Laurie Anderson, O Superman, 1981

Text/ Musik/ Laurie Anderson

Produzent/ Laurie Anderson

Label/ Warner Bros.

Laurie Andersons Stücke haben oft etwas mit Kartographie, Geographie zu tun: Ihr Blick „From The Air“ erinnert an die Amerika-Beschreibung einer Getrude Stein. Sie betrachtet die Linien, Wege, Striche zwischen Städte, Menschen und Telegraphenmasten, zwischen Wörtern und Sätzen, Landkarten, Muster, Texturen, Texte, Grammatik. Ihr berühmter Satz aus „O Superman“ „Cause when the money is gone/ There’s always justice/ and when justice is gone/ there’s always force/ and when force is gone/ there’s always mom/ Hi Mom!“ ist nicht nur die Superauflösung gordisch-amerikanischer Psycho-Knoten, sondern auch das Superbeispiel für Laurie Andersons Gedankentechnik. Der Song war eine Antwort auf die Iran-Contra-Affäre und den politischen Einfluss der USA, nimmt aber textlich auch Bezug auf Kommunikation und Technologie, zum Beispiel in Form von Anrufbeantwortern, sowie mütterliche Liebe oder auch Nicht-Liebe. Stilistisch collagiert Laurie Anderson in dem Song Jules Massenets Arie „O Souverain, o juge, o père“ aus dem Jahr 1885 mit Saxophonklängen, Stimmloops und Vogelgezwitscher.

„O Superman“ dauert achteinhalb Minuten. Und man kann mir glauben, dass dies ein Pop-Song ist. Laurie Anderson hat nämlich ziemlich früh, vielleicht früher als Brian Eno oder die Talking Heads, erkannt, dass die Hitparade das beste Vehikel für einen neuen Blick auf die wimmelnde Welt ist.

Lucio Dalla, Come è Profondo il Mare, 1977

Text/Musik/ Lucio Dalla

Produzent/ Alessandro Colombini

Label/ RCA

Es war kalt, als wir vor zehn Jahren Ende Februar in Bern den Zug bestiegen. Ein paar Stunden später, nach der Fahrt über die Poebene, vorbei nach Mailand, ans Meer bei Genua und weiter südlich, lag der Frühling in der Luft. Sie war mild, das Abendlicht betörend. Am nächsten Morgen wanderten wir der Küste entlang. Ich liebte die Frau, die mich auf dieser Wanderung begleitete, und die Gegend. Wir schauten über die ligurische Küste, sahen das Meer, die Weite, die Farben. In Corniglia übernachteten wir in einem Turmzimmer. Dort gab es ein kleines Radio, in dem wir hörten, dass der italienische Cantautori Lucio Dalla gestorben war. Sie spielten den ganzen Abend die Lieder von ihm. Wir sassen auf der Dachterrasse und tranken Wein in die Nacht. Am nächsten Morgen wanderten wir leicht zerknautscht, aber happy der sonnigen Küste entlang. Alles war weit offen, alles zog so schnell vorbei. Seither ist Lucio Dallas „Come è Profondo il Mare“ für mich ein Sehnsuchts-Song. Und nächste Woche fahre ich wieder, mit der Frau, die ich noch immer liebe, an die ligurische Küste und deshalb hier dieses Lied.

The Clash, Combat Rock, 1982

Produzent/ The Clash, Glyn Jones

Label/ CBS

Nach dem (misslungenen) Versuch sich in einer musikalischen Welt zurechtzufinden, die in immer mehr Stile, Posen und Idome zerfällt, konzentrierten sich Clash auf das, was sie wirklich beherrschten – Rock. Es hat ihnen dabei sicher auch gut getan, dass sie sich mit „Sandinista“ selbst vom Thron der Rebellenführer gestürzt haben, und dass sie ebenso verwirrt und hilflos den Post-Punk-Entwicklungen gegenüberstanden, wie jeder halbwegs vernünftige Mensch, der nicht gleich beim Anblick jeder neuen Garderobe des Kaisers in Verzückung gerät.

