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Tom Waits, Bad As Me, 2011

Produzent/ Tom Waits, Kathleen Brennan

Label/ ANTI-Records

Wer 2011 auf diesem Album von dem 61-jährigen Tom Waits Altersmilde erwartet hatte, wurde bereits im Opener eines Besseren belehrt: „Chicago“ ist eine furiose Fusion aus Minimal Music und Bluespunk, getrieben von einer fiesen Orgel, glühenden R’n’B-Bläsern und den dürren Licks von Keith Richards und Marc Ribot. Und wenn Waits im Titeltrack das aufzählt, was alles „bad“ ist an ihr und ihm, also weshalb sie so gut zusammenpassen, ist man längst schon aufgesprungen – und geniesst die 45 Minuten währende Höllenfahrt durch seinen grotesken Kosmos.  „I’m the detective up late / I’m the blood on the floor/ I’m the mattress in the back / I’m the old gunnysack/ No good you say?/ ha, ha, ha .. that’s good enough for me.“

So läuft es weiter und weiter mit diesem Album. Tom Waits zieht alle Register, von den schmutzigen Barjazz-Balladen und den Beatnik-Posen seiner Anfänge über verzweifelten Rockabilly, schroffen Vorkriegssblues, bizarr verfremdetem Tin-Pan-Alley-Kitsch bis hin zu schwindelerregenden Experimenten. Auch die Soundpalette ist dank Waits‘ Sinn für ausgefallene Instrumente und Geräusche reich und seine Texte von schwarzhumoriger Schärfe. Auf „Bad As Me“ unternimmt Tom Waits nicht den Versuch, sich neu zu erfinden – aber er bleibt unvorhersehbar und kompromissloslos. Altersstarrsinnig eben. Ein tolles Album.

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The Kinks, Dead End Street, 1966

Text/Musik/ Ray Davies

Produzent/ Shel Talmy

Label/ Pye

Nach den Beatles waren es immer die Kinks, die unter den grossen britischen Bands der 1960er Jahre Soundexperimente wagten. In Ray Davies hatten sie zudem einer der profiliertesten Songschreiber ihrer Generation. Ohne seine Worte oder Themen zu verwässern, gelang es Davies, den Mittelweg zwischen McCartneys Sentimentalität und Lennons Zynismus zu gehen. „Dead End Street“, ein Song über Armut, weckt Mitgefühl, ohne zu bevormunden, bringt Wut zum Ausdruck, ohne verbittert zu sein.

Das Genie verbirgt sich im Detail, wenn Davies in vier kurzen, brillanten Zeilen die Szenerie beschreibt: Durch die Decke verläuft ein Riss, der Abfluss in der Küche ist undicht, keine Arbeit, kein Geld, und auch am Sonntag gibt’s nur Brot und Honig. Für den Erzähler fehlt es den „Sixties“ entschieden an „Swing“. Der Sound des Songs ist höchst eigentümlich. Die klagende Trompete stützt die Melodie, es gibt plötzliche Rhythmuswechsel und ein geschriener Backgroundchor hilft über die Gefühle von Hochmut und Verzweiflung hinweg. Die Kinks-Kollegen Dave Davies und Pete Quaife nannten „Dead End Street“ einen der drei besten Songs, die Ray je geschrieben hat. Sein Einfluss – fröhliche Melodie begleitet trostlose Geschichte – ist in britischen Bands wie Madness und The Smiths zu hören, allesamt englische Essayisten.

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Eurythmics, Sweet Dreams (Are Made of This), 1983

Text/Musik/ Dave Stewart, Annie Lennox

Produzent/ Dave Stewart

Label/ RCA

Annie Lennox schrieb 1983 zusammen mit Dave Stewart „Sweet Dreams“. Bis heute hat das Lied nichts von seiner magischen Ausstrahlung verloren. Schon in den 70er-Jahren machten die beiden zusammen Musik. Ausserdem waren sie fünf Jahre lang ein Liebespaar – aber dann kam die Trennung, auch von ihrer Band The Tourists. Als Duo wollten sie aber trotzdem weiter Musik machen. Dave und Annie machten als Eurythmics weiter – und schrieben ihre ersten Songs.

