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Slade, Slade Alive!, 1972

Produzent/ Chas Chandler

Label/ Polydor

Slade konnten nichts falsch machen, weil sie absichtlich alles falsch machten. Sie schrieben die Titel in einer Art privatem Pidgin-Englisch, soffen sich durch Europa, bekannten stolz, nie ein Buch zu lesen, machten einen Film und jeden Promotion-Scheiss mit. Slade im TV zu sehen, war immer ein Vergnügen. Alle trugen meterhohe Plateau-Stiefel, Hüte mit aufgenähten Spiegeln und grosskarierten oder silberglänzenden Science-Fiction-Unsinn. Sie waren abgrundtief hässlich, unerträglich laut und im Hintergrund klatschten ganze Fussballstadien den Rhythmus mit.

Als dann 1972 „Slade Alive!“ herauskam, war die Gruppe als Live-Band bereits eine Berühmtheit. Das Album beginnt mit „Hear Me Calling“ von Ten Years After und man bekommt einen Eindruck von dem, was da noch auf einen zukommt. Das zweite Stück „In Like A Shot From My Gun“ ist eine Slade-Komposition, bei der sich Noddy Holder gesangsmässig austoben darf. Es folgt „Darling Be Home Soon“ von Lovin Spoonful, ein ruhiges Lied, dass an seiner stillsten Stelle durch einen Rülpser von Noddy unterbrochen wird. Die zweiten Plattenseite kann man getrost als halsbrecherisch bezeichnen, gibt es doch nur drei Stücke. Zuerst die gruppeneigene Komposition „Keep On Rocking“, die allerdings viele Ähnlichkeiten mit Songs von Little Richard hat. „Get Down And Get With It“ wäre die Apotheose des Radaus, wäre da nicht zum Schluss noch „Born To Be Wild“ von Steppenwolf. Mindestens doppelt so schnell (und so hart) gespielt wie die Originalversion startet Slade in den Song, bis der Soloteil kommt und dann scheint sich alles aufzulösen. Rückkopplungen, Sirenengeheul, ein Hubschrauber scheint abzuheben, man ertrinkt in Lärm. Selten hat eine Band so energetisch gerockt.

The Mekons, I Heart Mekons, 1993

Produzent/ Jon Langford, Tom Greenhalgh

Label/ Quarterstick Records

Die Mekons waren irgendwann mal eine archaische Punkband aus Leeds, bevor sie sich in den frühen Achtziger trennten. 1984 gab es eine Reunion, um die streikenden britischen Bergarbeiter zu unterstützen.  Die Hinwendung zur Country-Musik führte dazu, dass fast alle Bandmitglieder in die USA übersiedelten und sich dort teilweise stark mit der alternativen Country-Szene verbunden haben. Trotz aller Hinwendung zu Folk und Country lassen zwei Dinge die Mekons nicht los, diese alles aufzulösend scheinende Punk-Arroganz, die einen bei den frühen Alben der Band noch so nett in Erinnerung ist (das Singsangmässige an Punk, nicht das gröhlmässig, sondern badewannenmässig, Anarchistische) und der verquere Reggae-Einfluss. Wenn in einer dieser lakonisch-stimmungsvollen Balladen plötzlich ein unglaublich deplatzierter, aufregender Hall-Effekt auf die Stimme gelegt wird. Oder wenn da so ein bekifftes Reggae-Schlagzeug alleingelassen wird.

Bei „I Heart Mekons“ hat man den Eindruck, dass jedes Stück von jemand anders gesungen wird (Sprechgesang, Hymnisches, Rezitative, Sandy Denny, ergriffen-gelangweilt, Männer, Frauen, Kinder). Aber alles ist richtig und realistisch und darum automatisch begeisternd, diese Gruppe schmeichelt sich an keine Schönheitsidee und an überhaupt keine kultmässige Stilidentität an. Keine Beziehung zur Kunst des anderen, nur zum eigenen Leben. Dies und die Chronik der Ereignisse, die als Ereignisse überhaupt niemandem mehr auffallen, Folk-Lieder brechen ab, Punk-Stücke rollen ein, brechen ab. Alles bricht zusammen. Und die Mekons bleiben gelassen. Seit vielen Jahren und vielen Alben eine der besten Bands.

