Blues Brothers, Briefcase Full Of Blues, 1978

Produzent/ Bob Tischler

Label/ Atlantic Records

Böse Stimmen haben behauptet, ihre Auftritte in einer amerikanischen Fernsehsendung und das Live-Album  „Briefcase Full Of Blues“ seien nur Spezialprojekte, um damit zusätzliche Kohle für einen total idiotischen Film (“ We’re on a mission from God.“) zu machen, uns so hätten sich die zwei Hauptdarsteller dazu entschlossen, dunkle Sonnenbrillen aufzusetzen und aufzutreten. Eine Gruppe hervorragender Musiker, unter ihnen Steve Cropper, Duke Dunn, Tom Scott und Matt Murphy sei zur Teilnahme an einem Auftritt im Universal Amphitheatre in L. A. verpflichtet worden. Das Konzert, bei dem die beiden – übrigens ziemlich gut – Bluesmaterial von Otis Redding, Floyd Dickson, Mel London, Don Walsh, Willie Mabon, David Porter und anderen zum besten gaben, wurde allein in den USA über eine Million mal verkauft.

Elwood Blues, ebenso wie sein dicker Bruder Joliet Jake, die sich hinter dunklen Sonnenbrillen verbergen, können es zwar nicht verkneifen, ab und zu ein paar blöde Sprüche zu verzapfen, die von Wunsch-Sandwiches und Querschläger-Keksen handeln, aber der Gesang der beiden ist richtig bluesig und auch das Mundharmonikaspiel von Elwood ist nicht ungroovy.

Ich habe übrigens nie auf die böse Stimmen gehört, die behauptet haben, man hätte für das Album nur zwei Schauspieler engagiert, diese hinter schwarzen Sonnenbrillen versteckt und dann auftreten lassen, um damit Kohle zu machen.

Rod Stewart, Gasoline Alley, 1970

Produzent/ Rod Stewart, Lou Reizner

Label/ Vertigo

Das ist Rod Stewart’s zweite Solo-LP nach seiner Verbindung mit den Faces. Und damit neben seiner Popularisierung als Solosänger die Gruppe nicht zu kurz kommt, wurde „Gasoline Alley“ bis auf den Organist Ian McLagan in Faces-Besetzung aufgenommen.

Verglichen mit „The First Step“, dem Album der Faces, ist die Musik auf „Gasoline Alley“ ausgereifter. Alle Songs sind gleichmässig gut. Es gelingt Ron Wood, Ronnie Lane und Kenneth Jones, Rod’s Stimme instrumental wirkungsvoll zu unterstützen, ohne sich deshalb auf blosse Hintergrundmusik zu beschränken. Vorallem Ron Wood spielt – meistens auf einer 12-saitigen akustischen Gitarre – sehr wirkungsvoll und ohne jemals seine musikalische Identität zu verlieren. Und Rod Stewart’s Stimme ist so eigenwillig, dass sie selbst A Cappella in einem Hinterhof grossartig rüberkommt.

Eurythmics, In The Garden, 1981

Produzent/ Conny Plank

Label/ RCA Records

Bei diesem trüben, nasskalten Wetter sehnt man sich wirklich nach etwas Wärme, nach Sonne, nach Natur. Was kann man machen? Kurzfristig verreisen? Mit Gedanken an schöne Sommer in Erinnerungen schwelgen? Die richtige Musik muss her. Es gäbe hier eine Unmenge Musiktipps aus den Bereichen Blues, Rhythm & Blues, Sixties-Beat, Heavy-Rock, Jazz, Funk und Rockabilly, aber heute möchte ich Euch eine Platte vorstellen, die nicht so recht in irgendwelche Schablonen passen will. Das erste Album der Eurythmics heisst „In The Garden“ und in genau einen solchen fühlt man sich bei Anhören dieser Platte versetzt. Die Eurythmics machen Pop-Musik, nichts weiter als schöne, melodiöse Pop-Musik. Sie malen Stimmungsbilder, schaffen eine rundweg angenehme Atmosphäre herbei.

Die Songs sind abwechslungsreich, einfach, romantisch, aber nie anspruchslos. Dafür sorgt allein schon die souveräne Produktion von Conny Plank. Und die klangfarbenreiche Musik der Eurythmics selbst. Annie Lennox und Dave Stewart werden hier von verschiedenen Gastmusiker wie Jaki Liebezeit, Holger Czukay, Clem Burge und Robert Görl unterstützt. Ich mochte dieses Album von Anfang an und habe es mit der Zeit richtig lieben gelernt und lasse mich auch jetzt gerne von Annie Lennox glasklarer Elfenstimme, von Titeln wie „English Summer“, „Caveman Head“, „Never Gonna Cry Again“ und „Sing Sing“ verzaubern.