„Combat Rock“ ist ein Rock-Album, weil hinter der Musik, den Texten nichts steckt, d.h. es steckt alles drin. „Know Your Rights“, zugleich die letzte Single der Gruppe, enthält das Programm des ganzen Albums: es gibt keine Rechte, kein Leben, das man nicht gegen „sie“ durchsetzt. „ You have the right not to be killed. Murder Is a crime, unless it was done by a policeman or an aristocrat. Know your rights!“ Aber es ist kein Album der schieren Verbitterung. „Should I Stay Or Should I Go“ zum Beispiel ist eine Hommage, eine Parodie an die Sechziger: Kinks-Riffs, beschleuniger Mittelteil und dazu Mick Jones, der den Stimmbruch probt, unterlegt mit spanischem Hintergrundgesang. „Rocking The Casbah“, „Overpowered By Funk“ sind weitere Stücke, die schon nach zweimaligem Hören die Gehörgänge nicht mehr verlassen. Auffällig sind auch Titel wie „Ghetto Defendant“ (mit Vortrag von Allen Ginsberg) oder „Inculated City“, wo die Musik völlig dem Text untergeordnet wird und fast so etwas wie Rock-Poetry herauskommt. Und es ist das entweder zurückhaltende, aber akzentuierte Spiel der Gruppe oder Joe Strummers Stimme, die sie vor dem Umkippen ins Lamento bewahrt.

Iggy Pop, American Caesar, 1993

Produzent/ Malcolm Burn

Label/ Virgin

Die Band besteht aus Unbekannten, die aber so gut, massiv und dumpf sind wie die Stooges (nur dass sie besser spielen). Als Kinder der 90er verfügen sie natürlich über ein Rock-Idom, das mehr gesehen hat als die Jungs aus Detroit. Von den 16 Tracks des Albums haben mindestens 13 eine Qualität wie man sie von Rock-Songs erwartet. Dazu verbreiten die Texte selten gehörte Evidenzen zwischen Schwachsinn und letzter Einsicht.

Im Zentrum von „American Caesar“ stehen für mich das zweitletzte und das letzte Stück. Nämlich zunächst die unüberflüssigste Version von „Louie Louie“, bei der Iggy zum Originaltext hinzuphilosophiert, was Birne und Glotze zu bieten haben („I am bad as Dostoevsky“, angekündet mit den Worten „And now: The News“. Conclusio: „After Bush and Gorbatechev/ The wall is down but something’s lost/ Turn on the News, looks like a movie/ It makes me wanna sing Louie, Louie.“ Dazwischen nimmt er einmal mehr die Rolle des „Idiot“ an, der sich nicht auskennt mit Gesundheitsreform, Infektionskrankheit und Obdachlosigkeit. Doch dann kommt „Caesar“. Ein völlig irrer Rap, der den Amis einen Caesar vorschlägt, der die Christen den Löwen vorwerfen will, sich in Geschichtssammelbildchen verliert, deliriert, während im Hintergrund nur eine Gitarre und ein paar Geräusche rummeckern. „Turn the other cheek? Ha! Ha! Two thumbs down!“

Blues Brothers, Briefcase Full Of Blues, 1978

Produzent/ Bob Tischler

Label/ Atlantic Records

Böse Stimmen haben behauptet, ihre Auftritte in einer amerikanischen Fernsehsendung und das Live-Album  „Briefcase Full Of Blues“ seien nur Spezialprojekte, um damit zusätzliche Kohle für einen total idiotischen Film (“ We’re on a mission from God.“) zu machen, uns so hätten sich die zwei Hauptdarsteller dazu entschlossen, dunkle Sonnenbrillen aufzusetzen und aufzutreten. Eine Gruppe hervorragender Musiker, unter ihnen Steve Cropper, Duke Dunn, Tom Scott und Matt Murphy sei zur Teilnahme an einem Auftritt im Universal Amphitheatre in L. A. verpflichtet worden. Das Konzert, bei dem die beiden – übrigens ziemlich gut – Bluesmaterial von Otis Redding, Floyd Dickson, Mel London, Don Walsh, Willie Mabon, David Porter und anderen zum besten gaben, wurde allein in den USA über eine Million mal verkauft.

Elwood Blues, ebenso wie sein dicker Bruder Joliet Jake, die sich hinter dunklen Sonnenbrillen verbergen, können es zwar nicht verkneifen, ab und zu ein paar blöde Sprüche zu verzapfen, die von Wunsch-Sandwiches und Querschläger-Keksen handeln, aber der Gesang der beiden ist richtig bluesig und auch das Mundharmonikaspiel von Elwood ist nicht ungroovy.