Gov’t Mule, Heavy Load Blues, 2021

Produzent/ Warren Haynes, John Paterno

Label/ Fantasy

Das Quartett um dem Gitarrenvirtuosen Warren Haynes nutzte die durch Covid bedingte Auszeit von der Konzertbühne mit der Realisierung eines Bluesalbums. Es enthält einen bunten Mix aus Covers und eigenem Material. Da die Band den Begriff Blues ziemlich weit fasst, gibt es nach Elmore James‘ „Blues Before Sunrise“ auch groovende Soulstücke wie Bobby Blands „Ain’t No Love In The Heart Of The City“ oder Ann Peebles‘ „Feel Like Breaking Up Somebody’s Home“ beides interpretiert die Band sehr gut.

Warren Haynes ist ein brillanter Sänger und Junior Wells‘ „Snatch It Back and Hold It“ bekommt eine Frischzellenkur verpasst. Exzellent ist auch die kraftvolle Version von Tom Waits‘ „Make It Rain“. Dass die Band dazu neigt, die Stücke etwas die Länge in zu ziehen, tut dem Hörgenuss keinen Abbruch. Für Abwechslung sorgen akustische Stücke wie „Heavy Load“ und „Dark Horizon“. Eines sehr gutes Cover gelingt Gov’t Mule auch mit Howlin‘ Wolfs „I Asked Her For Water (She Gave Me Gasoline)“. Unterm Strich ist „Heavy Load Blues“ ein sehr gut klingendes Album eines Quartetts von begabten Musikarchäologen, die sich selber begeistern von der Materie, in der sie sich bewegen und in der Lage sind diese Begeisterung weiterzugeben, dabei immer ebenso die ursprünglichen Schöpfer in den Fokus stellend. Das ist weder altbacken noch gestrig, sondern Traditionspflege in besten Sinne.

The Monkees, The Best Of The Monkees, 2003

Produzent/ Andrew Sandoval

Label/ Rhino

Sie waren beatlesker als die Beatles. Und das hatte ja schon seine Logik, weil sie nämlich sein wollten wie die Beatles und darum einfach ignorierten, wie sich die Beatles von sich selbst entfernten mit den Jahren, von den musikalischen Schlüsselreizen, die sie berühmt gemacht hatten. 1966 übernahmen also The Monkees mit sagenhaft eingängigen Verschnitten von rollenden Beats, knuffigen Rock-’n’-Roll-Gitarren, Handclaps und poliertem Harmoniegesang.

Die Monkees waren eine der ersten erfolgreichen Boygroups der Popgeschichte. Sie wurden allerdings nicht für die Bühne gecastet, sondern für die Fernsehserie „The Monkees“, die von 1966 bis 1968 lief und die von einer amerikanischen Band erzählte, die sich erfolglos abmühte, so erfolgreich wie die Beatles zu werden. Der Plot ging nicht auf: Schon 1967 verkauften die Monkees mehr Platten als die Beatles und die Rolling Stones zusammen; dies dank Hits wie „I’m a Believer“ oder „Daydream Believer“. Natürlich ist hier fast alles Sonnenschein, und natürlich sind die Lieder voller Mädchen, die den singenden Männern den Sommer bringen, sie zum Lachen bringen oder auch nur ihre Sinne wegblasen. Bessere Zeiten herrschen, knapp 67 Minuten lang. Gute Reise Michael.

Robert Plant & Alison Krauss, Raise The Roof, 2021

Produzent/ T Bone Burnett

Label/ Rounder

Die Kombination aus Led-Zeppelin-Sänger Robert Plant, Bluegrass-Star Alison Krauss und Rootsrock-Produzent T-Bone Burnett wurde 2009 zum grossen Abräumer bei den Grammy Awards. Dem Meisterwerk „Rising Sands“ schiebt das Team jetzt endlich einen Nachfolger hinterher. „Raise The Roof“ wird den hohen Erwartungen gerecht. Mit untrügerischem Instinkt und tollen Begleitmusikern (darunter Marc Ribot, Bill Frisell, Jay Bellerose) interpretiert das Duo Country-, Folk-, R&B- und Bluessongs von Merle Haggard, Allen Toussaint, den Everly Brothers, Anne Briggs, Geeshie Wiley, Hank Williams und anderen. Hier verschmelzen die Genres miteinander und machen nachvollziehbar, wie sie einst die Rassenbarrieren überwinden und sich gegenseitig beeinflussen konnten. Die Stimmen von Plant und Krauss harmonieren wunderbar, mühelos gleiten sie von verführerisch zu zupackend.