Dave Stewart lieh sich 7.000 Pfund für eine einfache Studio-Ausrüstung, sie mieteten einen schäbigen Raum auf dem Dachboden einer Fabrik, um Songs aufzunehmen. Den Drum-Computer, den Dave gekauft hatte, brachte er stundenlang gar nicht zum Laufen: „Doch plötzlich funktionierte er! Und der Beat von ‚Sweet Dreams‘ war innerhalb einer Minute fertig. Dazu spielte ich das Intro auf dem Synthesizer. Annie hatte bis dahin deprimiert und zusammengerollt auf dem Boden gekauert, als sie den Sound hörte, sprang sie auf und rief ‚Was ist das?‘ Und dann ging alles sehr schnell. Annie spielte dazu auf dem Keyboard, dann kam der Text – und in einer halben Stunde war der Song fertig.“

Auch heute noch klingt das Lied, als ob es in einem teuren Profi-Studio aufgenommen wurde. Dabei hatten die jungen Eurythmics nur ein einfaches Acht-Spur-Aufnahmegerät, ihre günstigen Instrumente und: Milchflaschen. „Wir wollten im Mittelteil diesen besonderen Sound“, so Stewart, „aber wir wussten nicht, wie wir den machen sollten. Also spielten wir mit den Drumsticks auf Milchflaschen.“

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Taste, On The Boards, 1970

Produzent/ Tony Colton

Label/ Polydor

Zu Zeiten als Jimi Hendrix und Eric Clapton die Gitarrenszene dominierten, war es sicher nicht einfach, sich quasi als Nobody in der Musikwelt eine derartige Reputation zu verschaffen, so wie es Rory Gallagher mit Taste gelang. Gallagher als der totale Antistar setzte bewusst auf völlige Bodenständigkeit und besass überbordende Leidenschaft, sobald er seine Uralt-Stratocaster in die Finger nahm. Nicht selten musste man ihn später „mit Gewalt“ von der Bühne zerren, weil dieser Kerl einfach nicht mehr aufhörte zu spielen.

Diese aufrichtige, volksverbundene Art schaffte Ihm unzählige treue Fans und Freunde. Umso überraschender, die musikalische Vielfalt und Souveränität, mit der dieser junge Mann damals auf  „On The Boards“ aufwartete! Vom virtuosen Rock-Stampfer, über himmlische Folksongs und beinhartem Blues/Boogie bis zu unfassbar atmosphärischen Balladen oder aber auch Jazz-Blues Elegien.

Ab und an sind sogar Bläser zu hören wie bei „If I Don’t Sing I’ll Cry“. Solchermassen gelang es Gallagher, ohne die Fans der ersten Stunde zu verprellen, das Spektrum seiner Musik erheblich in Richtung Pop zu verbreitern. Ein Ansatz, der bewies, dass mehr in ihm steckte als der Blues-Prolet, den er für die schlichteren Gemüter unter seinen Hörern häufig gab.

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The Monkees, 1966

Produzent/ Tommy Boyce, Bobby Hart, Jack Keller, Michael Nesmith

Label/ Colgems

Das Debütalbum der Monkees war in gewisser Weise eines der revolutionärsten Alben von 1966. Nicht weil die Musik so innovativ gewesen wäre, die ist eher ein Abklatsch des British Pop, sondern weil hier erstmals Popmusik „crossmedial“ genutzt wurde. Die Monkees waren eine nach Aussehen und nicht nach Fähigkeiten gecastete Band zu einer Comedy-Serie und das Album der Soundtrack dazu.

Auch die Beatles hatten zuvor Filme gemacht, aber sie hatten die Musik diesen Filmen angepasst, waren da selber als Songwriter tätig gewesen. In den Staaten wollte der Produzent und Manager Don Kirshner an den Erfolg der beiden Beatles-Filme „A Hard day’s Night“ und „Help“anknüpfen, indem er eine Band castete, die lustige, verrückte Abenteuer auf ihrem Weg zum Ruhm erlebt. Dass die Protagonisten dabei Instrumente spielen können, war eher zweitrangig. Für das Album zur Serie holte sich Kirshner mit Tommy Boyce und Bobby Hart zwei professionelle Songwriter und hatte wohl auch vor, das Album von diversen Studiomusiker einspielen zu lassen – aber mit Micky Dolenz, Peter Tork und vor allem dem jungen Michael Nesmith waren bei der Fantasie-Band doch drei Personen dabei, die auch gerne selber musizieren wollten.

Tatsächlich wurde die „Band“ ins Studio geschickt, um zu „proben“ – damit sie im TV besser aussahen, aber dann schrieb Nesmith mit „Papa Gene’s Blues“ sogar einen eigenen Song, der sich vom Beat der anderen Stücke durch Country-Einflüsse unterschied. Und der Titelsong „(Theme from) The Monkees“ sowie „Last Train To Clarksville“ sind auch gelungene Songs, die Vocals sind purer Pop, die Stimme von Dolenz hat ein beachtliches Kapital. Aber insbesondere Nesmith – der einzige wirklich ernstzunehmende Musiker, der bald mit seiner First National Band zum Country-Rock wechseln sollte – hatte für die Monkees später nur Spott übrig. Seiner Meinung nach war die TV-Serie eine flache Comedy-Show mit vier Typen, die eine Band imitierten. Und der Spott galt natürlich auch diesem Album – was aus der Sicht eines Musikers nachvollziehbar ist.