Ich habe übrigens nie auf die böse Stimmen gehört, die behauptet haben, man hätte für das Album nur zwei Schauspieler engagiert, diese hinter schwarzen Sonnenbrillen versteckt und dann auftreten lassen, um damit Kohle zu machen.

Rod Stewart, Gasoline Alley, 1970

Produzent/ Rod Stewart, Lou Reizner

Label/ Vertigo

Das ist Rod Stewart’s zweite Solo-LP nach seiner Verbindung mit den Faces. Und damit neben seiner Popularisierung als Solosänger die Gruppe nicht zu kurz kommt, wurde „Gasoline Alley“ bis auf den Organist Ian McLagan in Faces-Besetzung aufgenommen.

Verglichen mit „The First Step“, dem Album der Faces, ist die Musik auf „Gasoline Alley“ ausgereifter. Alle Songs sind gleichmässig gut. Es gelingt Ron Wood, Ronnie Lane und Kenneth Jones, Rod’s Stimme instrumental wirkungsvoll zu unterstützen, ohne sich deshalb auf blosse Hintergrundmusik zu beschränken. Vorallem Ron Wood spielt – meistens auf einer 12-saitigen akustischen Gitarre – sehr wirkungsvoll und ohne jemals seine musikalische Identität zu verlieren. Und Rod Stewart’s Stimme ist so eigenwillig, dass sie selbst A Cappella in einem Hinterhof grossartig rüberkommt.

Eurythmics, In The Garden, 1981

Produzent/ Conny Plank

Label/ RCA Records

Bei diesem trüben, nasskalten Wetter sehnt man sich wirklich nach etwas Wärme, nach Sonne, nach Natur. Was kann man machen? Kurzfristig verreisen? Mit Gedanken an schöne Sommer in Erinnerungen schwelgen? Die richtige Musik muss her. Es gäbe hier eine Unmenge Musiktipps aus den Bereichen Blues, Rhythm & Blues, Sixties-Beat, Heavy-Rock, Jazz, Funk und Rockabilly, aber heute möchte ich Euch eine Platte vorstellen, die nicht so recht in irgendwelche Schablonen passen will. Das erste Album der Eurythmics heisst „In The Garden“ und in genau einen solchen fühlt man sich bei Anhören dieser Platte versetzt. Die Eurythmics machen Pop-Musik, nichts weiter als schöne, melodiöse Pop-Musik. Sie malen Stimmungsbilder, schaffen eine rundweg angenehme Atmosphäre herbei.

Die Songs sind abwechslungsreich, einfach, romantisch, aber nie anspruchslos. Dafür sorgt allein schon die souveräne Produktion von Conny Plank. Und die klangfarbenreiche Musik der Eurythmics selbst. Annie Lennox und Dave Stewart werden hier von verschiedenen Gastmusiker wie Jaki Liebezeit, Holger Czukay, Clem Burge und Robert Görl unterstützt. Ich mochte dieses Album von Anfang an und habe es mit der Zeit richtig lieben gelernt und lasse mich auch jetzt gerne von Annie Lennox glasklarer Elfenstimme, von Titeln wie „English Summer“, „Caveman Head“, „Never Gonna Cry Again“ und „Sing Sing“ verzaubern.

J. J. Cale, Shades, 1981

Produzent/ Audie Ashworth, J. J. Cale

Label/ Island

Es gibt ja Leute, die behaupten, J. J. Cale sei ein langweiliger Rockmusiker. Ich möchte dem nicht mal widersprechen, aber für mich macht J. J. Cale, abseits von jeder intellektuellen Bewertung Musik, die ebenso ausgeschlafen wirkt, wie sie zur Entspannung nach einem hektisch-nervösen Tag beitragen kann. Die Musik von J. J. Cale hat etwas ruhiges, und etwas anderes interessiert mich nicht, solange sie gut, authentisch und brauchbar ist.