Entsprechend unterschiedlich sind meine Lieblingssongs aus dieser Kollektion: Unter die Haut geht mir Alison Krauss‘ Gesang in „Don’t Bother Me“ (Bert Jansch), während das bluesige Riff in Lucinda Williams‘ „You Can’t Rule Me“ fast an Led Zeppelin erinnert. Erstaunlich, wie es T-Bone Burnett einmal mehr gelingt, traditioneller Musik neues Leben einzuhauchen, ohne den historischen Sound zu imitieren. Ein Ohrenschmaus.

XTC, Black Sea, 1980

Produzent/ Steve Lillywhite

Label/ Virgin

Ja, XTC waren eine gute Pop-Band. Die einzige Gruppe, die wirklich die Balance zwischen den Residents und Monkees zu halten wusste, bei der jeder Einfall so logisch wie überraschend kommt. Die Songs auf „Black Sea“ enttäuschen, wie schon bei „Drums And Wires“ (1979), kein bisschen, nur die Produktion ist reifer geworden: Der Einsatz von Terry Chambers charakteristischem Schlagzeug, die Dubs, Echos und Halleffekte. Andy Partridges Vokalartistik. XTC waren durch diese Platte auch ein bisschen populärer geworden, nicht zuletzt durch die beatlesquen Harmonien etwa auf „General And Majors“ oder „No Language In Our Lungs“. Beatles- und Kinksähnlich auch immer die Mischung aus Rauhheit und Emotionalität.

In „Respectable Street“ zum Beispiel. Nach dem gesprochenen in einer gebrochenen Stimme vorgetragenen Intro (Albumversion), laubsägelt eine verzerrte Gitarre ein Powerriff, in das Schlagzeug und Bass fallen. Partridge schiebt gleich den Refrain nach: „Heard the neighbour slam his car door. Don’t he realise this is a respectable street. What d’you think he bought that car for‘. Cos he realise this is a respectable street“.  Im Prolog, der gegen Ende des Songs wiederholt wird, kommentiert der Sänger die Nachbarn, im Refrain zitiert er sie. In den Strophen führt er ihre Klagen aus und mischt sich kommentierend ein.

„Black Sea“ ist eine Platte, die mich damals beim ersten Anhören restlos überzeugt hat, die ich aber auch heute noch gerne höre. Wer allerdings bei einem Song wie dem quirligen “Living Through Another Cuba“ oder „Optimism’s Flames“ nicht begeistert ist, wird sich nie mit XTC anfreunden.

Ry Cooder, Get Rhythm, 1987

Produzent/ Ry Cooder

Label/ Warner Bros.

Dieses Album wollte ich schon lange mal vorstellen: eine der ersten Nicht-Soundtrack-Platten von Ry Cooder. Hier die Liste derer, die mitgemacht haben: Buell Neidlinger, einst Bassist von Cecil Taylor, dann Dirigent, dann wieder bei Van Dyke Parks aufgetaucht. Der wiederum spielt alle Keyboards. Larry Blackmon von Cameo ist bei einem scharf gewürzten „All Shock Up“ zu hören. Harry Dean Stanton kommt zu Wort, wenn es virtuos traurig wird. Vier schwarze Backgroundsänger sind auch dabei. Und Flaco Jimenez.

Ry Cooder hat mit dieser Platte reizend sauber ein zwangsneurotisches Bild von Amerika zusammenkonstruiert: Alles kann nur noch exakter, noch reizender, noch lustiger werden. Eigentlich verwunderlich, dass darin Leute wie Jim Dickinson Songs geschrieben haben. „Woman Will Rule The World“ ist eine eigenartige Mischung aus mexikanisch und Calypso; eines der seltenen Liedern, für die nur ein Adjektiv taugt: fein. Ry Cooder ist mit „Get Rhythm“ so gut wie in den Zeiten von „Chicken Skin Music“(1976). Das war jene schöne friedvolle Zeit, als man, ohne als Zuhälter angesehen zu werden, Hawaii-Hemden tragen konnte.