Aber immerhin: die Monkees waren unterhaltsam und im Vergleich zu etlichen Casting Bands heutiger Zeit ist das Album goldenes Handwerk. Die Serie und die ersten beiden Alben hatten in den USA grossen Erfolg. Die Monkees gelten zu Recht als die erste zur kommerziellen Ausbeutung zusammengecastete Boyband – die aber allein schon deshalb interessant ist, weil sie sich in kurzer Zeit tatsächlich zu einer echten Band entwickelt hat.

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Gillian Welch, Hell Among The Yearlings, 1998

Produzent/ T Bone Burnett

Label/ Acony

Schlechte Platten zu machen, ist Gillian Welch nicht möglich. Allerdings geizt die Amerikanerin mit neuen Songs: Inklusive „Revival“ ihrem Debüt von 1996, hat sie bis dato bloss fünf Studioalben veröffentlicht. Der 1998 erschienene Zweitling „Hell Among The Yearlings“ präsentiert eine Künstlerin, die zwar in Südkalifornien aufgewachsen ist, aber eher nach Kentucky und Appalachen klingt. Zusammen mit ihrem Partner Dave Rawlings kreiert Gillian Welch Musik, bei der das Rad der Zeit so lange zurückgedreht wird, bis das Grauen und die Einsamkeit früherer Tage unter der Quilt-Decke hervorkriechen.

Im Opener „Caleb Meyer“, der stoisch vor sich hinfliesst, erzählt die mittlerweile über 50-Jährige vom gewaltsamen Ende eines Möchtegernvergewaltigers. Und auch mit dem fatalistisch anmutenden „I’m Not Afraid To Die“ oder mit „My Morphine“, das mit einem sanften Jodel angereichert ist und geradezu zärtlich deliriert, taucht die Musikerin in die Trostlosigkeit ein. Und weil die Stimme von Gillian Welch, deren Sound um rustikalen Country, Folk und Bluegrass kreist, immer wieder aufs Neue bewegt, wird man nie müde, sich „Hell Among The Yearlings“ hinzugeben.

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Lee Morgan, The Sidewinder, 1963

Produzent/ Alfred Lion

Label/ Blue Note

„The Sidewinder“ von Lee Morgan ist eine Besonderheit im Blue Note Katalog. Vielleicht genau weil diese Platte ein exzellentes Beispiel für den Hard Bop Sound darstellt, wie ihn das Label mit seinen Künstlern entwickelt hat. Man nehme einen Pool sehr begabter Instrumentalisten und Komponisten und lasse diese immer wieder in ähnlichen oder verschiedenen Besetzungen in das legendäre Rudy-van-Gelder Studio. Mit diesem Rezept entstand die erstaunliche Souveränität des Zusammenspiels, der die Blue Note Aufnahmen auszeichnet. Dass die Eigner des Labels dann anders als ihre Konkurrenten ihren Musikern vor jedem Studiodate auch noch zwei Probentage einräumten, ist wohl der Hauptgrund für den unbezähmbaren Groove, der sich wie eine Visitenkarte durch einen Grossteil der Blue Note Platten zieht.

All dies kommt auf The Sidewinder“ exzellent zum tragen. Worin also die Besonderheit? Hier gelang nicht nur ein musikalischer, sondern seinerzeit auch ein kommerzieller Erfolg. Das Titelstück wurde zu einem klassischen Juke-Box Hit. Jeden Moment erwartet man dabei, dass beispielsweise Aretha Franklin ihre Stimme erhebt und über dem souligen Teppich anfängt sich Respekt zu verschaffen. Doch dieses Stück funktioniert eben auch ohne Gesang sehr gut. Insbesondere weil die Solisten auf der ganzen Platte „immer auf dem Boden bleiben“ und sich ganz klar zum Rhythmus in Beziehung setzen.
Ein besonders gutes Beispiel dafür gibt Joe Henderson mit seinem Tenorsaxophonsolo auf „Totem Pole“. Ein Genuss wie hier abwechselnd lässig laid-back und treibend vorwärts musiziert wird.

Jede Nummer zieht einem in den Bann. Ein tolles Album für jeden, der es gerne mag, wenn es richtig grooved und swingt. Schwer souliger Hard Bop at its Best!