J. J. Cale, Shades, 1981

Produzent/ Audie Ashworth, J. J. Cale

Label/ Island

Es gibt ja Leute, die behaupten, J. J. Cale sei ein langweiliger Rockmusiker. Ich möchte dem nicht mal widersprechen, aber für mich macht J. J. Cale, abseits von jeder intellektuellen Bewertung Musik, die ebenso ausgeschlafen wirkt, wie sie zur Entspannung nach einem hektisch-nervösen Tag beitragen kann. Die Musik von J. J. Cale hat etwas ruhiges, und etwas anderes interessiert mich nicht, solange sie gut, authentisch und brauchbar ist.

Und das ist „Shades“ ebenso wie jedes andere J. J. Cale-Album. Zwar ist das Cover von dem Motiv der Gitane-Zigarettenpackung geklaut, doch der Inhalt ist erste Wahl, was Cales reduzierten, auf das allernotwendigste beschränkten Blues angeht. Das lange Stück „Pack My Jack“ gehört sogar zum besten, was Cale jemals aufgenommen hat. Das absolut wahnsinnige Saxophonsolo trägt dazu Wesentliches bei, aber die ganze Stimmung – verrauchte Bar, lässiges Besen-Schlagzeug, ausgeruhter Walking-Bass – liefern die Basis für eine geniale Gitarre. J. J. Cale braucht mit „Pack My Jack“ den Vergleich zu Jazzgrössen nicht zu scheuen. „Mama Don’t“ hingegen ist ziemlich beschränkt und „Carry On“ textlich auch mehr als nur dürftig, aber was soll die Krittelei: stell Deine Uhr auf „Tulsa Time“, lass Deinen Pulsschlag ins gedämpfte runtergleiten und entspann Dich mit Jay Jay. Du wirst es nicht bereuen.

Led Zeppelin, Coda, 1982

Produzent/ Jimmy Page

Label/ Swan Song

„Coda“ ist definitiv das letzte Album von Led Zeppelin. Acht Titel aus neuneinhalb Jahren wurden hier von Jimmy Page ausgewählt. Und wer es noch nicht weiss, dem sei es hier gesagt, dass Led Zeppelin gestorben ist, als John Bonham, der Schlagzeuger verstarb, denn ohne Bonham war Led Zeppelin für die verbliebenen Jimmy Page, John Paul Jones und Robert Plant undenkbar. Also im Archiv die Titel herausgesucht, die veröffentlichungswert sind und mit John Bonham eingespielt wurden. Bis auf „I Can’t Quit You Baby“, dass auch auf dem ersten Led Zeppelin-Album in anderer Form erschien, handelt es sich um noch nicht veröffentliche Aufnahmen, die aber teilweise schon live zu hören waren. „Coda“ gedeiht zu einer Biografie, zu einem Nachruf an John Bonham, ähnlich dem „Hoy Hoy“-Album von Little Feat, als Nachruf an Lowell George.

Alle Stilarten von Led Zeppelin werden vorgestellt. Von Heavy-Rock-Songs zu Akustikgitarren-Stücken, die Led Zeppelins Alben immer wieder abwechslungsreich machten. Ich möchte bis auf „Bonzo’s Montreux“ keinen anderen Titel herausheben. Sie haben alle die gewohnte Qualität, nur „Bonzo’s Montreux“ ist Schlagzeug und Rhythmus pur. Es zeigt John Bonham an den Drums in Bestform, kraftvoll und dynamisch. Wenige Stücke können allein mit Trommeln im Vordergrund bestehen, zum Tanzen animieren, faszinieren. Hier ist ein solches, ein Muss für alle Schlagzeugfans.

Dire Straits, Communiqué, 1979

Produzent/ Jerry Wexler

Label/ Warner Bros.

Die Dire Straits haben Jahre gebraucht, um ihre erste Platte zu machen. Was dabei rauskam, weiss heute jeder. Aber als Freund Pesche im Mai 1978 daherkam und sagte: „Starke Platte, musst du unbedingt hören, fantastisch usw.“, da konnten wir nicht ahnen, dass nach einem halben Jahr Desinteresse das Album in die Charts gewählt wurde. Und da läuft „Sultans Of Swing“ eben heute noch. Ich kann verstehen, wenn einen nach dem 278. Mal die Nummer recht bekannt vorkommt, nur ist das längst kein Grund „Communiqué“ schlechter zu machen, als das erste Werk.