Snakefinger, Snakefinger’s History Of The Blues Live In Europe, 1984

Produzent/ Snakefinger

Label/ Rough Trade

Eine Lehrstunde in Sachen Blues gefällig? Ganz klar, Snakefinger’s „History Of The Blues“. Die Konzerte liegen nun schon ewig zurück, doch die Huldigung von Philip Lithman alias Snakefinger an den klassischen Blues hat sich bei mir tief eingebrannt. Es ist schon grossartig wie Snakefinger zuerst ein kurzes akustisches Aufwärm-Set spielt und dann mit einer elektrischen Live-Band das Publikum mit klassisch swingenden Blues-Standards in eine frenetische Party- und Tanzlaune versetzt.

Das ist nicht zuletzt auch der Verdienst seiner grandiosen Band: Der grosse Ex-Beefheart- und spätere Pere-Ubu-Mann Eric Drew Feldman am Bass, der mafiös wirkende Miguel Bertel an der Rhythmusgitarre und am Saxophon der legendäre Ex-Stooge Steve Mackay. Die Geschichte des Blues von solchen Leuten vorgespielt und erklärt – das ist ein grosser Spass, und für solche, die sich im Blues nicht auskennen, ein inspirierender Ohrenöffner. „Snakefinger’s History Of The Blues“ ist eine Platte, die ich hier gerne auflege – auch wenn mir natürlich bewusst ist, dass der grossartige, bereits 1987 verstorbene Snakefinger heute den wenigsten noch ein Begriff ist.

Hot Tuna, Steady As She Goes, 2011

Produzent/ Larry Campbell

Label/ Red House

Erstaunlich, wie langlebig manche Bands auch ohne Ewigkeitsruhm à la Rolling Stones sind. Hot Tuna hat es an Bekanntheit niemals mit dem „Mutterschiff“ Jefferson Airplane aufnehmen können. Doch noch heute ist die Gruppe (nach kurzzeitiger Unterbrechung in den 80er Jahren) auf Tour. Und mit Jorma Kaukonen und Jack Casady sind zwei der Gründungsmitglieder noch immer an Bord. Damit ist sie die am längsten existierende Band der kalifornischen Hippie-Szene… Seltsam eigentlich, dass es zwanzig Jahre dauern musste, bis sie mal wieder ein Album aufgenommen haben.

Wenn Musiker als „authentisch“ oder ur-amerikanisch geltende Rockmusik einspielen wollten, dann war das Studio des 2012 verstorbenen Schlagzeugers und Bandleader Levon Helm in Woodstock ein gern aufgesuchter Ort. Denn irgendwie gilt seit den Tagen der „Basement Tapes“ (oder fälschlicherweise seit dem Woodstock-Festival) Woodstock als ein fast mythischer Ort. Hot Tuna jedenfalls ist dieser Ausflug gut bekommen.

„Steady As She Goes“ mag nicht das spektakulärste Bluesrockalbum sein. Doch die zwölf Songs (ob von den Bandmitgliedern geschrieben oder Neuinterpretationen etwa von Rev. Gary Davis) sind in ihrer ruhigen Art auf jeden Fall mehr als hörenswert. Die Lieder treten nicht im Wettstreit um den schnellsten und härtesten Bluesrock an, sondern sind mit Mandolinen und anderen akustischen Instrumenten eher im Grenzland zwischen Folk, Blues und Country angesiedelt. Und damit kann man sich einen ruhigen Abend sehr angenehm vertreiben.

Phil Alvin, Un „Sung Stories“, 1986

Produzent/ Phil Alvin

Label/ Slash Records

Er war der Blasters-Chef, er liebt die amerikanischen Traditionen und hat auf angenehme naturbelassene Art einen Haufen Standards der Gattungen Blues, Vaudeville, Jive, Swing eingespielt. Der Begriff Americana war 1986 noch nicht weit verbreitet, passt aber perfekt zu den Inhalten von „Un ‚Sung Stories'“. Phil schöpft das Repertoire aus seinen eigenen jugendlichen Lieblingskünstlern und -liedern und belebt einen frühen Bing Crosby-Hit, eine Gospel-Verkleidung von Elder Anderson Johnson und nicht weniger als vier Songs von Cab Calloway. Auf ein paar Lieder wird er von einigen ehemaligen Mitgliedern der Blasters begleitet, auf anderen von der Dirty Dozen Brass Band aus New Orleans. Am wichtigsten war vielleicht, dass er Sun Ra überredete, für ein paar Tage ins Studio zu kommen, um sein Arkestra in einer Session zu leiten, die drei der zehn Songs des Albums produzierte. Das Endprodukt ist belebend und überzeugend.