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Cream, I Feel Free, 1966

Text/Musik/ Jack Bruce, Pete Brown

Produzent/ Robert Stigwood

Label/ Reaction

Nach dem Fehlstart der Debutsingle „Wrapping Paper“ musste Cream – die erste Rock-Supergroup der Welt: Jack Bruce, Eric Clapton und Ginger Baker – zeigen, dass sie dem Hype um die Band gerecht werden konnten. „I Feel Free“ beweist: Ernsthafte Blues-Musiker können Popmusik machen.

„I Feel Free“ war ein prima Gaumenreiniger. Der britische Charterfolg kam gerade, als die Beatmusik das Feld entgültig der Psychedelica überliess. Mit markanter Stimme präsentiert Bruce Browns frohe Botschaft von alles verzehrender Liebe. Clapton bündelt seine Fähigkeiten zu einem extrem kurzen Gitarrensolo. Baker war mit seinem Schlagzeugpart nie zufrieden, passt aber hervorragend in das wilde Tempo des Songs.

Der Song, der auf der britischen Ausgabe des Debutalbums „Fresh Cream“ fehlte, war der Opener der USA-Ausgabe und der Anfang einer langen Liebesbeziehung zwischen Amerika und der Band. David Bowie bewunderte den Song, spielte ihn auf der Ziggy Stardust-Tour 1972 und nahm ihn 1993 für sein Album „Black Tie White Noise“ auf.

„I Feel Free“ versetzt den Zuhörer in freudige Erregung und hört auf, wenn es am schönsten ist. Es ist einer der schönsten Cream-Momente überhaupt.

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Marc Ribot’s Ceramic Dog, Party Intellectuals, 2008

Produzent/ Joel Hamilton

Label/ Pi Recordings

„Party Intellectuals“ heisst das Debütalbum eines New Yorker Powertrios, das die Energie dreier bemerkenswerter Musiker bündelt: Gitarrist Marc Ribot (Tom Waits, John Zorn, Robert Plant/Alison Krauss, Cassandra Wilson), Bassist/Synthesizerspieler Shahzad Ismaily (Laurie Anderson) und Drummer Ches Smith (Xiu Xiu, Secret Chiefs3).

Im rohen Sound von Ceramic Dog knallt Ribots Faible für Rock, Jazz, Punk, Latin oder Avantgarde auf die Electronica-Experimentierlust seiner versierten Rhythmusgruppe. Streckenweise hört sich das wie ein No-Noise-Act aus den frühen Achtzigern an. Das klingt wavig verspielt, dampfhammermässig, eingängig, gefährlich. Der Name Ceramic Dog basiert auf dem französischen Ausdruck „chien du faience“, was soviel heisst wie „eiskalte Emotion“ – wie Hunde, bevor sie kämpfen. Oder Liebende im Zustand höchster Verzückung.

„Party Intellectuals“ ist das Produkt einer Band, die auf der Suche ist nach Intensität. Einer Band, die hypnotische Momente voller Ekstase, Heftigkeit, Verspieltheit und Schönheit kreiert. In anderen Worten: purer Rock’n’Roll.

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Creedence Clearwater Revival, Bad Moon Rising, 1969

Text/Musik/ John Fogerty

Produktion/ John Fogerty

Label/ Fantasy

„Bad Moon Rising“ beschwört eine apokalyptische Szenerie – der Sänger sieht Erdbeben, Stürme und Fluten nahen. „Auge um Auge“ („An eye is taken for an eye“) lautet das der Bibel entlehnte Motto. Am Schluss steht die Warnung, nicht vor die Tür zu gehen, denn es könnte einen das Leben kosten: „Don’t go around tonight/ Well, it’s bound to take your life/ There’s a bad moon on the rise.“ Der Schrecken spielt sich nicht etwa an einer konkreten Front ab, sondern betrifft die Menschen an sich, und das Motto „Auge um Auge“ lässt weniger an Kriegsparteien als an einen Ausgleich für vergangene Missetaten denken: eine Strafe Gottes oder das Zurückschlagen der Natur.

Im Gegensatz zu den Lyrics des Songs steht die Musik, die so ganz und gar nicht düster ist. In D-Dur, A-Dur und G-Dur (also kein bisschen Moll) und munteren Gitarrenklängen mit Country-Elementen schwebt man durch den Song und will gar nicht recht an den Weltuntergang glauben. Möglicherweise wollte der Mond sich nicht als Bösewicht abstempeln lassen und hat mit John Fogerty ausgehandelt, dass dieser wenigstens eine positive Musik dazu komponiert und versprach ihm dafür den vollen Erfolg für das Lied.