der Songs von 2016 sind völlig anders als die Originale; härter, schneller, elektronischer. Sicherlich nicht mehr auf dem damaligen Niveau, aber doch meist interessant, wenn man sie öfter hört. Die „M:Fans“-Version von „Close Watch“ bewegt sich schon nahe am Dark Wave und ist durchaus für düstere Tanzflächen geeignet. Für mich kommt „M:Fans“ eher einer Fussnote gleich zu den eleganten Elegien, die John Cale in seinem Meisterwerk von 1982 aus der Taufe gehoben hatte.

Violent Femmes, 1983

Produzent/ Mark van Hecke

Label/ Slash

Das Debüt „Violent Femmes“ war Punkrock mit einem akustischen Bass, einer Snare Drum und einer E-Gitarre. Das waren drei Jungs, die ihre Songs abfeuerten, als sprängen sie samt Instrumenten aus der Luke eines Flugzeugs, ohne Fallschirm, ohne Netz, ohne Plan. Das waren die uncoolen Coolen. Das waren die Grübler und Wichser und die mit Akne, und jetzt schlugen sie zurück.

Gordon Ganos Gesang und die ungewohnten Attacke auf akustischen Instrumenten haben viel gemeinsam mit Tarantinos Gangstern und ihren wie beiläufig gehaltenen Revolvern und den Spatzenhirnen, also: Verachtung, Aggression, Krankheit, Missverständnis. Nur dass Gano zehn Jahre früher als Tarantino den Dreh geahnt hatte. Das Debüt von Violent Femmes ist wahrscheinlich eines der Besten, das je von Newcomern abgeliefert worden ist: „Blister in the Sun“, „Kiss Off“, „Please Do Not Go“, „Add It Up“ und „Confessions“ und dazu „Gone Daddy Gone“ – Der ideale Soundtrack zu prägenden Momenten etlicher Adoleszenzen.

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Little Feat, Dixie Chicken, 1973

Produzent/ Lowell George

Label/ Warner Bros.

Little Feat spielten Rock in allen erdenklichen Nuancen, mit der ganzen Vielfalt dieses Genres. Lowell George, ihr Leader, Sänger, Gitarrist und Produzent liebte und lebte den Rock mit einer solchen Hingabe, dass er schliesslich „bad for his heart“ wurde. Auch wenn das wie eine Floskel klingt, aber mit Lowell George starb eine Legende, die jedoch glücklicherweise auf den Little-Feat-Alben weiterlebt.

„Dixie Chicken“ verbreitet von Anfang an eine wunderschön positive Stimmung und zeigt deutlich die vielen musikalischen Einflüssen, die den typischen Little-Feat-Sound ausmachen. Aus Country-, Funk-, Blues- und Jazzelementen entwickelten sie einen sehr eigenständigen und dennoch äusserst gefälligen, leicht rockigen Mix ohne wilde Experimente. Lowell Georges ungewöhnliche Phrasierung mit den langezogenen einzelnen Silben gibt der Platte viel Persönlichkeit und trotz der dichten Schichtung von Rhythmusinstrumenten, mehrstimmigem Gesang und bluesigen oder funkigen Gitarren klingt alles einheitlich und rund. Oft wird „Dixie Chicken“ als das beste Little-Feat-Album bezeichnet, und tatsächlich ist es unmöglich, hier schwache Stücke auszumachen. Jeder einzelne Song hat etwas Besonderes, das ihn aus der Masse hervorzuheben scheint. Sicher, der Titelsong gilt als einer der besten der Band. Lässt man sich aber auf das Album ein, so sticht er nicht mehr so sehr hervor, wie sein Ruf es vermuten lassen würde. Wollte ich den einzelnen Titeln hier gerecht werden, würde das aber definitiv den Rahmen sprengen.

Dire Straits, 1978

Produzent/ Muff Winwood

Label/ Warner Bros.

Dass das Debüt gleich ein zeitloser Klassiker wird, hat bei der Veröffentlichung niemand geahnt. Es dauerte fünf Monate, bis die Single „Sultans of Swing“ in den US-Charts Fuss fasste. Schliesslich waren die Dire Straits die Sperrspitze einer neuen Brit-Invasion mit The Police und Elvis Costello. Auf Tourneen überzeugte die Band ihr Publikum mit ihrer Live-Energie, das Album wurde weltweit bekannt. Kein Wunder, auf „Dire Straits“ ist alles schon da, was ein gutes Album vom Mark Knopfler ausmacht: die Geschichten aus dem Alltag, Songs über Probleme mit Frauen, Finanzen und der Wohnung. Dazu kommt Knopflers nuschelnder Sprechgesang und sein unverkennbares Gitarrenspiel. Der Unterschied zu heute: Die Scheibe hat an den entscheidenden Stellen den nötigen Punch, während sich heute Knopfler gerne laid back zeigt.

„Dire Straits“ ist einfach gute Musik, die man immer wieder hören kann. Auch nach 45 Jahren fällt mir dazu nichts Neues ein, ausser dass man doch mal „Live at the BBC“ hören sollte, wo die Band „Dire Straits“ vor der Veröffentlichung schon live aufgeführt hat.

Tom Verlaine, Warm and Cool, 1992

Produzent/ Tom Verlaine

Label/ Rykodisc

Tom Verlaine war das missing link zwischen der Pop-Art-Welt der 60er und Punk. John Cale, Patti Smith, Leute von Ramones und MC5 waren mit ihm befreundet. Als Sänger, Gitarrist und Poet der Band Television war er das Gross-Talent, der gerngesehene Session-Gitarrist, der Produzent, ein Musiker für Musiker, aber keiner für die Massen. Sein Gitarrenspiel ist ein Markenzeichen und Muster für andere, schimmernde Klänge, sich langsam brechende Kaskaden, die wie Luftspiegelungen auf heisser Fahrbahn oder wie Scheinwerferlicht auf nasser, nächtlicher Strasse flirren und irrlichtern.

Bestimmt kein Zufall, dass Verlaine so ein Photo als Cover für seine Instrumentalplatte „Warm and Cool“ ausgewählt hat. Das Album ging damals unter, ich weiss auch nicht: Instrumentale Rockmusik der 90er muss wohl anders klingen, mehr nach Chicago und nach Jazz und nicht so sehr nach Cowboystiefeln, die auf Grosstadtpflastern schiefgelatscht werden. Für mich bleibt Tom Verlaine der Ry Cooder seiner Generation, ohne dessen diplomatische Ader und völkerverbindende Art, mehr so ein One-Man-Soundtrack für den Film des Lebens.