Und das ist „Shades“ ebenso wie jedes andere J. J. Cale-Album. Zwar ist das Cover von dem Motiv der Gitane-Zigarettenpackung geklaut, doch der Inhalt ist erste Wahl, was Cales reduzierten, auf das allernotwendigste beschränkten Blues angeht. Das lange Stück „Pack My Jack“ gehört sogar zum besten, was Cale jemals aufgenommen hat. Das absolut wahnsinnige Saxophonsolo trägt dazu Wesentliches bei, aber die ganze Stimmung – verrauchte Bar, lässiges Besen-Schlagzeug, ausgeruhter Walking-Bass – liefern die Basis für eine geniale Gitarre. J. J. Cale braucht mit „Pack My Jack“ den Vergleich zu Jazzgrössen nicht zu scheuen. „Mama Don’t“ hingegen ist ziemlich beschränkt und „Carry On“ textlich auch mehr als nur dürftig, aber was soll die Krittelei: stell Deine Uhr auf „Tulsa Time“, lass Deinen Pulsschlag ins gedämpfte runtergleiten und entspann Dich mit Jay Jay. Du wirst es nicht bereuen.

Led Zeppelin, Coda, 1982

Produzent/ Jimmy Page

Label/ Swan Song

„Coda“ ist definitiv das letzte Album von Led Zeppelin. Acht Titel aus neuneinhalb Jahren wurden hier von Jimmy Page ausgewählt. Und wer es noch nicht weiss, dem sei es hier gesagt, dass Led Zeppelin gestorben ist, als John Bonham, der Schlagzeuger verstarb, denn ohne Bonham war Led Zeppelin für die verbliebenen Jimmy Page, John Paul Jones und Robert Plant undenkbar. Also im Archiv die Titel herausgesucht, die veröffentlichungswert sind und mit John Bonham eingespielt wurden. Bis auf „I Can’t Quit You Baby“, dass auch auf dem ersten Led Zeppelin-Album in anderer Form erschien, handelt es sich um noch nicht veröffentliche Aufnahmen, die aber teilweise schon live zu hören waren. „Coda“ gedeiht zu einer Biografie, zu einem Nachruf an John Bonham, ähnlich dem „Hoy Hoy“-Album von Little Feat, als Nachruf an Lowell George.

Alle Stilarten von Led Zeppelin werden vorgestellt. Von Heavy-Rock-Songs zu Akustikgitarren-Stücken, die Led Zeppelins Alben immer wieder abwechslungsreich machten. Ich möchte bis auf „Bonzo’s Montreux“ keinen anderen Titel herausheben. Sie haben alle die gewohnte Qualität, nur „Bonzo’s Montreux“ ist Schlagzeug und Rhythmus pur. Es zeigt John Bonham an den Drums in Bestform, kraftvoll und dynamisch. Wenige Stücke können allein mit Trommeln im Vordergrund bestehen, zum Tanzen animieren, faszinieren. Hier ist ein solches, ein Muss für alle Schlagzeugfans.

Dire Straits, Communiqué, 1979

Produzent/ Jerry Wexler

Label/ Warner Bros.

Die Dire Straits haben Jahre gebraucht, um ihre erste Platte zu machen. Was dabei rauskam, weiss heute jeder. Aber als Freund Pesche im Mai 1978 daherkam und sagte: „Starke Platte, musst du unbedingt hören, fantastisch usw.“, da konnten wir nicht ahnen, dass nach einem halben Jahr Desinteresse das Album in die Charts gewählt wurde. Und da läuft „Sultans Of Swing“ eben heute noch. Ich kann verstehen, wenn einen nach dem 278. Mal die Nummer recht bekannt vorkommt, nur ist das längst kein Grund „Communiqué“ schlechter zu machen, als das erste Werk.

Schliesslich hat Mark Knopfler nun wirklich Talent, Songs zu schreiben, die in die Rockgeschichte der Klassiker eingegangen sind. Und Rockopa Jerry Wexler hat das Album hervorragend produziert. „Once Upon A Time In The West“ auch als „Spiel mir das Lied vom Tod“ bekannt gehört genauso dazu wie „Follow Me Home“ und „Lady Writer“. „Communiqué“ ist genauso gut wie die Musik auf der ersten Dire Straits Platte. Ich wünschte, es gäbe mehr solcher Alben, mit denen man einen ganzen Nachmittag lang seinen Popträumen nachhängen kann, während man alte Alben mit Beatles und Beach Boys durchblättert.