Schliesslich hat Mark Knopfler nun wirklich Talent, Songs zu schreiben, die in die Rockgeschichte der Klassiker eingegangen sind. Und Rockopa Jerry Wexler hat das Album hervorragend produziert. „Once Upon A Time In The West“ auch als „Spiel mir das Lied vom Tod“ bekannt gehört genauso dazu wie „Follow Me Home“ und „Lady Writer“. „Communiqué“ ist genauso gut wie die Musik auf der ersten Dire Straits Platte. Ich wünschte, es gäbe mehr solcher Alben, mit denen man einen ganzen Nachmittag lang seinen Popträumen nachhängen kann, während man alte Alben mit Beatles und Beach Boys durchblättert.

Sonny Terry & Brownie McGhee, Sonny & Brownie, 1973

Produzent/ Hal Winn, Maurice Rodgers

Label/ A&M

Mit vorzüglicher Unterstützung von John Mayall, Sugarcane Harris, John Hammond, Arlo Guthrie und vieler anderer haben Sonny Terry (1911-1986) und Brownie McGhee (1915-1996) ein Album eingespielt, das den alten Blues mit der Rockmusik einträchtig und überaus effektvoll verbindet. Der Umstieg auf elektrisch verstärkte Instrumente, der Musikern wie Howlin‘ Wolf und Muddy Waters noch erhebliche Schwierigkeiten bereitete, ist ihnen genauso unproblematisch wie das gemeinsame Zusammenspiel mit jungen weissen Rock- und Blues-Enthusiasten. Und ebenso vorurteilslos zeigen sich Sonny und Brownie, wenn es darum geht, Kompositionen von jüngeren Musiker-Kollegen aufzugreifen. „Sail Away“ von Randy Newman und Curtis Mayfields „People Get Ready“ fügen sich selbstverständlich und nahtlos in die Eigenkompositionen ein.

Die stilistische Abgerundetheit hat ihre Ursache vor allem in einer ausgezeichneten Produktion. Mit Eddie Greene sitzt ein Mann am Schlagzeug, dessen Beat genau die richtige Härte und Durchschlagskraft hat, um die Vitalität der beiden Blues-Musiker noch plastischer hervortreten zu lassen. John Mayall zeigt sich hier von überraschend vielen guten Seiten: am Piano, auf der elektrischen 12- String und zusammen mit Sonny Terry auf der Mundharmonika. Auch Arlo Guthrie ist ebenfalls gleich auf einer ganzen Handvoll Instrumente zu hören. Und nicht zuletzt Sugarcane Harris mit einem kurzen, aber wundervollen Violine-Solo auf „Bring It On Home To Me“. Ich mag jedes Stück auf diesem Album sehr gern. In den alten Tagen, als mir die Scheibe zwischen die Finger gekommen ist, habe ich sie eine Zeit lang fast jeden Morgen auf den Plattenteller gelegt.

The Sensational Alex Harvey Band, Next, 1973

Produzent/ Phil Wainman

Label/ Vertigo

Der schottische Rockmusiker Alex Harvey, dessen charismatische Stimme so prägnant wie sein schwarzweiss gestreiftes T-Shirt war, ist heute fast vergessen, zumal er nie in der Galerie der schönsten Pop-Leichen wie Hendrix, Joplin etc. Erwähnung findet. Sei’s drum, 1973 brachte das zweite Album der Alex Harvey Band einen Karrierehöhepunkt. Eine UK-Tour mit Slade stärkte den Leistungswillen; sie spielten „Next“ und „Faith Healer“ im BBC-Fernsehen. Hard Rock im Mix mit Theater, kombiniert mit Alex Harveys Gesang und seinem dämonischen Charisma, machten einen wahren Magneten aus der Band.

Die Poesie des Chansons „Au Suivant“ von Jacques Brel über Freudenhäuser und Geschlechtskrankheiten schien als verderbte Titel-Geschichte „Next“ massgeschneidert für Harvey zu sein. Dagegen machten sie „Faith Healer“ zur Sensation des Reading Festivals 1973, als Harveys Frage „Can I lay my hands on you?“ auf ekstatische Antwort bei den 30’000 Festivalbesucher stiess. „Alle drehten komplett durch“, sagte der Gitarrist Zal Cleminson. Doch wie so viele grosse Augenblicke der Rockgeschichte war auch dieser Zufall. Bassist Chris Glen: „Der Song ist rein zufällig entstanden, denn damals musste die Kassette auf beiden Seiten gleich lang sein. Auf einer Seite fehlten zwei Minuten, deshalb bekam das Lied einen Vorspann.“

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Slade, Slade Alive!, 1972

Produzent/ Chas Chandler

Label/ Polydor

Slade konnten nichts falsch machen, weil sie absichtlich alles falsch machten. Sie schrieben die Titel in einer Art privatem Pidgin-Englisch, soffen sich durch Europa, bekannten stolz, nie ein Buch zu lesen, machten einen Film und jeden Promotion-Scheiss mit. Slade im TV zu sehen, war immer ein Vergnügen. Alle trugen meterhohe Plateau-Stiefel, Hüte mit aufgenähten Spiegeln und grosskarierten oder silberglänzenden Science-Fiction-Unsinn. Sie waren abgrundtief hässlich, unerträglich laut und im Hintergrund klatschten ganze Fussballstadien den Rhythmus mit.

Als dann 1972 „Slade Alive!“ herauskam, war die Gruppe als Live-Band bereits eine Berühmtheit. Das Album beginnt mit „Hear Me Calling“ von Ten Years After und man bekommt einen Eindruck von dem, was da noch auf einen zukommt. Das zweite Stück „In Like A Shot From My Gun“ ist eine Slade-Komposition, bei der sich Noddy Holder gesangsmässig austoben darf. Es folgt „Darling Be Home Soon“ von Lovin Spoonful, ein ruhiges Lied, dass an seiner stillsten Stelle durch einen Rülpser von Noddy unterbrochen wird. Die zweiten Plattenseite kann man getrost als halsbrecherisch bezeichnen, gibt es doch nur drei Stücke. Zuerst die gruppeneigene Komposition „Keep On Rocking“, die allerdings viele Ähnlichkeiten mit Songs von Little Richard hat. „Get Down And Get With It“ wäre die Apotheose des Radaus, wäre da nicht zum Schluss noch „Born To Be Wild“ von Steppenwolf. Mindestens doppelt so schnell (und so hart) gespielt wie die Originalversion startet Slade in den Song, bis der Soloteil kommt und dann scheint sich alles aufzulösen. Rückkopplungen, Sirenengeheul, ein Hubschrauber scheint abzuheben, man ertrinkt in Lärm. Selten hat eine Band so energetisch gerockt.

The Mekons, I Heart Mekons, 1993

Produzent/ Jon Langford, Tom Greenhalgh

Label/ Quarterstick Records

Die Mekons waren irgendwann mal eine archaische Punkband aus Leeds, bevor sie sich in den frühen Achtziger trennten. 1984 gab es eine Reunion, um die streikenden britischen Bergarbeiter zu unterstützen.  Die Hinwendung zur Country-Musik führte dazu, dass fast alle Bandmitglieder in die USA übersiedelten und sich dort teilweise stark mit der alternativen Country-Szene verbunden haben. Trotz aller Hinwendung zu Folk und Country lassen zwei Dinge die Mekons nicht los, diese alles aufzulösend scheinende Punk-Arroganz, die einen bei den frühen Alben der Band noch so nett in Erinnerung ist (das Singsangmässige an Punk, nicht das gröhlmässig, sondern badewannenmässig, Anarchistische) und der verquere Reggae-Einfluss. Wenn in einer dieser lakonisch-stimmungsvollen Balladen plötzlich ein unglaublich deplatzierter, aufregender Hall-Effekt auf die Stimme gelegt wird. Oder wenn da so ein bekifftes Reggae-Schlagzeug alleingelassen wird.

Bei „I Heart Mekons“ hat man den Eindruck, dass jedes Stück von jemand anders gesungen wird (Sprechgesang, Hymnisches, Rezitative, Sandy Denny, ergriffen-gelangweilt, Männer, Frauen, Kinder). Aber alles ist richtig und realistisch und darum automatisch begeisternd, diese Gruppe schmeichelt sich an keine Schönheitsidee und an überhaupt keine kultmässige Stilidentität an. Keine Beziehung zur Kunst des anderen, nur zum eigenen Leben. Dies und die Chronik der Ereignisse, die als Ereignisse überhaupt niemandem mehr auffallen, Folk-Lieder brechen ab, Punk-Stücke rollen ein, brechen ab. Alles bricht zusammen. Und die Mekons bleiben gelassen. Seit vielen Jahren und vielen Alben eine der besten Bands.